Bonusstracks & Outtakes (35)
Joao Havelanges IOC-Rücktritt ist ein willkommener Anlass, hier einen Auszug aus einem Havelange-Porträt von mir zu publizieren, das 2005 unter dem Titel „Der Torquemada des Weltfußballs“ in dem von Gerd Fischer und Jürgen Roth herausgegeben Buch „Ballhunger. Vom Mythos des brasilianischen Fußballs“ (Verlag die Werkstatt) erschien.
„Ich kann hier 72 Stunden bleiben, ohne zu pissen, zu scheißen, zu essen oder zu schlafen. Sie andererseits können in dieser Zeit sehr wohl sterben.” Die Szene, die sich 1982 an einem heißen spanischen Sommermorgen im Büro Raimundo Saportas abspielte, würde auch gut in einen Gangsterfilm passen. Saporta war seinerzeit bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 zuständig für die Verteilung der Eintrittskarten, und der Mann, der über das baldige Ableben des spanischen Funktionärs spekulierte, war gewissermaßen ein Kollege - allerdings der mächtigste von allen: der Brasilianer Joao Havelange, Präsident der Fédération Internationale de Football Association (FIFA).
Der Herrscher des Fußball-Weltverbands brachte an diesem Morgen 400 Eintrittskarten zurück. Havelange hatte für das WM-Match Brasilien gegen UdSSR für ein paar Freunde aus seinem Heimatland 400 Tickets bestellt, und 400 hatte er bekommen. Das Problem: Seine Günstlinge - absolute Ehrenmänner verschiedener Provenienz, darunter Politiker und Fußballbosse - bekamen Plätze hinter einem der Tore zugewiesen, während es Havelange für selbstverständlich hielt, dass sein Gefolge auf der VIP-Tribüne logiert. Nachdem Saporta seinem Gast mitgeteilt hatte, dass er für diesen Bereich keine 400 Karten zur Verfügung habe, reagierte der kühl wie ein Kredithai. Er schritt zur Tür, verriegelte sie, steckte den Schlüssel ein und schloss sämtliche Fenster, was den übergewichtigen Saporta zusätzlich nervös machte. Dann fiel der denkwürdige Satz, mit dem Havelange seine Kondition, seine Blase und seinen Enddarm pries. 2O MInuten später - nicht 72 Stunden - marschierte er aus dem Büro. Mit 400 VIP-Karten in der Tasche. Saporta hatte in Panik ein paar Anrufe getätigt.
Diese Episode vermittelt eine Ahnung davon, warum Funktionärskollegen, Geschäftspartner und Journalisten den 24 Jahre lang amtierenden FIFA-Präsidenten mit allerlei wenig schmeichelhaften Spitz- und Beinamen bedacht haben: „Sonnenkönig”, „Väterchen” (in Anspielung auf Stalin), vor allem aber „Pate” resp. „Godfather” (in Anspielung auf den Original- und den deutschen Titel von Francis Ford Coppolas Mafiafilm-Trilogie). Den originellsten Vergleich verdanken wir der italienischen Tageszeitung „Gazetto dello Sport”: Sie erinnerte das Treiben des Mannes, der laut Geburtsurkunde Jean Marie Faustin Godefroid Havelange heißt, an Senor Tomás de Torquemada, jenes spanische Organisationstalent, das die Inquisition auf ein neues Niveau hievte. Torquemeda (1420 - 1498) verachtete alle Menschen, die nicht katholisch waren - und Havelange mit ungefähr derselben Inbrunst alle Mitarbeiter, die er für korrekt, pflichtbewusst oder sonstwie weltfremd hielt.