Ich seufzte glücklich, als ich in Wien angekommen war und schon nach den ersten zehn Minuten eine umfangreiche Vorab-Kritik des Theaterstücks, das am Abend Premiere haben würde, vorgetragen bekam – und zwar vom Taxifahrer. Es hatte sich also nichts verändert. Wien ist Wien geblieben, so wie es immer versprochen wurde.
Und das war wichtig, schließlich lag eine anspruchsvolle Aufgabe vor mir. Wolfgang Joop hatte mich gebeten, ihm und seinem Freund Edwin die Stadt zu zeigen – und zwar nicht irgendein Wien, wie es jeder pauschalreisende Japaner präsentiert bekommt, sondern das echte, das richtige, also mein Wien.
Wie perfekt, dass Großregisseur Peter Zadek also den Großschauspieler Gert Voss gerade als „Jude von Malta“ inszenierte. Das Wochenende im Dezember 2002 würde mit einem echten Wiener Großereignis beginnen. Und einem programmierten Skandal, wie der Taxifahrer wusste. Die nicht minder große Christine Kaufmann sollte eine ganze Szene lang splitternackt auf der Bühne stehen. „Schad, dass ka jünger, feschere gfunden ham“, raunzte er.
Leider saß ich dann ohne meine beiden Gäste in der Premiere, sie hatten den Flug verpasst. Und somit den ersten Höhepunkt meiner Planung. Das war ärgerlich, aber nicht so schlimm, schließlich stand genug auf meinem Programm. Also genoss ich erst einmal die Premierenfeier.
Am Morgen danach hatten die beiden Wien endlich erreicht, mussten mich allerdings erst einmal aus dem Bett klingeln. Das ist natürlich etwas peinlich für einen Cityguide. Dann hatte ich auch noch als Hotelexperte versagt. Das von mir gebuchte hatte nämlich eine angeblich unerträglich niedrige Zimmerdecke. Das mit der erträglicheren Zimmerdeckenhöhe dafür keinen anständigen Pool. Beim dritten Anlauf, fanden wir dann im Imperial Unterkunft, jenem Grand Hotel, in dem zu Kaisers Zeiten die gekrönten Kollegen logierten – ohne dass Beschwerden bekannt geworden wären. Auch die Potsdam-Fraktion war nun zufrieden.
In mein Konzept passte das natürlich nicht. Mein Plan, keinesfalls die Pfade der Touristenfänger in ihren Mozartperücken zu kreuzen, war gestört. In den Fluren des Imperial traf uns sogleich der verhängnisvolle Blick Sisi auf einem überdimensionalen Gemälde.
Also schnell zurück in das „andere Wien“, namentlich in das Café Prückl, wo die Studenten immer noch Revolutionen planen und die ehemaligen Revolutionäre Dame und Mühle spielen. Beim betreten verzog Wolfgang das Gesicht. „Das sieht ja aus, wie in der DDR!“ rief er laut durch und über das vergleichsweise spartanisch gestaltete Café Prückel, in dem ich früher so gerne meine Studentennachmittage zugebracht hatte.
Also weiter zur Kunst. Wir eilten zum damals neuen Museumsquartier, das ich als mondänen Ort der Wiener Innenstadt pries. Doch meine beiden Gäste waren nur leidlich entzückt. Die Idee der Kuratoren des Museums Leopold, die Bilder von Egon Schiele mit afrikanischen Masken zu kombinieren, kommentierten sie als „einzige Geschmacklosigkeit!“ Woraufhin eine untersetzte Museumswächterin uns zu verfolgen begann, bei jedem weiteren Kommentar bösartig zischte und uns schließlich des Museums verwies.
Hausverbot im Museum, das muss man ja erst mal hinbekommen und ist keine ideale Referenz für einen debütierenden Stadtführer. Wolfgang und Edwin hatten inzwischen genug von Sight Seeing, gingen schwimmen und ließen mich mit einer weiteren Aufgabe zurück: Ein Dinner mit echten Menschen. Keine Wiener Schickeria, sondern eine nette private Runde. „Du hast doch sicher Freunde von früher, die sollen kommen“, sagte Wolfgang. Ich bestellte also einige alte Schul- und Studienkameraden in das Restaurant Motto, das er vom Hörensagen kannte. Designerkollege Helmut Lang soll da früher einmal gekellnert haben.
Eigentlich wurde es ein recht schöner Abend. Es wurde viel geplappert, viel getrunken, viel gelacht. Meine Gäste fühlten sich wohl, meine Freunde, die einen Abend mit dem berühmten Designer verleben durften, ebenso. Beinahe hätte ich meine Mission, ein modernes, launiges und doch mondänes Wien zu präsentieren, als gelungen erklären dürfen.
Doch dann fand der begnadete Zeichner Joop einen meiner Freunde irgendwie interessant und begann diesen mit schwarzem Filzstift auf einer Stoffserviette zu porträtieren. Was – wie immer – dazu führte, dass alle Menschen im Raum ebenfalls verewigt werden wollten. Es dauerte nicht lange bis die Menge der Interessenten überhand nahm. Sogar die Belegschaft des Wiener Boss-Store, die am Nebentisch feierte, begann förmlich bei uns anzustehen, um einer nach dem anderen seine Zeichnung einzufordern. „Ich sag doch, das hat hier etwas von DDR bei Euch“, lachte Joop mit Blick auf die brave Schlange, die sich gebildet hatte.
Wiederum verkatert erwachte ich am Morgen danach und überlegte mir auf dem Weg ins Imperial womit ich Edwin und vor allem Wolfgang nach seiner anstrengenden Nachtschicht als Porträtist erfreuen konnte. Auf dem Weg zum Hotel erblickte ich auf der Kärntner Straße einen Pulk von Menschen und trat näher, um zu sehen, was die Aufmerksamkeit der Leute erregt hatte.
Stimmt! Es war ja der Tag, an dem die ersten Euros ausgegeben wurde. Für 200 Schilling konnte man ein so genanntes Starterkit erstehen. Ich kaufte zwei davon, eins für mich, eins für Wolfgang und Edwin. Aus meinen Händen würden sie also die allererste Münze der neuen Währung erhalten.
Gemeinsam betrachteten wir im Imperial das neue Zahlungsmittel. Am besten gefielen mir die kleinen kupfernen Münzchen, auf denen meine rührende Republik Österreichs schönste Alpenblümchen Edelweiß, Enzian und Bergprimel hatte prägen lassen. Wolfgang und Edwin bewunderten hingegen die größeren aus nordischem Gold, auf denen der Stephansdom, das Schloss Belvedere, die Secession, also all die Wiener Sehenswürdigkeiten, die wir nicht besucht hatten, zu sehen waren. Ich musste erkennen, dass das „andere Wien“ vielleicht doch nicht das unbedingt spannendere war und die Sehenswürdigeiten ihren Namen zu Recht tragen. Um diese noch real zu besichtigen, war es leider zu spät. Doch die beiden verließen Wien immerhin mit Prägungen der berühmten historischen Gebäuden in ihren Hosentaschen. Und bedankten sich sehr für das gelungene Wochenende.
Dies war übrigens eine Kolumne über den Euro, der nicht nur gerettet werden muss, sondern auch selbst schon gerettet hat.