Barocco: Ein unspezifischerer Appel an Radikalen Protest
Barocco beginnt mit einer etwas verwirrenden Szene. Eine weiblich
gelesene Person und eine männlich gelesene Person haben Sex in
einem Auto. Währenddessen singt eine andere weiblich gelesene
Person zur männlich gelesenen. Auch im weiteren Verlauf des
musikalischen Theaters steht der Mann im Vordergrund. Zwei weiße
Männer, schätzungsweise zwei der Autoren des Theaterstücks, stehen während den anderthalb Stunden im Fokus. Sie sind die einzigen, denen Redezeit eingeräumt wird. Der erste spricht über seine Depression. Und philosophiert darüber, ob das Feuer die wirksamste und gewalttätigste Form des Protestes ist. Die einzige Frau, der Redezeit zu Ende des Stücks eingeräumt wird, scheint seine Frau zu sein. Der Höhepunkt seiner Depression scheint seine Zerstörung ihrer beiden Grundstücks zu sein. Der zweite Mann spricht davon, dass alle, mit Blick aufs Publikum, sterben müssen.
Interaktiv tanzt er durch die Reihen, umarmt eine Frau ohne wirklich consent abzuwarten und singt auf verschiedenen Sprachen, dass wir bald alle sterben werden. Es erscheint rätselhaft, warum das Publikum laut lacht, wenn er eine Sprache wie türkisch, spanisch oder ungarisch ankündigt. Als er anfängt, auf Ungarisch mit dem Publikum zu reden, erstirbt das Lachen. Es wurde wohl klar, dass die verschiedenen Sprachen keine Parodie sondern Inklusion bewirken sollen.
Die Tanzeinlagen des Stücks sind atemberaubend, es wurde versucht
die Tänzerinnen in verschiedenen Geschlechterformen abzubilden. So trägt eine männlich gelesene Person ein Kleid. Dennoch verfallen die männlich gelesenen Personen und die weiblichen Personen mitunter in Binärität, tanzen sie doch zwei verschiedene Choreos: die männlich gelesenen die eine, die weiblich gelesenen die andere. Auffallend ist ebenfalls, dass die männlich gelesenen Personen lange Hosen und höchstens etwas durchsichtige Oberteile tragen, während die eine weiblich gelesene Person einen Rock mit einem langen Schlitz trägt, sodass ihre Unterhose zu sehen ist und die andere ein Oberteil so knapp, dass am Ende ihrer Performance (gewollt?) ihre Oberweite zu sehen ist. Man kann sich fragen, ob die Frauen besser tanzen können, wenn sie knapper gekleidet sind als die Männer. Männlich gelesene Körper sind aber nicht immer verhüllt: in einer verwirrenden Szene, die möglicherweise die verzwackte Depression der Hauptfigur darstellen soll, sind mehrere männlich gelesene Personen bis auf die Unterhose entkleidet.
Der Höhepunkt des Stücks bildet das Solo eines augenscheinlichen Brandopfers. In durchsichtigem Anzug mit aufgemalten Brandwunden steht die Sängerin, ein Schwert tragend, auf einer Eisenstange und hält das Publikum mit ihrer Performanz in Bann. Ihr Auftritt zeigt den verzweifelten Wunsch nach Änderung und Opferbereitschaft auf emotionalste Weise. Die Sängerin wirkt wie eine Kriegerin ohne bestimmten Gegner. Es bleibt zu fragen, was genau die Message des Stücks ist. Ein Gedenken an verzweifelte Protestantinnen die keinen anderen Ausweg sahen als die Selbstentzündung? Oder sogar ein Appell an radikalsten Protest? Und wogegen protestieren wir genau? Der Endsatz des Stücks liest: An alle Opfer politischer Gewalt. Aber wie viel bringt an dieser Stelle individueller Protest in Form von Selbstmord? Es bleibt offen.