Tag 3461 / Der Ton ist da, ganz unabhängig davon, wie ich meinen Kiefer bewege.
Während ich spreche, während der Kiefer fest und steif ist, während der Kiefer locker hängt. Ein hohes Dauerpiepen. Ich merke manchmal, dass ich die Zähne aufeinanderpresse, auch, wenn die Tasche schwer ist. Die schwere Tasche mit den Händen tragen, nicht über die Schulter hängen, damit der Blazer keine Falten kriegt. Lieber Schmerzen in den Händen, lieber sehr angestrengt gehen, als die Tasche mit der Hüfte noch abstützen können. Hauptsache faltenfreier Blazer. Die Hose hing heute vorne tiefer als hinten. Das sah furchtbar aus. Das war eine Bauchbetonung. Ich hab die eine angesprochen, von der ich letzte Woche die ganze Zeit dachte, sie hat jetzt was gegen mich. Sie meidet mich. Sie weicht mit ihren Blicken aus, sie spricht an mir vorbei, sie bezieht mich nicht ein. Ich hab mir in meinem Kopf eingebildet, dass sie mich vielleicht gesehen hat wie ich mit meiner Mutter schimpfte im Taxi auf dem Weg vom Flughafen zur Wohnung. Ich dachte, sie hat das bestimmt gesehen und seitdem meidet sie mich, weil ich so irre bin oder sie nimmt wahr wie verkrampft ich bin. Sie nimmt wahr wie ich sitze, dass ich die Beine nicht übereinander schlagen kann unter diesem Tisch. Da ist ein Balken unter der Tischplatte. Meine Beine sind so voluminös, dass ich sie unter diesem Tisch nicht übereinanderschlagen kann. Also sitze ich oft breitbeinig. Ich sitze nicht so breitbeinig wie die breitbeinigen Männer in der S-Bahn. Aber ich finde das selbst nicht feminin. Ich bin in einer Bewertungsschleife, so wie ich es gestern im Meeting beschrieben habe. Ich denke, was die anderen denken, ob sie darüber nachdenken, wie oft ich mir in die Haare fasse, dass ich mit den Fingern pule, dass ich einen anderen Stift suche, dass ich mitschreibe auf Papier, obwohl man heutzutage alles in sein iPad schreibt, sich einen elektronischen Stift kauft und auf PDFs rumkritzelt. Wiederum andere schreiben sich ein eigenes Skript. Es gibt schon Skripte von den Dozenten. Sie schreiben noch ein zusätzliches, tippen mit ihren langen Fingernägeln in die Tastatur und es klappert. Oder sie gucken online nach Handtaschen, nach Schmuck, nach Kleidung. Das sind alles Reize, die ich wahrnehme, die ich verarbeiten muss. Es piept nicht nur, weil ich angespannt bin. Es piept auch, weil ich all diese Reize verarbeitete, weil all diese Reize Stress sind. Wenn ich die Schwester meiner Ex-Cheffin googele, wenn ich sehe, wie sie ihr Leben, wie sie ihre Gefühle, Gedanken, wie sie irgendetwas in Kunst umwandelt, wie sie vielleicht die Trennung umwandelt, wie sie ein Bild nennt, wie sie Collagen macht…
Ich bin das überhaupt nicht. Ich bin nicht diese Frau, die da jetzt diese Ausbildung macht. Mich interessiert das alles nicht. Ich hab mir das anders vorgestellt. Das ist wirklich schwierig, das ist anstrengend, das ist noch mal eine Ebene, das sind nicht nur die Fragen, nicht nur Inhalte, sondern ich soll auch noch Transfer leisten. Ich soll selber noch darauf kommen, was ich jetzt anwenden muss, wie ich es abprüfe. Das liegt mir nicht. Es hat nichts damit zu tun, ob ich dumm bin oder nicht. Es liegt mir nicht nicht.
Mein Element ist es, Blüten aufzuheben, die auf dem Boden liegen. Sie aufzuheben, zu fotografieren. Die Sträucher, die Stimmung, das Licht. Mich darauf zu freuen, wie die Blüten aussehen, wenn sie getrocknet sind.
Vielleicht ist es hier bei mir alles nur so zugemüllt, weil ich das Falsche mache. Vielleicht muss ich jetzt körperlich an die Grenze kommen mit dem Gewicht, mit dem Piepen, mit dem Chaos, damit ich endlich mache, was ich mag, damit ich endlich mache, was ich bin.
Die Frau aus dem Video hat drei Versuche gehabt. Die Krankenkasse hat sich an den Kosten beteiligt. Sie war 35, und ihre Chancen waren nicht gut. Bei der ersten Stimulation haben sie zwölf Zellen entnehmen können und sechs waren befruchtbar. Das ist die Quote. Deshalb ist es auch vernünftig, dass die Ärztin zu mir, zehn Jahre älter, sagt: Ich werde Ihnen wahrscheinlich nur fünf oder sechs Eizellen höchstens entnehmen können. Und dass davon 50 % befruchtet werden können, ist unwahrscheinlich. Vielleicht kann nur eine befruchtet werden und wenn die das dann nichts wird. Bei ihr wurden sechs befruchtet und es wurde eine eingesetzt. Die fünf anderen haben nicht funktioniert. Beim dritten Versuch konnten zwei befruchtet werden. Eine wurde eingefroren so sieht’s aus.
Agatha, du hast wirklich sehr geringe Chancen. Ich kann nur beten, dass das jetzt funktioniert, damit ich da aufhören kann und was ich dann mache, weiß ich nicht. Ob sie mich dann als Büroangestellte nehmen, wenn ich wieder arbeiten kann. Vielleicht mach ich erst mal ein Jahr Elternzeit, sortiere mich, meine Wohnung, meine Gedanken, finde in das neue Leben als alleinerziehende Mutter. Vielleicht mache ich dann die Ausbildung zu Ende vielleicht nicht. Gestern habe ich überlegt, dass ich noch mal bei der anderen Behörde anrufe, dass ich frage, ob ich doch mitmachen kann. Und dann merke ich, ich hab gar keine Kraft jetzt für Vorstellungsgespräche, für Tests, für wieder in was Neues einfinden. Ich hab gar keine Kraft, woanders pünktlich zu sein. Ich hab gerade mal die Kraft, da pünktlich zu sein.
Letzte Woche hab ich gesagt, dass meine Katze am meisten leidet. Aber inzwischen denke ich, ich leide am meisten. Die Katze schläft einfach. Dann schläft sie eben noch zwei Stunden länger, wenn ich länger weg bin. Aber ich ich hab dieses Piepen. Das ist dieser durchgehende Piepton von der Maschine im Krankenhaus, wenn jemand tot ist, wenn es nicht mehr piep piep piep piep piep macht, sondern piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep.
Ich hab zu Silvie gesagt, dass ich jeden Abend Eis esse, dass ich Essanfälle habe, dass es die ganze Zeit piept im Ohr. Jetzt ist es gerade nicht Türklingeln. Jetzt ist es dieser Todespiepton. Und sie hat gesagt: "Oh, Gott!" Wenn selbst sie schon sagt: „Oh, Gott! Das ist ja schlimm, das ist ja krass.“
Das ist genau wie, wenn ich jemandem sage: "Ich muss jeden Abend trinken." Damals haben die gesagt: "Ja, aber du arbeitest wieder." Ich hab zu meiner Familie an Weihnachten 2012 gesagt: „Aber ich muss jeden Abend trinken.“ Und da hat keiner gesagt: „Das ist aber schlimm.“ „Hör sofort auf da zu arbeiten!“ Ich hab zu Nick und Natascha gesagt: „Aber ich muss jeden Abend trinken.“ Und keiner hat gesagt: „Oh, das ist aber schlimm.“ Die haben sich für mich gefreut, dass ich diese tolle Arbeit habe bei diesem renommierten Arbeitgeber. Die haben sich vielleicht auch für mich gefreut, weil ich nicht mehr so depressiv war, nicht mehr so langsam. Aber jetzt sagt Silvie „Oh, Gott!" Und ich sag ihr: „Mein Psychiatertermin ist erst am 16. Und sie sagt: „Das sind fast noch drei Wochen.“ Und ich sag: „Vielleicht gibt es sich bis dahin.“ Und sie sagt das später auch. Vielleicht gibt es sich bis dahin. Aber sie findet das wirklich krass, was gerade los ist. Ich habe zugenommen, ich fresse, ich habe Piepen, es ist mir alles zu viel. Ich kann das irgendwie mitmachen. Ich bin so ein Chamäleon. Ich kann mich da irgendwie anpassen, aber wenn ich Beschwerden bekomme, körperliche Beschwerden, wenn mir mein Körper sagt: Piep, Todeston, Türklingeln. Hallo, Agatha, es klingelt an der Tür. Hörst du nicht, das andere Leben klingelt an der Tür. Das richtige Leben. Das Leben hier, das ist nicht das richtige für dich.
Das Schlimme ist, dass ich da sozial integriert bin, dass die Leute „Hallo“ sagen, dass der rauskommt, als ich mich da draußen hingesetzt habe. Der hat sich zu mir gesetzt, dass Leute bei mir mitfahren, dass wir uns unterhalten. Ich hab so viel Interaktion und das ist eigentlich das Schöne.
Ja, von mir aus, 1.000 Euro für Klamotten ausgegeben. Zwei Handtaschen, Schuhe, drei Anzüge, diverse Blusen - dann hab ich eben jetzt Klamotten, die ich nicht brauche. Aber ich hab meine Trockenheit. Eine Trockenheit, die ich brauche. Ich hab eine seelische Verfassung, mit der ich schöne Urlaube machen konnte, mit der ich schwimmen kann, mit der ich liebevoll zu meiner Katze bin. Ich hab eine Trockenheit, mit der ich Karten schreibe an meine Tanten. Ich hab eine Trockenheit, mit der ich schon meine Wohnung etwas mehr aufgeräumt habe. Jetzt müll ich sie total zu. Ich fühle mich zu dick und mit all dem Zeug, was ich esse, fällt es mir schwerer zu gehen, weil ich ja schwerer bin. Alles fällt schwerer, ich mach mich schwerer ich mach mir das Leben selbst schwer. Dann gehöre ich eben nicht zur Elite. Ich gehörte auch vorher nicht zur Elite. Sie haben mich nur genommen, weil ich schwerbehindert bin. Ich gehör aber nicht dazu. Ich bin das nicht. Ich bin nicht so wie diese Dora. Ich bin auch nicht wie diese Jennifer. Ich kann gut arbeiten. Ich kann arbeiten und gutes Geld verdienen, was ich dann gut ausgebe. Vielleicht mache ich jetzt erst mal gar nichts. Ich hab gearbeitet von 2019-2024. Ich hab jetzt fünf Jahre durchgearbeitet. Vielleicht mache ich jetzt mal Pause. Vielleicht werde ich jetzt noch schnell schwanger, mache dann Elternzeit und dann gucken wir mal, was mit mir vereinbar ist, mit meinem Leben. Aber ich glaube nicht, dass ich das durchziehe. Ich liebe Berlin. Hier gibt es schöne Schwimmbäder. Warum soll ich woanders arbeiten? Warum soll ich 4.500 Euro verdienen, diesen ganzen Stress und diese ganzen Leute, jeden Tag Leute, Leute, Leute Leute. Warum soll ich das alles noch lernen? Ich brauche kein weiteres Diplom, ich hab das eine Studium abgeschlossen. Ich hab die Ausbildung abgeschlossen. Ich kann jetzt auch mal was abbrechen. Und was sagt der eine von AA: "Zieh es wenigstens durch." Wofür soll ich’s durchziehen? Ich brech nach vier Wochen zusammen. Ich muss das auf jeden Fall ansprechen. Ich muss es vielleicht nicht ganz so dramatisch ansprechen, aber ich muss das ansprechen im Ausbildungsgespräch, dass das sehr anstrengend ist. Für mich ist die Frage noch nicht beantwortet ist, ob das mit meiner Behinderung vereinbar ist, ob für mich gesund bleiben und diese Ausbildung durchziehen funktioniert.