Die Girocard in der App funktioniert überraschenderweise – einfach so und auch noch besser als die echte Karte 🧐
Bei Twitter werde ich Anfang Juli 2022 mit Anzeigen überschüttet, die mir nahelegen, meine Girocard einfach mal in eine App zu laden, dort “digitalisieren” genannt. Es soll, so verspricht es das immergleiche Werbemittel, einfach und zudem geradezu eine Freude sein. Ich bin hochgradig skeptisch, denn aus dem deutschen Bankensektor kamen in der Vergangenheit eher selten “digitalisierte” Lösungen, die ich als einfach so funktionierend bezeichnen wollte, eher unnötig kompliziert in Einrichtung und Nutzung und mit tendenziell wenig Adaptionsfreude bei Verwendensollenden wie auch erhofften Akzeptanzstellen. Wobei man sich immerhin inzwischen nach sehr vielen Jahren Herumgekrebse und interner Streitereien auf ein gemeinsames Online-Zahlungssystem geeinigt hat, das tatsächlich so einfach wie das Vorbild PayPal funktioniert. Als Namen dafür hat man den eines der Vorgängersysteme gewählt, der zwar etabliert, aber leider nicht so recht mit positiven Erfahrungen ausgestattet ist: giropay. Immerhin passt das zur girocard (sie schreiben sich selber bescheidenerweise klein), auch wenn die Hauptfunktion dahinter eigentlich eher vom anderen Vorgänger paydirekt abstammt, wenn ich das aus den zwei oder drei Transaktionen über die Jahre noch richtig in Erinnerung habe. So oder so, im aktuellen Anlauf gefällt mir das Zahlungssystem eigentlich recht gut und ich nutze es gerne, weil es fast schon bestechend nüchtern daherkommt. Leider gibt es wieder nur wenige Akzeptanzstellen, bei denen ich es an Stelle des übergroßen Vorbildes PayPal nutzen könnte.
Das erwähne ich nur als Hintergrundstory, um meine Skepsis zu verdeutlichen. Die Girocard (ich bleibe bei der Großschreibung von Namen) ist übrigens der aktuelle Name der Karte, die im Alltag noch immer sehr häufig als EC-Karte bezeichnet wird, aber schon ewig nicht mehr so heißt (hier im Techniktagebuch ein Dauerbrennerthema) oder vielleicht auch noch nie so geheißen hat. Auf meinen Kaufladen-Spielwaren der 1980er und 1990er stand auf den Karten noch EuroCheque und später gab es dieses EC-Logo. Der Name ist also nicht gänzlich falsch, wenn auch überholt und wohl vorwiegend von Menschen verwendet, die sich nicht gerne an Neues gewöhnen und sich auch eher selten für lebenspraktisch unwichtige Details begeistern.
Mein Interesse hier reicht bis zum Umstand, wie die Karte aktuell heißt und seit einigen Jahren heißt die Karte also Girocard, was nicht zu verwechseln ist mit V-Pay von Visa und Maestro von MasterCard, die beide als Co-Branding mit viel auffälligeren Logos auf den meisten deutschen Girocards zusätzlich und nur für den internationalen bargeldlosen elektronischen Zahlungsverkehr aufgeschaltet sind. Ich konnte so schon 2002 problemlos in China Geld mit meiner deutschen Sparkassenkarte mit Maestro abholen. Maestro wird auf neuen Karten nicht mehr dabei sein und auch die Zukunft von V-Pay ist angesichts dieses Rückzugs und seiner Beweggründe fraglich, was sich bei näherer Betrachtung als ein interessantes Marktmacht-Verflechtungs-Kaninchenloch präsentiert. Man kann sich da mal mit beschäftigen, wenn man sich für Wirtschaft und internationale Interessenlagen interessiert. Gehen wir hier also nicht allzu sehr darauf ein. Außer hierauf: Besonders interessant ist in dem Zusammenhang die offensichtlich mit einigem finanziellen Aufwand betriebene Kampagne zur Verunsicherung der deutschen Bankkunden bezüglich der Zukunftsfähigkeit der Girocard, die man zur Zeit in allerlei Onlinepublikationen bewundern kann, die gegen Zahlung die Veröffentlichung mehr oder weniger werblicher Texte in einem eher nur dem Anschein nach redaktionellen (und meist lokalen) Nachrichtenumfeld anbieten. Man erkennt diese oft an einem Namen der Form Nichtsogroßestadt24. Dort und auch bei Bezahl-Influencern bei YouTube und vermutlich auch anderswo werden jedenfalls mit sehr ähnlichen Formulierungen der Überschriften Zweifel an der Zukunft der Girocard gesät, was auch angesichts einiger aus dem System ausscherender deutscher Banken und dem Wegfall internationaler Nutzungsmöglichkeiten wegen des Maestro-Cobranding-Ausstiegs nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Vor dem Hintergrund betrachte ich die Kampagne für die “digitalisierte” Girocard als Gegenangriff, hier jedoch seriöser auf offiziellen Werbekanälen.
Also klicke ich auf eine dieser Anzeigen und liefere Twitter vermutlich wieder Anlass für die abwegige Vermutung, dass ich mich für Cryptowährungen, NFTs und anderen Finanzscam interessiere. Dadurch lande ich aber vor allem auf der Kampagnenseite, gebe meine Bank an und bekomme die dazugehörige App genannt mit einem QR-Code für den mobilen Appstore meiner gewünschten Plattform. Dieser führt bei meinem Gerät in eine Browserversion des Play Stores, wo ich die App erst nach einer Anmeldung installieren könnte. Da kann der Anbieter nichts für, nervig ist es dennoch und so blicke ich noch weniger optimistisch auf den kommenden Prozess. Und der deprimierte Tech-Misanthrop in mir wünscht sich möglicherweise auch mal wieder ein wenig Anlass für weitere Enttäuschungen in einer langen Reihe von Enttäuschungen, über die man längliche Texte niederschreiben kann. Doch weit gefehlt: Nach händischem Auffinden in der Play-Store-App und der Installation der App beginne ich mit dem Digitalisierungsprozess meiner Karte, der so einfach und reibungslos funktioniert, dass ich mir die Details gar nicht gemerkt habe. Man benötigt jedenfalls seine Online-Banking-Zugangsdaten und eine TAN und schon ist die Karte in der App und bereit zum Bezahlen, bereits beim ersten Versuch. Ich hatte mit der Zusendung von Freischaltcodes per Briefpost und Erzwingung der Eingabe eines extra komplizierten Freigabepassworts bei jedem Bezahlvorgang gerechnet, umso erfreuter bin ich über die Schlichtheit des Digitalisierungsprozesses, den ich persönlich eher anders benannt hätte, aber wir sind nun mal noch immer im deutschen Bankenwesen unterwegs. Dass man je nach Bank eine andere App benötigt passt dann wieder. Meine trägt den schlicht-schönen generischen Namen “Digitales Bezahlen” und hat ein Filialleiteranzug-hellgraues Logo. Nicht gerade sexy, aber ich hatte mit Schlimmerem gerechnet.
Da ich nun schon mal fertig bin, muss ich sofort das nächste Einkaufszentrum aufsuchen und versuchsweise Geld mit dem neuen Verfahren ausgeben. Ich rechne fest damit, dass ich bei etwa einer von zehn Zahlungen doch zur Karte greifen muss, weil das beim kontaktlosen Bezahlen mit der physischen Karte bei mir schon immer so war. Der Grund ist mir nicht ganz klar und ich nehme es einfach schweigend hin. Ich vermute als Grund irgendein Sicherheitssystem auf der Karte selber, das eigentlich nur dafür sorgen soll, dass man ein paar Mal hintereinander kleinere Beträge ohne PIN-Eingabe bezahlen kann, bis man wieder nach der PIN gefragt wird. Da sich vermutlich die Karte selber merkt, wie oft sie schon ohne PIN genutzt wurde oder die Summe der Transaktionen im Auge behält, muss man dann eben zwischendurch auch mal stecken und mit PIN bezahlen. So reime ich mir das jedenfalls zusammen, ohne die technische Dokumentation gelesen zu haben, falls man die überhaupt als Außenstehender bekommt.
Jedoch: Auch nach ziemlich vielen Zahlungen an diversen unterschiedlichen Terminals im Handel und an Automaten muss ich dann nach einer Woche überrascht feststellen, dass diese alle ausnahmslos auf Anhieb funktionieren. Ich öffne die App, dabei muss ich manchmal kurz mit meinem Fingerabdruck als zweitem Faktor bestätigen, bei bereits entsperrtem Telefon meistens aber nicht mal das. Dann wähle ich die Karte aus, wenn ich mehrere hinterlegt habe und halte das Smartphone einfach vor das Lesegerät. Das war es schon: Anders als bei der Kartenzahlung muss ich auch bei größeren Beträgen keine PIN am Terminal eingeben und auch nicht ein bis zwei Sekunden auf den Signalton warten und hoffen, sondern ich sehe auf dem Smartphone-Display sofort eine Erfolgsmeldung über die getätigte Transaktion und den Betrag. Und anders als meine bisherige TAN-App (es gibt ganz frisch eine neue und wesentlich angenehmere) ist die Oberfläche sogar gar nicht mal so hässlich. Eigentlich ist sie sogar recht angenehm gestaltet. Ich muss zugeben, dass ich tatsächlich insgesamt beeindruckt bin und sogar verhalten optimistisch, dass das auch so bleibt.
Mein Lieblingsaspekt an der bankeneigenen Kartenzahlung im Gegensatz zu PayPal, Google Pay und Co. und auch den Kredit- und Debitkarten der US-Anbieter ist übrigens, dass hier nur meine Bank die Transaktionen sieht/loggt und nicht auch noch darüber hinaus mehr oder eher weniger vertrauenswürdige weitere Anbieter mit Sitz und Datenschutzstandards außerhalb meiner direkten Jurisdiktion. Das ist übrigens auch der Grund, wieso ich die GeldKarte so mochte, auch wenn ich gefühlt der einzige Nutzer geblieben bin. Die hatte nämlich die Zahlungen durch einen Pool laufen lassen, der tatsächlich eine recht brauchbare Anonymisierung gewährleistet hatte, nicht nur eine Pseudonymisierung. Das wusste nur kaum jemand und ich auch nur, weil ich es für meine Bachelorarbeit im Detail recherchiert hatte. Ich glaube noch immer, wenn die deutsche Kreditwirtschaft das mit der Geldkarte damals konsequent an den PC gebracht hätte (inkl. Auflademöglichkeit und anonymem Volljährigkeitsnachweis), dass die Geschichte der Zahlungsmittel sehr anders verlaufen wäre, aber das ist Stoff für einen eigenen Text: Die Geschichte der GeldKarte ist eine Geschichte voller Missverständnisse.