Ende November und Anfang Dezember 2024
Die Technik des Materie-Verkaufs
Ich habe mir etwas Verkäufliches ausgedacht, "Dr. Seelgeräths ungefährliches Jahres-Orakel", ein kleines Buch mit ausnahmslos erfreulichen Zinngieß-Deutungen, das zusammen mit einem Tütchen Reinzinn verschickt wird. Von mir. Das ist gewagt, weil ich unter einer historisch gut belegten Postfertigmach- und -wegbringschwäche leide. Bisher habe ich deshalb immer gesagt, dass ich mit Materie nichts zu tun haben möchte, und meine Projekte sorgsam so ausgewählt, dass ich mich nur mit der digitalen Seite befassen muss.
Aber es klappt! Zum Aufschreibezeitpunkt dieses Beitrags sind alle Exemplare verkauft und verschickt. Zu einem Teil liegt das daran, dass ich das Projekt mag und deshalb motiviert bin, zu einem anderen Teil daran, dass ich gerade sonst wenig zu tun hatte und mich auf die Postsache konzentrieren konnte. Ein bisschen liegt es aber auch am technischen Fortschritt.
Das waren die technischen Aspekte des Materieverkaufs:
Zuerst beginne ich die Orakel-Deutungen in einem Googledoc zu schreiben und topfe sie dann in eine TeX-Datei um. Mit pdflatex erzeuge ich ein PDF und lade es bei einer Druckerei hoch. Diese Druckerei ist die Firma Flyeralarm, weil es dort ein funktionierendes Auswähl- und Bestell-Frontend gibt (eine Seltenheit bei mittelständischen Materie-Unternehmen).
Das Zinn kommt von einer Gießerei mit sehr gut funktionierendem Onlineshop, auf die ich gestoßen bin, weil sie auch bei eBay verkauft.
Das fertige Produkt kündige ich bei Mastodon an und verlinke den Mastodon-Beitrag ein paar Tage danach auch bei Facebook (wo ich nach zehnjähriger Pause jetzt wieder bin, so ein bisschen wenigstens; ich erkläre das noch in einem separaten Beitrag). Jemand riet mir zu Instagram, aber bei Instagram bin ich praktisch nie, ich weiß gar nicht, wie man das da machen würde. Also technisch weiß ich es, aber die Sitten an diesem Ort sind mir fremd.
Die Bestellungen verwalte ich in einem Google Spreadsheet. Dass das Spreadsheet online ist, nützt mir in diesem Fall nichts, ich habe es nur aus Gewohnheit so gemacht.
Bezahlen können die Kaufwilligen per Überweisung, PayPal oder Stripe. Stripe finde ich in der Theorie schon lange gut, habe es hier aber zum ersten Mal selbst benutzt, nachdem ich von Martin Weber bei Mastodon den Tipp bekommen habe: Man kann ganz einfach einen Bestell-Link für ein Produkt erzeugen, und dann macht Stripe fast die ganze Arbeit. Das funktioniert weitgehend problemlos und ich bin sehr zufrieden damit. Die Bestellenden können auf der Stripe-Seite mit PayPal, Kreditkarte, Apple Pay und noch ein paar anderen Dingen bezahlen. Wenn jemand Stripe nicht nutzen will, sondern via Überweisung oder PayPal bezahlt, ist das auch einfach genug, nur muss ich da mit allen Interessierten vorher Mails oder Mastodon-Nachrichten wechseln, meine Bankverbindung oder die PayPal-Adresse durchgeben und die Versandadressen erfragen. Ein bisschen unpraktisch ist insgesamt nur, dass ich an mehreren verschiedenen Orten nach Geldeingängen suchen muss: in meiner Mail wegen PayPal, auf meinem Konto wegen Überweisungen und auf der Stripe-Bestellseite.
Nach ein paar Tagen geht mir der Gedanke durch den Kopf "wie schön, dass ich bei Überweisungen keine 50 bis 90 Cent an ein Unternehmen abgeben muss ... wieso eigentlich nicht?", und ich merke, dass mein Bankkonto eigentlich nur für den privaten Gebrauch zugelassen ist. Die Bank bietet gar keine Konten für Selbstständige oder freiberuflich Tätige an. Seit ich den Stripe-Link anbiete, nutzen die meisten Bestellenden aber sowieso freiwillig Stripe, und bisher hat sich die Bank nicht beschwert. (Update: Die Bank schläft nicht.)
Ich schreibe meine Absendeadresse und die Zieladresse von Hand auf alle Sendungen, was eine Empfängerin erstaunt kommentiert. Ich hätte es auch anders machen können, aber es gefiel mir so eigentlich ganz gut und passte zur überschaubaren Stückzahl und dem erratischen Bestell-Eingang.
Im Dezember 2020 wollte ich zum ersten Mal die "Mobile Briefmarke" ausprobieren, es ging aber noch nicht. Wann ich zum ersten Mal Erfolg damit hatte, lässt sich nicht rekonstruieren, es muss aber im Laufe des Jahres 2021 passiert sein. Im Februar 2021 schreibe ich im Techniktagebuch-Redaktionschat: "Für euch rausgefunden: die Mobile Briefmarke ist nur 14 Tage haltbar! Also genau genommen für meine Mutter rausgefunden, die jetzt lernen will, wie man Mobile Briefmarken erzeugt, ich will es ihr aber ungern zeigen, weil sie es zu selten machen und deshalb immer wieder vergessen wird. Deshalb dachte ich, man könnte vielleicht einen Vorrat anlegen. Kann man aber nicht." (Das war rechtswidrig und wurde 2023 geändert, jetzt halten die Briefmarken drei Jahre lang.)
Im November 2021 klappt es auch noch nicht so ganz und ich schreibe im Techniktagebuch-Redaktionschat: "Ich wollte eine mobile Briefmarke mit der Post-App und PayPal kaufen, das führte aber nur zu Fehlermeldungen, also hab ich es noch mal mit der Kreditkarte gemacht. Jetzt hab ich zwei Briefmarken und muss mir einen Grund ausdenken, einen zweiten Brief zu verschicken."
Inzwischen habe ich gemerkt, dass die DHL-App ganz gut ist (oder sie ist besser geworden), deshalb muss ich diesmal gar nicht lange überlegen, ich kaufe alle Briefmarken für die kleineren Sendungen (Großbrief, 1,60€) in dieser App. Das Produkt scheint inzwischen nicht mehr "Mobile Briefmarke" zu heißen, sondern einfach nur Briefmarke:
Der Kauf geht in der DHL-App sehr schnell, ich muss keine Daten eingeben, bezahle mit Google Pay und brauche deshalb nur eine wahrscheinlich einstellige Zahl von Sekunden, um fünf Marken zu kaufen. Mehr als fünf geht leider nicht, so dass ich diesen Vorgang insgesamt sehr oft durchlaufen muss. Aber das stört mich wenig, weil es ja schnell geht. Das Ergebnis schreibe ich von Hand auf die Verpackung. "#PORTO XVL7KR9Y", so ungefähr sieht das aus.
Für die etwas größeren Sendungen (Maxibrief, 2,75€) gibt es keine Handymarke mehr. Ich muss auf der DHL-Seite oder in der App eine langwierigere Bestellung ausfüllen, kann dafür aber auch so viele Marken kaufen, wie ich will. Das Ergebnis ist ein PDF, das ich mit dem Drucker meiner Mutter ausdrucke (funktioniert nur vom Handy aus und nie im ersten Versuch) und dann in unseriös aussehende Schnipselchen zerschneide, die ich mit Tesa auf den Sendungen befestige. Das nervt schon ein bisschen mehr, kommt aber auch seltener vor.
Noch mühsamer ist der Versand nach Österreich, und richtig schlimm in die Schweiz (Zollerklärung!), aber darüber möchte ich momentan noch nicht reden, es war zu schrecklich. Wie ich es gemacht hätte, wenn ich nicht zufällig gerade in einem Haushalt mit Drucker wäre, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wäre es gar nicht gegangen.
Die Sendungen sind zum Glück klein genug für den Briefkasten, so dass ich sie alle einfach einwerfen kann. Und dann ist es erledigt und ich habe zum ersten Mal Materie verkauft!