Warum man in Großbritannien besser keine senkrechten Felswände herunterfällt
Aleks berichtet von Diskussionen im Netz über britische Bergrettungsverfahren. Offenbar plädieren manche dafür, zur einfachen und missverständnisfreien Übermittlung des eigenen Standorts den Dienst What3Words zu verwenden, was von anderen kritisiert wird, weil es sich um einen kommerziellen Anbieter handelt.
Die für die britische Kartografie zuständige Behörde Ordnance Survey hat reagiert und eine eigene App herausgebracht, “OS Locate”, die nichts anderes tut, als den Standort des Handys in leicht verständlicher Form anzuzeigen. Die Standortdaten werden entweder in Längen- und Breitengrad oder im britischen “National Grid”-System angezeigt. Man kann das Ergebnis auch direkt per SMS verschicken.
“Easting” und “Northing” sind Koordinaten im “National Grid”-System, dessen Nullpunkt südwestlich der Scilly-Inseln liegt, also in der linken unteren Ecke von Großbritannien.
Die App sagt, dass wir uns 74 Meter über dem Meeresspiegel befinden. Vor dem Fenster jedoch schwappt das Meer herum, nicht viel mehr als zehn oder zwanzig Höhenmeter entfernt.
Ich google “gps altitude off android” (im zweiten Versuch, nachdem mir wieder eingefallen ist, dass ich altitude meine und nicht height), und gelange zu einer Antwort: “The GPS Altitude on my Android device is off by 50m”.
Das GPS-Modul im Handy gibt, wie ich jetzt dazulerne, von sich aus nicht die Höhe über dem Meeresspiegel an, sondern “ellipsoidische Höhen über dem Referenzellipsoid des World Geodetic Systems (WGS84)”. Die Höhe über dem Meeresspiegel ist unpraktisch für ein System wie GPS, das international funktionieren soll. Das Meer ist ein schwankendes Ding, und jedes Land verwendet seinen eigenen Pegel, Westdeutschland hatte zum Beispiel einen anderen als die DDR und der französische Pegel weicht um einen halben Meter vom deutschen ab.
Deshalb ignoriert GPS den Meeresspiegel und tut so, als wäre die Erde ein praktisches, leicht berechenbares Ellipsoid. Im Idealfall würde der Meeresspiegel überall der Oberfläche dieser theoretischen Erde entsprechen. Tatsächlich ist die Masse der Erde und damit auch die Schwerkraft ungleichmäßig verteilt und der Meeresspiegel weicht bis zu hundert Meter von der schönen Theorie ab.
Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Earth_Gravitational_Model#/media/File:Earth_Gravitational_Model_1996.png (Public Domain) Hier kann man sehen, dass die Abweichung in Großbritannien ungefähr fünfzig Meter beträgt. An der Südspitze von Indien würde mein Handy vermutlich behaupten, dass das Haus hundert Meter unter Wasser liegt.
Es gibt Tabellen, denen man die Korrekturwerte entnehmen kann, und diese Tabellen kommen entweder im GPS-Modul oder anderswo im Handy zum Einsatz. Wenn das GPS-Modul die Höhe über der theoretischen Erde angibt, muss das Handy noch die Umrechnung in Höhe über dem tatsächlichen Meeresspiegel vornehmen. Wenn das GPS-Modul schon die korrigierte Höhe angibt, sagt die oben verlinkte Erklärung, korrigieren einige Android-Handys den Wert trotzdem noch mal, oder vielleicht auch umgekehrt, jedenfalls liegt er danach eben um 50 Meter daneben. Beziehungsweise darüber.
Angeblich kann man herausfinden, ob das der Ursprung des Fehlers ist, indem man die Ortsdatenquelle des Handys von “alle verfügbaren Quellen auswerten, also GPS, WLAN, Bluetooth, Mobilfunkmasten” auf “nur GPS verwenden” umstellt. Die “OS Locate”-App lässt sich davon aber nicht beeindrucken. Sie zeigt mit beiden Einstellungen 50 Höhenmeter zu viel an.
Ich installiere zum Vergleich eine zweite App. “GPS Test” liefert mit beiden Einstellungen die korrekte Höhe.
Ich installiere zum Vergleich eine dritte App. “GPS Status” verhält sich tatsächlich wie beschrieben. In der “nur GPS”-Einstellung ist die Höhe korrekt, in der “alle Regler nach rechts”-Einstellung 50 Meter zu hoch.
Ich möchte andere Saiten aufziehen und eine App installieren, die mir die GNSS-Rohdaten anzeigt. Das unterstützt mein Handy aber nicht.
Ich gebe die Forschung auf. Für die Bergrettung ist die Frage sowieso nicht besonders relevant, weil das Rettungsteam schon erahnen wird, dass man sich nicht 50 Meter über dem Standort in der Luft befindet. Man sollte halt nur nicht ausgerechnet eine senkrechte Felswand herunterfallen.