Ein letzter Tag in Kathmandu. Die Straßen sind noch wie ausgestorben, als wir Leo morgens um sechs zum Abschied umarmen und in ein Taxi Richtung Flughafen setzen. Nach einem kleinen Frühstück packen wir routiniert unsere Rucksäcke, entdecken dabei die ein oder andere Kakerlaken-Leiche, Überreste der vorherigen Nächte, verabschieden uns vom Hostelbesitzer, seinem freundlichem Sohn und seiner mürrischen Tochter und machen uns mitsamt der Rucksäcke ein letztes Mal auf den Weg zum Big Belly Restaurant. Hier werden wir mittlerweile wie Stammgäste begrüßt und als der Besitzer erfährt, dass wir später ein Taxi zum Flughafen brauchen, gibt es da natürlich diesen Bruder des besten Freundes des Großcousins mütterlicherseits, der sofort angerufen wird und eine Stunde später erwartungsvoll vor dem Café auf uns wartet. Während wir über die löchrigen Straßen Richtung Flughafen rumpeln, könnte man den Eindruck bekommen, der Fahrer hätte einen vorgefertigten Fragenkatalog, den er mit jedem neuen Kunden durchgeht. Erst als Linus jede einzelne Frage von Name über Alter, Wohnort, Reiseroute und Eindrücke gewissenhaft beantwortet hat, gibt er sich zufrieden und schweigt die verbleibende Zeit. Kathmandus Flughafen, ein Backsteinbau mit hölzernen Decken und eigenwillig gemusterten Teppichböden, fehlt jede Spur der üblichen Flughafen-Atmosphäre und auf eine rührende Weise wirkt er unbeholfen. Trotz spärlich vorhandener Organisation landen wir irgendwie in unserem Flugzeug und eineinhalb Stunden später in Delhi. Dank unseres multiple-entry Visas dürfen wir den Flughafen während des siebenstündigen Stop-Overs verlassen und kaum treten wir aus der überfüllten Ankunfthalle ins Freie, kommt uns auch schon eine wild winkende Rythem entgegen gestürmt. Wir begrüßen uns, als ob wir uns schon Jahre kennen würden und nicht vor zwei Wochen zum ersten Mal in Kathmandu getroffen hätten. Im Taxi fahren wir nach Gurgao, dem neuen Business- und Bankenviertel Delhis, das in seiner gesamten Erscheinung das unindischste ist, was ich jemals in Indien zu Gesicht bekommen habe: Einzig und alleine die wenigen Tuctucs erinnern zwischen modernster Architektur, gläsernen Fassaden und teuren Autos daran, dass wir uns hier tatsächlich in Indien befinden. Und selbst die wirken auf den weitläufigen Straßen ohne jeglichen Hupenlärm ein wenig verloren. Falls wir uns angemaßt haben sollten zu behaupten, Indien nach den zwei bzw. vier Monaten auch nur ansatzweise zu kennen, werden wir hier mal wieder eines Besseren belehrt. Mit unseren großen Rucksäcken wirken wir zwischen all den Indern und Expats in maßgeschneiderten Anzügen und polierten Schuhen merkwürdig fehl am Platz. Trotzdem trinken wir hier noch ein Bier bevor eine Metro-Station weiter fahren, um in Rhythems Lieblings-Restaurant ein letztes mal indisch zu Essen. Vor allem Linus hat nach einem Monat in Nepal schon Entzugserscheinungen gezeigt. Wir sitzen in einem schummrigen Raum, der wie die altehrwürdigen Zugabteile der letzten Louis Vouitton Kampagne gestaltet ist und genießen den so vertrauten Geschmack des köstlichen Essens. Leider drängt die Zeit-Flugzeuge warten ungerne-undso bringt uns Rythem nach einem Abschiedsfoto zu dem bestellten Taxi. Wir verabschieden uns nicht ohne ihr das Versprechen abzunehmen, bald nach Deutschland zu kommen und verlassen kurz darauf ein letztes Mal auf dieser Reise indischen Boden als wir pünktlich um Mitternacht gen Singapur abheben. Wobei mir die Tragweite dieses Augenblicks unglücklicherweise entgeht, da ich, einmal auf meinem Sitz angekommen, in Sekundenschnelle ins Reich der Träume versinke und so den Start erfolgreich verschlafe.