Der Letzte...
…Tag von fünf langen Monaten. Nach dem Frühstück packe ich den Großteil meiner Sachen in meinen Rucksack und räume mein Zimmer auf so gut es geht, bevor ich mich, reichlich spät, ein letztes Mal in Jakartas Verkehrschaos stürze. Es ist so heiß, das selbst mir der Schweiß in dünnen Rinnsalen den Rücken hinab läuft und sich in dem Platikschalen-Sitz zu einer kleinen Pfütze ansammelt. Als mich die Indonesiern auf dem Platz neben mir überraschenderweise auf Englisch anspricht und wissen möchte, was mich hierher bringt, komme ich nicht umhin zu fragen, wie um alles in der Welt sie es in den langen, dunklen Hosen und dem dick gestrickten Wollpullover aushält, während die Sonne draußen gnadenlos vom Himmel scheint und die Luft im Bus zum schneiden dick ist. Ganz nach dem Motto, wer schön sein will, muss leiden, erzählt sie mir, dass sie Angst habe, schwarz zu werden, wenn zu viel Sonne auf ihre Haut kommt. Verstehe, dann lieber einen Hitzschlag. Ich kaufe diverse indonesische Spezialitäten in verschiedenen Geschäften und Warungs, um zu Hause die merkwürdigen Vorlieben der Indonesier demonstrieren zu können, und treffe dabei die zweite Englisch sprechende Indonesierin an einem Tag. Diese hat jahrelang auf der Frankfurter Messe gearbeitet und war anlässlich dessen auch mindestens zweimal pro Jahr in München. Am Nachmittag laufe ich ein letztes Mal im Goethe-Institut ein, verabschiede mich mit einem Eis von Meiland und verfasse abschließend ein Recherche-Protokoll zu meiner Reportage. Die Reportage selbst ist mittlerweile nur noch knappe 400 Zeichen zu lang und wird im Moment Probe gelesen, so dass ich sie hoffentlich noch heute Abend, ansonsten morgen in Amsterdam, abschicken kann. Kurz bevor die Sonne untergegangen ist, mache ich mich auf den Weg zu Monas, dem Monument Nasional, um mich dort noch einmal mit Debora und Ami zu treffen. Die beiden sind eine Dreiviertelstunde zu spät, was mir eine Dreiviertelstunde Zeit zum Nachdenken gibt. Es sind weniger philosophische Gedanken die mir durch den Kopf spuken, während ich unter dem erleuchteten Denkmal auf der noch warmen Wiese sitze und auf die glitzernde Skyline blicke. Viel mehr sind es tausende kleine Bruchstücke der letzten fünf Monate, die immer wieder auftauchen und verschwinden, sich zusammenfügen und auflösen. Die Tatsache, dass ich in etwas mehr als fünfundzwanzig Stunden Zuhause bin, nachdem ich 157 Tage, circa 3768 Stunden, im Ausland verbracht habe (ja, solch sinnvolle Dinge habe ich ausgerechnet, während ich auf dieser Wiese saß), ist noch nicht bis zu mir durchgedrungen. Als die beiden schließlich ankommen, bleibt uns noch eine knappe Stunde, bis ich mich auf den Heimweg machen muss. Wir besorgen uns schnell etwas zu essen und setzten uns dann auf eine der überall ausgebreiteten Plastik-Picknickdecken. Ich esse Egg Croque (oder so ähnlich), eine Art Omlett, das, vermischt mit Kokosflocken, Chili und gerösteten Zwiebeln im auf den Kopf gestellten Wok über dem offenen Feuer zubereitet wird und ein traditionelles Gericht für die Zeit während Ramadan ist. Die Stunde ist schnell vorbei, wir verabschieden uns, ich lade die beiden, die trotz ihrem guten Deutsch noch nie in Deutschland waren, ein, bald nach München zu kommen und setzte mich ein letztes mal in einen der TransJakarta Busse. Ich bin gut in der Zeit. Wenn ich in eineinhalb Stunden Zuhause bin, bleibt mir noch eine Stunde, bevor um zehn Uhr das Taxi kommt und mich zum Flughafen bringt. Genug Zeit, um zu duschen, zusammen zu packen und mein iPhone noch einmal aufzuladen. Ich bin stolz auf meine geradezu perfekte Zeitplanung. Ironie des Schicksals, dass ich ausgerechnet heute einen Busfahrer erwische, der an jeder einzelnen möglichen und unmöglichen Ecke stehen bleibt, um endlose Minuten auf etwaige, nicht auftauchende Passagiere wartet, bevor er einige Meter weiter fährt und die Prozedur von vorne beginnt. Und das, obwohl die Straßen ausnahmsweise beinahe als frei zu bezeichnen sind. Es wird später und später und irgendwann bin ich so sauer, dass ich zur Belustigung der übrigen Fahrgäste dem Busfahrer wüste Beschimpfungen an den Kopf werfe und wild gestikulierend auf ihn und seine Sturheit einschimpfe. Ob deutsch oder englisch spielt keine Rolle, er versteht mich ohnehin nicht und ignoriert mich obendrein vollkommen. Um halb zehn bin ich schließlich Zuhause und fange sofort an, in Windeseile zusammen zu packen als plötzlich der Strom ausfällt. Im gesamten Viertel. Ich dusche im Dunkeln, packe im Schein einer Taschenlampe, man weiß sich schließlich zu helfen, verabschiede und bedanke mich gefühlte tausend Mal und steige schließlich um halb elf in das vor der Haustür wartende Taxi. Die Fahrt zum Flughafen erscheint mir vollkommen unwirklich. Schon die fast leere Schnellstraße fühlt sich nicht mehr nach Jakarta an und an Terminal 2, dem Terminal für internationale Ablüge, sind lediglich die Flughafenangestellten noch indonesisch. Eben im Taxi kamen mir noch leichte Zweifel, obwohl ich mich schon seit Tagen wie verrückt auf Zuhause freue. Aber sobald ich meinen Rucksack abgegeben und durch die Sicherheitskontrolle gegangen bin, sobald ich in der Warteschlange vor dem Gate stehe, sickert es ganz allmählich zu mir durch und ein Gefühl der Vorfreude strömt plötzlich durch jede Ader meines Körpers. Es geht nach Hause.











