Zusammen beschreiben der Verleihtitel für den englischsprachigen Markt, Everyday Objects, und der deutsche Originaltitel, Halbschatten, bereits treffend die Grundstimmung des Filmes und die Ambivalenz, die darin ausbuchstabiert wird.
Als ironische Spiegelung der glücklichen Kernfamilie, die in den letzten Jahren schon vielfach filmisch demontiert worden ist, trifft die Geliebte (eine Partnerin auf Augenhöhe scheint sie nicht gerade zu sein) nur auf die nachgelassenen Kinder des abwesenden Vaters. Schweigsamkeit und Unsicherheit zeichnen Merles Umgang mit der Welt aus, und mit den klassisch pubertären Geschwistern wird daraus ein Psychogramm, dessen kammerspielartigem Charakter durch die Naturaufnahmen ein visueller Gegenpart geboten wird. Akustisch wird einfach gespiegelt, was das Bild zeigt: Wird nicht gesprochen, ertönen Geräusche des Hintergrundes, ob Wasser, Blätter oder ein, zwei Mal Partymusik. Immer bleibt Merle jedoch alleine mit sich.
Interessant wird dieser ruhige Film durch die Art, wie Regiesseur Nicolas Wackerbarth die Figur der wartenden Geliebten inszeniert, nämlich über ihren Körper.
Als Merle den ersten Kontaktversuch mit den fremden Kindern unternimmt, langbeinig im Badeanzug an der Tür lehnend, irritiert es einen Moment, wie selbstverständlich sie halbnackt vor ihnen im Raum steht. In ihrer einvernehmlichen Körperlichkeit scheint sie näher an der Natur als an den Menschen, die sich nun um sie herum befinden. Dass die Kinder nicht gerade wohlwollend auf Merles spröden Annäherungsversuch reagieren, versteht sich von selbst: „Was machst du da! Das war Mamas Hut!“
Das endlose Warten scheint dabei Merles Charakter ein Stück weit entgegenzukommen. Juvenile Tendenzen paaren sich eigentümlich mit der Einlassung auf Machtverhältnisse. (Ja, es gibt eine Szene der Annäherung zwischen dem Sohn und ihr.) Einerseits geht sie auf Partys mit und verschwört sich am Geburtstag der Tochter via Telefon gegen den immer noch abwesenden Vater. Andererseits lässt sie den Sohn böswillig in den Pool springen, obwohl der vom Chlorreiniger noch kontaminiert ist. Und wenn sie der Tochter zunächst etwas harsch, später mit mehr Wärme, Mathematik-Nachhilfe gibt und der Dreisatz mit den Absatzzahlen von VW erklärt wird, dann geht es kaum durchschnittsdeutscher.
So, wie die Landschaft um Nizza weder als mondän oder aufregend gezeigt wird, sondern schlicht und ergreifend Natur ist, so normal werden auch die Kinder und Merle etabliert. Alltägliches wird nur vermeintlich auf den Prüfstand gestellt. Die Figur der Merle und die Umstände, in die sie sich begibt, ermöglichen keine aktive Auseinandersetzung, stattdessen bleibt nur die heimliche Verabschiedung aus der Situation. Am Ende sieht man den Vater dann übrigens doch ein Mal, schemenhaft zwischen Autoscheiben und Dunkelheit. In der darauf folgenden Einstellung steht Merle erstarrt, einem aufgescheuchten Tier nicht unähnlich, vor blendenden Scheinwerfern. Ihr ehemaliger Geliebter findet sie darin dennoch nicht.
"Halbschatten" (Everyday Objects), Nicolas Wackerbarth, Deutschland 2013
Zuerst veröffentlicht auf critic.de.