Helden und geheime Eliten
„Die Wahrheit ist irgendwo da draußen“ lautet die ikonische Selbstbeschreibung der Serie Akte X um zwei FBI-Agenten, die in einer Unterabteilung der amerikanischen Kriminalpolizei paranormale Phänomene untersuchen. Das antagonistische Ermittlerduo besteht aus der skeptischen Medizinerin Dana Scully und dem Verschwörungsgläubigen Fox Mulder, an dessen Wand ein UFO-Poster mit dem sehnsuchtsvollen Satz „I want to believe“ hängt.
Fünfzehn Jahre später, zu Zeiten der Enthüllungsgeschichten um den amerikanischen Geheimdienst NSA, mutet ein sehnsüchtiges „Ich möchte glauben“ regelrecht anachronistisch an. Denn der NSA-Skandal zeigt, dass die Realität die Fantasie vieler Verschwörungstheoretiker längst überholt hat.
Der erste geisteswissenschaftliche Sammelband zum Thema „Verschwörungsdenken“ möchte nun zur Klärung und Erhellung des umfangreichen Feldes beitragen („Konspiration. Soziologe des Verschwörungsdenkens“, hrsg. von Andreas Anton, Michael Schetsche und Michael Walter, Springer VS, Wiesbaden, 2014).
So divergent, wie sich die Gegenstände von Verschwörungsdenken darstellen – Gibt es UFOs? Wer ist für 9/11 verantwortlich? Beherrschen Freimaurer-Logen die Welt? – so vielseitig sind auch die Herangehensweisen im Sammelband.
Regine Igel macht in einem glänzenden historischen Abriss marginalisierte Fakten zugänglich, die die Verbindungen der NATO mit der „Elite-Loge“ Propaganda Due und deren illegale Einflussnahme auf die italienische Nachrkiegspolitik beleuchten (Regine Igel, „Die P2-Loge und die geheimen Gladio-Truppen in Italien“).
Filmischen Darstellungen des Verschwörungstopos’ hingegen widmet sich Matthias Hurst (Matthias Hurst, „Verschwörungen und Verschwörungstheorien im Film“). Anhand Steven Spielbergs „Munich“ von 2005 und Oliver Stones „JFK“ von 1991 werden basale medienwissenschaftliche Konstruktionen vorgeführt. Interessanterweise stellt sich genau dadurch mehr Klarheit im Verständnis realer verschwörungstheoretischer Wirkungsmechanismen ein. Denn die binnentypischen Elemente eines Films, der Verschwörungstheorien verarbeitet, weisen erstaunlich viele Parallelen zu typischen „Verschwörungsnarrativen“ auf, wie sie beispielsweise im Internet häufig anzutreffen sind. So gibt es eine bestimmte Exposition, meist die Heldenerzählung eines einsamen, ungehörten Rufers in der Wüste. Darüber hinaus wird eine bestimmte Dramaturgie etabliert: Die Dringlichkeit des Anliegens ist absolut und nicht zu hinterfragen, ganz gleich, ob es sich um einen Bombenangriff handelt oder die Übernahme der Weltherrschaft. Die zielgebundene, manipulatorische Darstellung bestimmter Sachverhalte wird als oberstes Gut gehandelt; Der verschwörungstheoretische Diskurs handelt nicht von Freiheit, sondern von Befreiung.
Gerd Hövelmann wirft in einem weiteren Beitrag grundsätzliche Systemfragen im Umgang mit dem Thema Verschwörung auf (Gerd H. Hövelmann, „Ach, wie gut, dass niemand weiß…! Ortho- und heterodoxe Perspektiven auf die Ermordung John F. Kennedys“). Darin attestiert er Akademikern und Intellektuellen große Vorbehalte, mit nicht-orthodoxem Wissen und Verschwörungsdenken überhaupt „in Verbindung gebracht zu werden“. Ausschließlich der schlechten Reputation im akademischen und massenmedialen Diskurs sei es zu verdanken, dass auch bei begründeten Argumentationen, Nachweisen und Zweifeln Zusammenhänge mit dem Etikett „Verschwörung“ geschasst und nicht öffentlich diskutiert würden.
Infolgedessen leistet Oliver E. Kuhn in seinem Beitrag vorbildliche Arbeit, indem er soziologische Umgangsweisen mit Verschwörungen und Verschwörungstheorien mit philosophischer Begriffsgenauigkeit auf ihre Plausibilität hin untersucht (Oliver E. Kuhn, „Spekulative Kommunikation und ihre Stigmatisierung“).
Darin entwickelt er verschiedene Typologien im Umgang mit Verschwörungstheorien, wie z.B. repressive oder gänzlich offene. Hierbei wird erneut deutlich, wie erbittert in Teilbereichen um Wissenshoheit in der Gesellschaft gestritten wird. Kuhn überwindet die Problematik jedoch elegant, die der „verbrannte“ Begriff der Verschwörungstheorien mit sich bringt, indem er ihn durch den einer „spekulativen Kommunikation“ ersetzt.
Durch all diese ernstzunehmenden Auseinandersetzungen mit dem Gegenstand gelingt es dem Sammelband, Verschwörungsdenken aus dem dämonisierten Bereich des populären Halbwissens herauszulösen. Auch fĂĽr ein breiteres Publikum  und nicht zuletzt Wissensvermittler, wie es auch Journalisten und Akademiker sind, gelingt es, Verschwörungen, Verschwörungsdenken und spekulative Praktiken als gesellschaftliche Teilbereiche wissenschaftskonform zu erschlieĂźen.Â
In einer gekĂĽrzten Fassung erstmals erschienen in der F.A.Z. vom Mittwoch, 14. Mai (S. N3)







