Der Torquemada des Weltfußballs
Heute ist Joao Havelange im Alter von 100 Jahren gestorben. Ich habe 2005 für den Sammelband “Ballhunger. Vom Mythos des brasilianischen Fußballs” (Verlag die Werkstatt) einen recht langen Text über Havelange verfasst, der aus Anlass seines Todes im Folgenden in einer gekürzten Fassung dokumentiert sei.
“Ich kann hier 72 Stunden bleiben, ohne zu pissen, zu scheißen, zu essen oder zu schlafen. Sie andererseits können in dieser Zeit sehr wohl sterben.” Die Szene, die sich 1982 an einem heißen spanischen Sommermorgen im Büro Raimundo Saportas abspielte, würde auch gut in einen Gangsterfilm passen. Saporta war seinerzeit bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 zuständig für die Verteilung der Eintrittskarten, und der Mann, der über das baldige Ableben des spanischen Funktionärs spekulierte, war gewissermaßen ein Kollege - allerdings der mächtigste von allen: der Brasilianer Joao Havelange, Präsident der Fédération Internationale de Football Association (Fifa).
Der Herrscher des Fußball-Weltverbands brachte an diesem Morgen 400 Eintrittskarten zurück. Havelange hatte für das WM-Match Brasilien gegen UdSSR für ein paar Freunde aus seinem Heimatland 400 Tickets bestellt, und 400 hatte er bekommen. Das Problem: Seine Günstlinge - absolute Ehrenmänner verschiedener Provenienz, darunter Politiker und Fußballbosse - bekamen Plätze hinter einem der Tore zugewiesen, während es Havelange für selbstverständlich hielt, dass sein Gefolge auf der VIP-Tribüne logiert. Nachdem Saporta seinem Gast mitgeteilt hatte, dass er für diesen Bereich keine 400 Karten zur Verfügung habe, reagierte der kühl wie ein Kredithai. Er schritt zur Tür, verriegelte sie, steckte den Schlüssel ein und schloss sämtliche Fenster, was den übergewichtigen Saporta zusätzlich nervös machte. Dann fiel der denkwürdige Satz, mit dem Havelange seine Kondition, seine Blase und seinen Enddarm pries. 20 MInuten später - nicht 72 Stunden - marschierte er aus dem Büro. Mit 400 VIP-Karten in der Tasche. Saporta hatte in Panik ein paar Anrufe getätigt.
Diese Episode vermittelt eine Ahnung davon, warum Funktionärskollegen, Geschäftspartner und Journalisten den 24 Jahre lang amtierenden Fifa-Präsidenten mit allerlei wenig schmeichelhaften Spitz- und Beinamen bedacht haben: “Sonnenkönig”, “Väterchen” (in Anspielung auf Stalin), vor allem aber “Pate” resp. “Godfather” (in Anspielung auf den Original- und den deutschen Titel von Francis Ford Coppolas Mafiafilm-Trilogie). Den originellsten Vergleich verdanken wir der italienischen Tageszeitung “Gazetto dello Sport”: Sie erinnerte das Treiben des Mannes, der laut Geburtsurkunde Jean Marie Faustin Godefroid Havelange heißt, an Senor Tomás de Torquemada, jenes spanische Organisationstalent, das die Inquisition auf ein neues Niveau hievte. Torquemeda (1420 - 1498) verachtete alle Menschen, die nicht katholisch waren - und Havelange mit ungefähr derselben Inbrunst alle Mitarbeiter, die er für korrekt, pflichtbewusst oder sonstwie weltfremd hielt.
Wer eine Vorstellung davon bekommen möchte, wie Joao Havelange aussieht, sollte sich eine Einschätzung des Autors David Yallop auf der Zunge zergehen lassen. Der Brite sagt, das Gesicht des Funktionärs gleiche “gewöhnlich einer gepflegten Grabstätte”. Nur einem Schauspieler wäre es zuzutrauen gewesen, in einem Film über Havelanges Leben den Protagonisten zu verkörpern: Doch Marlon Brando ist leider 2004 verstorben. Er hat im übrigen Torquemada gespielt (1992 in “Christoph Columbus - Der Entdecker”) und den Godfather Don Corleone, wobei auffällt, dass der Mime in seiner Paraderolle so ähnlich drein blickt wie Havelange auf vorteilhaften Fotos aus den 70er-Jahren. Auch seine Perfomance als Julius Cäsar (1953, in Joseph Mankowiczs gleichnamigen Film) hätte Brando dafür qualifiziert, den Fußball-Schurken darzustellen.
Zu Havelanges wichtigsten Weggefährten gehörten Zeitgenossen, die die frühzeitige Beförderung missliebiger Personen ins Jenseits zumindest dirigierten. Eines seiner ideologischen Schlüsselerlebnisse hatte er wohl 1936 bei den Olympischen Spielen im nationalsozialistischen Berlin, bei denen er als Schwimmer teilnahm. Als David Yallop ihn rund 60 Jahre später darauf ansprach, schwärmte Havelange: “DIe Organisation. DIe Beachtung von Details. Die Effizienz. Die Spiele in Berlin waren eines der hevorragendsten Schauspiele, das ich je gesehen habe. Alles war grandios und perfekt. Sie müssen dabei bedenken, was für eine Periode in der Geschichte das war. Alle haben den Fortschritt Deutschlands bewundert.” Nach dem Ende der Wettkämpfe habe die NS-Regierung den Teilnehmern ermöglicht, “sämtliche Städte zu besuchen, für die sie sich interessierten. Und wir reisten in außergewöhnlichen Zügen, erster Klasse, und erhielten einen Nachlass von 75 Prozent auf den Fahrpreis“. Ach ja, die fortschrittliche Fahrpreispolitik der Nazis, sie war wohl bewundernswert.
Während Joao Havelanges Fifa-Regentschaft, die von 1974 bis 1998 dauerte, mutierte der Fußball zu einer Industrie wie fast jede andere. Die Globalisierung und schrankenlose Vermarktung der Kickerei geht, ohne jetzt das Wirken diverser gewiefter Fachleute ausblenden zu wollen, auf seine Kappe. Havelange hatte dabei keineswegs die Vision angetrieben, das Fußballgeschäft modernisieren zu wollen, sondern allein das Ziel, in der Fifa eine klassische Feudalherrschaft auf- und auszubauen.
Der Name Havelange ist nicht zuletzt zu einem Synonym für die Korruption geworden, die den gesamten brasilianischen Fußball seit einer gefühlten Ewigkeit prägt. Der Journalist Juca Kfouri, einer der profiliertesten Antikorruptions-Matadoren des Landes, sagt: Gott habe Brasilien die “besten Spieler” gegeben, aber, um das quasi zu kompensieren und den Rest der Welt nicht vollends zu demoralisieren, auch “die schlechtesten Funktionäre.”
Zunächst einmal steckte Gott Joao Havelange ins Bustransportgewerbe, aber auch im Handel mit Versicherungen und Waffen erwies sich der Sohn eines Belgiers als tüchtig. 1958 stieg Havelange schließlich an die Spitze des brasilianischen Sportverbands CBD auf - sein erster großer Schritt auf dem Marsch durch die Institutionen, der ihn bereits fünf Jahre später ins Internationale Olympische Komitee (IOC) führen sollte, ein Gruselkabinett, dem er bis heute angehört. Der CBD schrieb in den 16 Jahren seiner Amtszeit ständig horrende Verluste, in den letzten drei Jahren betrug das Defizit jeweils zwischen 1,7 und zwei Millionen Dollar. Die Regierung ermittelte zwar emsig, aber als 1975 der für Havelange vernichtend ausgefallene Abschlussbericht vorlag, konnte sie den Übeltäter schlecht vor den Kadi zerren, denn der hatte sich im eigenen Land reichlich Ruhm und Ehre erworben - sämtliche drei WM-Titel, die sich Brasilien bis dato erspielt hatte, fielen in seine Amtszeit als CBD-Boss. Und dann bekleidete er ja mittlerweile noch den höchsten Posten in einer wichtigen Weltorganisation, was auch für das internationale Image Brasiliens von Bedeutung war. Nicht zuletzt war Havelange, zumindest behauptet dies Yallop unter Berufung auf die Lateinamerika-Abteilung der CIA, Mitarbeiter des brasilianischen Geheimdienstes - mindestens 24 Jahre lang. Deshalb ging es nicht dem Schuldenkönig an den Kragen, sondern den Ärmsten Brasiliens. Eine staatliche Bank glich das Defizit aus Havelanges letztem Amtsjahr aus, und mit einem Teil der Summe belastete das Kreditinstitut später dann den Fundo de Assistencia Social, den Sozialhilfefonds des Landes.
Dass Joao Havelange 1974 in Frankfurt/Main die Wahl zum Fifa-Präsidenten gegen den bis dahin amtierenden Kontrahenten Stanley Rous gewinnen konnte, verdankt er seiner Begabung, das Geld anderer Leute effizient zu verteilen. Zahlreichen Delegierten aus Afrika, deren Verbände es sich nicht leisten konnten, Flüge in die Bundesrepublik Deutschland zu finanzieren, bezahlte er die Trips, und ein Gesandter aus Äthiopien bekam zusätzlich 300.000 Franken Spesengeld. Sein ehemaliger Partner bei der Sprengstofffirma Orwec sagt, das Geld für die bedürftigen Fußballfunktionäre sei aus zwei Quellen geflossen: dem Vermögen des CBD und dem seiner Firma - wobei er letzteres angezapft hatte, ohne sich das von seinem Kompagnon genehmigen zu lassen; für solcherlei bürokratischen Firlefanz ist dem Rastlosen seine Zeit stets zu schade gewesen.
Havelange hatte sich im Wahlkampf, der ihn in 86 Länder führte, als “Champion der Dritten Welt präsentiert” (Dietrich Schulze-Marmeling) und den Afrikanern und Asiaten beispielsweise versprochen, ihr Teilnehmerkontigent bei den Weltmeisterschaften zu erhöhen. Ohne Zweifel profitierte er dabei prächtig von einer politischen Entwicklung, gegen die sich erst einmal nichts sagen lässt: Die Dekolonisierung der Dritten Welt hatte es möglich gemacht, dass sich die Zahl der Mitgliedsverbände zwischen 1954 und 1974 verdoppelte. Und da die Fifa nach der Devise “One land, one vote” funktioniert, lohnt sich strapaziöser Lobbyismus - Havelange war der erste, der das begriff.
Es herrschte seinerzeit Aufbruchstimmung auf dem afrikanischen Kontinent, und 1977 forderte der Verbandspräsident Kameruns von Havelange: “Im Sport und besonders im Fußball (ist) eine neue internationale Ordnung zu begründen, damit der Graben zwischen den hochgradig entwickelten Länder und dem Rest kleiner wird und suich im Interesse des Friedens und der gegenseitigen Verständigung ein besseres Gleichgewicht der Kräfte einstellt.” Man hat den Alten selten lächeln, geschweige denn lachen sehen, aber nachdem er diese Botschaft vernommen hat, dürfte er sich kräftig beömmelt haben.
Die erste Weltmeisterschaft unter Havelanges Verantwortung fand 1978 in Argentinien statt. Die Militärjunta des Landes machte damals Schlagzeilen mit ethnischen Säuberungen, Verschleppungen und Ermordungen von Oppositionellen und Kirchenvertretern sowie Entführungen ausländischer Geschäftsleute. Das war Havelange bestenfalls wurscht - vielleicht fühlte er sich auf den Ehrentribünen der Stadien sogar so wohl wie bei den Olympischen Spielen 1936, wo er als Schwimmer dabei war.
Weltweit waren Aufrufe kursiert, die WM zu verlegen oder zu boykottieren. Ausgerechnet von Havelange zu verlangen, Argentinien die WM zu entziehen, war insofern naiv, als der Fifa-Boss in seiner Zeit als Chef des brasilianischen Sportverbandes sich glänzend verstand mit Organisatoren von Todesschwadronen, mit Folterern und sonstigen Junta-Mitgliedern, die sich, wie in Diktaturen nicht unüblich, auch gern mal direkt in die Organisation des Fußballs einmischten.
Bei dieser perfiden Veranstaltung erstmals mit im Spiel war eine große Firma aus einem Zwergenstaat des Fußballs: Coca-Cola investierte acht Millionen Dollar in die WM, nachdem der berüchtigte adidas-Patron Horst Dassler und ein englischer Sponsoringfachmann zwei Jahre zuvor den Limonadenriesen aus den USA mit Havelanges Verband verkuppelt hatten. Am 13. Mai 1976 war es gewesen, als der Brasilianer und die Amis den Kooperationsdeal ratifizierten. Die Fifa pries die Vereinbarung in einer Pressemitteilung als “die erste zwischen einer global agierenden Vertriebsgesellschaft und einer internationalen Sportorganisation sowie als wahrscheinlich weltweit gewichtigsten Sponsorenvertrag im Sportsektor bis zum heutigen Tag”. Das kann man so stehen lassen, denn der Schachzug der Brausehersteller aus Atlanta erwies sich als pionierhaft. Auch die Opels, Canons und Gilettes begannen bald, Geld in den Fußball zu pumpen.
Coca-Cola finanzierte zunächst die so genannten Entwicklungshilfeprogramme - Ausbildungskurse für Trainer oder Schiedsrichter in der Dritten Welt. Der Getränkegigant war aber auch ein wichtiger Partner bei Havelanges Plan, den Fifa-Veranstaltungskalender mächtig aufzublähen, was, wie alles, was er tat, dazu diente, sich Stimmen für zukünfitge Wahlen zu sichern und somit seine Macht zu zementieren. 1977 fand die erste Jugend-WM in Tunesien statt, mit Unterstützung von Coca-Cola. Diesem Wettbewerb, der bis heute als Fifa/Coca-Cola-Cup firmiert, sei “auch eine besondere entwicklungspolitische Bdeutung” zugekommen, schreiben die Autoren des Jubiläumsbandes “Fifa 1904 - 2004. 100 Jahre Weltfußball”. “In Europa rief dieser Wettbewerb zwar anfänglich wenig Begeisterung hervor, doch in Asien sowie in Mittel- und Südamerika wartete man seit langem auf eine solche Profilierungschance.” Später kickten die weltbesten Jungmänner in Australien (1981), in Saudi-Arabien (1989) und Katar (1995). Ideale Austragungsorte, denn die Länder sind reich, aber fußballmarktwirtschaftlich gesehen noch rückständig, wobei die beiden letzteren praktischerweise auch noch Nachholbedarf in Coca-Cola-Ideologie hatten. Die Weltmeisterschaften der U-16- und U-17-Nationalmannschaften lässt die Fifa ebenfalls gern in Ländern über die Bühne gehen, in denen die Zielgruppe der Fußballkonsumenten noch ausbaufähig ist.
Auch der von Fans wie Spielern innig geliebte Confederations Cup stammt streng genommen aus Joao Havelanges nie still stehender Ideenfabrik. 1992 becircte er den saudischen Prinzen Faisal bin Fahd, seine Kaffekasse zu erleichtern und ein eigenes Turnier zu kreieren. Daraufhin baute der edle Mann in Riad eine Spielstätte für 75.000 Zuschauer, und so fand dortselbst 1992 der erste King-Fahd-Cup statt. Teilnehmer: die Gastgeber, die USA, die Elfenbeinküste, Argentinien. Da schlugen in aller Welt die Fußballherzen höher. Nach einer weiteren Auflage in Riad transformierte die Fifa den Wettbewerb in den Confederations Cup. Dass die heute gebräuchliche Abkürzung Confed-Cup dem Namen des Ursprungswettbewerb phonetisch ähnelt, kann im übrigen kein Zufall sein.
Wer große Turniere erfindet und große Summen bewegt, will selbst nicht darben. Thomas Kistner und Jens Weinreich sind im Besitz von Dokumenten, aus denen hervorgeht, dass Havelange im Fifa-Haushaltsjahr 1994 1.115.000 Franken verbrauchte - für “Kosten, Sekretariat”, für “Reisen, lokale Transporte” sowie für “Hotel und Einladungen”. Im Jahr darauf wurde der Brasilianer geizig, so dass er seinen Verband nur 1.089.000 Franken kostete. Doch damit nicht genug: Eine Versicherungsfirma, als deren Direktor er amtierte, kam mit der Fifa bei Weltmeisterschaften ins Geschäft, nachdem sie schon recht rege mit dem brasilianischen Sportverband kooperiert hatte, als Havelange dem vorstand. Und den Vorwurf, er habe für die Vergabe der WM-Vermarktungsrechte für 1982 ein Schmiergeld von einer Million Dollar erhalten, hat er nie entkräften können.
Der Mann denkt aber nicht nur an sich, wie schon sein heroischer Auftritt bei Ricardo Saporta beweist. 1979 beispielsweise beschenkte er die Ehrengäste einer Sause, die zum 75-jährigen Jubilläum der Fifa gegeben wurde, mit Schweizer Uhren im Wert vom 100.000 Franken - obwohl die Beschenkten zu jenen Erdenbewohnern gehörten, die es sich leisten können, einen soliden Zeitmesser im Fachhandel zu erwerben. Bei der WM 1994 durften sich 200 von Havelanges Günstlinge vergnügen, und die hatten “so ziemlich alle Rechte, in deren Genuss sonst nur die geladenen Ehrengäste, Staatsoberhäupter oder Konzernchefs, gelangen” (Kistner/Weinreich).
Obwohl als sicher gelten kann, dass er jede Art von Demokratie verachtete, gab er sich politisch flexibel: 1974 wetterte Havelange gegen Apartheid in Südafrika und sicherte sich somit die Sympathie vieler Schwarzafrikaner - taktisch clever, denn sein Kontrahent Stanley Rous hatte das Regime auf tolpatschige Art verharmlost. Rund 20 Jahre später verdarb es sich der Grande aus Brasilien allerdings mit mehr als halb Schwarzafrika, als er das Regime Nigerias und seinen Diktator Sani Abacha pries. Der berüchtigte Verbrecher verlieh dem Herrscher des Fußballs prompt einen Orden. Da wollte Havelange sich nicht lumpen lassen und versprach Nigeria die Ausrichtung der Junioren-WM 1997. Bei dieser PR-Aktion verdribbelte sich Havelange allerdings auf fatale Weise. Die Fifa hatte das Turnier vorher schon an Malaysia vergeben - wo es denn schließlich auch stattfand. Außerdem ließ sein neuer Freund Abacha am Tag nach der Ordensverleihung neun Oppositionelle hinrichten, was international erhebliches Aufsehen erregte, weil unter den Exekutierten der Schriftsteller Ken Saro Wiwa war.
Auch von Ländern, in denen Hinrichtungen aus der Mode gekommen sind, lässt sich der alte Joao gern mit Orden schmücken. Im Bundeskanzleramt zu Wien beispielsweise verlieh ihm 2003 ein Staatssekretär der Sports das so genannte Silberne Ehrenzeichen “für Verdienste um die Republik Österreich”.
Ohne die Unterstützung einiger treue Partner hätte Joao Havelange seine zahlreiche Dekorationen freilich nicht akquirieren können. Der wichtigste war der Sporschuhindustrielle Horst Dassler, der, so sehen es die meisten Fifa-Insider, eine Zeitlang der wahre Herrscher des Welfußballs war. Dassler, im April 1987 an Krebs gestorben, war allemal viel reicher als Havelange. Mit seiner Vermarktungsfirma ISL machte er kurz vor seinem Tod das beste Geschäft seines Lebens: Er erwarb bei Havelanges Fifa die Marketingrechte für die WM 1986 in Mexiko für 32 Millionen Dollar und verkaufte sie für sagenhafte 128 Millionen weiter.
Zehn Jahre nach Dassler segnete ein anderer guter Kamerad das Zeitliche: Castor de Andrade. Der hatte ein illegales Glücksspielsyndikat geführt, darüber hinaus im Drogenhandel respektable Profite erwirtschaftet und den Traditionsverein Bangu Atletico Clube gesponsert. Die brasilianische Staatsanwältin Maria Emilia Arauto zeigte sich 1998 überzeugt davon, “dass der Fußball dazu benutzt wird, Drogengelder zu waschen” und Havelanges verblichener Kumpel de Andrade sowie “andere Spitzen des illegalen Glückspiels” darin verwickelt waren. “Sie haben die verschiedenen Fußballclubs, mit denen sie zu tun hatten, als Geldwäschereien benutzt.”
1987 hatte Havelange für Kamerad Castor ein Dokument aufgesetzt, das der Mafiosi bei jeder Gelegenheit aus der Jackentasche zog. Havelange verbürgt sich darin quasi für de Andrade: Dieser sei ein “frommer Katholik” von “erlesener Bildung”, “ein guter Familienvater”, “ein selbstloser Beschützer der Alten” und auch sonst beinahe so päpstlich wie der Papst.
Als Havelange 1994 aus sehr hoher Quelle erfuhr, dass eine richterliche Durchsuchung bei de Andrade bevorstand, reagierte er mit einem Ablenkungsmanöver: In einer Pressererklärung kündigte er an, das Teilnehmerzahl der WM 1998 von 24 auf 32 zu erhöhen, falls er in ein paar Wochen später erneut gewählt werden sollte. Die Schlagzeilen waren ihm sicher - allerdings nicht, weil bei der Hausdurchsuchung neben vielem andere auch des Gangsters Verbindung zu Havelange aufgedeckt wurde, sondern weil der Fifa-Boss mal wieder eine edle Idee zum Wohle des Weltfußballs kommuniziert hatte.
Feindschaften pflegte Joao Havelange mit ähnlich viele Hingabe. David Yallop sagt, Havelange nehme für “Beleidigungen und Kränkungen lange und dauerhafte Rache, egal, ob sie nun echt oder nur eingebildet waren”. Mit Pelé zum Beispiel geriet Havelange über Kreuz, nachden der Fußballheros und Ricardo Teixeira, der Schwiegersohn des Herrschers aneinander geraten waren. Die jüngere Version von Havelange kam 1990 an die Spitze des CBF, des brasilianischen Fußballverbandes, der sich mittlerweile von der CBD abgespaltet hatte. Teixeira und Pelé bekriegten sich zunächst geschäftlich - letzterem gehörten einige Sportmarketingagenturen - und später auch politisch, als der Volksheld, nunmehr sozialdemokratischer Sportminister, gegen die Korruption im brasilianischen Fußball anzugehen versuchte. Der mächtige Daddy protegierte seinen Schützling stets nach Kräften und kippte deshalb Pelé aus dem Veranstaltungsprogramm der Auslosung für die WM 1994. Als sich der Organisationschef darüber beschwerte, drohte Havelange damit, den USA die Austragung des Turniers zu entziehen. Zumindest Teixeira und Pelé haben 2001 allerdings Frieden geschlossen, zum Ärger vieler Anti-Korruptionskämpfer im Lande.
Havelanges Verhalten mutete aus mehrere Gründen unfein an. Anfang der 70er-Jahre, als er auf Stimmenfang durch Afrika tourte, war er von Pelé abhängig gewesen. Der Funktionär hatte den Fußballer als Wahlkampf-Maskottchen mitgenommen, denn kaum ein Schwein kannte dort damals Havelange, wohingegen Pelé als Heiland galt. Nicht zu vergessen, was Pelé auf dem Spielfeld für die Nationalmannschaft erbracht hat. Doch wer tatsächlich gesiegt hat, wenn die Blau-Gelben Weltmeister wurden - daran hat Havelange nie einen Zweifel gelassen. “Ich habe meinen ersten WM-Pokal 1958 in Schweden gewonnen”, sagt er gern. Ein Indiz dafür, dass die Wirklichkeit und der im Havelangschen Hirnstübl entstandene Remix oft starke Abweichungen aufweisen, zumal der oberste Sportherr Brasilens beim ersten WM-Titelgewinn seines Landes - und auch beim zweiten - nicht einmal vor Ort war, sondern daheim in Rio hockte. Auch nicht wenig amüsant ist Havelanges Äußerung, dass die Fifa bei seinem Amtsantritt 1974 “kein Geld hatte”. Es seien “30 Dollar in der Kasse” gewesen, erinnert sich der Zahlenkünstler. Tatsächlich hatte die Fifa mit dem WM-Turnier in der Bundesrepublik gerade 50 Milllionen Mark Gewinn eingefahren.
Zumindest, wenn es sein um eigenes Wohlergehen geht, erweist sich Havelange trotz seines fortgeschrittenen Alters aber immer noch als Beherrscher der Grundrechenarten. Sonst hätte er wohl kaum dafür gesorgt, dass die Fifa beispielsweise 1998, im Jahr seines Abtritts, die vermeintlichen Unterhalts- und Personalkosten für sein privates Büro in Rio an aufgebracht hätte. Die Höhe der Summe: damals umgerechnet 2,2 Millionen Mark.
Christiane Eisenberg/Pierre Lafranchi/Tony Mason/Alfed Wahl: Fifa 1904-2004. 100 Jahre Weltfußball, Verlag die Werkstatt, Göttingen 2004, 320 Seiten, 39,90 Euro
Thomas Kistner/Jens Weinreich: “Das Milliardenspiel. Fußball, Geld und Medien”, Frankfurt/Main 1998, 288 Seiten, 19,90 Mark
Dietrich Schulze-Marmeling: “Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports”, Verlag die Werkstatt, Göttingen 2000, 10,10 Euro
David Yallop: “Wie das Spiel verloren ging. Die korrupten Geschäfte zwischen Fifa und Medien”, Econ, München 1998, 400 Seiten (vergriffen)