Erblas(s)t
Manchmal empfinde ich eine große Demut. Sie folgt der Erkenntnis, dass meine Existenz am Ende einer Kette steht, die 3,5 Milliarden Jahre in die Vergangenheit reicht.
So alt sind die Archaeen, die frühesten Nachweise für Bakterien auf diesem Planeten. Dann folgten, in einer immer noch nicht erklärbaren Explosion komplexen Lebens, tausende maritime Lebensformen bis zu den Ichthyostega, die auf flossenartigen Fortsätzen aus dem Wasser krochen. Daraus entwickelten sich die Reptilien, aus denen vor 300 Millionen Jahren die Synapsiden hervorgingen. Diese Artenfamilie starb nicht aus wie tausende anderer, sondern bildete den Übergang zum Säugetier. Vor 66 Millionen Jahren, am Ende der Kreidezeit, entstanden auf diesem Ast des taxonomischen Baumes der Evolution kleine Wesen, kaum größer als Eichhörnchen, die zu Füßen der letzten Dinosaurier das große Artensterben überlebten: die Protoprimaten. Über verschiedene, teils noch unbekannte Hominidenformen, die von den Bäumen stiegen und durch die Steppen des Miozäns streiften und Hominini, die das Feuer bändigten, entwickelte sich der Homo Sapiens, meine Art.
Wesen verschiedenster Gestalt, die lebten und kämpften. Die ihre Eier, Nester und Jungen verteidigten. Ihre Gene im langsamen Tanz der Mutationen weitergaben. Ein unvorstellbar gigantischer Baum, dessen Äste sich immer weiter, feiner verästeln zur Gattung, weiter zur Rasse, der Familie bis hin zum kleinsten Atom dieses System: dem Individuum. Einzigartig, aber doch verbunden mit der tiefsten Wurzel dieses uralten Baumes. Eine lange Kette, deren letztes Glied ich bin. Ich...
…die gerade mit dem Finger getestet hat, ob die Herdplatte schon heiß ist.
Ich halte ihn unter kaltes Wasser und spüre die vorwurfsvollen Blicke meiner Vorfahren aus 3.500.000.000 Jahren.













