Ein alter Hof im Niemandsland zwischen Elbe und dänischer Grenze. Vollmondlicht. Am Lagerfeuer werden die Reste des Balkonanbaus 2014 vernichtet und die wichtigsten Themen des modernen Lebens kinderloser Erwachsener diskutiert. Die beiden großen B's: Beruf und Beziehung...
Der rote Punkt aus Glut wandert eine Hand weiter und stockt kurz vor dem Mund. „Ich hab übrigens neulich ein total gutes Angebot für einen Anhänger gesehen. Aber ich glaube, ich mach das doch mit ’nem Bauwagen.“ Die anderen nicken verständnisvoll.
Alte Freunde, das sind immer auch alte Themen. Wenn man über 20 Jahre einen Kurs auf Sicht gefahren ist, weiß man viel voneinander. In diesem Satz schwingt mehr mit als die bloße Information. Hier geht es um Lebensträume.
Kleine Rückblende: Vor ca. sechs Jahren gehen wir über irgendeine Wiese, irgendeinen Künstlermarkt. Darunter eine Geschichtenerzählerin vor einer hypnotisierten Schar von Kindern. Er bleibt stehen, hört zu, ist begeistert. Unterhält sich mit der Frau, einer Bankangestellten, die an den Wochenenden mit einem kleinen, zur Schaubühne umgebauten Anhänger und Mittelalterkleid durch die Gegend fährt. Der Traum beginnt zu wachsen.
Zurück ins jetzt. Der Traum ist gigantisch. Eine Hindenburg. Ein großes, glorioses Monstrum in strahlendem Licht mit unendlich viel Volumen, das die Realität an den Rand gedrängt hat. Und hier sitzt er, unglücklich mit einem kleinen, normalen Leben und einem kleinen, normalen Job, und kommt seit sechs Jahren nicht von der Stelle, schraubt an seiner flugunfähigen Hindenburg herum. Und die anderen nicken.
Auf einmal ist der Hof im Vollmondlicht der lauen Sommernacht nur noch eines: Eine gigantische Mausefalle. Der Kreis um das Feuer ist voller Luftschlösser.
Wir leben in gefährlichen Zeiten. Denn wir dürfen alles sein. Die Freiheit, die sich unsere Gesellschaft erstritten hat, ist eine zweischneidige. Denn was von uns verlangt wird, ist das perfekte Leben.
Es ist das Zeitalter der Selbstoptimierung. Einerseits können wir unser Leben frei gestalten – Die Wahl von Beruf und Beziehung steht uns mehr oder weniger widerstandslos frei. Aber das bedeutet auch, dass wir für unser Glück selbst verantwortlich sind. Und das wiederum zieht nach sich, dass wir glücklich zu sein haben – schließlich steht uns ja jede Möglichkeit offen. Wer nicht glücklich ist, wer nicht sein optimales Selbst lebt, sich nicht verwirklicht hat, hat versagt.
Um diesem Druck zu entkommen gibt es eine erschreckend einfache Lösung. Sich NICHT zu entscheiden. Zu planen, aber nicht zu handeln. Damit schafft man die perfekte Ausrede: „Siehst Du, ich tu doch was für mein Leben“. Aber die Veränderungen im Leben dieser Menschen bleiben klein, umkehrbar. Ihre Ziele verstecken sich hinter ewigen Ketten aus „Wenn's“. WENN ich einen Bauwagen finde. WENN ich den ausgebaut habe. WENN ich einen Dauerauftrag von Krankenhaus habe, um kranken Kindern Geschichten zu erzählen, Mensch, dann kann ich sogar davon LEBEN! Und am Schluss ist der Plan so groß, so unerfüllbar, so unerreichbar, so visionär, dass jeder versteht, wenn man dann doch scheitert.
Mit Anfang 20 gab es diese große Aufbruchstimmung bei uns allen. Das hier ist deren versteinerte Variante. Wenn der vierzigste Geburtstag vor der Tür steht, sollte man nicht mehr so klingen, als ob die Sätze mit „Wenn ich mal groß bin“ anfangen. Aber ich werde kein Astronaut mehr. Und nein, ich werde auch kein Märchenerzähler mehr. Oder doch. Dann aber nur zu einem hohen Preis. Dem Verlust aller Sicherheiten. Das ist ok. Aber das muss man dann halt auch mal machen.
Vor langer Zeit habe ich einen Satz gelesen, der liegt seitdem wie eine Goldmünze in meiner Tasche: „Der Tod ist ein guter Navigator“. Dabei geht es nicht um die banale Erkenntnis, dass wir alle sterben. Sondern um die Erinnerung daran, dass wir in Bewegung sind. Und dass wir diese Bewegung, unseren Kurs, vom Anfang bis zum Ende steuern können. Trotz aller Winde und Stürme und der Weite des Meeres. Von Insel zu Insel, von Lebensstation zu Lebensstation. Dass es für alles im Leben eine Zeit gibt. Und dass Zeiten zu Ende gehen. Dass man sein Boot nicht zu schwer macht mit alten Träumen, mit Schuld, mit Scham, mit Ansprüchen, die man als junger Mensch an sich selbst gestellt hat. Dass es Risse in der Hülle gibt, Lackschäden, zerrissene Segel. Aber auch Zeiten im sicheren Hafen. Zeiten, in denen man in perfektem Wind über die Wellen rast. Zeiten, in denen man im Packeis festsitzt. Flauten, in denen alles stillsteht. Flauten, in denen man sich durch unsichtbare Strömungen trotzdem bewegt. Und Piraten gibt es auch. Und Eisberge, deren Gefährlichkeit man aus der Ferne nicht erkennt. Landkarten, überreicht von alten Händen, die einem eine Richtung weisen. Vergrabene Schätze, neue Ufer, Terra Incognita. Und immer die leise, irrationale Angst, vom Rand der Welt zu fallen.
Ablegen und einen Kurs setzen heißt: Loslassen. Aber nicht nur das sichere Ufer der Gewohnheit. Es bedeutet auch – und das ist viel wichtiger – die Entscheidung und die Verantwortung für einen – einen – Kurs. Das Loslassen aller anderen Möglichkeiten. Ein Beginn ist also immer auch ein Abschied. Nicht nur vom Alten, sondern auch von allen Alternativen.
Vielleicht macht das, was man nicht tut, mehr Angst als das, was man tut.