Anfang und Ende eines jungen Abends
Am Abend lernte ich eine junge Studentin und ihre Freundin kennen. Ihre Freundin gefiel mir, die Studentin selbst wirkte mir jedoch zu unerreichbar. Eben wie ich mir eine Studentin während der Schulzeit vorgestellt hatte, hoch gewachsen, gut gekleidet, gar eine Frau, die mich zu tiefst einschüchterte.
Ihre Freundin machte perverse Witzchen, das war mir zu viel. Gerade erst kam ich nach einem lagen Tag in die geteilte Wohnung zurück, setzte mich erschlagen an den hölzernen Küchentisch und war wie in eine kühle Wanne geschmissen. Es traf mich der harte Einschnitt zwischen den nüchternen Arbeitsgedanken und dem herzlichen Lachen über unseren juvenilen Flaschenöffner. Mein Mitbewohner hatte die Beiden letzte Nacht kennen gelernt und direkt auf den heutigen Abend in unsere kleine Wohnung eingeladen.
Rauchen wollte ich nicht, nicht besonders. Ich bin ein miserabler Raucher. Das erste Bier hatte den Magen getroffen. Doch die Studentin wollte. Mitraucher sind inzwischen eben schwer zu finden. Ich bat sie, mir noch ein Bier Ruhezeit zu geben und sie gewährte.
Wir gingen schließlich in ein zum Zweck degradiertes Nebenzimmer, meines, und sie bat mir Feuer und Glimmstängel an. Attraktiv fand ich sie nun so alleine nicht, jedenfalls nicht so attraktiv wie ihre Freundin es war. Wir sprachen belanglos am offenen Fenster, über dies und das. Dennoch war es ein gutes Gespräch, Lippen und Ohren beschäftigt, ja, sogar gemeinsame Freunde hatten wir.
Sie rauchte schnell, sog in großes Zügen den Qualm in sich auf, und drückte den glühenden Kopf des Filters im Aschbecher aus. Bevor ich ihren Vorsprung erkannte, verließ sie mich ganz wortlos mit halb abgebrannter Zigarette in der Hand. Ich täusche vor auf der Toilette gewesen zu sein, damit die Anderen nicht denken würden, man hätte mich versetzt.
Es verging einige Zeit, gleichermaßen einige Flaschen Bier und Wein. Mehr Menschen kamen zu dem kleinen Küchenfest hinzu. Der Abend versprach sich plötzlich mehr, als morgen in der Früh nur schmerzlich belanglos geworden zu sein. Die Augen auf die Freundin der Studentin gerichtet, hatte ich den Plan gefasst, mich langsam zu ihren Sitznachbarn zu befördern und eroberte ihren Nebenplatz.
Die Studentin hatte einen anderen Plan. Ihr wirkte es plötzlich dringend, mich als Raucherpartner erneut in mein Nebenzimmer zu nehmen. Nicht aus Eifersucht, mit ihrer Freundin hatte ich noch kaum gesprochen. Immerhin war ich der einzig ihr bekannte Raucher, wenn man mich denn als solchen schimpfen darf, auf dem kleinen Fest. Etwas ärgerlich gab ich nach, lies mir aber versprechen, den Platz neben der Freundin reserviert zu wissen.
Wieder gingen die Studentin und ich in das Nebenzimmer. Auch dieses Mal bot sie mir Streichhölzer und Zigarette an.
Sie glaube nicht, dass sie ihr jetziges Leben verdiene.
Ihre Nüchternheit war der Ehrlichkeit gewichen doch die Klarheit noch nicht von der Trunkenheit erdrückt. Perplex lies ich meinen Mund geschlossen, um sie zur Ausführung des plötzlich Gesagten zu nötigen. Sie stockte ebenfalls, denn sie hatte mit ihrem Ausspruch so viel mehr von sich offenbart, als sie es je beabsichtigt hatte.
Kurz überlegte sie noch, dann fuhr sie fort. Alle Menschen um sie herum scheinen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und ihre Konsequenzen daraus zu tragen, obgleich zum Guten oder Schlechten. Sie jedoch hätte das noch nie getan. Alles Gute komme ihr in den Schoß geflogen, selbst das für viele Unerreichbare.
Sie lebe vor sich hin, in den Tag hinein, fühlt das verantwortliche Leben weit von sich entfernt. All die hart arbeitenden Menschen um sie herum; jeden Tag gehen diese ihren wichtigen Berufen nach. Sie fühle sich schuldig, so einfach ein gutes Leben führen zu können.
Sie sah mich an und öffnete den Mund, nur um ihn gleich darauf wieder zu schließen. Sie überlegte kurz und sagte dann sie arbeite vier mal die Woche halbtags in einer Buchhandlung, den Job hat sie über einen Verwandten bekommen. Das Geld reicht ihr. Sie ist wirklich glücklich, das vermutet sie zumindest.
Ein letztes Mal zieht die Studentin an ihrer Zigarette und wirft den verbrauchten Stummel aus dem Fenster. Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange und lässt mich wieder alleine zurück. Ich denke an ihre Freundin.