Auf dem Tisch liegt eine Tafel Schokolade in brauner Verpackung. Herr M. weiß bereits, was als nächstes passieren wird. Eine Hand streckt sich rechts vom ihm nach der Tafel aus, alles ist ihm stumm, obwohl Lachen die dicke Luft durchdringt. Die Hand sagt einen Satz, dessen einzelne Worte bereits aufgestellte Gefäße mit ihren Silben füllen. Die Hand verlängert sich in einen Arm, wiederum mit einer Fratze verbunden. Das breite Grinsen dieser verzieht die mit Muskeln durchzogene Haut des Mundwinkels schmerzhaft an die Seite der gerümpften Nase. Es ist, als spiele sich ein Todeskampf in Krämpfen auf diesem Gesicht ab, die lachend angespannte Kehle schnürt die Luft im hohlen Halse ab.
Herr M. dreht den Kopf zu seiner linken, doch bereut es im selben Augenblick. Er weiß, dass er genau dies immer hätte tun sollen, schon immer getan hat. Er hätte es zuvor nicht aussprechen können, doch spürt er, dass es diese Bewegung ist, welche ihn nahe an etwas Fernes bringt. Sein Kopf dreht sich hin zu der jungen Frau. Sie sieht ihn ebenfalls lachend an, jedoch zarter, das Lachen des Mannes jetzt stumpf im Ohr. Als das Lachen stoppt hätte Herr M. sagen können, dass es genau nun hätte aufhören sollen. Sie öffnet den Mund um Wörter zu sprechen. Kurz vor dem Erreichen der einzelnen Wörter in seinem Bewusstsein trifft Herrn M. eine Welle aus Übelkeit, denn er kennt sie bereits, sie waren immer jetzt hier.
Sie spricht ihren Satz. Ein jedes Wort bekommt ein kleines Gefäß bereitgestellt. Kurze Wörter bekommen kurzes Gläschen, lange Wörter bekommen ein hohes Glas, jedes Wort ein exakt auf seine Länge zugeschnittenen Behälter. Spricht sie ihren Satz, schieben sich die Wörter langsam über diese Reihe aus Gläsern und jedes Wort füllt sein Gläschen bis an ein die Oberkante genau aus. Alles ist so klar.
Nachdem der Satz ausgesprochen ist, fällt es Herrn. M schwer zu atmen. All seine Gefäße sind voll.
Er will aufstehen, den Raum verlassen, doch kennt er den unsichtbaren Plan. Wird er seine Füße von sich weg drücken, dann wird er das hätten tun sollen. Er wird es tun müssen, um nicht vor den beiden Lachenden gegen die Innenseite seines leeren Magens zu würgen. Einer der Beiden spricht ihn an, doch kann er die Worte nicht verstehen, da sie schon immer genau jetzt hier waren. Immer schon in diesem Augenblick auf ihn warteten, im Raum lagen, lediglich nun von dem vorausgehenden Satz aufgeholt wurden. Wie kann er die Worte verstehen die schon immer hier waren, er kann doch nur verstehen was ihm gesagt wird, mit Bewegung gegen seine Ohren prischt. Die Worte bewegten sich zwar aus dem Mund der Lachenden, doch waren es nicht die ihren, es waren die Wörter, die ihnen von diesem Augenblick in den Mund gelegt worden sind.
Für einen Moment denkt Herr M., er kenne die Wörter aus der Vergangenheit, ein Déjà-Vu, ein einfacher Streich der Erinnerungen, des Verstands. Ja, das ist es. Herr M. besinnt sich auf diesen Fakt, doch merkt er, dass er diese Besinnung immer hier und jetzt gehabt haben sollte, dass sie ein Teil dieses Moments ist und er sie gleich wieder verwerfen wird und immer sollte. Diese Halle vor seinem inneren Auge, dieses leere Schauspiel, welches die Augen ihm bieten, ist keine Erinnerung, es ist kein Sehen des Gewesenen, nicht einmal der nahen Zukunft. Herr M. sieht das Spiel der Lachenden vor sich, es hätte schon immer jetzt passieren sollen und sich schon seit einer Ewigkeit hier aufgebaut, in seinem Jetzt. Gestern gab es an diesem Ort auch ein Jetzt, doch es war ein anderes gewesen, im Wissen, dass es dem heutigen werde weichen müssen. Das Jetzt der Lachenden war damals auch hier im Raum, doch musste es erst seine Zeit abwarten und durfte sich nun entfalten.
Herr M.`s Magen bebt vor Übelkeit, ein Impuls aus Fleisch erklimmt in einer Welle das Innere seines Brustkorbs, hoch bis in den Rachen. Er bewegt seinen Körper zum Aufstehen. Da ist es wieder, das Jetzt, er versucht vor ihm zu entkommen, er will es nicht einholen. Sein Selbst bringt sich dagegen auf, ein entelechisches Selbst, höher als der eigene Wille. Der Geruch von Eisen schießt in seine Nasenflügel und füllt wie ein schweres Gas das innere seines leeren Schädels aus. Herr M. will seinem Körper klar machen, dass er diesen Kampf nicht führt, lediglich auf einem Schlitten diesen Hang herunter rast, unfähig anzuhalten. Das Atmen gleicht einem unterdrücktem Würgen, jedes einsaugen der Luft stopft diesen knochigen Haarballen mit mehr eisenem Gas. Den Kopf in eine Leere fallen fühlend, stemmt er die Füße gegen das Parkett und findet im Vorschnellen des Kopfes sein Gleichgewicht wieder. Eine wortlose Entschuldung stammelnd, verlässt Herr M. den Raum.
Die Bewegung seines Körpers in aufrechte Position ist das aufholen seines Körpers in nächsten Moment, denn dort hätte er schon immer sein sollen, es war so unumgänglich. Würgend schiebt sich sein Leib aus dem Raum, hinaus in einen gelben Flur, stets seinen Leib des nächsten Moment einholend. Torkelnd und mit schaudernden Wellen der Übelkeit erreicht Herr M. einen einsamen Sessel. Das Hinsetzen ist weitaus leichter als das angrenzende Stehen.
Die Augen geschlossen entfernt er sich von allen Gedanken, von allen Aktivitäten bis auf das Atmen, einem ständigen Schlag der Zeit. Wie bei einem Metronom gleicht ein Schlag dem anderen, das Jetzt ist kein Faktor den dies zu beachten braucht. Die Atemzüge verschmelzen zu einer ewigen Masse. Ohne Körper, ohne nächstes Tun in dieser Masse, das es aufzuholen gilt, entfernt sich Herr M. immer weiter von diesem Jetzt. Das verhasste Gefühl des Kommenden tauscht sich wieder gegen das Hinterhertraben ein, endlich im Nichtwissen um das Sollen.
Herr M. öffnet die Augen. Der Magen schmerzt noch von der Übelkeit, doch der nächste Moment ist ihm ungewiss. Erleichterung mildert die Bilder in seinen Verstand. All dieses Geschehen der letzten Sekunden, er sah das Jetzt und holte es näher und näher ein, sah was hat werden sollen und daher wurde. Der Gedanke war Herrn M. nicht zu ertragen, dass es ein Jetzt geben sollte, das es unvermeidlich aufzuholen galt. Was, wenn er es erreichen würde? Was, wenn er es einmal verlieren sollte?












