Um 2003
Gamw over!
Ich bin 11 Jahre alt und bin neulich zum ersten Mal der Musik der Beatles begegnet, nämlich indem ich mit meiner Mutter und meinen Schwestern den Film “A Hard Day’s Night” auf DVD gesehen habe.
Wir finden den Film alle ganz toll und sehen ihn auch mehrmals, und ich bin enttäuscht, dass in der CD-Sammlung meiner Eltern nur zwei eher späte Alben von den Beatles zu finden sind.
Bald trifft ein Schatz per Post ein, der uns viele Jahre begleiten wird: Ein Freund meiner Eltern aus Studienzeiten hat uns eine CD-Rom kopiert, auf der die gesamte Diskographie der Beatles zu finden ist! Es handelt sich nicht um mp3s in einer Ordnerstruktur, sondern um eine Software (die immerhin nicht erst installiert werden muss) mit eigenem integriertem Player und eigenen Spezial-Bugs. Die Alben werden, nach Erscheinungsjahr sortiert, rasterförmig angezeigt. Man kann alphabetisch nach einzelnen Songs suchen, einzelne Lieder auf Repeat hören, bei den meisten Liedern sogar den Songtext mitlesen.
Abspielen können meine nächstältere Schwester und ich diese CD-Rom auf dem abgelegten Windows98-PC unserer Eltern, der jetzt in unserem Kinderzimmer steht. Dass die angeschlossenen Aktivboxen irgendeinen Wackelkontakt haben, macht die Sache schwieriger, weil die Alben in einer nicht so toll abgemischten Version vorliegen. Manchmal hören wir dann halt nur den Gesang oder nur die Drums.
Wir können jetzt also so viel Beatles-Musik hören, wie unser Herz begehrt. In den Sommerferien begehrt unser Herz sehr sehr viel Beatles-Musik. Dazu müssen wir den Computer anschalten, weil die CD ja keine Musik-CD ist. Man könnte behaupten, dass wir in dieser Zeit unsere ersten Erfahrungen im Bereich “idlen” sammeln: Wir sitzen am Computer, aber haben gar nicht wirklich etwas zu tun. Gelegentlich wird der Monitor ausgeschaltet und die Musik läuft im Hintergrund weiter.
Sehr gut finden wir es aber auch, beim Beatleshören kleine Spiele zu spielen. Viele Stunden verbringen wir mit HEX-TET, einer Share-Ware-Version von Tetris, bei der graue sechseckige Steinchen vor schwarzem Hintergrund fallen. Das Spiel ist verbuggt, aber nicht so sehr, dass man es nicht spielen könnte. Wir werden bei den Klängen von LOVE LOVE ME DO oder ANYTIME AT ALL zu Hex-Tet-Profis. Verliert man, poppt ein Pop-Up auf, das verkündet: Gamw over! Klickt man auf die einzige Schaltfläche (”OK”), wird ein neues Spiel gestartet.
Auch Mahjongg in einer Share-Ware-Version spielen wir viel. Man kann verschiedene Tilesets einstellen. Mir gefällt besonders das Set mit den mittelalterlichen Bildchen.
Seit der Windows98-PC in unserem zu zweit geteilten Kinderzimmer steht, kennen wir uns damit bestens aus. Es kommt vor, dass wir Stunden damit verbringen, in Paint Bilder zu malen oder in Word alle Schriftarten und WordArts durchzuprobieren. Auch die Einstellungen von Mahjongg durchforste ich selbstverständlich eines Tages. “Haha”, denke ich, “man kann ja die Mitteilung, dass keine Moves mehr possible sind, deaktivieren. Das wird ein Spaß, wenn ich das umstelle, bevor R. das nächste Mal spielt.” Gesagt, getan. Ich deaktiviere die “No more moves possible” Meldung und warte ungeduldig, bis R. wieder Mahjongg spielt.
Die erste Runde gewinnt sie, weil bis zum Schluss moves possible sind. Die zweite Runde dauert sehr lange. Es liegen noch viele Steine auf dem Spielfeld, sie findet aber einfach keine mehr, die zusammengehören. Ich werde mich bis 2019 über diesen besten Prank aller Zeiten freuen. R. hingegen vergisst nach meiner kichernden Erklärung schon nach etwa einem Tag, was passiert ist, und wird erst durch einen angeberischen Tweet von mir im Jahre 2018 wieder daran erinnert.
(Esther Seyffarth)












