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Buch: Der Fächer des Lebens (Märchen aus Asien)
Herausgegeben und übersetzt Monika Huchel
Illustrationen Irmild und Hilmar Proft
Das Geschenk der Seejungfrau
Vor langer, langer eit, als die heutige Stadt Tono noch ein ganz kleines Dorf war, lebte in dieser Gegend ein Bauer mit Namen Magosiro. Magosiro war fleißig, er arbeitete, ohne je die Hände in den Schoß zu legen, doch aus seiner bitteren Armut kam er nicht heraus. Obendrein nannte er seine Frau sein eigen, die böse war und dauernd mit ihm zankte. Nicht umsonst heißt es: Ein böses Weib ist wie hundert Jahre Mißernte. Im Haus war einfach kein Auskommen mit ihr, dauernd knurrte und brummte sie, ohne aufzuhören.
Nur eine Freude kannte Magosiro: das Gras am Abhang des Berges Monomi zu mähen. Manchmal hatte er dann, noch ehe die Abendröte am Himmel aufloderte, so viel Gras gemäht, wie es kein anderer bis zum Abend geschafft hätte. So konnte er ein wenig verschnaufen.
Magosiro legte die Sense aus der Hand und freute sich daran, wie die Sonne über der fernen Stadt versank. Den ganzen langen Tag über war ihm keine so glückliche Minute beschert.
Ein anderes Mal schnitt Magosiro Gras am Ufer eines Bergsees. Plötzlich war ihm, als rufe ihn jemand: „Magosiro-dono, Magosiro-dono!“
Er schaute sich um: Es war niemand zu sehen. „Ich muss mich verhört haben“, dachte Magosiro bei sich und schwang seine Sense. Doch da erklang es deutlich zum zweiten mal. „Magosiro-dono, Magosiro-dono!“
Er richtete sich auf und blickte in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war. Was für ein Wunder! Auch nicht eine Seele war bisher hier gewesen, und nun tauchte plötzlich – wer weiß, woher – ein junges Mädchen am Seeufer auf. Es war von solcher Schönheit, wie Magosiro sie noch nicht einmal im Traum gesehen hatte. Das Mädchen lächelte freundlich und winkte Magosiro mit der Hand zu sich. Und plötzlich spürte Magosiro, wie seine Füße ihn von selber zum See trugen. „Ach, ich bin verloren, gleich werde ich im Morast versinken“, dachte er voll Schreck und konnte der unsichtbaren Gewalt doch nicht widerstehen. Schritt für Schritt ging er weiter, irgendetwas zog ihn un ließ ihn vor dem Mädchen haltmachen.
Mit einer höflichen Verneigung grüßte ihn das Mädchen und sprach folgende Worte zu ihm: „Magosiro-dono, ich habe eine große Bitte an dich. Ich hörte, daß alle Bewohner deines Dorfes sich anschicken, in den nächsten Tagen eine Wallfahrt zum Miya-Tempel zu machen. Wirst du auch mitgehen?“ Bei diesen Worten wurde es Magosiro leichter ums Herz.
„Wo habe ich Armer schon das Geld dazu?“ antwortete er.
„Darum sorge dich nicht, Geld wirst du haben. Nur bitte ich dich, mir einen Wunsch zu erfüllen“, sagte das Mädchen und senkte traurig den Kopf. Dann fuhr es in seiner Rede fort: „Um dir die Wahrheit zu sagen, ich bin eine Wasserjungfrau und wohne hier auf dem Grund des Sees. Ich bin so allein, ich habe solche Sehnsucht! Schon in früher Kindheit wurde ich von meiner liebsten, älteren Schwester getrennt. Sie lebt im See Ko, weit von hier, bei der Stadt Osaka. Seit langem habe ich keine Kunde von ihr, und ich mache mir Sorgen, wie sie lebt, wie es ihr geht. Deshalb möchte ich so sehr gern, daß du ihr einen Brief von mir mitnimmst, wenn du zum Miya-Tempel gehst. Ich bitte dich sehr, schlage es mir nicht ab.“
Der gutherzige Magosiro war sofort bereit, des Mädchens Bitte zu erfüllen, ohne dafür eine Belohnung zu verlangen.
„Natürlich bringe ich den Brief dorthin“, sagte er. „Wenn meine Frau mich nur gehen läßt! Sie ist nicht gut auf mich zu sprechen.“
„Bitte sie darum und geh auf jeden Fall. Meine ganze Hoffnung setze ich auf dein gutes Herz.“
Bei diesem Worten zog das Mädchen den Brief und einen Beutel unter ihrer Jacke hervor. „Hier hast du einen Wunderbeutel“, sagte es. „Es sind genau hundert Mon darin. Wenn du alle Münzen, außer der letzten, ausgegeben hast, wird der Beutel bis zum nächsten Morgen wieder gefüllt sein wie vorher. Der Beutel wird dir gute Dienste leisten, bis du wieder zu Hause bist. Nur denk daran: Die letzte Münze darfst du nicht ausgeben.“
Danach erzählte ihm die Seejungfrau noch, wie er den See Ko finden konnte und welches Zeichen er dort geben sollte.
„Leb wohl nun, und gute Reise“, sagte das Mädchen. „Und hüte dich, zu jemandem über das zu reden, was du hier gesehen und gehört hast.“
Nach diesen Worten verschwand die Wasserjungfrau aus seinen Augen, als habe es sie nie gegeben. Nur leichte Kreise liefen über das Wasser, und die weißen Morgenwolken bewegen sich lautlos auf den Wellen. Magosiro rieb sich die Augen, als sei er gerade aus tiefem Schlaf erwacht.
Ringsum war es leer und öde, nur zwei Krähen flogen mit lautem Krächzen über den Himmel, Aber der Brief und der Beutel waren in seinen Händen zurückgeblieben, also war es kein Traum gewesen. Magosiro stand eine lange Weile unschlüssig, doch dann wurde es Zeit, an die Arbeit zu gehen. Nicht gerade freundlich würde ihn seine Frau empfangen, wenn er sich verspätete! Und schnell nahm Magosiro die Sense wieder zur Hand.
Die Vorbereitungen zur Wallfahrt zum Miya-Tempel waren in vollem Gange, und auch Magosiro verkündete, daß er mitziehen wolle.
Das hörte seine Frau, und sie fing sofort an zu schreien: „Nicht einen Kupfergroschen gebe ich dir dafür! Stirb doch unterwegs vor Hunger!“
Lange redete Magosiro auf seine Frau ein, er sagte dies und das, er bat und flehte, nur vom Wunderbeutel sagte er kein Wort.
Tatsächlich brauchte Magosiro sich auf dem langen Weg nicht um Geld zu sorgen. Alle Münzen gab er aus, nur eine nicht, die letzte, und am Morgen war der Beutel wieder voll. Doch Magosiro dachte erst zuletzt an sich. Vielen Weggefährten half er, wenn sie in Not gerieten, und bei jeder Rast speiste er die Hungrigen. Gemeinsam mit den anderen besuchte er den Miya-Tempel, auch in der Stadt Osaka blieb er noch eine Weile mit ihnen zusammen. Aber dann trennte er sich von den anderen und ging allein zum See Ko.
Seit undenklichen Zeiten waren die schrecklichsten Geschichten über diesen See im Umlauf. Es hieß, ein böser Geist treibe dort sein Unwesen, und alle Menschen aus dieser Gegend fürchteten ihn sehr.
Mutig begab sich Magosiro direkt zum Seeufer und klatschte dreimal kräftig in die Hände, wie die Seejungfrau ihm geraten hatte. Da blitze plötzlich in der Tiefe des Sees etwas auf, und ein goldener Streifenlief auf das Ufer zu. Der Streifen zersprühte zu goldenen Tropfen, und schon stand vor Magosiro ein Mädchen von erlesener Schönheit.
Das Mädchen las den Brief und sagte unter Freudentränen: „O welches Glück! Dank deiner Hilfe habe ich Nachricht von meiner Schwester, von der ich so früh getrennt wurde. Bist du einverstanden, eine Nachricht für sie mitzunehmen? Wie würde sie sich freuen!“
Magosiro neigte als Zeichen der Zustimmung den Kopf.
„Dann warte ein wenig“, sagte das Mädchen und verschwand in den Wellen. Als es wieder ans Ufer kam, folgte ihm aus der Tiefe des Sees eine weiße Wolke und lief auf das Ufer zu. Plötzlich sprang mit lautem Plätschern ein Pferd aus dem Wasser, das war weiß wie Schnee.
Das Mädchen überreichte dem staunenden Magosiro den Brief.
„Ich bitte dich“, sagte es, „gib ihn meiner Schwester.“ Und mit freundlichem Lächeln fuhr es fort. „Um meinetwillen hast du dich von deinen Gefährten getrennt, doch mit diesem Pferd wirst du sie schnell wieder einholen. Nur öffne die Augen nicht, bevor das Pferd anhält.“
Magosiro schwang sich aufs Pferd, packte die Mähne und kniff die Augen zu.
Das Pferd wieherte laut, machte ein paar Sätze und hob sich plötzlich wie ein Vogel in die Lüfte. Magosiro spürte, wie sie hoch und höher am Himmel dahinflogen, nur der Wind pfiff ihm um die Ohren.
Endlich klopften die Hufe kräftig den Boden, und das Pferd stand wie angenagelt. Magosiro machte die Augen auf. Da fand er sich vor einem Teehaus, hoch auf einem Gebirgspaß.
Aus dem Teehaus kamen Leute herausgelaufen. Es waren Magosiros Weggefährten. Sie überschütteten ihn mit Fragen: „Wie kommst du hierher? Woher bist du gekommen? Bist du vom Himmel gefallen…?“
Auch der Wirt des Teehauses fragte ihn verwundert: „Tatsächlich, woher kommst du? Auf der Seite, woher du kamst, sind nur unbezwingbare Berge, und keine Wege führen hierher. Wie konntest du durch Gegenden gelangen, die noch nie eines Menschen Fuß betrat?“ Magosiro murmelte wie im Schlaf etwas Unverständliches, und niemand konnte den Sinn erraten.
Nachdem er wieder in sein Dorf zurückgekehrt war, ging er gleich am nächsten Morgen zum See am Berg Monomi und klatschte dreimal laut in die Hände. Wellen liefen über den See, goldener Schaum leuchtete auf, und Magosiro sah plötzlich das schöne Mädchen vor sich stehen. ER begrüßte die Seejungfrau und gab ihr den Brief.
Überglücklich bedankte sich die Seejungfrau bei Magosiro und schenkte ihm zur Belohnung eine kleine steinerne Mühle. Dazu sprach sie: „Lege jeden Tag ein Reiskorn in die Mühle, Drehe den Mühlstein einmal, und das Reiskorn wird zu Gold. Doch gib acht, daß du nie mehr als ein Reiskorn in die Mühle legst; auch darfst du den Mühlstein immer nur einmal am Tag drehen.“
Magosiro stellte die steinerne Mühle auf seinen Hausaltar. Jeden Tag schenkte die Mühle ihm ein Goldkorn. Und nach und nach wurde Magosiro ein reicher Mann.
Doch seine böse Frau war das zu wenig. Bekanntlich ist ein undankbarer Mensch wie ein löchriger Eimer.
„Denk doch, bloß ein einziges Korn täglich!“ keifte sie. „Nur ein Dummkopf wie du versteht es nicht, mehr zu mahlen. Warte, ich nehme die Sache selbst in die Hand!“
Eines Tages, als Magosiro nicht zu Hause war, schüttet die Frau eine ganze Suppenschüssel voll Körner in die NMühle und drehte den Mühlstein, daß es nur so krachte.
Plötzlich sprang die Mühle vom Hausaltar heraunter und rollte durch die Tür davon. Vergebens jagte die Frau hinter ihr her. Schnell und immer schneller fiel die Mühle von Abhang zu Abhang und tauchte schließlich mit lauten Plumps im See unter. Nur große Kreise drehten sich noch auf dem Wasser. Für alle Zeiten blieb sie verschwunden.