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Buch: Der Fächer des Lebens
Herausgegeben und übersetzt Monika Huchel
Illustrationen Irmild und Hilmar Proft
Damdin, der Musikant
Damdin war der Sohn eines armen Araten. Als er herangewachsen war, sagte sein Vater zu ihm: „Nichts Rechtes verstehst du zu machen. Verlaß die väterliche Jurte und lerne unter fremden Menschen, wie man leben muß.“
Damdin ging fort, drei Jahre waren verflossen, im vierten kehrte er heim. Der Vater fragte ihn: „Was hast du gelernt? Erzähle!“
„Ich habe die zweisaitige Geige spielen gelernt“, antwortete Damdin. Da erzürnte der Vater sich sehr und sprach: „Anderer Väter Söhne verstehen, das Vieh zu weiden, die Pferde zuzureiten, doch du kannst nur die zweisaitige Geige spielen. Welchen Nutzen brächte mir deine Kunst?“
Damdin erwiderte: „Wer meinem Spiel lauscht, dem fällt das Leben leichter, dessen Herz schlägt fröhlicher!“
„Für meine Wirtschaft aber hat dein Spiel keinen Nutzen“, sagte der Vater.
„Also geh und lerne etwas Nützliches.“
Wieder verließ Damdin die elterliche Jurte. Er ging und ging und kam ans Meer. AM Ufer setzte Damdin sich auf einen Stein und spielte auf seiner zweisaitigen Geige. Wie lange er spielte – ich weiß es nicht. Doch plötzlich sah er ein junges Mädchen in einem weißen Kleid aus dem Meer herauskommen. Es ging auf Damdin zu und sagte: „Mein Vater schickt mich zu dir. Dein Spiel hat ihm gefallen. Komm mit mir.“ Damdin sah das Mädchen an, da konnte er seine Augen nicht mehr von ihm wenden. Eine solche Schönheit war ihm auf Erden noch nie begegnet. Die Tochter des Wasser-Khans aber nahm ihn bei der Hand und sagte: „Komm schnell, mein Vater erwartet uns, er wird böse, wenn wir nicht bald gehen.“
Da ergriff Damdin des Mädchens Hand und sprach: „Laß uns gehen. Ich glaube dir, daß du mir nichts Böses tust.“ Das Mädchen hieß ihn die Augen schließen und zog ihn mit sich fort ins Meer. Nur kurze Zeit war vergangen, da sagte das Mädchen: „Mach die Augen auf!“
Damdin tat, wie sie ihm gesagt hatte. Vor ihm lag ein in vielen Farben schillernder gläserner Palast. Inmitten des Palastes saß der Kahn des Meeres auf einem grünen Teppich. Das Mädchen brachte Damdin zum Wasser-Kahn. „Dein Spiel hat mir sehr gefallen“, sagte der Herrscher des Meeres. „Spiel, was du kannst!“ Damdin spielte, und alle lauschten. Er spielte einen Tag, einen zweiten, am dritten Tag wurde er müde und legte sein Instrument aus den Händen. „Hundert Jahren könnte ich dir zuhören“, rief der Kahn des Meeres. „Ewig sollst du für mich spielen. Ich schenke dir einen Palast und einen Berg Edelsteine.“
„Laß mich gehen, Kahn!“ bat Damdin. „Ich brauche keinen Palast und keine Edelsteine. Ich will auf der Erde leben, wo ich geboren bin, ich will, daß dir Menschen sich an meinem Spiel erfreuen.“
„Nein, ich lasse dich nicht fort! Nur ich allein will dein Spiel hören“, rief der Wasser-Kahn.
Damdin drückte die zweisaitige Geige an seine Brust und sagte: „Dann laufe ich eben weg!“
Der Wasser-Kahn lachte und frage: „Wer soll dir denn den Weg auf die Erde zeigen? Keiner! Vergiß die Welt. Bis zu deinem Tod wirst du hier leben, dein Spiel soll einzig mich ergötzen.“ In der Nacht war Damdin allein. Er spielte ein trauriges Lied. Sein Herz war ihm so schwer, daß er weinen mußte. Plötzlich hörte er eine Mädchenstimme: „Sei nicht traurig, ich helfe dir.“
Vor ihm stand die Tochter des Wasser-Kahns.
„Schließ deine Augen, halte dich an meiner Hand fest. Ich bringe dich auf die Erde zurück.“ Damdin schloß die Augen und ging hinter der Tochter des Wasser-Kahns her.
Eine lange Zeit verging. Damdin merkte nicht, wie er ans Meer gelangte. „Lebe glücklich auf deiner Erde“, sagte das Mädchen zu ihm und fing an zu weinen.
„Warum weinst du?“ fragte Damdin.
„Es tut mir leid, mich von dir zu trennen“, antwortete das Mädchen. „Mein Leben lang möchte ich dich spielen hören.“
„Dann bleibe bei mir hier auf der Erde“, sagte Damdin. „Wir werden zusammen in einer Jurte wohnen, und du wirst meine liebe Frau.“
Sie gingen durch die Steppe und sahen: Da standen viele Jurten. Und eine Jurte, die am Brunnen stand, war leer. Damdin ließ sich mit seiner Frau in dieser Jurte nieder und begann, sich um die Wirtschaft zu kümmern. Allerorts war Damdin bald ein gern gesehener Gast. Wem ein Unglück zustieß, der bat Damdin in seine Jurte. Damdin begann zu spielen, und schon verflog der Kummer. Wem das Herz schwer war vor Gram, zu dem kehrte von Damdins Spiel die Fröhlichkeit zurück.
Einige Zeit war vergangen, da ritt der Kahn mit seinen Ziriki in die Steppe. Er war zum Jagen hierhergekommen und hatte schon zwei Wachteln erlegt. Er rief seinen höchsten Noion zu sich und befahl ihm: „Reite zur nächsten Jurte und brate mir die Wachteln.“
Der Noion begab sich geradewegs in die Jurte am Brunnen. In der Jurte brannte der Herd. Der Noion legte die Wachteln ins Feuer, blickte sich um und sah Damdins Frau. Sie war von so unerhörter Schönheit, daß er kein Auge von ihr lassen konnte. Nicht satt sehen konnte sich der Noion an ihr und vergaß darüber die Wachteln. Und als sie ihm plötzlich wieder einfielen, war von den Wachteln nur noch ein Häufchen Asche übrig.
Vor Entsetzen schrie der Noion:
„Was mache ich bloß? Der Kahn wird mich enthaupten lassen.“
„Hab keine Angst“, entgegnete Damdins Frau. „Zufällig habe ich auch zwei Wachteln. Gleich brate ich sie, und du bringst die dem Kahn.“
Wie sie gesagt hatte, so tat sie. Sie briet die Wachteln und gab sie dem Noion. Der Kahn begann, von den Wachteln zu essen, doch sie wurden nicht alle. Er rief seine tausend Ziriki und bewirtete sie. Doch auch den tausend Ziriki gelang es nicht, die beiden Wachteln zu verspeisen.
Da erriet der Kahn, daß es keine gewöhnlichen Wachteln waren, er ließ den Noion holen und sagte: „Sprich, woher hast du die Wachteln?“
Der erschrockene Noion erzählte dem Kahn alles: wie er die schöne Frau in der Jurte am Brunnen erblickt hatte und wie diese Schönheit ihm dann später ihre eigenen Wachteln gebraten hatte.
Da befahl ihm der Khan: „Geh noch einmal in die Jurte am Brunnen und bringe mir den Mann der schönen Frau!“
Als die Frau merkte, daß der Khan den Noion geschickt hatte, ihren Mann zu holen, sagte sie zu Damdin: „Der Khan wird dir befehlen, mich ihm zur Frau zu geben. Du aber sagst ihm, du gäbest mich nur her, wenn er dich zweimal in unserer Jurte suche und auch fände. Fände er dich aber nicht, so müsse er dir tausend Pferde schenken.“
Damdin ritt zum Khan, und der Khan fragte ihn: „Was für eine Schönheit wohnt da in deiner Jurte?“
„Meine Frau“, antwortete Damdin.
„Sie soll in meiner Jurte wohnen!“
„Einverstanden“, entgegnete Damdin. „Nur suche du mich zuerst zweimal in meiner Jurte. Findest du mich, geschieht, was du willst. Findest du mich aber nicht, schenkst du mir tausend Pferde.“
Welcher Schlauheit sollte es schon bedürfen, einen Menschen in einer Jurte zu finden! Ein Blinder kann ihn dort finden. Der Khan willigte also ein und schickte Damdin in die Jurte, damit er sich versteckte.
Damdin ritt nach Hause und sagte zu seiner Frau:
„Gleich kommt der Khan mich suchen. Wo verberge ich mich?“
Die Frau bewegte ihre rechte Hand, sprach ein Zauberwort, und Damdin verwandelte sich in einen kleinen Stößel. Die Frau schüttete Körner in einen Mörser, nahm den Stößel zur Hand und setzte sich nieder, um die Körner zu zerkleinern.
Der Khan kam in die Jurte gestürmt und suchte Damdin in allen Ecken. ER suchte und suchte und fand ihn nicht.
Endlich verließ der Khan die Jurte und rief beim Hinausgehene. „Ich habe dich nicht gefunden, jetzt suche du mich. Findest du mich nicht, habe ich gewonnen.“
Die Frau sagte zu Damdin: „Dieser Khan kennt auch alle Zauberwörter und verwandelt sich, in was er will.“
Damdin ging aus der Jurte heraus und suchte den Khan ringsumher, konnte ihn aber nicht finden. Plötzlich entdeckte er etwas: Am Brunnen war ein junges Bäumchen aufgeschossen. Damdin erriet sofort, was es mit dem Baum auf sich hatte. ER trat an den Brunnenrand und sagte laut: „Was für ein schlankes, schönes Bäumchen! Ich werde einen Stiel für mein Taschur daraus machen.“
Damdin nahm ein Beil, doch der Baum fing plötzlich an zu schreien. „Fälle mich nicht, ich bin der Khan!“
Und alsbald verwandelte sich das Bäumchen in den Khan zurück. „Ich habe dich gefunden, gib mir die tausend Pferde“, sagte Damdin. Der Khan war nicht einverstanden, sondern erwiderte: „Verstecke dich ein zweites Mal, jetzt werde ich dich bestimmt finden.“ Damdin ging in die Jurte, seine Frau verzauberte ihn in eine kleine Fliege. Die Fliege setzte sich dem Kahn auf die Mütze und verhielt sich still. Die ganze Jurte durchwühlte der Khan, er konnte Damdin nicht finden. Wieder verließ er die Jurte und schrie zornig: „Ich habe dich nicht gefunden. Nun suche du mich. Findest du mich nicht, habe ich gewonnen.“
Da sagte die Frau zu Damdin: „Bei Sonnenuntergang kommen hundert weiße Schafe zum See und eine schwarze Ziege. Die schwarze Ziege ist der Khan.“
Damdin ging zum See, setzte sich nieder und wartete. ER hörte die Schafe blöken, sie kamen zur Wasserstelle. Er blickte auf, allen voran ging die schwarze Ziege. Damdin packte die Ziege bei den Hörnern und rief: „Schon lange suche ich Ziegenfell für meine Schuhe. Gleich werde ich diese Ziege abstechen.“
DA heulte die Ziege auf: „Laß mich los, ich bin der Khan.“
Und wieder stand der Khan vor ihm.
„Ich habe dich gefunden“, sagte Damdin. „Gib mir endlich die tausend Pferde.“
Wieder war der Khan nicht einverstanden. Er sagte: „Erst laß uns noch mit unseren Pferden um die Wette reiten. Der, dessen Pferd einen Weg von drei Tagen in drei Stunden zurücklegt, hat gewonnen.“
Traurig ging Damdin nach Hause und fragte seine Frau:
„Was soll ich bloß machen? Der Khan hat Tausend von Pferden, schnell wie ein Wirbelwind. Ich habe nicht einmal ein Fohlen.“
Da sprach die Frau zu ihm:
„Bevor der Tod nicht kommt, stirbt man nicht. Ehe der Kummer nicht da ist, grämt man sich nicht. Laß uns ans Meer gehen.“
Sie gingen zusammen zum Ufer. Damdin spielte auf seiner zweisaitigen Geige. DA schaukelten auf dem Meer die Wellen, und über den Wogen erschien der Kopf des Wasser-Khans. Die Tochter sagte zu ihrem Vater: „Gib uns dein allerschnellstes Fohlen!“
„Ich gebe es euch“, antwortete der Herrscher des Meeres. „Nur muß dein Mann bis Sonnenuntergang für mich spielen.“
Den ganzen Tag lang spielte Damdin am Meeresufer. Und als der Himmel rosenfarben wurde, lief vom Grund des Meeres ein kleines achtbeiniges Fohlen herauf.
Damdin legte dem Fohlen das Zaumzeug an und führte es zur Jurte. Das Fohlen konnte kaum traben. Viele Beine hatte es zwar, aber eins verhakte sich immer wieder am anderen.
Traurig sagte Damdin zu seiner Frau:
„Das Fohlen kommt kaum vorwärts. Wie kann es sich da mit den Pferden des Khans messen?“
Und wieder entgegnete tröstend die Frau:
„Bevor der Tod nicht kommt, stirbt man nicht. Ehe der Kummer nicht da ist, grämt man sich nicht. Reite morgen früh auf dem Fohlen zu See, warte dort auf den Khan.“
Damdin ritt am Morgen zum See und erwartete den Khan. Der Khan kam auf einem feurigen Rappen, der mit den Beinen trommelte. Vor seinem Wiehern legte sich das Gras der Steppe flach hin. Der Khan sah das kleine achtbeinige Pferd und fing an zu lachen. Mit ihm lachten die neunhundertneunundneunzig Ziriki und reifen:
„Besser, auf einer Kuh zu reiten, als auf solch einer Spinne!“
Der Khan hörte auf zu lachen und sprach:
„Reite voraus und siehe dich vor, wenn ich dir nachjage!“
„Galoppiere selber voraus“, erwiderte Damdin, „und ich setze dir nach.“ Der Khan zog seinem Rappen eins mit der Nagaika über und ritt los. Damdin wartete, bis der Khan seiner Sicht entschwunden war und riß am Zügel. Schneller als ein Blitz hob sich das achtbeinige Pferd in die Luft und wurde fortgeweht wie ein Sandkorn im Orkan. Damdin ritt bis ans Ende der Steppe und dann wieder zurück zum See. Doch der Khan war nirgends zu sehen. Erst am Mittag kam er wieder zum See.
„Gibst du mir jetzt die tausend Pferde?“ fragte Damdin.
„Erst wenn du es schaffst, das Wasser in diesem See zum Kochen zu bringen, gebe ich sie dir“, antwortete der Khan. „Kannst du es aber nicht, siehst du deine Frau nie wieder.“
Damdin ging in seine Jurte und erzählte alles seiner Frau.
„Gehen wir ans Meer“, sagte sie zu ihm.
Wieder standen sie am Meeresufer. Damdin spielte auf seinem Instrument, da begann das Wasser am Ufer zu tosen, und der Kopf des Khans der Meere tauchte auf.
Die Tochter sprach zu ihrem Vater:
„Du bist Herr über alle Wasser. Befiehl morgen dem See zu sieden. Doch mache es so, daß mein Mann sich nicht verbrüht.“
Der Wasser-Khan sagte:
„Wer so auf der zweisaitigen Geige zu spielen versteh wie du, dem kann ich nichts abschlagen. Ich gebe dir zwei Steinchen, ein weißes und ein schwarzes. Wirfst du das weiße in den See, wird der See kochen. Legst du dir das schwarze auf die Wange, kann kein kochendes Wasser dir etwas anhaben.“
Damdin kam zum See. Der Khan erwartete ihn schon. Mit ihm die neunhundertneunundneunzig Ziriki auf ihren Rappen.
„Nun, was ist? Kannst du das Wasser im See zum Kochen bringen?“
Unbemerkt warf Damdin das Steinchen in den See, und sofort brodelte das Wasser auf und kochte. Der Khan merkte, daß er wieder verloren hatte und sagte:
„Wenn du nun noch durch den siedenden See schwimmst, bekommst du die tausend Pferde.“
Damdin legte sich das schwarze Steinchen auf die Wange und sprang ins Wasser. Er schwamm ans andere Ufer und kehrte nach kurzer Zeit unversehrt wieder zurück.
Alle Ziriki staunten sehr, und Damdin sprach zum Khan:
„Zweimal habe ich den See durchquert. Jetzt kannst du ihn wenigstens einmal durchschwimmen!“
Der Khan dachte bei sich: „Er ist ein Musikant, ich aber bin Khan. Sollte ich denn nicht können, was er kann? Sind meine Ziriki etwa schwächer als dieser Bettler?“
Der Khan befahl seinen sämtlichen Ziriki, von den Pferden abzusitzen und hinter ihm in den See zu springen, Die Ziriki gehorchten. Doch noch nicht zehn Stöße hatten sie geschwommen, da verbrühten alle und sanken auf den Grund.
Damdin blieb allein am Ufer zurück. Er zählte die Pferde des Khans, es waren genau tausend. ER setzte sich auf den Rappen des Khans und jagte mit der ganzen Pferdeschar zu seiner Jurte. Seit dieser Zeit lebten seine Frau und er ohne jeden Kummer.
Und Tag für Tag erquickte er die lauschenden Nachbarn mit seinem Spiel auf der zweisaitigen Geige.
(So klingt eine zweisaitige Geige)
Buch: Der Fächer des Lebens (Märchen aus Asien)
Herausgegeben und übersetzt Monika Huchel
Illustrationen Irmild und Hilmar Proft
Das Geschenk der Seejungfrau
Vor langer, langer eit, als die heutige Stadt Tono noch ein ganz kleines Dorf war, lebte in dieser Gegend ein Bauer mit Namen Magosiro. Magosiro war fleißig, er arbeitete, ohne je die Hände in den Schoß zu legen, doch aus seiner bitteren Armut kam er nicht heraus. Obendrein nannte er seine Frau sein eigen, die böse war und dauernd mit ihm zankte. Nicht umsonst heißt es: Ein böses Weib ist wie hundert Jahre Mißernte. Im Haus war einfach kein Auskommen mit ihr, dauernd knurrte und brummte sie, ohne aufzuhören.
Nur eine Freude kannte Magosiro: das Gras am Abhang des Berges Monomi zu mähen. Manchmal hatte er dann, noch ehe die Abendröte am Himmel aufloderte, so viel Gras gemäht, wie es kein anderer bis zum Abend geschafft hätte. So konnte er ein wenig verschnaufen.
Magosiro legte die Sense aus der Hand und freute sich daran, wie die Sonne über der fernen Stadt versank. Den ganzen langen Tag über war ihm keine so glückliche Minute beschert.
Ein anderes Mal schnitt Magosiro Gras am Ufer eines Bergsees. Plötzlich war ihm, als rufe ihn jemand: „Magosiro-dono, Magosiro-dono!“
Er schaute sich um: Es war niemand zu sehen. „Ich muss mich verhört haben“, dachte Magosiro bei sich und schwang seine Sense. Doch da erklang es deutlich zum zweiten mal. „Magosiro-dono, Magosiro-dono!“
Er richtete sich auf und blickte in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war. Was für ein Wunder! Auch nicht eine Seele war bisher hier gewesen, und nun tauchte plötzlich – wer weiß, woher – ein junges Mädchen am Seeufer auf. Es war von solcher Schönheit, wie Magosiro sie noch nicht einmal im Traum gesehen hatte. Das Mädchen lächelte freundlich und winkte Magosiro mit der Hand zu sich. Und plötzlich spürte Magosiro, wie seine Füße ihn von selber zum See trugen. „Ach, ich bin verloren, gleich werde ich im Morast versinken“, dachte er voll Schreck und konnte der unsichtbaren Gewalt doch nicht widerstehen. Schritt für Schritt ging er weiter, irgendetwas zog ihn un ließ ihn vor dem Mädchen haltmachen.
Mit einer höflichen Verneigung grüßte ihn das Mädchen und sprach folgende Worte zu ihm: „Magosiro-dono, ich habe eine große Bitte an dich. Ich hörte, daß alle Bewohner deines Dorfes sich anschicken, in den nächsten Tagen eine Wallfahrt zum Miya-Tempel zu machen. Wirst du auch mitgehen?“ Bei diesen Worten wurde es Magosiro leichter ums Herz.
„Wo habe ich Armer schon das Geld dazu?“ antwortete er.
„Darum sorge dich nicht, Geld wirst du haben. Nur bitte ich dich, mir einen Wunsch zu erfüllen“, sagte das Mädchen und senkte traurig den Kopf. Dann fuhr es in seiner Rede fort: „Um dir die Wahrheit zu sagen, ich bin eine Wasserjungfrau und wohne hier auf dem Grund des Sees. Ich bin so allein, ich habe solche Sehnsucht! Schon in früher Kindheit wurde ich von meiner liebsten, älteren Schwester getrennt. Sie lebt im See Ko, weit von hier, bei der Stadt Osaka. Seit langem habe ich keine Kunde von ihr, und ich mache mir Sorgen, wie sie lebt, wie es ihr geht. Deshalb möchte ich so sehr gern, daß du ihr einen Brief von mir mitnimmst, wenn du zum Miya-Tempel gehst. Ich bitte dich sehr, schlage es mir nicht ab.“
Der gutherzige Magosiro war sofort bereit, des Mädchens Bitte zu erfüllen, ohne dafür eine Belohnung zu verlangen.
„Natürlich bringe ich den Brief dorthin“, sagte er. „Wenn meine Frau mich nur gehen läßt! Sie ist nicht gut auf mich zu sprechen.“
„Bitte sie darum und geh auf jeden Fall. Meine ganze Hoffnung setze ich auf dein gutes Herz.“
Bei diesem Worten zog das Mädchen den Brief und einen Beutel unter ihrer Jacke hervor. „Hier hast du einen Wunderbeutel“, sagte es. „Es sind genau hundert Mon darin. Wenn du alle Münzen, außer der letzten, ausgegeben hast, wird der Beutel bis zum nächsten Morgen wieder gefüllt sein wie vorher. Der Beutel wird dir gute Dienste leisten, bis du wieder zu Hause bist. Nur denk daran: Die letzte Münze darfst du nicht ausgeben.“
Danach erzählte ihm die Seejungfrau noch, wie er den See Ko finden konnte und welches Zeichen er dort geben sollte.
„Leb wohl nun, und gute Reise“, sagte das Mädchen. „Und hüte dich, zu jemandem über das zu reden, was du hier gesehen und gehört hast.“
Nach diesen Worten verschwand die Wasserjungfrau aus seinen Augen, als habe es sie nie gegeben. Nur leichte Kreise liefen über das Wasser, und die weißen Morgenwolken bewegen sich lautlos auf den Wellen. Magosiro rieb sich die Augen, als sei er gerade aus tiefem Schlaf erwacht.
Ringsum war es leer und öde, nur zwei Krähen flogen mit lautem Krächzen über den Himmel, Aber der Brief und der Beutel waren in seinen Händen zurückgeblieben, also war es kein Traum gewesen. Magosiro stand eine lange Weile unschlüssig, doch dann wurde es Zeit, an die Arbeit zu gehen. Nicht gerade freundlich würde ihn seine Frau empfangen, wenn er sich verspätete! Und schnell nahm Magosiro die Sense wieder zur Hand.
Die Vorbereitungen zur Wallfahrt zum Miya-Tempel waren in vollem Gange, und auch Magosiro verkündete, daß er mitziehen wolle.
Das hörte seine Frau, und sie fing sofort an zu schreien: „Nicht einen Kupfergroschen gebe ich dir dafür! Stirb doch unterwegs vor Hunger!“
Lange redete Magosiro auf seine Frau ein, er sagte dies und das, er bat und flehte, nur vom Wunderbeutel sagte er kein Wort.
Tatsächlich brauchte Magosiro sich auf dem langen Weg nicht um Geld zu sorgen. Alle Münzen gab er aus, nur eine nicht, die letzte, und am Morgen war der Beutel wieder voll. Doch Magosiro dachte erst zuletzt an sich. Vielen Weggefährten half er, wenn sie in Not gerieten, und bei jeder Rast speiste er die Hungrigen. Gemeinsam mit den anderen besuchte er den Miya-Tempel, auch in der Stadt Osaka blieb er noch eine Weile mit ihnen zusammen. Aber dann trennte er sich von den anderen und ging allein zum See Ko.
Seit undenklichen Zeiten waren die schrecklichsten Geschichten über diesen See im Umlauf. Es hieß, ein böser Geist treibe dort sein Unwesen, und alle Menschen aus dieser Gegend fürchteten ihn sehr.
Mutig begab sich Magosiro direkt zum Seeufer und klatschte dreimal kräftig in die Hände, wie die Seejungfrau ihm geraten hatte. Da blitze plötzlich in der Tiefe des Sees etwas auf, und ein goldener Streifenlief auf das Ufer zu. Der Streifen zersprühte zu goldenen Tropfen, und schon stand vor Magosiro ein Mädchen von erlesener Schönheit.
Das Mädchen las den Brief und sagte unter Freudentränen: „O welches Glück! Dank deiner Hilfe habe ich Nachricht von meiner Schwester, von der ich so früh getrennt wurde. Bist du einverstanden, eine Nachricht für sie mitzunehmen? Wie würde sie sich freuen!“
Magosiro neigte als Zeichen der Zustimmung den Kopf.
„Dann warte ein wenig“, sagte das Mädchen und verschwand in den Wellen. Als es wieder ans Ufer kam, folgte ihm aus der Tiefe des Sees eine weiße Wolke und lief auf das Ufer zu. Plötzlich sprang mit lautem Plätschern ein Pferd aus dem Wasser, das war weiß wie Schnee.
Das Mädchen überreichte dem staunenden Magosiro den Brief.
„Ich bitte dich“, sagte es, „gib ihn meiner Schwester.“ Und mit freundlichem Lächeln fuhr es fort. „Um meinetwillen hast du dich von deinen Gefährten getrennt, doch mit diesem Pferd wirst du sie schnell wieder einholen. Nur öffne die Augen nicht, bevor das Pferd anhält.“
Magosiro schwang sich aufs Pferd, packte die Mähne und kniff die Augen zu.
Das Pferd wieherte laut, machte ein paar Sätze und hob sich plötzlich wie ein Vogel in die Lüfte. Magosiro spürte, wie sie hoch und höher am Himmel dahinflogen, nur der Wind pfiff ihm um die Ohren.
Endlich klopften die Hufe kräftig den Boden, und das Pferd stand wie angenagelt. Magosiro machte die Augen auf. Da fand er sich vor einem Teehaus, hoch auf einem Gebirgspaß.
Aus dem Teehaus kamen Leute herausgelaufen. Es waren Magosiros Weggefährten. Sie überschütteten ihn mit Fragen: „Wie kommst du hierher? Woher bist du gekommen? Bist du vom Himmel gefallen…?“
Auch der Wirt des Teehauses fragte ihn verwundert: „Tatsächlich, woher kommst du? Auf der Seite, woher du kamst, sind nur unbezwingbare Berge, und keine Wege führen hierher. Wie konntest du durch Gegenden gelangen, die noch nie eines Menschen Fuß betrat?“ Magosiro murmelte wie im Schlaf etwas Unverständliches, und niemand konnte den Sinn erraten.
Nachdem er wieder in sein Dorf zurückgekehrt war, ging er gleich am nächsten Morgen zum See am Berg Monomi und klatschte dreimal laut in die Hände. Wellen liefen über den See, goldener Schaum leuchtete auf, und Magosiro sah plötzlich das schöne Mädchen vor sich stehen. ER begrüßte die Seejungfrau und gab ihr den Brief.
Überglücklich bedankte sich die Seejungfrau bei Magosiro und schenkte ihm zur Belohnung eine kleine steinerne Mühle. Dazu sprach sie: „Lege jeden Tag ein Reiskorn in die Mühle, Drehe den Mühlstein einmal, und das Reiskorn wird zu Gold. Doch gib acht, daß du nie mehr als ein Reiskorn in die Mühle legst; auch darfst du den Mühlstein immer nur einmal am Tag drehen.“
Magosiro stellte die steinerne Mühle auf seinen Hausaltar. Jeden Tag schenkte die Mühle ihm ein Goldkorn. Und nach und nach wurde Magosiro ein reicher Mann.
Doch seine böse Frau war das zu wenig. Bekanntlich ist ein undankbarer Mensch wie ein löchriger Eimer.
„Denk doch, bloß ein einziges Korn täglich!“ keifte sie. „Nur ein Dummkopf wie du versteht es nicht, mehr zu mahlen. Warte, ich nehme die Sache selbst in die Hand!“
Eines Tages, als Magosiro nicht zu Hause war, schüttet die Frau eine ganze Suppenschüssel voll Körner in die NMühle und drehte den Mühlstein, daß es nur so krachte.
Plötzlich sprang die Mühle vom Hausaltar heraunter und rollte durch die Tür davon. Vergebens jagte die Frau hinter ihr her. Schnell und immer schneller fiel die Mühle von Abhang zu Abhang und tauchte schließlich mit lauten Plumps im See unter. Nur große Kreise drehten sich noch auf dem Wasser. Für alle Zeiten blieb sie verschwunden.