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5 EintrÀge!
Buch: Der FĂ€cher des Lebens
Herausgegeben und ĂŒbersetzt Monika Huchel
Illustrationen Irmild und Hilmar Proft
Damdin, der Musikant
Damdin war der Sohn eines armen Araten. Als er herangewachsen war, sagte sein Vater zu ihm: âNichts Rechtes verstehst du zu machen. VerlaĂ die vĂ€terliche Jurte und lerne unter fremden Menschen, wie man leben muĂ.â
Damdin ging fort, drei Jahre waren verflossen, im vierten kehrte er heim. Der Vater fragte ihn: âWas hast du gelernt? ErzĂ€hle!â
âIch habe die zweisaitige Geige spielen gelerntâ, antwortete Damdin. Da erzĂŒrnte der Vater sich sehr und sprach: âAnderer VĂ€ter Söhne verstehen, das Vieh zu weiden, die Pferde zuzureiten, doch du kannst nur die zweisaitige Geige spielen. Welchen Nutzen brĂ€chte mir deine Kunst?â
Damdin erwiderte: âWer meinem Spiel lauscht, dem fĂ€llt das Leben leichter, dessen Herz schlĂ€gt fröhlicher!â
âFĂŒr meine Wirtschaft aber hat dein Spiel keinen Nutzenâ, sagte der Vater.
âAlso geh und lerne etwas NĂŒtzliches.â
Wieder verlieĂ Damdin die elterliche Jurte. Er ging und ging und kam ans Meer. AM Ufer setzte Damdin sich auf einen Stein und spielte auf seiner zweisaitigen Geige. Wie lange er spielte â ich weiĂ es nicht. Doch plötzlich sah er ein junges MĂ€dchen in einem weiĂen Kleid aus dem Meer herauskommen. Es ging auf Damdin zu und sagte: âMein Vater schickt mich zu dir. Dein Spiel hat ihm gefallen. Komm mit mir.â Damdin sah das MĂ€dchen an, da konnte er seine Augen nicht mehr von ihm wenden. Eine solche Schönheit war ihm auf Erden noch nie begegnet. Die Tochter des Wasser-Khans aber nahm ihn bei der Hand und sagte: âKomm schnell, mein Vater erwartet uns, er wird böse, wenn wir nicht bald gehen.â
Da ergriff Damdin des MĂ€dchens Hand und sprach: âLaĂ uns gehen. Ich glaube dir, daĂ du mir nichts Böses tust.â Das MĂ€dchen hieĂ ihn die Augen schlieĂen und zog ihn mit sich fort ins Meer. Nur kurze Zeit war vergangen, da sagte das MĂ€dchen: âMach die Augen auf!â
Damdin tat, wie sie ihm gesagt hatte. Vor ihm lag ein in vielen Farben schillernder glĂ€serner Palast. Inmitten des Palastes saĂ der Kahn des Meeres auf einem grĂŒnen Teppich. Das MĂ€dchen brachte Damdin zum Wasser-Kahn. âDein Spiel hat mir sehr gefallenâ, sagte der Herrscher des Meeres. âSpiel, was du kannst!â Damdin spielte, und alle lauschten. Er spielte einen Tag, einen zweiten, am dritten Tag wurde er mĂŒde und legte sein Instrument aus den HĂ€nden. âHundert Jahren könnte ich dir zuhörenâ, rief der Kahn des Meeres. âEwig sollst du fĂŒr mich spielen. Ich schenke dir einen Palast und einen Berg Edelsteine.â
âLaĂ mich gehen, Kahn!â bat Damdin. âIch brauche keinen Palast und keine Edelsteine. Ich will auf der Erde leben, wo ich geboren bin, ich will, daĂ dir Menschen sich an meinem Spiel erfreuen.â
âNein, ich lasse dich nicht fort! Nur ich allein will dein Spiel hörenâ, rief der Wasser-Kahn.
Damdin drĂŒckte die zweisaitige Geige an seine Brust und sagte: âDann laufe ich eben weg!â
Der Wasser-Kahn lachte und frage: âWer soll dir denn den Weg auf die Erde zeigen? Keiner! VergiĂ die Welt. Bis zu deinem Tod wirst du hier leben, dein Spiel soll einzig mich ergötzen.â In der Nacht war Damdin allein. Er spielte ein trauriges Lied. Sein Herz war ihm so schwer, daĂ er weinen muĂte. Plötzlich hörte er eine MĂ€dchenstimme: âSei nicht traurig, ich helfe dir.â
Vor ihm stand die Tochter des Wasser-Kahns.
âSchlieĂ deine Augen, halte dich an meiner Hand fest. Ich bringe dich auf die Erde zurĂŒck.â Damdin schloĂ die Augen und ging hinter der Tochter des Wasser-Kahns her.
Eine lange Zeit verging. Damdin merkte nicht, wie er ans Meer gelangte. âLebe glĂŒcklich auf deiner Erdeâ, sagte das MĂ€dchen zu ihm und fing an zu weinen.
âWarum weinst du?â fragte Damdin.
âEs tut mir leid, mich von dir zu trennenâ, antwortete das MĂ€dchen. âMein Leben lang möchte ich dich spielen hören.â
âDann bleibe bei mir hier auf der Erdeâ, sagte Damdin. âWir werden zusammen in einer Jurte wohnen, und du wirst meine liebe Frau.â
Sie gingen durch die Steppe und sahen: Da standen viele Jurten. Und eine Jurte, die am Brunnen stand, war leer. Damdin lieĂ sich mit seiner Frau in dieser Jurte nieder und begann, sich um die Wirtschaft zu kĂŒmmern. Allerorts war Damdin bald ein gern gesehener Gast. Wem ein UnglĂŒck zustieĂ, der bat Damdin in seine Jurte. Damdin begann zu spielen, und schon verflog der Kummer. Wem das Herz schwer war vor Gram, zu dem kehrte von Damdins Spiel die Fröhlichkeit zurĂŒck.
Einige Zeit war vergangen, da ritt der Kahn mit seinen Ziriki in die Steppe. Er war zum Jagen hierhergekommen und hatte schon zwei Wachteln erlegt. Er rief seinen höchsten Noion zu sich und befahl ihm: âReite zur nĂ€chsten Jurte und brate mir die Wachteln.â
Der Noion begab sich geradewegs in die Jurte am Brunnen. In der Jurte brannte der Herd. Der Noion legte die Wachteln ins Feuer, blickte sich um und sah Damdins Frau. Sie war von so unerhörter Schönheit, daĂ er kein Auge von ihr lassen konnte. Nicht satt sehen konnte sich der Noion an ihr und vergaĂ darĂŒber die Wachteln. Und als sie ihm plötzlich wieder einfielen, war von den Wachteln nur noch ein HĂ€ufchen Asche ĂŒbrig.
Vor Entsetzen schrie der Noion:
âWas mache ich bloĂ? Der Kahn wird mich enthaupten lassen.â
âHab keine Angstâ, entgegnete Damdins Frau. âZufĂ€llig habe ich auch zwei Wachteln. Gleich brate ich sie, und du bringst die dem Kahn.â
Wie sie gesagt hatte, so tat sie. Sie briet die Wachteln und gab sie dem Noion. Der Kahn begann, von den Wachteln zu essen, doch sie wurden nicht alle. Er rief seine tausend Ziriki und bewirtete sie. Doch auch den tausend Ziriki gelang es nicht, die beiden Wachteln zu verspeisen.
Da erriet der Kahn, daĂ es keine gewöhnlichen Wachteln waren, er lieĂ den Noion holen und sagte: âSprich, woher hast du die Wachteln?â
Der erschrockene Noion erzÀhlte dem Kahn alles: wie er die schöne Frau in der Jurte am Brunnen erblickt hatte und wie diese Schönheit ihm dann spÀter ihre eigenen Wachteln gebraten hatte.
Da befahl ihm der Khan: âGeh noch einmal in die Jurte am Brunnen und bringe mir den Mann der schönen Frau!â
Als die Frau merkte, daĂ der Khan den Noion geschickt hatte, ihren Mann zu holen, sagte sie zu Damdin: âDer Khan wird dir befehlen, mich ihm zur Frau zu geben. Du aber sagst ihm, du gĂ€best mich nur her, wenn er dich zweimal in unserer Jurte suche und auch fĂ€nde. FĂ€nde er dich aber nicht, so mĂŒsse er dir tausend Pferde schenken.â
Damdin ritt zum Khan, und der Khan fragte ihn: âWas fĂŒr eine Schönheit wohnt da in deiner Jurte?â
âMeine Frauâ, antwortete Damdin.
âSie soll in meiner Jurte wohnen!â
âEinverstandenâ, entgegnete Damdin. âNur suche du mich zuerst zweimal in meiner Jurte. Findest du mich, geschieht, was du willst. Findest du mich aber nicht, schenkst du mir tausend Pferde.â
Welcher Schlauheit sollte es schon bedĂŒrfen, einen Menschen in einer Jurte zu finden! Ein Blinder kann ihn dort finden. Der Khan willigte also ein und schickte Damdin in die Jurte, damit er sich versteckte.
Damdin ritt nach Hause und sagte zu seiner Frau:
âGleich kommt der Khan mich suchen. Wo verberge ich mich?â
Die Frau bewegte ihre rechte Hand, sprach ein Zauberwort, und Damdin verwandelte sich in einen kleinen StöĂel. Die Frau schĂŒttete Körner in einen Mörser, nahm den StöĂel zur Hand und setzte sich nieder, um die Körner zu zerkleinern.
Der Khan kam in die Jurte gestĂŒrmt und suchte Damdin in allen Ecken. ER suchte und suchte und fand ihn nicht.
Endlich verlieĂ der Khan die Jurte und rief beim Hinausgehene. âIch habe dich nicht gefunden, jetzt suche du mich. Findest du mich nicht, habe ich gewonnen.â
Die Frau sagte zu Damdin: âDieser Khan kennt auch alle Zauberwörter und verwandelt sich, in was er will.â
Damdin ging aus der Jurte heraus und suchte den Khan ringsumher, konnte ihn aber nicht finden. Plötzlich entdeckte er etwas: Am Brunnen war ein junges BĂ€umchen aufgeschossen. Damdin erriet sofort, was es mit dem Baum auf sich hatte. ER trat an den Brunnenrand und sagte laut: âWas fĂŒr ein schlankes, schönes BĂ€umchen! Ich werde einen Stiel fĂŒr mein Taschur daraus machen.â
Damdin nahm ein Beil, doch der Baum fing plötzlich an zu schreien. âFĂ€lle mich nicht, ich bin der Khan!â
Und alsbald verwandelte sich das BĂ€umchen in den Khan zurĂŒck. âIch habe dich gefunden, gib mir die tausend Pferdeâ, sagte Damdin. Der Khan war nicht einverstanden, sondern erwiderte: âVerstecke dich ein zweites Mal, jetzt werde ich dich bestimmt finden.â Damdin ging in die Jurte, seine Frau verzauberte ihn in eine kleine Fliege. Die Fliege setzte sich dem Kahn auf die MĂŒtze und verhielt sich still. Die ganze Jurte durchwĂŒhlte der Khan, er konnte Damdin nicht finden. Wieder verlieĂ er die Jurte und schrie zornig: âIch habe dich nicht gefunden. Nun suche du mich. Findest du mich nicht, habe ich gewonnen.â
Da sagte die Frau zu Damdin: âBei Sonnenuntergang kommen hundert weiĂe Schafe zum See und eine schwarze Ziege. Die schwarze Ziege ist der Khan.â
Damdin ging zum See, setzte sich nieder und wartete. ER hörte die Schafe blöken, sie kamen zur Wasserstelle. Er blickte auf, allen voran ging die schwarze Ziege. Damdin packte die Ziege bei den Hörnern und rief: âSchon lange suche ich Ziegenfell fĂŒr meine Schuhe. Gleich werde ich diese Ziege abstechen.â
DA heulte die Ziege auf: âLaĂ mich los, ich bin der Khan.â
Und wieder stand der Khan vor ihm.
âIch habe dich gefundenâ, sagte Damdin. âGib mir endlich die tausend Pferde.â
Wieder war der Khan nicht einverstanden. Er sagte: âErst laĂ uns noch mit unseren Pferden um die Wette reiten. Der, dessen Pferd einen Weg von drei Tagen in drei Stunden zurĂŒcklegt, hat gewonnen.â
Traurig ging Damdin nach Hause und fragte seine Frau:
âWas soll ich bloĂ machen? Der Khan hat Tausend von Pferden, schnell wie ein Wirbelwind. Ich habe nicht einmal ein Fohlen.â
Da sprach die Frau zu ihm:
âBevor der Tod nicht kommt, stirbt man nicht. Ehe der Kummer nicht da ist, grĂ€mt man sich nicht. LaĂ uns ans Meer gehen.â
Sie gingen zusammen zum Ufer. Damdin spielte auf seiner zweisaitigen Geige. DA schaukelten auf dem Meer die Wellen, und ĂŒber den Wogen erschien der Kopf des Wasser-Khans. Die Tochter sagte zu ihrem Vater: âGib uns dein allerschnellstes Fohlen!â
âIch gebe es euchâ, antwortete der Herrscher des Meeres. âNur muĂ dein Mann bis Sonnenuntergang fĂŒr mich spielen.â
Den ganzen Tag lang spielte Damdin am Meeresufer. Und als der Himmel rosenfarben wurde, lief vom Grund des Meeres ein kleines achtbeiniges Fohlen herauf.
Damdin legte dem Fohlen das Zaumzeug an und fĂŒhrte es zur Jurte. Das Fohlen konnte kaum traben. Viele Beine hatte es zwar, aber eins verhakte sich immer wieder am anderen.
Traurig sagte Damdin zu seiner Frau:
âDas Fohlen kommt kaum vorwĂ€rts. Wie kann es sich da mit den Pferden des Khans messen?â
Und wieder entgegnete tröstend die Frau:
âBevor der Tod nicht kommt, stirbt man nicht. Ehe der Kummer nicht da ist, grĂ€mt man sich nicht. Reite morgen frĂŒh auf dem Fohlen zu See, warte dort auf den Khan.â
Damdin ritt am Morgen zum See und erwartete den Khan. Der Khan kam auf einem feurigen Rappen, der mit den Beinen trommelte. Vor seinem Wiehern legte sich das Gras der Steppe flach hin. Der Khan sah das kleine achtbeinige Pferd und fing an zu lachen. Mit ihm lachten die neunhundertneunundneunzig Ziriki und reifen:
âBesser, auf einer Kuh zu reiten, als auf solch einer Spinne!â
Der Khan hörte auf zu lachen und sprach:
âReite voraus und siehe dich vor, wenn ich dir nachjage!â
âGaloppiere selber vorausâ, erwiderte Damdin, âund ich setze dir nach.â Der Khan zog seinem Rappen eins mit der Nagaika ĂŒber und ritt los. Damdin wartete, bis der Khan seiner Sicht entschwunden war und riĂ am ZĂŒgel. Schneller als ein Blitz hob sich das achtbeinige Pferd in die Luft und wurde fortgeweht wie ein Sandkorn im Orkan. Damdin ritt bis ans Ende der Steppe und dann wieder zurĂŒck zum See. Doch der Khan war nirgends zu sehen. Erst am Mittag kam er wieder zum See.
âGibst du mir jetzt die tausend Pferde?â fragte Damdin.
âErst wenn du es schaffst, das Wasser in diesem See zum Kochen zu bringen, gebe ich sie dirâ, antwortete der Khan. âKannst du es aber nicht, siehst du deine Frau nie wieder.â
Damdin ging in seine Jurte und erzÀhlte alles seiner Frau.
âGehen wir ans Meerâ, sagte sie zu ihm.
Wieder standen sie am Meeresufer. Damdin spielte auf seinem Instrument, da begann das Wasser am Ufer zu tosen, und der Kopf des Khans der Meere tauchte auf.
Die Tochter sprach zu ihrem Vater:
âDu bist Herr ĂŒber alle Wasser. Befiehl morgen dem See zu sieden. Doch mache es so, daĂ mein Mann sich nicht verbrĂŒht.â
Der Wasser-Khan sagte:
âWer so auf der zweisaitigen Geige zu spielen versteh wie du, dem kann ich nichts abschlagen. Ich gebe dir zwei Steinchen, ein weiĂes und ein schwarzes. Wirfst du das weiĂe in den See, wird der See kochen. Legst du dir das schwarze auf die Wange, kann kein kochendes Wasser dir etwas anhaben.â
Damdin kam zum See. Der Khan erwartete ihn schon. Mit ihm die neunhundertneunundneunzig Ziriki auf ihren Rappen.
âNun, was ist? Kannst du das Wasser im See zum Kochen bringen?â
Unbemerkt warf Damdin das Steinchen in den See, und sofort brodelte das Wasser auf und kochte. Der Khan merkte, daĂ er wieder verloren hatte und sagte:
âWenn du nun noch durch den siedenden See schwimmst, bekommst du die tausend Pferde.â
Damdin legte sich das schwarze Steinchen auf die Wange und sprang ins Wasser. Er schwamm ans andere Ufer und kehrte nach kurzer Zeit unversehrt wieder zurĂŒck.
Alle Ziriki staunten sehr, und Damdin sprach zum Khan:
âZweimal habe ich den See durchquert. Jetzt kannst du ihn wenigstens einmal durchschwimmen!â
Der Khan dachte bei sich: âEr ist ein Musikant, ich aber bin Khan. Sollte ich denn nicht können, was er kann? Sind meine Ziriki etwa schwĂ€cher als dieser Bettler?â
Der Khan befahl seinen sĂ€mtlichen Ziriki, von den Pferden abzusitzen und hinter ihm in den See zu springen, Die Ziriki gehorchten. Doch noch nicht zehn StöĂe hatten sie geschwommen, da verbrĂŒhten alle und sanken auf den Grund.
Damdin blieb allein am Ufer zurĂŒck. Er zĂ€hlte die Pferde des Khans, es waren genau tausend. ER setzte sich auf den Rappen des Khans und jagte mit der ganzen Pferdeschar zu seiner Jurte. Seit dieser Zeit lebten seine Frau und er ohne jeden Kummer.
Und Tag fĂŒr Tag erquickte er die lauschenden Nachbarn mit seinem Spiel auf der zweisaitigen Geige.
(So klingt eine zweisaitige Geige)
Buch: Der FĂ€cher des Lebens (MĂ€rchen aus Asien)
Herausgegeben und ĂŒbersetzt Monika Huchel
Illustrationen Irmild und Hilmar Proft
Das Geschenk der Seejungfrau
Vor langer, langer eit, als die heutige Stadt Tono noch ein ganz kleines Dorf war, lebte in dieser Gegend ein Bauer mit Namen Magosiro. Magosiro war fleiĂig, er arbeitete, ohne je die HĂ€nde in den SchoĂ zu legen, doch aus seiner bitteren Armut kam er nicht heraus. Obendrein nannte er seine Frau sein eigen, die böse war und dauernd mit ihm zankte. Nicht umsonst heiĂt es: Ein böses Weib ist wie hundert Jahre MiĂernte. Im Haus war einfach kein Auskommen mit ihr, dauernd knurrte und brummte sie, ohne aufzuhören.
Nur eine Freude kannte Magosiro: das Gras am Abhang des Berges Monomi zu mÀhen. Manchmal hatte er dann, noch ehe die Abendröte am Himmel aufloderte, so viel Gras gemÀht, wie es kein anderer bis zum Abend geschafft hÀtte. So konnte er ein wenig verschnaufen.
Magosiro legte die Sense aus der Hand und freute sich daran, wie die Sonne ĂŒber der fernen Stadt versank. Den ganzen langen Tag ĂŒber war ihm keine so glĂŒckliche Minute beschert.
Ein anderes Mal schnitt Magosiro Gras am Ufer eines Bergsees. Plötzlich war ihm, als rufe ihn jemand: âMagosiro-dono, Magosiro-dono!â
Er schaute sich um: Es war niemand zu sehen. âIch muss mich verhört habenâ, dachte Magosiro bei sich und schwang seine Sense. Doch da erklang es deutlich zum zweiten mal. âMagosiro-dono, Magosiro-dono!â
Er richtete sich auf und blickte in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war. Was fĂŒr ein Wunder! Auch nicht eine Seele war bisher hier gewesen, und nun tauchte plötzlich â wer weiĂ, woher â ein junges MĂ€dchen am Seeufer auf. Es war von solcher Schönheit, wie Magosiro sie noch nicht einmal im Traum gesehen hatte. Das MĂ€dchen lĂ€chelte freundlich und winkte Magosiro mit der Hand zu sich. Und plötzlich spĂŒrte Magosiro, wie seine FĂŒĂe ihn von selber zum See trugen. âAch, ich bin verloren, gleich werde ich im Morast versinkenâ, dachte er voll Schreck und konnte der unsichtbaren Gewalt doch nicht widerstehen. Schritt fĂŒr Schritt ging er weiter, irgendetwas zog ihn un lieĂ ihn vor dem MĂ€dchen haltmachen.
Mit einer höflichen Verneigung grĂŒĂte ihn das MĂ€dchen und sprach folgende Worte zu ihm: âMagosiro-dono, ich habe eine groĂe Bitte an dich. Ich hörte, daĂ alle Bewohner deines Dorfes sich anschicken, in den nĂ€chsten Tagen eine Wallfahrt zum Miya-Tempel zu machen. Wirst du auch mitgehen?â Bei diesen Worten wurde es Magosiro leichter ums Herz.
âWo habe ich Armer schon das Geld dazu?â antwortete er.
âDarum sorge dich nicht, Geld wirst du haben. Nur bitte ich dich, mir einen Wunsch zu erfĂŒllenâ, sagte das MĂ€dchen und senkte traurig den Kopf. Dann fuhr es in seiner Rede fort: âUm dir die Wahrheit zu sagen, ich bin eine Wasserjungfrau und wohne hier auf dem Grund des Sees. Ich bin so allein, ich habe solche Sehnsucht! Schon in frĂŒher Kindheit wurde ich von meiner liebsten, Ă€lteren Schwester getrennt. Sie lebt im See Ko, weit von hier, bei der Stadt Osaka. Seit langem habe ich keine Kunde von ihr, und ich mache mir Sorgen, wie sie lebt, wie es ihr geht. Deshalb möchte ich so sehr gern, daĂ du ihr einen Brief von mir mitnimmst, wenn du zum Miya-Tempel gehst. Ich bitte dich sehr, schlage es mir nicht ab.â
Der gutherzige Magosiro war sofort bereit, des MĂ€dchens Bitte zu erfĂŒllen, ohne dafĂŒr eine Belohnung zu verlangen.
âNatĂŒrlich bringe ich den Brief dorthinâ, sagte er. âWenn meine Frau mich nur gehen lĂ€Ăt! Sie ist nicht gut auf mich zu sprechen.â
âBitte sie darum und geh auf jeden Fall. Meine ganze Hoffnung setze ich auf dein gutes Herz.â
Bei diesem Worten zog das MĂ€dchen den Brief und einen Beutel unter ihrer Jacke hervor. âHier hast du einen Wunderbeutelâ, sagte es. âEs sind genau hundert Mon darin. Wenn du alle MĂŒnzen, auĂer der letzten, ausgegeben hast, wird der Beutel bis zum nĂ€chsten Morgen wieder gefĂŒllt sein wie vorher. Der Beutel wird dir gute Dienste leisten, bis du wieder zu Hause bist. Nur denk daran: Die letzte MĂŒnze darfst du nicht ausgeben.â
Danach erzÀhlte ihm die Seejungfrau noch, wie er den See Ko finden konnte und welches Zeichen er dort geben sollte.
âLeb wohl nun, und gute Reiseâ, sagte das MĂ€dchen. âUnd hĂŒte dich, zu jemandem ĂŒber das zu reden, was du hier gesehen und gehört hast.â
Nach diesen Worten verschwand die Wasserjungfrau aus seinen Augen, als habe es sie nie gegeben. Nur leichte Kreise liefen ĂŒber das Wasser, und die weiĂen Morgenwolken bewegen sich lautlos auf den Wellen. Magosiro rieb sich die Augen, als sei er gerade aus tiefem Schlaf erwacht.
Ringsum war es leer und öde, nur zwei KrĂ€hen flogen mit lautem KrĂ€chzen ĂŒber den Himmel, Aber der Brief und der Beutel waren in seinen HĂ€nden zurĂŒckgeblieben, also war es kein Traum gewesen. Magosiro stand eine lange Weile unschlĂŒssig, doch dann wurde es Zeit, an die Arbeit zu gehen. Nicht gerade freundlich wĂŒrde ihn seine Frau empfangen, wenn er sich verspĂ€tete! Und schnell nahm Magosiro die Sense wieder zur Hand.
Die Vorbereitungen zur Wallfahrt zum Miya-Tempel waren in vollem Gange, und auch Magosiro verkĂŒndete, daĂ er mitziehen wolle.
Das hörte seine Frau, und sie fing sofort an zu schreien: âNicht einen Kupfergroschen gebe ich dir dafĂŒr! Stirb doch unterwegs vor Hunger!â
Lange redete Magosiro auf seine Frau ein, er sagte dies und das, er bat und flehte, nur vom Wunderbeutel sagte er kein Wort.
TatsĂ€chlich brauchte Magosiro sich auf dem langen Weg nicht um Geld zu sorgen. Alle MĂŒnzen gab er aus, nur eine nicht, die letzte, und am Morgen war der Beutel wieder voll. Doch Magosiro dachte erst zuletzt an sich. Vielen WeggefĂ€hrten half er, wenn sie in Not gerieten, und bei jeder Rast speiste er die Hungrigen. Gemeinsam mit den anderen besuchte er den Miya-Tempel, auch in der Stadt Osaka blieb er noch eine Weile mit ihnen zusammen. Aber dann trennte er sich von den anderen und ging allein zum See Ko.
Seit undenklichen Zeiten waren die schrecklichsten Geschichten ĂŒber diesen See im Umlauf. Es hieĂ, ein böser Geist treibe dort sein Unwesen, und alle Menschen aus dieser Gegend fĂŒrchteten ihn sehr.
Mutig begab sich Magosiro direkt zum Seeufer und klatschte dreimal krĂ€ftig in die HĂ€nde, wie die Seejungfrau ihm geraten hatte. Da blitze plötzlich in der Tiefe des Sees etwas auf, und ein goldener Streifenlief auf das Ufer zu. Der Streifen zersprĂŒhte zu goldenen Tropfen, und schon stand vor Magosiro ein MĂ€dchen von erlesener Schönheit.
Das MĂ€dchen las den Brief und sagte unter FreudentrĂ€nen: âO welches GlĂŒck! Dank deiner Hilfe habe ich Nachricht von meiner Schwester, von der ich so frĂŒh getrennt wurde. Bist du einverstanden, eine Nachricht fĂŒr sie mitzunehmen? Wie wĂŒrde sie sich freuen!â
Magosiro neigte als Zeichen der Zustimmung den Kopf.
âDann warte ein wenigâ, sagte das MĂ€dchen und verschwand in den Wellen. Als es wieder ans Ufer kam, folgte ihm aus der Tiefe des Sees eine weiĂe Wolke und lief auf das Ufer zu. Plötzlich sprang mit lautem PlĂ€tschern ein Pferd aus dem Wasser, das war weiĂ wie Schnee.
Das MĂ€dchen ĂŒberreichte dem staunenden Magosiro den Brief.
âIch bitte dichâ, sagte es, âgib ihn meiner Schwester.â Und mit freundlichem LĂ€cheln fuhr es fort. âUm meinetwillen hast du dich von deinen GefĂ€hrten getrennt, doch mit diesem Pferd wirst du sie schnell wieder einholen. Nur öffne die Augen nicht, bevor das Pferd anhĂ€lt.â
Magosiro schwang sich aufs Pferd, packte die MĂ€hne und kniff die Augen zu.
Das Pferd wieherte laut, machte ein paar SĂ€tze und hob sich plötzlich wie ein Vogel in die LĂŒfte. Magosiro spĂŒrte, wie sie hoch und höher am Himmel dahinflogen, nur der Wind pfiff ihm um die Ohren.
Endlich klopften die Hufe krĂ€ftig den Boden, und das Pferd stand wie angenagelt. Magosiro machte die Augen auf. Da fand er sich vor einem Teehaus, hoch auf einem GebirgspaĂ.
Aus dem Teehaus kamen Leute herausgelaufen. Es waren Magosiros WeggefĂ€hrten. Sie ĂŒberschĂŒtteten ihn mit Fragen: âWie kommst du hierher? Woher bist du gekommen? Bist du vom Himmel gefallenâŠ?â
Auch der Wirt des Teehauses fragte ihn verwundert: âTatsĂ€chlich, woher kommst du? Auf der Seite, woher du kamst, sind nur unbezwingbare Berge, und keine Wege fĂŒhren hierher. Wie konntest du durch Gegenden gelangen, die noch nie eines Menschen FuĂ betrat?â Magosiro murmelte wie im Schlaf etwas UnverstĂ€ndliches, und niemand konnte den Sinn erraten.
Nachdem er wieder in sein Dorf zurĂŒckgekehrt war, ging er gleich am nĂ€chsten Morgen zum See am Berg Monomi und klatschte dreimal laut in die HĂ€nde. Wellen liefen ĂŒber den See, goldener Schaum leuchtete auf, und Magosiro sah plötzlich das schöne MĂ€dchen vor sich stehen. ER begrĂŒĂte die Seejungfrau und gab ihr den Brief.
ĂberglĂŒcklich bedankte sich die Seejungfrau bei Magosiro und schenkte ihm zur Belohnung eine kleine steinerne MĂŒhle. Dazu sprach sie: âLege jeden Tag ein Reiskorn in die MĂŒhle, Drehe den MĂŒhlstein einmal, und das Reiskorn wird zu Gold. Doch gib acht, daĂ du nie mehr als ein Reiskorn in die MĂŒhle legst; auch darfst du den MĂŒhlstein immer nur einmal am Tag drehen.â
Magosiro stellte die steinerne MĂŒhle auf seinen Hausaltar. Jeden Tag schenkte die MĂŒhle ihm ein Goldkorn. Und nach und nach wurde Magosiro ein reicher Mann.
Doch seine böse Frau war das zu wenig. Bekanntlich ist ein undankbarer Mensch wie ein löchriger Eimer.
âDenk doch, bloĂ ein einziges Korn tĂ€glich!â keifte sie. âNur ein Dummkopf wie du versteht es nicht, mehr zu mahlen. Warte, ich nehme die Sache selbst in die Hand!â
Eines Tages, als Magosiro nicht zu Hause war, schĂŒttet die Frau eine ganze SuppenschĂŒssel voll Körner in die NMĂŒhle und drehte den MĂŒhlstein, daĂ es nur so krachte.
Plötzlich sprang die MĂŒhle vom Hausaltar heraunter und rollte durch die TĂŒr davon. Vergebens jagte die Frau hinter ihr her. Schnell und immer schneller fiel die MĂŒhle von Abhang zu Abhang und tauchte schlieĂlich mit lauten Plumps im See unter. Nur groĂe Kreise drehten sich noch auf dem Wasser. FĂŒr alle Zeiten blieb sie verschwunden.
Buch: Das MĂ€rchenschiff
VolksmÀrchen aus der weiten Welt
Hermann Heinz Wille
Bebildert von Erich Clauss
Die Belohnung
Vor vielen Jahren, als die Bauern in RuĂland noch leibeigen und dem Zaren untertan waren, fand ein BĂ€uerlein auf seinem Feld einen Klumpen Gold. VergnĂŒgt lief er damit zu seiner Frau, legte den Klumpen auf den Tisch und rief: âFreu dich, Matka, nun sind wir reiche Leute, und alle Not hat ein Ende!â
Aber die Bauersfrau freute sich nicht. âAch Mann, du bist einfĂ€ltig!â sprach sie. âBedenke: alles, was auf unserem Acker blĂŒht, wĂ€chst und gedeiht, gehört dem Zaren!â
âAuch das, was in der Erde liegt, wie das Gold, das Eisen, die Kohle und das Salz?â fragte der Bauer. âAlle!â antwortete die Frau.
Da wurde der Bauer traurig, stĂŒtzte den Kopf in seine HĂ€nde und dachte nach. Dann sprach er: âDas beste ist, ich bringe das Gold dem Zaren.â Vielleicht gibt er mir fĂŒr meine Ehrlichkeit eine Belohnung. Die kann mir keiner streitig machen.â
Mit diesem Vorschlag war die Frau einverstanden. Der Bauer knĂŒpfte den Goldklumpen in ein SacktĂŒchlein, zog seinen Sonntagskittel an und ging in die Stadt.
Vor dem ZarenschloĂ marschierten die Soldaten auf und ab, und ein General stand vor dem Tor. Der sah den Bauern kommen und rief mit lauter Stimme. âHeda, Bauer! Was suchst du vor dem ZarenschloĂ?â
Dem Bauern verschlug es die Sprache. Er wagte nicht zu antworten. DA geriet der General erst recht in Zorn. âDu willst wohl um ein Almosen betteln, du Faulpelz?! Wenn ich dir raten soll, so schere dich fort, sonst hetze ich dir die Hunde auf den Hals!â
Der Bauer war tief beleidigt, und der Stolz regte sich in seiner Brust. âIch bin kein Bettler und bitte nicht um Almosen. Auf meinem Feld fand ich einen Klumpen Gold, den will ich dem Zaren schenken!â
âGold?â fragte der General, und in seinen Augen leuchtete es begehrlich. âDas ist natĂŒrlich etwas anderes. Doch es ist nicht so leicht, vor den Zaren zu kommen. Wenn du es dich etwas kosten lassen willst, so will ich dich fĂŒhren!â
Der kluge Bauer war mit diesem Vorschlag einverstanden: âAbgemacht, Herr, wir wollen redlich teilen, was der Zar mir zur Belohnung gibt!â
Der General schmunzelte, daĂ es ihm so leicht gefallen war, den dummen Bauern zu ĂŒbertölpeln. Er fĂŒhrte ihn ĂŒber viele Treppen und durch lange GĂ€nge, die mit kostbaren Teppichen belegt waren, bis vor das Zimmer des Zaren. Der Zar hieĂ ihn eintreten, und das BĂ€uerlein verneigte sich in Ehrfurcht bis zur Erde. âWas fĂŒhrt dich zu mir, Bauer?â fragte er. Da erzĂ€hlte der Bauer dem Zaren seine Geschichte, so wie er sie seiner Frau und dem General erzĂ€hlt hatte. Das Gold stimmte den Zaren freundlich, und er fragte: âSicher willst du eine Belohnung fĂŒr deine Ehrlichkeit?â âFreilich, eine Belohnung möchte ich schon, VĂ€terchen Zar!â antwortete der Bauer, und er fĂŒgte hinzu: âGebt mir hundert Stockhiebe!â
Der Zar machte ein verdutztes Gesicht: âDas muĂt du mir erklĂ€ren, Bauer! Du bringst mir Gold zum Geschenk und forderst Hiebe als Belohnung?â
âDas geht schon in Ordnungâ, sprach der listige Bauer, âich bin an Hiebe gewöhnt!â
Der Zar lieĂ die Stöcke bringen. Als sich die Stockknechte anschickten, den Bauern auf die PrĂŒgelbank zu schnallen, rief dieser: âEs ist noch ein Platz frei an meiner Seite!â
Den Sinn dieser Worte vermochte sich der Zar noch viel weniger zu erklĂ€ren als den Wunsch nach den PrĂŒgeln.
Da erzĂ€hlte das BĂ€uerlein von dem General, der die HĂ€lfte von dem gefordert hatte, was der Zar dem Bauern zur Belohnung geben wĂŒrde. âNun wiĂt Ihr, VĂ€terchen Zar, weshalb ich mir die Stockhiebe ausgebeten habe, und wenn ich bitten darf, so gebt zuerst dem General seinen Teil; die meinen will ich dann um so lieber empfangen.â
Der General wurde gerufen. Als er die Stockknechte erblickte, zitterten ihm die Knie. âVerzeiht, VĂ€terchen ZarâŠâ begann der sonst so stolze General zu bitten.
Das BĂ€uerlein lachte sich ins FĂ€ustchen. âWir wollen redlich teilen, so wie wir es ausgemacht haben!â sagte es vergnĂŒgt. Und so geschah es auch. Der General wurde auf die Bank geschnallt, und die Knechte lieĂen ihre Stöcke tanzen, daĂ es einem schon vom Zusehen ordentlich weh tat. Als die fĂŒnfzig Hiebe aufgezĂ€hlt waren, sagte der Bauer: âLohn, wem Lohn gebĂŒhrt, VĂ€terchen Zar! Ich armer Bauer bin Eurer Belohnung nicht wĂŒrdig, der General aber ist Euer treuer Diener. Schenkt ihm auch meine HĂ€lfte!â
Dem Zaren blieb nichts anderes ĂŒbrig, als in den sauren Apfel zu beiĂen. Das Gold in seiner Rechten zerstreute alle seine Bedenken.
Der General aber schwur, dem Bauern die Hiebe mit Zins und Zinseszins zurĂŒckzuzahlen.
Der aber hatte sich inzwischen auf und davon gemacht. Er wuĂte, was er von der Freundlichkeit der Herren zu erwarten hatte. Keiner kannte seinen Namen. Keiner erfuhr, woher er gekommen war.
Die MĂ€klerin
Es war einmal ein Mann und seine Frau. Sie hatten zwei Kinder, die Tochter Malaschetschka und den Sohn Iwaschetschka. Malaschetschka war zehn Jahre alt oder drĂŒber, Iwaschetschka erst drei Jahre alt. Vater und Mutter liebten ihre Kinder ĂŒber alle MaĂen und verwöhnten sie! Sollte die Tochter etwas tun, geboten sie ihr es nicht, sondern baten sie. Dann ĂŒberredeten sie sie: âWir geben dir dies und das, besorgen jenes fĂŒr dich!â Ein so mĂ€keliges Kind wie Malaschetschka gab es deshalb im ganzen Dorf, wohl auch in der ganzen Stadt nicht! Weizenbrot wollte sie nicht, nur Butterteig. Roggenbrot guckte sie ĂŒberhaupt nicht an! Buk die Mutter einen Beerenkuchen, sagte Malaschetschka: âKaltschale will ich und Honig!â Die Mutter muĂte der Tochter wohl oder ĂŒbel einen Löffel Honig geben. Sie selbst und der Mann aĂen den Kuchen ohne Honig. Zwar lebten sie in Wohlstand, aber das konnten sie sich doch nicht leisten.
Eines Tages hatten sie etwas in der Stadt zu besorgen und mahnten Malaschetschka, artig zu sein, gut auf das BrĂŒderchen aufzupassen und es nicht aus dem Haus zu lassen. âWir bringen dir auch Pfefferkuchen und NĂŒsse mit, ein Kopftuch und eine Bluse mit hĂŒbschen Knöpfenâ, sagte die Mutter. Der Vater nickte zustimmend. Die Tochter lieĂ ihre Worte zu einem Ohr hinein, zum anderen hinaus.  Vater und Mutter fuhren fort. Freundinnen holten sie zum Spielen. Malaschetschka erinnerte sich an das, was die Eltern ihr geheiĂen hatten, aber sie dachte, es wird schon nichts geschehen! Ihr Haus war das letzte, es stand am Waldrand. Die Freundinnen lockten sie und das BrĂŒderchen in den Wald, sie setzten sich ins Gras und flocht dem BrĂŒderchen einen Kranz. Die Freundinnen forderten sie zum Spielen auf, sie lieĂ den Bruder allein und blieb eine ganze Stunde aus. Als sie zurĂŒckkahm, saĂ der Bruder nicht mehr auf seinem Platz, und die Stelle war kalt, nur das Gras zerdrĂŒckt. Was tun? Sie lief zu den Freundinnen, die eine wuĂte von nichts, die andere hatte nichts gesehen. Da weinte Malaschetschka, lief immer der Nase nach und suchte den Bruder. Da geriet sie auf ein Feld, auf dem ein Ofen stand.
âOfen, lieber Ofen, hast du nicht meinen Bruder Iwaschetschka gesehen?â
Der Ofen antwortete: âMĂ€klerin, wenn du mein Roggenbrot iĂt, sage ich es dir!â âIch soll dein Roggenbrot essen? Zu Hause gucke ich nicht einmal Weizenbrot an!â âMalaschetschka, iĂ das Brot, Piroggen bekommst du immer noch!â sagte der Ofen.
Malaschetschka wurde Ă€rgerlich und lief weiter. Sie lief, bis sie mĂŒde wurde, setzte sich unter einen wilden Apfelbaum und fragte ihn: âHast du nicht mein BrĂŒderchen Iwaschetschka gesehen?â Der Apfelbaum antwortete: âMĂ€klerin, iĂ einen wilden sauren Apfel, dann sage ichâs dir!â âSo ein saures Ding soll ich essen?! In unserem Garten wĂ€chst viel, aber sogar da wĂ€hle ich sorgfĂ€ltig aus!â
Der Apfelbaum schĂŒttelte seinen Wipfel und sprach: âDem hungrigen MĂ€dchen wurden Eierkuchen vorgesetzt, aber es sprach: âSie sind schlecht gebraten!ââ
Malaschetschka lief weiter und kam an einen MilchfluĂ mit Puddingufern. Sie fragte den FluĂ: âFluĂ, FlĂŒĂchen, hast du nicht meinen Bruder Iwaschetschka gesehen?â Der FluĂ antwortete: âMĂ€klerin, iĂ zuerst meinen Haferbrei mit Milch, dann sag ich dirâsâ âIch soll Haferbrei mit Milch essen?! Zuhause esse ich ihn nur mit Sahne!â âZiere dich nicht, aus einem Schöpflöffel zu trinken!â drohte der FluĂ.
So lief das MĂ€dchen weiter. Lange suchte sie Iwaschetschka; dabei begegnete sie einem Igel. Sie wollte ihn wegstoĂen, fĂŒrchtete aber seine Stacheln, deshalbn redete sie ihn an: âIgel, liebes Igelchen, hast du nicht meinen Bruder gesehen?â Der Igel antwortete: âMein liebes MĂ€dchen, eine Schar WildgĂ€nse habe ich gesehen, sie trugen ein kleines Kind im roten Hemd in den Wald.â âDas ist mein BrĂŒderchen Iwaschetschka!â jammerte die MĂ€klerin. âIgelchen, mein TĂ€ubchen, sag mir doch, wohin haben sie ihn getragen?â Der Igel erzĂ€hlte ihr, daĂ im finsteren Wald die Hexe Baba Jaga in einer HĂŒtte auf HĂŒhnerbeinen wohnt. Die WildgĂ€nse sind ihre Diener, was sie ihnen befiehlt, das befolgen die GĂ€nse. Malaschetschkafragte den Igel weiter aus und umschmeichelte ihn: âLiebes rauhes Igeltier, du mein Stachelchen! FĂŒhre mich zur HĂŒtte auf HĂŒhnerbeinen!â Der Igel willigte ein und fĂŒhrte Malaschetschka ins Waldesdickicht, wo eĂbare GrĂ€ser wuchsen: Sauerdorn und BĂ€renklau. StachelbeerstrĂ€ucher rankten an den BĂ€umen, klammerten sich an die BĂŒsche und in der Sonne reiften groĂe Beeren. âDie wĂŒrde ich gern essen!â dachte Malaschetschka, aber dazu hatte sie keine Zeit. Eilig lief sie dem Igel nach. Der fĂŒhrte sie zu einer alten HĂŒtte auf HĂŒhnerbeinen.
Malaschetschka schaute zur offenen TĂŒr hinein, da lag in der Ecke auf einer Bank die Hexe Baba Jaga und schlief. Auf einem Sitzbrett saĂ Iwaschetschka und spielte mit Blumen. Sie faĂte den Bruder bei der Hand und lief schnell aus der HĂŒtte.
Die GĂ€nsediener waren aber sehr wachsam. Die WĂ€chtergans reckte ihren Hals, kreischte, breitete die FlĂŒgel aus, flog hoch ĂŒber den dichten Wald, schaute sich um und sah, daĂ Malaschetschka und der Bruder flohen. Da fing sie laut an zu schreien, scheuchte die ganze GĂ€nseschar auf und flog zur Baba Jaga, den Vorgfall zu melden. Die Hexe Baba Jaga, Knochenbein genannt, schleif so fest, daĂ Dampf von ihr aufstieg und von ihrem Schnarchen die Fenster wackelten. Die Gans schrie ihr ins eine Ohr, ins andere Ohr, aber sie hörte nicht! Da zupfte die Ă€rgerliche Gans die Hexe an der Nase. Die sprang auf, faĂte sich an die Nase, und die graue Gans meldete: âBaba Jaga, Knochenbein! Ein UnglĂŒck ist geschehen. Malaschetschka trĂ€gt Iwaschetschkan heim.â Da fuhr die Baba Jaga auf!
âAch, ihr Nichtstuer, Faulenzer, weshalb gebe ich euch zu trinken und zu essen! Holt mir eilends Bruder und Schwester zurĂŒck!â Die GĂ€nse flogen ihnen unter lautem Geschrei nach.
Als Malaschetschka das Gekreische hörte, lief sie zum MilchfluĂ mit den Puddingrufern, verbeugte sich vor ihm und sprach: âLieber FluĂ! Rette mich vor den WildgĂ€nsen!â Der FluĂ antwortete: âKleine MĂ€klerin, iĂ zuerst von meinem Haferbrei mit Milch.â Das mĂŒde hungrige MĂ€dchen aĂ gern den warmen Brei, beugte sich ĂŒber den FluĂ und trank Milch. Da sprach der FluĂ: âIhr mĂ€kligen MĂ€dchen seid nur mit Hunter zu belehren!â Nun aber setz dich ans Ufer, ich decke dich zu.â Malaschetschkasetzte sich hin und der FluĂ deckte sie mit grĂŒnem Schilf zu. Die GĂ€nse kreisten ĂŒber dem FluĂ, suchten Bruder und Schwester, muĂten aber unverrichteter Dinge zurĂŒckfliegen.
Da wurde die Hexe noch zorniger und schickte die Diner wieder den Kindern nach. Die GĂ€nse nahmen die Verfolgung auf und riefen sich einander zu. Malaschetschka, die sie hörte, lief noch schneller als zuvor zum wilden Apfelbaum und bat: âLieber Apfelbaum! Rette mich vor den WildgĂ€nsen!â Der Apfelbaum antwortete: âDWenn du von meinen wilden grĂŒnen Ăpfeln iĂt, verstecke ich dich!â Da muĂte das MĂ€dchen einen wilden Apfel essen, und der hungrigen Malaschetschka schien er sĂŒĂer als der reifste Gartenapfel. Der krausige Apfelbaum schmunzelte: âNur so seid ihr mĂ€kligen MĂ€dchen zu belehren!â Der Apfelbaum breitete die Ăste um BrĂŒderchen und Schwesterchen und setzte sie in die Mitte, wo die BlĂ€tter am dichtesten waren. Die GĂ€nse kreisten um den Apfelbaum, die Kinder aber waren verschwunden. Unverrichteter Dinge muĂten sie zur Baba Jaga zurĂŒckfliegen.
Als sie die GĂ€nse ohne die Kinder kommen sah, stampfte sie mit den FĂŒĂen auf und kreischte, daĂ es weit durch den Wald hallte: âNa, wartet, ihr Tagediebe! DafĂŒr könnt ihr was erleben, Schmarotzer! Alle Federn rupfe ich euch aus, werfe sie in den Wind und schlucke euch lebendig herunter!â Die GĂ€nse erschrakern, flogen zurĂŒck, Malaschetschka und Iwaschetschka nach. Dabei riefen sie sich klagend zu: âGack-gack, gack-gack!â âGack, Gack, nichts zu sehen!â
Als die Kinder ĂŒber das Feld liefen, wurde es dunkel, sie sahen nichts, fanden kein Versteck, die GĂ€nse aber kamen immer nĂ€her. Arme und Beine der MĂ€klerin waren MĂŒde, sie konnte kaum noch laufen. Da sah sie auf dem Feld den Ofen, der ihr Roggenbrot angeboten hatte. Sie sprach zu ihm: âLieber Ofen, versteck uns vor der Baba Jaga!â âHĂ€ttest auf Mutter und Vater hören und nicht mit dem Bruder in den Wald gehen sollen, hĂ€ttest zu Hause bleiben und essen sollen, was die Eltern essen! Aber nein: Gekochtes mag ich nicht, Gebackenes will ich nicht, Gebratenes rĂŒhre ich nicht an!â Malaschetschka bat und flehte den Ofen an, versprach, nie mehr am Essen zu nörgeln. âNun, wollen wir sehen. IĂ fĂŒrs erste mein Roggenbrot!â Freudig biĂ Malaschetschkain das Brot und gab auch dem Bruder davon. âSolches Brot habe ich noch nie gegessen, schmeckt wie Zimtbrezeln und Pfefferkuchen!â Der Ofen sagte schmunzelnd: âDem Hungrigen schmeckt Roggenbrot so gut wie Pfefferkuchen, dem Satten ist eine Zimtbrezel nicht sĂŒĂ genug! Krieche rasch ins Ofenloch und halte das Ofenbleck vor.â Malaschetschka kroch schnell in den Ofen, verschloĂ das Loch mit dem Ofenblech und hörte, wie die GĂ€nse nĂ€herkamen und einander fragten: âGack-gack. Gack-gack?â âGack-gack, nichts zu sehen!â Sie kreisten um den Ofen, fanden aber die Kinder nicht. Sie lieĂen sich auf das Feld nieder und berieten, was weiter zu tun sei. Zur Baba Jaga konnten sie nicht zurĂŒck, die wĂŒrde sie lebendig verschlucken. Bleiben konnten sie auch nicht, die Hexe wĂŒrde sie alle abschieĂen lassen. âUns bleibt nur einsâ, sagte der AnfĂŒhrer. âFliegen wir nach Hause, in warme LĂ€nder, dort kann uns die Baba Jaga nichts anhaben!â Die anderen GĂ€nse pflichteten ihm bei, stiegen in die Luft und flogen weit fort, bis hinters blaueb Meer.
Malaschetschka nahm das BrĂŒderchen und eilte nach Hause. Die Eltern hatten unterdessen das ganze Dorf abgesucht, jeden, den sie trafen, nach den Kindern gefragt. Niemand wuĂte etwas, nur der Hirt sagte, daĂ die Kinder im Wald gespielt hĂ€tten. Vater und Mutter eilten in den Wald, am Dorfrand stieĂen sie auf die Kinder. Malaschetschka gestand den Eltern alles und versprach, von nun an immer zu gehorchen und alles zu essen, was die anderen aĂen. Sie hielt ihr Versprechen, und damit endet unser MĂ€rchen.
Der Esel im Löwenfell
Zu der Zeit, als König Brahmadatta ĂŒber Benares herrschte, zog ein Hausierer mit seinem Esel durch die Ortschaften des Königreichs und bot die verschiedensten Waren feil. Gegen Abend pflegte er sie abzuladen, dem Esel ein altes Löwenfell ĂŒberzuwerfen und ihn in die Reis- und Kornfelder zu treiben, damit er sich sein Futter suche. Sobald die WĂ€chter den vermeintlichen Löwen erblickten, warfen sie ihre KnĂŒppel weg und ergriffen Hals ĂŒber Kopf die Flucht.
Zur selben Zeit, als der Hausierer von Haus zu Haus zog, lebte in einem Dorf der heilige Bodhisattva als Sohn eines Bauern und arbeitete fleiĂig auf den Feldern mit. In dieses Dorf kam eines Tages der Hausierer, lud die Waren am Feldrain ab, warf sie ĂŒblich dem Esel das Löwenfell ĂŒber den RĂŒcken und lieĂ ihn frei. Die WĂ€chter erschraken, als sie den verkleideten Esel daher trotten sahen, und flĂŒchteten ins Dorf. Der Bodhisattva indessen versteckte sich hinter einem ÂŽGebĂŒsch; denn er hatte erkannt, daĂ der Löwe ein Esel war.
Es dauerte nicht lange, da liefen die Dorfbewohner, mit SpieĂen und Ăxten bewaffnet, zu den Ăckern, auf denen der verkleidete Esel weidete, und vollfĂŒhrten, um ihn zu erschrecken, mit Trommeln und Trompeten einen höllischen LĂ€rm. Der Esel war so ĂŒberrascht, daĂ er sich nicht anders zu helfen wusste, als ein lautes âI-ah, ii-aah!â auszustoĂen.
Die Dorfbewohner wagten es trotzdem noch nicht, den Esel anzugreifen, bis der Bodhisattva ihnen zurief: âWorauf wartet ihr noch? Ich sehe weder einen Tiger noch einen Löwen, nicht einmal einen Panther ist hier; nur einen alten Esel sehe ich mit einem Löwenfell ĂŒber dem RĂŒcken.â
Da rissen die Dorfbewohner dem Esel das Löwenfell herunter und verprĂŒgelten ihn so lange, bis er nicht mehr aufstehen konnte.
Als der Hausierer ihn holen wollte, war der Esel schon tot, und das alte Löwenfell lag zerrissen neben ihm auf dem Feld. âWas bist du fĂŒr ein dummes Tier!â sagte der Hausierer. âIn deinem Löwenfell hĂ€ttest du noch lange das köstliche Korn fressen können. Du aber schreist âI-ahâ und wirst dafĂŒr totgeschlagenâ
Mit diesen Worten verlieĂ er den Esel, der ihm nicht mehr nĂŒtzen konnte, lud sich die Waren auf und ging seines Weges.
Der Wolf und das Menschenkind
Der Wolf rĂŒhmte sich einmal dem Fuchs gegenĂŒber, daĂ er der StĂ€rkste auf Erden sei; er fĂŒrchte sich vor niemandem. Da sprach der Fuchs: âIch kenne doch wohl einen, der stĂ€rker ist, das ist das Menschenkind.â âWas?â rief der Wolf, âdem möchte ich doch alle Knochen zerknatschen und zerbeiĂen, wenn ich es sĂ€he!â âIch will dich zu einem hinfĂŒhrenâ, sagte der Fuchs.
Als sie so gingen, kam ein alter Mann, ganz krumm und gebĂŒckt. âIst das ein Mensch?â rief der Wolf. âDas war einerâ, sagte der Fuchs. Sie gingen ein wenig weiter, da spielte ein Kind im Felde. âIst das ein Mensch?â â âDas war einer!â sagte der Fuchs. Sie machten nur einige Schritte, da trat der JĂ€ger aus dem Wald hervor. âNun, das ist ein Menschâ, sprach der Fuchs Ă€ngstlich und schlich auf der Stelle seitwĂ€rts. Der Wolf aber war ganz wild und trotzig, ging auf den JĂ€ger los und sprach: âDem will ich bald die Nieren prĂŒfen!â Der JĂ€ger stand ruhig da und wartete. Als der Wolf schuĂgerecht war, zielte er und drĂŒckte los. Der Wolf stutzte bei dem Krach, und sogleich kitzelte ihn etwas unangenehm im Gesicht, und das Blut rann ihm von der Stirn. Er ging aber dennoch auf den JĂ€ger zu: der griff nach seinem HirschfĂ€nger, und als der Wolf ihn packen wollte, stocherte er ihn einige Male in die Seite, daĂ diesem die Lust verging und er laut heulte und fortlief.
Der Fuchs lachte sich ins FĂ€ustchen, als er den Wolf kommen sah. âNun, wer ist stĂ€rker, Gevatter?â âDer Teufel!â sprach der Wolf. âDas war mir so ein Kerl, der hatte ein langes, krummes Holz, dann nahm er eine Handvoll Steinchen und warf sie mir ins Gesicht, und zuletzt zog er eine Rippe aus seiner Seite und stocherte mir in den Magen, das war noch das Ărgste. Ja, so einen habe ich noch nicht gesehen!â
Das Entlein auf Reisen
Das Entlein wackelte fort und wollte eine Reise in die Welt machen; da kam Frosch Hutzelbein und sprach:
âWohin, Entlein?â
âIn die Welt hinein!â Sagt Entlein.
âDarf ich mit, Entlein?â Fragt Hutzelbein.
âSitz auf mein SchwĂ€nzelein!â Sprach das Entelein.
Da setzte er sich auf, und nun zogen beide fort; da kam der dicke MĂŒhlstein und sprach:
âWohin Entelein, Hutzelbein?â
âIn die Welt hinein!â Sprachen Entelein, Hutzelbein.
âDarf ich mit Entelein, Hutzelbein?â Fragte der dicke MĂŒhlstein.
âSitz auf mein SchwĂ€nzelein!â Sprach das Hutzelbein.
Der dicke MĂŒhlstein setzte sich auf, und so ging es langsam fort; da kam die Kohle mit den roten Baken und sprach:
âWohin Entelein, Hutzelbein, dicker MĂŒhlstein?â
âIn die Welt hinein!â Sprachen Entelein, Hutzelbein, dicker MĂŒhlstein.
âDarf ich mit Entelein, Hutzelbein, dicker MĂŒhlstein?â Fragte das rote Kohliglein.
âSitz auf mein SchwĂ€nzelein!â Sprach der MĂŒhlstein.
Da setzte sich das Köhlchen mit den roten Backen auf und war sehr lustig und froh, daĂ es die Welt sehen sollte. So zogen sie weiter fort und kamen an den FluĂ. Das Entlein schwamm hinein, und als es in der Mitte war, sprach es: âNun haltet euch fest, ich will einmal tunken und mir ein Fischchen erschnappen!â O weh, da waren es um den MĂŒhlstein und die Kohle geschehen; sie fielen ins Wasser, der MĂŒhlstein sank auf den Grund und wurde nicht mehr gesehen, die Kohle blieb zwar oben, aber sie verlor gleich ihre roten Backen, wurde schwarz wie der Tod und floĂ ins Meer. Nur das Entlein und Hutzelbein blieben am Leben, weil sie schwimmen konnten, und so lachen si noch fort bis auf den heutigen Tag. Leute aber, die diese Geschichte nicht kennen, sagen nur: âSie schnattern und quaken!â