Tradition seit 1793 (hoch)
In ihrem Buch zu Lady Justice hat Valérie Hayaert an die Affinitäten einer Dame erinnert, die auch dann römisch blieb, wenn sie sich nicht im Rahmen Johann Jacob Bachofens oder Pierre Klossowskis hielt. Sie erinnert nämlich daran, dass die Lady Justice ihren Titel vom Laden hat. Das ist der Laden, die Lade, der/die speist und in Opladen (darum der Fluss) und der Oblate vorkommt.
In seinem Buch zur Phänomenologie der Unterentwicklung (Unterladen/ Unterlagen) schreibt Flusser, Hochsprache Wilhelm (wie Kaiser Wilhelm oder Wilhelm von Oranien), kleine Literatur Vilém, der aus der Stadt kleiner Literaturen kommt, aus Kafkas Stadt, dass Portugiesisch die barbarische Korruption der lateinischen Sprache sei. Brasilianisch sei doppelt korrumpiert. Brasilien ist anders lautet sein Text.
Was er sagt, leuchtet unheimlich stark, aber nicht ein. Brasilianisch ist anders, verändert, barbarisch korrumpiertes Latein? Soll das daran liegen, dass die Portugiesen die Gasse lado nennen, den Kassierer und den Kaiser aber nicht Lady und dass sie die Gasse gar nicht lateinisch oder ladinisch nennen? Oder tun sie es doch, nur in kleineren Formen?
Wie gesagt, Flusser leuchtet unheimlich stark, aber nicht ein, was daran liegen kann, dass die römische Sprache barbarisch ist, es ist ja nicht Griechisch. Latein sei eine Sprache mit deutlichen Regeln, schreibt Flusser. Je deutlicher desto deutbarer, wenn die Sprache nicht nur übersetzt werden muss, sondern selbst schon übersetzt ist und dazu noch in großen Sprachen und kleinen Literaturen das Leben anrichtet, zu Speis' und Trank.
Flussers Lampe ist stark, sein Schreiben leuchtet stark. Er schreibt, man könne die barbarische Korruption mit Kant erklären. Im Latein seien die Anschauungsformen deutlich. Das kann vergessen werden. Der Herr kommt aus Prag, nicht sein Geschirr, das musste er zuhause lassen. Da kann etwas vergessen werden, zum Beispiel Flussers Lampe. Deutlich ist sein Schreiben, na und? Das Vague ist auch präzise, da kann die Präzision schon vague sein. Deutbar bleibt es doch auch so. Brasilianisch ist anders, schreibt er. Aber er meint: nicht total anders, denn diese Sprache ist in Wellen korrumpiert, Rom und Portugal, die Kelten, die Iberische Halbinsel, germanische, arabische Sprachen und dann noch Tupi-Guarani und Bantu, die sind in Wellen, Brandungen, Gezeiten involviert. Ich schätze und tippe mal, dass Brasilianisch anders, aber nicht total anders ist und dass die Relation von der Sonne, dem Mond und den Sternen abhängt. Je nach meteorologischer Situation brandet etwas anderes. Flusser sagt vom Brasilianischen, was manche von Warburgs Denkraum und von Einsteins Relativitätstheorie sagen. Raum und Zeit (Kants Anschauungsformen) seien nicht zu unterscheiden. Doch das geht, die Leute tun es ja dennoch, auch wenn eine Theorie ein Ununterscheidbarkeit bewiesen hat. Die führen Kalender und nutzen Atlanten.
Endlich kommt Flusser zum Punkt, besser gesagt: er kriegt die Kurve. Sprachen spülten sukzessive über das Land, schreibt er. Sie tun es immer noch. Seit Anfang dieses Jahrhunderts spülten sie über das Land, schreibt er. Das würde ich erudieren. Sie spülen immer über das Land, erudieren immer was, Sprechen ist Erosion, darum so erotisch. Das Sprechen wühlt ein sedimentäres Geschichte auf. Das Schreiben reisst auf. Das Schreiben auch. Die Skizzen auch. Die Bilder auch. Hat er wohl in seinem Namen rechter.
In und auf römischen Messen übersetzt man vitam instituere mit: das Leben anrichten. Lecker!