Hochzeitsgesellschaft
1.
Eins war allen Beteiligten von Anfang an klar, nämlich, dass die Hochzeit in Nähe zu Mittsommernacht und dem Fest von São João stattfinden musste, zu der Zeit, an der nach einer Meinung die Linien perforiert werden, nach anderer Meinung die Perforationen Linien bilden und Schlange stehen. Aber wo dann das Bild machen? Treppenszene vor neugotischer Architektur oder beim Wasser, dort wo das Schilf und die Nymphen sitzen, die Frösche quaken und schließlich eine seltsame Kombination aus Barke und Pavillon aus dem Schilf herausragen soll? An dem orientalischen Ende oder an dem okzidentalischen Ende des kleinen englischen Gartens, eher dort, wo die Sonne am Abend untergeht oder dort wo sie am nächsten Morgen wieder aufgeht? Dort, wo wir eher größer aussehen als wir sind oder da, wo wir eher kleiner aussehen als wir sind? Dort, wo die Verteilung von Licht und Schatten scharfkantig und zum disegno wird oder da, wo sie weich und zum sfumato wird? Soll die Gesellschaft sich vertikal oder horizontal vorstellen? An dem einen Pol oder an dem anderen Pol der Möglichkeiten, die Poggelow (der präzise Ort in Schwasdorf) hergibt?
Auf dem Lande: Schwasdorf, das liegt in einer Landschaft, zu der sowohl Laura als auch Goscha eine tiefe Verbindung haben. Laura kommt aus so einer Landschaft; Goscha hat jeden Sommer seiner Kindheit in so einer Landschaft verbracht. Das klärt viele Fragen in Bezug darauf, wo eine Hochzeitsgesellschaft sich treffen soll und es lässt viele Fragen offen, wie eben die, wo man dann das Foto der Gesellschaft macht.
2.
Die Frage danach, wo man eine Hochzeitsgesellschaft aufnimmt ist die Frage nach dem decorum. Das ist eine rhetorische Frage, eine Scheinfrage. Ihre Antwort steht fest, auch wenn man sie nicht weiß; sie will was vom Schein wissen, kümmert sich nur bedingt ums Bewußtsein und historisch hat sich das Wissen auf das sie zielt (vielleicht eher zufällig) um die Rhetorik herum gesammelt , darum nennt man das eine rhetorische Frage.
Decorum ist ein nomen actionis. Wie das Wort nomos ein Zaunwort sein soll, so soll das Wort decorum ein Musterwort sein. Wie das Wort nomos auch auf Kulturtechniken des Zäunens hinweist (nach Jost Trier und Carl Schmitt damit auf das Nehmen-Teilen-Weiden) , so weist das Wort decorum auf Kulturtechniken der Musterung hin (wenn man im Stil eines Staatsrechtslehrers weiter machen will: auf das Scheiden-Schichten-Mustern).
2.
We got both. Die Hochzeitsgesellschaft konnte sich nicht auf eine Ordnung, nicht auf ein Foto einigen. Sie wollte mindestens zwei haben, wollte die Musterung nicht vereinheitlichen oder gar verschmelzen. Die Äpfel fallen nicht weit von den Stämmen und man ist immer in der Hochzeitsgesellschaft, die man verdient. Wir sind glücklich, sind im Glück.












