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Hotel Central
Macau/ China
Foto: Carlos J. Martisn Nobre
Rua Gervásio Pires, ao Fundo o Edifício do Hotel Central, Bairro da Boa Vista Aérea Central do Recife - Década de 1930.
Recife
1.
Et in arcadia ego, z.B. dann, wenn mitten im Abendland Morgenland ist. Recife ist die Hauptstadt der Schiff- und Lichtbrüchigen. Hier beginnen die Tropen, die traurig, aber nicht nur traurig sind. Cobertura: das ist ein Penthaus, das zum Hotel Central gehört, einem ersten Hochhaus in Recife, das noch zu der Zeit eröffnete, als Leute hier mit Zeppelin anreisten. Hier haben Carmen Miranda, Orson Welles und Fabian Steinhauer (kurz Miranda, Welles, Steinhauer) gewohnt. Von der gigantischen Dachterrasse dieses Penthauses aus habe ich im November jeden Morgen (es sei denn, ich war in Brasilia bei Marcelo Neves, in Arraias bei Ricardo Spindola, bei Mestre Assis Calisto in Arcoverde oder bei Geistern im Sertão) den Sonnenaufgang betrachtet, nahezu jeden Morgen auch gefilmt. Die Terrasse ist dahin ausgerichtet, sie streckt sich Aurora, die mir nach einem Kreuzer, Schiff und Kanonenboot benannt ist, entgegen.
Ich dachte jeden Morgen ein paar Sekunden lang, ich hätte genug im Kasten um dann doch eilig den Apparat zu schnappen, weil es diesmal besonders irre war. Das geht um 3.50 Ortszeit los (beste Zeit, um als pünktlicher Deutscher nicht den Thesen vom Jetlag auf den Leim zu gehen). Man nimmt um 3.50 den ersten Lichtunterschied über dem atlantischen Ozean wahr, den man als Streifen hinter dem Hafen und noch vor den Hochhäusern von Pina und Boa Viagem sieht. Es geht mit Ahnung los, mit Anlauten und Hauchen, nicht mit Knacklauten. Es geht los wie bei Karajans Versuch, Rheingold immer schon angefangen haben zu lassen. Den Anfang des Lichts nimmt erst dann wahr, wenn es schon da ist, das Licht. Das ist nahe am Äquator, also ist man zehn Minuten später mitten drin im Spektakel, ab 4.30 wird es fast schon langweilig. Wolkentürme und Häuserfassaden bieten dann den Lichtbrüchen aber bis 5.30 immer noch ausreichend Fläche zur magischen Entfaltung. Der Himmel selbst scheint ab 4.30 schon versöhnt oder beruhigt, zumindest zu großen Brüchen selbst nicht mehr bereit, das müssen dann die Oberflächen der Wolken und der Häuser übernehmen. Der Himmel ist dann abgestuft hell, d.h. abgestuft dunkel, auch gut, aber nicht mehr das Zelt, der Pavillon oder der Tag-und-Nacht-Falter chromatischer Aberration. Das ist er zwischen 3.50 und 4.30. Die Aufnahme oben ist ca. 4.20 herum entstanden, noch ist die chromatische Spannung am Himmel, auch wenn sie schon verblasst.
Um 5.00 eröffnet endlich die nächste Bäckerei, das ist das Viertel Boa Vista (Lispectors Viertel), hier geht es früh los, weil hier viele von denen wohnen, die andere anderswo bedienen und darum etwas früher aufstehen und unterwegs sein müssen. In Pina oder Boa Viagem sind zu der Zeit dann zwar auch schon Leute auf, aber es sind erstens weniger und zweitens sind sie in Sachen Bettflucht oder Wellness, Rentnerdasein oder Jahrmarkt heiratsfähiger Eitelkeiten unterwegs, die joggen dann an der Promenande (sie gehen mit großen Schritten, geradem Rücken und angewinkelten Armen schnell geradeaus) oder sie machen Yoga. Die überwiegende, aber nicht die gesamte Anzahl böser Jungs geht spätestens jetzt schlafen, gute Jungs schwingen sich ausgeschlafen auf das Rad, Fotoapparat in billiger Plastiktüte mit Wäsche umwickelt, Stift und Papier dabei.
Man ist schließlich an einem der Orte, an denen das Recht und die Stadt koextensiv sind, wie es die Hühner und die Eier sind. Man kann darum entscheiden, ob man erst Rechtsquellen oder erst die Stadt liest. Die Bibliotheken machen einem die Entscheidung leicht, sie öffnen nämlich erst viel später, ausgerechnet dann, wenn es draußen zu heiß und drinnen zu kalt ist, um an einem Platz noch etwas mehrdeutig wahrnehmen zu können. Entweder ist es ab den bürgerlichen Öffnungszeiten die heiße Luft oder das kalte Gebläse, die die Dringlichkeit erzeugen, eindeutig zu lesen, schon damit man schneller fertig wird.
2.
Über der Rezeption des Hotels, wo eine Theke steht, die das gesamte Wissen, das in einem Hotel entsteht, auch als sciene at the bar erscheinen lässt, hängt ein Foto, in dessen unterer Hälfte man noch das Penthaus mit dieser Terrasse, in dessen oberer Hälfte man aber einen Zeppelin sieht.
Das Foto erinnert an drei (!) Fotos von Tafel C des Mnemosyne-Atlas, der Tafel, in der Warburg seine Geschichte und Theorie ziemlich, aber nicht total gründlicher Linien, auf die Geschichte der Polarität bezieht. Das sind Fotos eines Zeppelins. Auf Tafel C bekommt man zu sehen, was Polobjekte sind, also Objekte, die Polarität händeln sollen. Zu der Zeit, in der das Hotel Central eröffnet und Warburg an seinen Staatstafeln arbeitet, erscheint auch der Zeppelin als ein solches Polobjekt, ganz einfach schon deswegen, weil er damals über den Nordpol fliegt, wenn er zwischen Europa und Amerika verkehrt. Diese Reise geht mit meteorologischen Herausforderungen einher, man muss das Wetter möglichst genau berechnen können, damit die Risiken einer solchen Reise möglichst gering werden. Der zeppelin ist für Warburg als ein technisches Objekt von Interesse, dazu aber noch als ein Objekt, das auch noch Bilderfahrzeug ist (wennauch anders als burgundische Bildteppiche es sind) und durch das Antike nachlebt. Darin besetzt der Zeppelin für Warburg vermutlich eine Qualität, die mit dem vergleichbar ist, was Roger Caillois an der Gottesanbeterin beschreibt: der Zeppelin ist dem Warburg mimetisches Objekt interessant, es pusht ihm wohl die Vor- und Nachahmung.
Weil das Hotel Central zu der Zeit entstand, in der auch die Staatstafeln entstanden, habe ich dort gewohnt. Na ja, und weil es doch, das muss ich jetzt sagen, mein Lieblingshotel in Recife ist (sorry Atlanta Plaza, aber wir können gute Freunde bleiben).
3.
Das Hotel ist einer der Orte, an denen man ganz wunderbar nicht Herr im eigenen Haus sein kann. Die Entmächtigung speist oft gut bis bestens. Natürlich lässt sich auch in Hotels etwas umrücken. Eine Tafel, die einem zu weit links steht, kann weiter nach rechts gerückt werden, ein Stuhl kann aus der Mitte des Zimmers an den Rand gerückt werden, Sitzgruppen können zerstreut oder anders zusammengefasst werden. Kommt einem was zu dick, kann man verdünnen, kommt was zu dünn, kann man es verdicken. Im Hotel geht viel, oft mehr als man denkt, wie immer nicht alles, was man denkt. Ich glaube, dass es auch Rechtswissenschaftlern ganz gut tut, auf Dienstreise zu gehen und Nächte in Hotels und Motels zu verbringen. First we shape things and than they shape us, lautet der bekannte Kalenderspruch von Winston Churchill, den er einst auf den Ort der Gesetzgebung und dessen architektonische Konditionierung bezogen hat. Ich denke, man sollte mehr in Hotels und Motels über Vismanns Geschichte und Theorie des Abendländischen lesen und schreiben. Ich vermute, dass es sich so irrisierter und irrisierender lesen und schreiben lässt als in abgezahlten Eigentumswohnungen und an den Orten, wo Herr im eigenen Haus zu sein doch noch das Maß ganz überwiegender Dinge zu sein scheint. Quilombos bieten sich vielleicht auch an, sie sind aber schwerer zu reservieren.
Christer Strömholm, Hotel Central, Paris, 1951
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Wird mein Körper irgendwann trocken sein? Wer wird meine Fehler ausbügeln? Werde ich irgendwann platt sein?