Max Holst von der HSG Wetzlar spricht über die wiederholte finanzielle Schieflage des HSV Handball. Er geht darauf ein, welche Folgen das für die DKB Handball Bundesliga hat und was der Handball in einer Stadt wie hamburg bewirken könnte.
MT INDISPONIERT: 24:31-HEIMNIEDERLAGE GEGEN SOUVERÄNEN HSV
Die MT Melsungen erwischte im Spiel gegen den HSV Handball einen rabenschwarzen Tag. Vor 4.187 Besuchern in der Kasseler Rothenbach-Halle unterlagen die Nordhessen verdient, wenn auch am Ende zu hoch, mit 24:31 (11:16). Von Beginn an liefen die Rot-Weißen Rückständen hinterher und vermochten über die gesamte Spielzeit nicht ein einziges…
EHF-Pokalsieger 2015! Die Füchse haben ihren Heimvorteil beim Final Four genutzt und sich den ersten internationalen Titel der Vereinsgeschichte gesichert. Die schlechteste Ligasaison seit Jahren sowie das bittere Pokal-Aus gegen Magdeburg rücken in den Hintergrund. Nun kann die Spielzeit ruhig ausklingen.
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— EHF Media (@EHFMedia) 17. Mai 2015
Er wollte ihn einfach nicht mehr hergeben. Ob tanzend oder trinkend, Evgeni Pevnov trug den EHF-Pokal auf der Siegesfeier im Felix Club Restaurant stets bei sich. Seine Teamkameraden hatten keine Chance. Noch bei der Pokalübergabe in der Max-Schmeling-Halle hatte der Kreisläufer sich die Bronzetrophäe gegriffen und sie scheinbar nur Konstantin Igropulo für dessen berüchtigtes Pokal-Nacktbild zur Verfügung gestellt. Die beiden mussten die Zeit mit dem Pott aber auch genießen, denn lange haben sie ihn nicht mehr vor Augen. Pevnov und Igropulo werden den Verein wie Iker Romero und Petar Nenadic im Sommer verlassen.
Amtsmüdigkeit konnte dem Quartett am Wochenende und besonders im Endspiel aber nicht vorgeworfen werden. Besonders Igropulo wollte es anscheinend jedem Zuschauer zeigen, dass das Füchse Management ihn nicht nach Kolding hätte ziehen lassen sollen. Monatelang suchte der Russe 2014/15 seine Form. Pünktlich zum Anpfiff des Finalspiels hatte er sie gefunden. Schon beim 27:24-Halbfinalsieg gegen Gorenje Velenje hatte der Rückraumspieler sechs Treffer erzielt. Einen Tag später im Duell mit dem HSV gingen vier der ersten sechs Tore auf das Konto von Igropulo.
Kreisläufer Pevnov konnte sich im Finale zwar nur über einen Treffer freuen, überzeugte aber mit hervorragendem Kampfgeist. Eben dieser verleitete die Nummer 14 auch, sich in der 17. Minute nach einem eigentlich schon verlorenen Ball zu werfen. Unglücklicherweise tat Davor Dominiković das auch. Die beiden kollidierten und der Hamburger Abwehrchef kugelte sich die Schulter aus. Die anschließenden Schmerzensschreie ließen noch weitaus Schlimmeres befürchten und schockten seine Mitspieler sichtbar.
80 Prozent Trefferquote in Hälfte eins
Der HSV schien gerade ins Spiel gefunden zu haben. Nach Dominiković Ausfall starteten die Füchse direkt einen 3:0-Lauf. Dann schlug die Stunde von Füchse-Verlasser Nummer drei. Petar Nenadic hatte sich in den Anfangsminuten mehr aufs Passen konzentriert. Damit war gegen Ende der ersten Halbzeit Schluss. Der Serbe hatte nur noch das gegnerische Tor im Blick und lief wahrlich heiß. Viermal in Folge musste Johannes Bitter Nenadic Geschosse aus dem Netz holen. Die Füchse beendeten die erste Hälfte mit einer überragenden Trefferquote von 80 Prozent. Die Folge war eine 16:13-Führung.
Iker Romero bewies einmal mehr, dass er der Mann für die besonderen Momente ist. So hatte Manager Bob Hanning ihn vor vier Jahren vorgestellt und die Erkenntnis stimmt immer noch. Im zweiten Abschnitt geriet die Füchse-Offensive ins Stocken. Der HSV kam Tor für Tor wieder ran. Beim 21:21 drohte die Partie zu kippen. Doch Romero hatte einen anderen Plan: Sein charakteristisches Anspiel auf Horak nach mehrmaligem Standdribbling ebnete den Weg zum Sieg, den schließlich die Jungspunde Drux und Wiede perfekt machten.
Während die Eigengewächse der Berliner noch viele Jahre auf Titeljagd gehen werden, war es für den Kapitän nicht nur der letzte große Auftritt im Füchse-Trikot, sondern der letzte internationale überhaupt. Dementsprechend ordnete Romero den Triumph auch ein: „Ich hatte so eine tolle Karriere und habe so viele Titel gewonnen. Eigentlich wollte ich mich letztes Jahr mit dem EHF-Pokal zur Ruhe setzen. Das hat in doppelter Hinsicht nicht geklappt. Umso glücklicher bin ich, dass wir nochmal die Chance hatten und es dieses Mal geschafft haben. Danke an die Stadt, den Verein, die Fans und den Handball an sich.“
Hervorragendes Coaching von Sigurdsson
Auf der Pressekonferenz saß neben Romero ein weiterer Berliner, der die Füchse zum 30. Juni verlassen wird - der Trainer. Auch Dagur Sigurdsson gilt es, ein Kompliment für den Titelgewinn zu machen. Er hat zum Höhepunkt der Saison das Beste aus seinem Team herausgekitzelt und es hervorragend auf Velenje und Hamburg vorbeireitet. Dabei wusste der Isländer in seinem sechsten Jahr bei den Hauptstädtern tatsächlich noch mit neuen Taktikgriffen zu überraschen.
Eigentlich favorisiert der Bundestrainer eine klassische 6:0-Verteidigung. Am Wochenende schickte er immer wieder erfolgreich Mattias Zachirsson als vorgezogenen Abwehrspieler auf die dominierenden gegnerischen Mittelmänner Stas Skubbe (Velenje / Topscorer des Wettbewerbs) und Kentin Mahé (HSV / wertvollster Spieler des Final Fours). Da der Abwehrblock um Nielsen und Horak zudem äußerst sicher stand, konnte Silvio Heinevetter im Tor glänzen und wurde verdient zum besten Torhüter des Turniers ausgezeichnet.
Die Saison der Füchse hat somit für viele Spieler individuell sowie für das Team an sich noch eine erfreuliche Wendung genommen. Nun kann die Abschiedstournee für die Spieler beginnen, die die Hauptstadt verlassen werden. In den letzten fünf anstehenden Liga-Partien können es die Füchse ruhig angehen lassen. Durch den Sieg im EHF-Pokal spielen die Füchse auch nächstes Jahr international. Platz sechs und damit die direkte Europapokal-Qualifikation über die HBL wäre nur die Kür für die am Wochenende bestandene Pflicht.
Fraglich ist nur, ob Evgeni Pevnov in den letzten fünf Spielen noch einmal zum Einsatz kommen wird, denn dafür müsste er den Pokal dann doch einmal loslassen.
Notable Fact:
Am Sonntag gab es für Bob Hanning doppelt Grund zum Feiern. Bevor die Profis den Europapokalsieg klar machten, sicherte sich die B-Jugend in Essen erneut die deutsche Meisterschaft.
Für die Füchse Berlin steht am Wochenende nicht weniger als die Bewertung einer ganzen Saison auf dem Spiel. Entweder wird die aktuelle Spielzeit als erfolgreiche oder überaus mäßige in Erinnerung bleiben wird. Beim EHF-Pokal-Final-Four kann der erste internationale Titel der Vereinsgeschichte gewonnen werden. Doch drei andere Teams sind genauso heiß auf den Cup.
Es wird stürmisch am Wochenende. Denn dann kämpfen die besten um den Thron.#ehfcupfinals #UnserRevier #berlinfinals pic.twitter.com/OgYr9BKhLg
— Füchse Berlin (@FuechseBerlin) 14. Mai 2015
Von der Spannung her wird es das EHF-Pokal-Final-Four wohl nicht mit seinem deutschen Pendant am vergangenen Wochenende aufnehmen können. Nichts destotrotz erwartet Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson enge Partien: „Alle vier Mannschaften spielen auf Champions League-Niveau und sind verdientermaßen in die EHF Cup Finals eingezogen. Schon im letzten Jahr waren die Spiele sehr eng und spannend, auch in diesem Jahr wird es nicht anders sein.“ Seit 2013 treffen sich die vier besten Teams im zweithöchsten europäischen Wettbewerb an einem Wochenende, um ihren Sieger auszuspielen. Dieses Jahr sind folgende Mannschaften dabei:
Füchse-Berlin:
Größte Erfolge: DHB-Pokalsieg 2015 & 4. Platz Champions League 2012
Bester Torschütze im Wettbewerb: Frederik Petersen (36 in 8 Spielen)
Diesjährige Bilanz im EHF-Pokal: 6 Siege - 2 Niederlagen
Lange Zeit schienen deutsche Teams ein Anrecht auf den Sieg im EHF-Pokal zu haben. Beginnend 2004 konnte der Cup zehnmal in Folge von HBL-Teams gewonnen werden. Letztes Jahr riss die Serie. Dabei hatten sich die gastgebenden Füchse Berlin so viel vorgenommen. Im Halbfinale gegen Szeged präsentierten sich die Füchse jedoch blutleer und verloren verdientermaßen gegen den späteren Champion. 2015 ist das Final-Turnier wieder zurück in der Max-Schmeling-Halle und diesmal soll alles besser werden?
Was spricht dafür? Spielerisch zunächst einmal recht wenig. Das diesjährige Team spielt in keinem Fall besseren Handball als das letzte. Allerdings kann die Erfahrung aus dem letzten Jahr den Füchsen helfen. Die anderen drei Teams sind trotz aller ihr Erfolge Neulinge im EHF-Pokal-Final-Four. Der Heimvorteil sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden. 2014/15 gewannen die Füchse alle ihre Europapokalheimspiele mit mindestens fünf Toren Differenz. Für viele Spieler sowie auch für Coach Sigurdsson ist es die letzte Chance auf einen großen Titel mit den Füchsen. Die Motivation sollte also vorhanden sein.
Gorenje Velenje:
Größte Erfolge: dreimal slowenischer Meister & EHF-Pokal-Finale 2009
Bester Torschütze im Wettbewerb: Stas Skube (76 in 10 Spielen)
Diesjährige Bilanz: 8 Siege - 2 Niederlagen
Der Halbfinalgegner der Füchse ist wie die Berliner auf der Jagd nach dem ersten internationalen Titel der Vereinshistorie. 2009 waren die Slowenen diesem Triumph ganz nah. Im Finale des EHF-Pokals - damals noch in Hin- und Rückspiel - unterlag das Team von Ivan Vajdl jedoch dem VfL Gummersbach. Danach folgten in der Champions League drei Ritte bis ins Achtelfinale. Velenje ist im europäischen Handball also kein unbekannter Name. In der heimischen Liga steht der dreifache Meister in der Regel im Schatten von Rekordmeister Celje. Der spielte diese Saison jedoch in der Champions League und daher wittern die Slowenen ihre Chance auf den Titel.
In der aktuellen Europapokalsaison gewann Velenje alle seine Spiele bis auf die beiden Partien gegen den HSV. Generell liegt der letzte Sieg der Slowenen gegen ein Team aus der Bundesliga schon mehr als vier Jahre zurück. Damit es bei diesem schwachen Abschneiden bleibt, müssen die Füchse unbedingt Stas Skube kontrollieren. Mit seinen 76 Treffern gehört der Rückraumspieler zu den torgefährlichsten Handballern des Wettbewerbs.
HSV Hamburg:
Größte Erfolge: Europapokal der Pokalsieger 2007 & Champions League 2013
Bester Torschütze im Wettbewerb: Kentin Mahe (53 in 10 Spielen)
Diesjährige Bilanz: 7 Siege - 3 Niederlagen
Die fetten Jahre beim HSV sind vorbei. Zwar konnte im Sommer noch gerade so der Verbleib in der Liga gesichert werden. Mit dem Team, das 2011 deutscher Meister oder 2013 Champions League Sieger wurde, hat der aktuelle Kader jedoch nicht mehr viel gemein. In der Handball-Bundesliga stehen die Hamburger so schlecht da wie seit neun Jahren nicht mehr. Diese Formschwäche war dem Team von Jens Häusler im EHF-Pokal allerdings nicht unbedingt anzumerken.
In der dritten Runde musste zwar die Auswärtstorregel zum Weiterkommen aushelfen, doch danach gewann der Verein mit der charakteristischen Raute souverän seine Gruppe und setzte sich anschließend gegen Eskilstuna Guif aus Schweden durch. In Berlin tritt der HSV aber arg gebeutelt an. Mit Hans Lindberg und Stefan Schröder fallen beide Rechtsaußen aus. Wie schnell kann Nachverpflichtung Johan Petersson (42 Jahre alt!) integriert werden? Ansonsten steht für die Hamburger ähnlich viel auf dem Spiel wie für die Füchse. So schnell wird sich eine neue Chance auf einen europäischen Titel wohl nicht auftun.
Skjern Håndbold:
Größte Erfolge: Dänischer Meister 1999 & zweifacher EHF Challenge Cup-Sieger
Bester Torschütze im Wettbewerb: Nikolaj Markussen (40 in 9 Spielen)
Diesjährige Bilanz: 10 Siege - 2 Niederlagen
Mit den Dänen haben vor der Saison wohl die wenigsten gerechnet, als es um die Favoriten für die vier Endturnierplätze ging. Schließlich haben die Skandinavier europäisch bis auf zwei Siege im drittklassigen Challenge Cup recht wenig vorzuweisen. Dass in Skjern jedoch richtig guter Handball gespielt wird, mussten auch zwei Teams aus der Bundesliga schmerzhaft erfahren. Im Februar verloren die Füchse in Dänemark und im Viertelfinale fing sich die MT Melsungen eine zu hohe Hypothek für das Rückspiel ein.
Auf den Heimvorteil in der Skjern Bank Arena kann der Halbfinalist der dänischen Playoffs beim Final Four jedoch nicht setzen und der letzte Besuch in der Max-Schmeling-Halle endete für Skjern äußerst unerfreulich. Im Rückspiel gegen die Füchse gaben die Dänen den Gruppensieg aus der Hand. Damit sein Team in einem möglichen Finale die Chance zur Revanche bekommen kann, muss sich vor allem Nikolaj Markussen steigern. Der 2,11-Meter-Riese ist zwar schon Topscorer seiner Mannschaft, könnte aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen aber noch deutlich mehr rausholen.
Die Entscheidung fällt am Sonntag
Genug der Rede, die Entscheidung fällt am Sonntag auf dem Parkett. Via Twitter werde ich meine Follower natürlich wieder auf dem Laufenden halten. Ansonsten folgt nächste Woche an dieser Stelle auch wieder eine Zusammenfassung der Geschehnisse.