Tag 427 / Amen und Om
In der Badewanne fiel mir mit einem Mal ein, dass ich falsch bete. Nicht immer. Aber in Bezug auf meine Katze. “Bitte mach…” “Bitte lass…” “Bitte tu mir das nicht an…” Ich stelle Forderungen an Gott. So kann das nicht funktionieren. Etwas abgeben heißt ja, meine Katze in Gottes Hände legen. Seinen Willen geschehen lassen heißt ja, nicht den meinen.
Das ist für mich (inzwischen) möglich, wenn es ums Arbeiten geht, um Männer, um Übergewicht, um Geldsachen. Aber wenn es um mein Haustier geht, das mich durch schwere und gute Zeiten begleitet hat, das mit mir öfter das Bett geteilt hat als je ein Mensch zuvor, das mich wohl auf eine Katzenart so bedingungslos liebt wie ich es liebe, dann soll dieses Glückswunder mit vier Pfoten bei mir bleiben ewig und immer da.
Gott hätte ja entschieden können, dass Tumoren in meinem Darm sind und mir OP und Chemo bevorstehen. Das konnte ich abgeben. Da habe ich nicht mehr viel gefordert an den Tagen direkt vor der Untersuchung.
Beten und Meditieren waren natürlich dann heute nach meiner Wanne Themen im Meeting. Das habe ich auch schon geahnt, weil ich mittlerweile daran glaube, dass das alles Eins ist, es einen Sinn macht, dass Themen dran sind, wenn sie dran sind, dass das passt, was passen soll.
Und so lerne ich da, dass es ganz verschiedene Meditationsformen gibt. Zum Beispiel eine Herzmeditation. Hatte ich noch nie gehört. Ich kann solche Anregungen annehmen von Suchtkranken. Ich kann nachempfinden, wie sehr Meditieren helfen, befreien, öffnen kann. Diesen Süchtigen würde ich auf der Straße weder ansehen, dass sie süchtig sind, noch dass sie beten und meditieren. Wenn die aber in dem Meetingraum davon erzählen, klingt das sehr authentisch und einladend.
Ende Januar bis vielleicht Mitte März habe ich ziemlich regelmäßig gechantet. Ich war mir oft unsicher, ob ich das "richtig" mache. Die ersten Male hatte es mich voll beschwingt. Ich musste grinsen und kam jut druff. Ab irgendeinem Zeitpunkt spürte ich dabei keine besondere Regung in mir. Und wiederum später habe ich chantend auch heulen müssen.
Ich weiß nicht, wann es warum gestoppt hat. Auch mit meiner HypnoseApp. (https://www.kimfleckenstein.com/hypnose/apps/)
Warum entgleiten mir Rituale, die mir gut tun? Mit der App konnte ich so hervorragend einschlafen. Das war magisch!
Ist dieser Hang zur Selbstschädigung Ursache dafür? Und auch Schuld daran, dass tägliche Körper- und Geistesvergiftung mit Alkohol jahrelang funktioniert hat? Oder mangelnde Wertschätzung dessen, was ich alles habe, kann und bin? Ist es zu fremd für mich, mir Gutes zu tun, mich gut zu fühlen? So fremd, dass ich automatisch wieder vom Guttun ins Nichtstun rutsche? Immerhin ja nicht ins Schlechttun.
Seit dem Heimweg von der Selbsthilfegruppe habe ich mein Befehlston-Beten abgestellt. Außerdem entschuldigte ich mich bei Gott. Und dann breiteten sich auch ziemlich schnell gute Gefühle in mir aus - Erleichterung, Zuversicht, Vertrauen, Dankbarkeit, Zufriedenheit - während hinter Schrebergärten und Lauben die Sonne unterging.














