Puerilismus™
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dinge, die wir gar nicht so genau wissen wollten, dann aber nicht aufhören konnten hinzuschauen.
Es ist ja eigentlich nicht vorstellbar, dass die Schwestern von Grethers den Streisandeffekt nicht kennen. Vielleicht versuchen sie diesen auch auszunutzen, aber in diesem Fall machen sie einige Fehler.
Der Reihe nach. Die genannten Schwestern sind eine Band (Doctorella) und haben mit dieser ein neues Album veröffentlicht, welches wiederum von verschiedenen Gazetten besprochen wurde.
Ein gewisser Herr Schreuf, der zumindest zeitweise für uns und die beiden Schwestern kein Unbekannter war, weil er Bands hatte, über die wenigstens auch eine der Beiden geschrieben hat - also dieser Herr Schreuf hat eine der Kritiken geschrieben und die Grethers machen nun die zu kritisierende Musik.
Doch was müssen wir da lesen: Kerstin Grether gefällt die Kritik von Herrn Schreuf nicht. Zumindest veröffentlicht sie noch am selben Tag einen arg langen Angriff gegen Herrn Schreufs Text auf ihren Seiten. Titel: ‘Doctorella against Slutshaming im Indie & in der Jungle World: Lieber Kristof Schreuf… ’
Ohne den Schreuf-Text zu kennen (und die Autorin findet es ja auch nicht angebracht, den Text des Autors, den sie so angreift, irgendwo zu verlinken, wozu auch, wer mag sich schon eine eigene Meinung bilden) bekommen wir beim Lesen ein Gefühl: Da hat jemand einen Nerv getroffen. Zumindest die Angriffe gegen den Mann bewegen sich immer wieder auf Leberwurst-Niveau: ‘Du bist noch nicht weit genug, das zu begreifen.’ oder ‘ Du kriegst unsere vielen verschiedenen Perspektiven gar nicht mit und tust dann so, als wären sie nicht vorhanden.’ Also Doctorella zu hoch für Schreuf - das haben wir gerade noch verstanden, nur warum irgendwie nicht so ganz. Wir verstehen einiges nicht, die Suche nach möglichst persönlichen Tiefschlägen (’ Schreib doch du mal wieder einen Song. Brauchst du Songwriting Unterricht? ‘) bleibt rätselhaft. Die Autorin erklärt ja auch nicht wirklich gut.
Also müssen wir - wohl oder übel - die Kritik von Herrn Schreuf nun doch lesen. Natürlich nur, um zu verstehen, was die Frau Grether so schreibend macht.
Zu unserer endgültigen Überraschung lesen wir dann eine eher niedliche Kritik, gespickt mit kleinen Bösartigkeiten, aber sonst wär es ja auch langweilig. Damit erfüllt sie das, was eine Besprechung in einem Idealfall bewirken kann: Sie macht Lesern Lust, sich selber ein Urteil zu bilden. Dafür müsste sie nur das Album hören. Marketingschlacht gewonnen! Titel des gescholtenen Artikels: ‘Verborgene Könnerschaft’. Ist ja schlimm;)
Nun der Artikel von Schreuf hat uns zwar neugierig gemacht; die Reaktion der Band (welche uns auf seinen Artikel ja erst aufmerksam machte) hat uns aber doch nur abgeturnt. Wir mögen ja Musik von Musikern, die solch Kindereien und Dünnhäutigkeiten schon vor langer Zeit abgelegt haben. Von altklugen Frauen mit der dünnen Haut noch bissiger Teenager lassen wir uns aber nicht gerne unterhalten. Denn wir haben was gegen Infantilismus im Alter, auch wenn der immer mehr salonfähig zu werden scheint.
(Eine Anmerkung noch zum P.P.S. Da heißt es: ‘Da du ja auch mehr Musiker als Musikkritiker bist, genau wie wir, müssen wir dir das nicht als die „Meinungsäußerung eines Kritikers“ durchgehen lassen!!’
Also keine Meinungsäußerung von Kritikern ‘durchgehen lassen’, wenn sie auch Musiker sind? Ist ja sicher nicht so gemeint, aber die Frage drängt sich auf: Wer liest solche Sätze gegen und lässt die dann durchgehen? Wollen wir aber lieber gar nicht so genau wissen ... )
Als Kind hat er kleine Mutproben durchgeführt, nur für sich und in Gedanken. Hat den Kopf in den Nacken gelegt und gedacht: Es gibt keinen Gott. Danach wartete er jedes Mal mit angehaltenem Atem darauf, dass ein Gewitter ausbrach oder die Erde sich unter ihm auftat, und verstand nicht, warum nichts dergleichen geschah. Gab es wirklich keinen Gott, oder saß der ungerührt im Himmel und schüttelte den Kopf über diesen frechen Bengel? Jetzt sieht er Maria hinterher und denkt: Ich ziehe nicht nach Berlin. Ich verlasse dich.
Stephan Thome: Fliehkräfte, Berlin 2012, S. 43.
Adorno, hier typischer Opportunist, wollte ebenso wenig an Vietnam-Veranstaltungen teilnehmen, nur fiel es ihm schwer, dies zu sagen; er flüchtete sich lieber in Ausreden: Den Demonstranten sagte er einmal, er würde liebend gerne kommen, sei aber zu alt und dick, und schließlich würden die Leute bloß lachen, wenn er käme - Adorno eben.
Slavoj Zizek und Alain Badiou: Philosophie und Aktualität. Ein Streitgespräch, Wien 2012, S. 82.