Christine (1)
Als Kottan im Dezernat neulich auch in Gegenwart Strebingers über ‚Intuition‘ und peripherem Blick beim Auffinden von Gegenständen referierte, platzte der mit einer interessanten Begebenheit aus dem Postamt heraus:
Eins der Fahrzeuge, Typ eSprinter, würde seit Inbetriebnahme durch seltsames Paketverhalten in den Tiefen seines Laderaums auffallen und im Postamt mittlerweile auf den Kosenamen ,Christine‘ hören – Stichwort Stephen King.
Die drei Ermittler schauten Strebinger erst nur fragend an, dem erfahrenen Postler schien die Angelegenheit aus Versehen über die Lippen gerutscht zu sein…
„Bitt‘schön wie bitte?“, setze Kottan nach.
Strebinger zierte sich, doch ganz langsam setzte sich die Lawine in Gang – das Phänomen rund um dieses Fahrzeug ist, dass einzelne Pakete im Laderaum selbständig ihren Lagerort wechseln, wie um den diensthabenden Zusteller erst zu irritieren und später in den Wahnsinn zu treiben.
Serviervorschlag mit der ‚echten‘ Christine, der ins Gesicht geschriebene Schreck dürfte in Wien jedoch ganz ähnlich ausfallen!
Keiner der Kollegen gibt gern zu, dass er nach Öffnen der Schiebetür zum Laderaum vor Ort beim Kunden lange und dazu noch vergeblich nach einem bestimmten Paket sucht, das am Stop zuvor noch an einem ganz exponierten Ort lag, für den ein blinder Griff genügt hätte. Alte Postler-Regel: Nicht lange vergeblich suchen, das vermisste Objekt taucht bei leerer werdendem Laderaum irgendwann von selbst wieder auf. Das Seltsame an unserem Fall: Schon beim nächsten Stopp lag das Objekt wieder genau an dem Ort, an dem es zuvor vermutet und nicht vorgefunden wurde!
Durch Zufall kam ans Licht, dass das keine Einzelfälle auf Grund von Überarbeitung oder Missbrauch verbotener Substanzen gewesen sein konnten – einer der Kollegen erzählte bei der Nacharbeit im Postamt vom beschriebenen Effekt, behauptete scherzhaft, dass es in diesem Ding spukt, und plötzlich trat betroffene Stille ein, wo gerade noch ausgelassenes Treiben kurz vor Feierabend tobte: Der betreffende Sprinter hat als Springerfahrzeug ständig wechselnde Zusteller als Fahrer, und wie sich an diesem Nachmittag herausstellte, hatten sie ALLE schon dieses Phänomen erlebt. Bei jeder Tour. Nur mit diesem Fahrzeug.
„An etwas Paranormales wie bei den Ghostbusters glaubst ja eh erstmal nicht…“, sagte Strebinger, aber dieses Biest von Auto verhielt sich so, als hätte es von dieser jetzt gemeinsamen Ahnung auf dem Postamt erfahren. Tagelang völlig unauffälliges Verhalten. Die Postler zweifelten bereits an ihren Beobachtungen, der übermäßige Stress rückte als Erklärung doch wieder in den Mittelpunkt, als sich die Vorfälle vor 14 Tagen erst langsam und unregelmäßig wieder manifestierten. Neusprechlich würde man dem eGleiter astreines Gaslighting vorwerfen, und die Kollegen bei der Post entwickelten Phantasie, um an Beweise für das Treiben im Laderaum zu gelangen: Kreidekonturen um verdächtige Pakete und im Laderaum installierte Wildkameras erbrachten jedoch keine neuen Erkenntnisse – weil sich genau dann original null tat. Sobald sich der Transporter unbeobachtet fühlen konnte, setzte das Paketrücken wieder ein.
„Wir wissen ehrlich gesagt nicht weiter, an wen wir uns wenden könnten, ruckzuck hocken wir alle beim Nervendoktor auf der Couch, das will ja keiner!“
Nach Strebingers Ausführungen herrschte auch im Sicherheitsbüro unsicheres Schweigen, einen Fall mit leicht paranormalem Anstrich (Teil 1, Teil 2) hatten die Drei ja bereits aufgeklärt, doch das hier Beschriebene – zumal vom guten Freund Strebinger – schien doch darauf hinzuweisen, dass man es hier mit einer anderen Dimension zu tun hatte, allein schon wegen der Anzahl der betroffenen und wahrscheinlich seriösen Zeugen.
Doch Strebinger schien nicht erleichtert, die Sicherheitsbeamten merkten ihrem Freund an, dass er noch nicht alles erzählt hatte. „Strebinger – ist da noch was?“
Aber der deutete mit seinem gesenkten Kopf nur ein Schütteln an. Die drei Kriminalisten sahen sich ernst an…
Was war da los im Wiener Postamt?
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