Jackie A. heißt ‚in echt’ Jacqueline und kommt aus dem Osten. Wer meint, das allein schon witzig finden zu müssen, kennt nicht die beiden extrem lässigen Jackies aus dem Osten, die ich kenne.
Heute aber geht es nur um eine der Jackies, Jackie A. Die man durchaus witzig finden darf, ja sogar muss, denn Jackie A. ist lustig, extrem lustig sogar, aber eben nicht unfreiwillig, sondern selbstreflektiert und aus ganzem Herzen. Wer in den vergangenen Jahren ihre „Zwischen Disco und Dispo“-Kolumne im Tip verfolgt hat, weiß das schon länger, wer jetzt ihr autobiografisches Buch 'Apple zum Frühstück' liest, vermutlich schon nach ein paar Zeilen.
Wenn Jackie A. ihre eigene Unsouveränität in absurden Situationen schildert, tut sie dies so selbstironisch und locker, dass sie damit eine ganz eigene Souveränität beweist. Dabei müsste sie dem Klischee nach, als umwerfend attraktive Person und offiziell anerkannte Nachtlebenslegende, eigentlich eine humorlose, eingebildete Kuh sein. Von wegen.
Jackie A. ist nett, unbelehrbar menschenfreundlich, offen, die Toleranz in Person. Das erschließt sich nicht nur Freunden und Bekannten, sondern auch ihren Lesern. Weil sie einer jener Menschen ist, deren Wesen man durch die Texte hindurchspüren kann. (Ich habe ein Faible für diesen Autorentyp.)
Lernt man Jackie A. kennen, ist man nicht nur nicht enttäuscht, sondern überspringt auch jenes unbehagliche Echtweltfremdeln nach exzessiver virtueller Vorbekanntschaft. So war es auch bei uns. Ich habe Jackie A. erst dreimal physisch real gesehen. Bei einem Konzert von Die Antwoord im Berghain. Bei ihrem Auftritt bei mir im Katersalon. Bei der Einweihungsparty jenes Häuschens im „verwunschenen Garten“ in Z., von dem in 'Apple zum Frühstück' die Rede ist.
Dabei ist es absolut unglaublich, dass wir uns nicht seit langem gut kennen. Unsere Wege müssen sich in den Neunzigern unzählige Male fast gekreuzt haben. Wir haben mindestens hundert gemeinsame Freunde oder Bekannte aus dieser Zeit. Manche Szenen aus ihrem Buch hätte ich genau so beschreiben können. Viele aber eben auch nicht. (Manche zum Glück nicht.) Dies liegt daran, dass ich eher ein Zaungast der Rave Society war.
Jackie aber war mittendrin. Sie hat die Clubszene der Neunziger, der Naughties und auch der letzten Jahre beobachtet. Ganz genau. Nicht als freundliche Ethnologin, sondern von innen. Dies soll ja angeblich nicht möglich sein. In ihrem Fall aber gelingt es. Erstens weil sie nie so verspult durch die Gegend gelaufen ist wie die meisten anderen. Zweitens eben durch jene jackiespezifische ironische Distanz zu sich im Geschehen. Diese Haltung musste sie sich offensichtlich nicht antrainieren, denn man spürt sie schon in den frühen Tagebucheinträgen, die faksimiliert Teil des Buches sind.
'Apple zum Frühstück' ist ein tolles Buch mit einem doofen Titel. (Jackie A.s Meinung dazu steht gleich vorne auf den ersten Seiten.) Ich habe dreimal laut gelacht und mich durchgehend gut amüsiert. Es taugt sowohl als Erinnerungsprothese für Menschen, die beim Feiern Besseres zu tun hatten als bewusst wahrzunehmen, was sich da eigentlich gerade abspielte. Es ist aber auch eine teils stimmungsvolle, teils entzaubernde Lektüre für Hardcore-90s-Berlin-Verklärer, die denken, dass Berlin mal eine einzige große 'Sex, Drugs & Techno'-Spielwiese war.
Sicherlich wird es auch Menschen geben, die das Buch oder Jackie A. nicht mögen. Wenn man scheinseinsicher aus dem 19. Jahrhundert auf so ein vielperückiges Performancewunder blickt, muss es einem ja auch schwarz vor Augen werden.
Wir aber sagen: Dieses Buch fehlte. Es konnte nur von Jackie A. geschrieben werden. Und es gehört von jetzt an zu Berlin. Ganz persönlich freuen wir uns auch darüber, dass hier ausnahmsweise mal mit weiblicher Stimme erinnert wird.
Lest dieses Buch. Verschenkt es. Man kann damit nicht viel falsch machen.
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/apple-zum-fruhstuck.html