Jim #35 - Selbstreferenziell
Auf dem Rückweg von den Teergruben biegt Jim kurz bevor wir unsere Wohnung erreicht haben links in eine Seitenstraße. Nach ein paar weiteren Abzweigungen sind wir in eine Fußgängerzone gelangt. Jim schaut sich kurz um und läuft dann auf ein großes Kaufhaus zu. Zumindest denke ich das zunächst. Tatsächlich bleibt er aber vor einem Buchladen stehen, der zwischen Karstadt und MediaMarkt etwas eingequetscht wirkt. Mit einem altmodischen Bimmeln betreten wir das Geschäft. Es ist dunkel darin, die Wände des schmalen Raums sind bis zur hohen Decke mit Bücherregalen bedeckt. Hinter der Theke steht ein Junge in schwarzer Kapuzenjacke, Jeans und Brille. Er ist vielleicht 17 Jahre alt und nickt uns lächelnd zu. „Jim!“ ruft er erfreut. „Schön, dass du mal wieder reinschaust. Und du“, er sieht mich an, „bist die neue Protagonistin. Ich hatte mit dich irgendwie anders vorgestellt. Etwas größer. Und brünett.“ Ich lächle verlegen und drehe mich hilflos zu Jim um. Der ignoriert mich und sagt zu dem Jungen: „Ich bin ein bisschen überrascht, was die aktuelle Handlungslinie angeht. Es war ganz nett, diese ganze Weltraumsache, ein paar ganz gute Referenzen waren drin, die Begegnung mit Vets war ganz schön inszeniert, aber jetzt gerade eben wirst du mir ein bisschen zu selbstreferenziell.“ Der Junge nickt nachdenklich. „Könntest du Recht haben.“ sagt er. „Und was ist überhaupt aus den guten alten, unzusammenhängenden Kapiteln geworden? Seit einigen Wochen schließt fast jedes Kapitel an das davor an.“ „Ich versuche auch, mich weiter zu entwickeln.“ „Hmm. Na gut, dann noch eins.“ sagt Jim. „Ja?“ sagt der Junge, und eine Ahnung beschleicht mich, dass er genau weiß, was jetzt kommt (wohlgemerkt im Gegensatz zu mir). „Was soll das mit den Klonen? Oder Androiden? Oder was auch immer diese Dinger sind, die gelegentlich auftauchen und gegen die ich dann immer in gedehnter Zeit kämpfe um sie dann am Ende auszuschalten. Erstens wiederholt sich das langsam und zweitens habe ich immer noch keine Ahnung, worauf das überhaupt hinaus soll. Und wir sind immerhin schon in Kapitel 35!“ „Tjaja“, der Junge nickt sinnierend. „Ich bin mir auch nicht mehr so ganz sicher, was die eigentlich sollen.“ Er dreht sich zu dem Bücherregal um, vor dem er steht und zieht nach kurzem Suchen ein Buch heraus. „'Träumen Androiden von elektrischen Schafen?'?“, fragt Jim. „Wer weiß? Und ja, das hier lese ich grade. Ich glaube die Androiden sind damals aufgrund einer Mischung aus Matrix und Blade Runner, dem Film, entstanden. Aber jetzt sind sie mehr oder weniger nur noch nettes Beiwerk. In einem Videospiel wären sie die Standartgegner. Kanonenfutter. Hätte ich die Möglichkeit, die Geschichte im Nachhinein zu verändern, ich würde sie vermutlich raus schreiben. Aber das geht nicht.“ Nach einer Pause fügt der Junge hinzu: „Hat dir das irgendwie geholfen?“ Langsam gibt Jim zurück: „In gewisser Weise. Es hat mir zumindest bestätigt, was ich schon ahnte.“ „Mehr kann ich im Augenblick nicht für euch tun. Es war mir eine Ehre.“ Er verbeugt sich leicht und lächelt. Mir fällt auf, dass er jetzt einen Anzug trägt. Sonderlich überrascht bin ich davon allerdings nicht. Jim verbeugt sich ebenfalls und weil ich nicht dumm in der Gegend stehen will, knickse ich. Dann hält Jim mir die Tür auf und wir verlassen diesen seltsamen Ort. Während wir zurück zu unserer Wohnung gehen, frage ich Jim: „Was in aller Welt …?“ Jim bleibt stehen, mustert mich grinsend und sagt dann nichts sagend: „Das … war der Autor.“


















