Jim #42 - LEISE UND UNAUFFÄLLIG
Jim springt als Erster. Franky folgt ihm. Dann ich. Artur springt als Letzter.
Einer nach dem Anderen segeln wir in den Schornstein. Ich erkenne, wie Franky irgendetwas an seinem Handy einstellt. Über uns explodiert der Helikopter. Die Sprengung der Fabrikwand hat ein gewaltiges Loch in den Schornstein gerissen. Wir schweben hindurch und landen in der Mitte der Produktionshalle.
Die Securityguards schießen nicht. Sie öffnen lediglich die Kisten. Kurz darauf sind wir von Verkäufer-, Vertreter und Politikerandroiden umringt. Artur erweist sich als der beste Kämpfer unserer Gruppe, trotz seiner kurzen Arme. Der Tyrannosaurus Rex reißt die Angreifer mit mächtigen Hieben seines Schwanzes von den Beinen und beißt ihnen dann ab, was er zwischen seine nicht minder mächtigen Kiefer bekommt.
Langsam kämpfen wir uns immer tiefer in die Eingeweide der Fabrik. Plötzlich brüllt Franky: “Dort! Zu der Tür!” und stürmt wie ein Rugbyspieler Schulter voran durch die angreifenden Klonkrie… Androidenhorden. Artur senkt den Kopf und tut es Franky gleich. Ich will ihnen folgen, doch ich bin von drei Managern eingekreist.
Ich ducke mich unter einem Schlag durch, ramme dem nächsten meinen Ellbogen in den Bauch, richte mich wieder auf, täusche nach links an und renne rechts am Dritten vorbei. Nach einigen weiteren (wahnsinnig graziösen) Manövern erreiche ich Franky und Artur, die an der Tür warten. Ich drehe mich um und sehe Jim unter den wogenden Massen verschwinden. Es ist gespenstisch Still. Falsche Menschen brüllen nicht.
Dann, plötzlich, mit einem Urschrei, steht Jim wieder. Überall fliegen (in Zeitlupe) Teile künstlicher Menschen. Die übrigen Gegner erledigt er mit seinem Flammenschwert. Als er uns erreicht hat er plötzlich einen Vollbart.
“Was jetzt?” fragt er und schnippt sich ein künstliches, halb verkohltes Auge von seinem Ärmel.
Franky stößt die Tür auf und verschließt sie kurz bevor die nachströmenden Androidenhorden uns erreichen. Jim schweißt die Tür kurzerhand zu. Und parkt einen LKW davor. “Wo kommt der LKW her?” fragt Artur. Ich drehe mich um. Wir haben die Abfertigungshalle betreten. Vor uns stehen abfahrbereite LKW-Kolonen, vollgepackt mit Androidenkisten. “Okay”, flüstert Jim, “es wäre jetzt sehr angemessen, wenn wir uns sehr leise und unauffällig verhielten.”
Alles explodiert. Franky schaut von seinem Handy auf. “Was hast du gesagt?” fragt er. Aber Jim ist bereits losgesprintet, der Rest hetzt hinterher. Er rennt hinter den LKWs entlang, erklimmt eine Leiter, die auf einen Gitterlaufsteg in einigen Metern Höhe führt. Als wir ihn erreichen, kniet er an der Wand und schraubt mit seinem Messer ein Lüftungsgitter ab. “Moment” sagt Franky etwas außer Atem. “Sollen wir etwa …” Jim sieht ihn an, grinst, wirft das Gitter beiseite und schwingt sich hinein. “Das ist absolut wahnsinnig.” sagt Franky. “Ich passe da nicht durch.” sagt Artur. “Okay, dann … keine Ahnung … wartet hier, schätze ich.” sage ich, und folge Jim.
Jim steht unten und fängt mich auf. “Wo sind die anderen?” fragt er und stellt mich wieder auf die Füße. “Oben. Artur passt nicht und Franky will nicht.” “Gut.” sagt Jim. “Was?” frage ich. “Hör zu.” sagt er und schleift mich eine Treppe hinunter. Mir bleibt kaum Zeit mich umzusehen. Wir sind in einem niedrigen, nassen Kellergeschoss gelandet.
“Es geht alles den Bach hinunter. Ich kann es nicht mehr lange aufrecht erhalten.” “Was kannst du?” frage ich und ducke mich unter einem besonders niedrigen Türrahmen durch. “Diese Welt ist nicht mehr konstant. Ich habe viel von meiner Kraft verloren, schon einige Jahre bevor du kamst. Ich brauchte dich eigentlich nur, falls Protagonist 1 versagt. Dennoch: Ich will und kann dich retten.” “Wovon redest du?” “Es ist keine Zeit mehr für Erklärungen. Vielleicht bekomme ich irgendwann Gelegenheit, das nachzuholen.” Wir gelangen in eine gewaltige, unterirdische Arena. Jim führt mich eilig in die Mitte.
“Dies ist der Ursprung dieses Seins. Dies ist der Ursprung dieser Welt und so vieler mehr. Dies ist das Zentrum meines Universums.” Ich stehe da, mit weit aufgerissenem Mund und ungläubigem Blick. Die Arena, erbaut aus festem, glatten Stein, die Fugen aus reinem Licht, beginnt, sich auszudehnen.
“Es beginnt.” sagt Jim. Sie dehnt sich nicht aus, wird mir bewusst. Sie löst sich auf. “Nimm meine Hand.” sagt Jim. Ich tue es.
Es ist alles verschwunden. Wir befinden uns in einem endlosen, unbarmherzigen Weiß.
Mein ganzes Selbst strebt der Ohnmacht entgegen, mein Körper braucht eine Pause, ich spüre es. Doch irgendetwas hält mich ab. Etwas zwingt mich, da zu bleiben. Jim zieht an meiner Hand. Er führt mich zielstrebig durch dieses Gegenteil eines Ortes. Und plötzlich, ich weiß nicht nach wie lange, Zeit scheint nebensächlich in diesem grausamen, weißen Nichts, stehen wir auf einer Wiese. Ich drehe mich um. Wir sind durch eine Tür gegangen. Mit dem nächsten Blinzeln ist sie verschwunden. Die Fesseln, die mich banden, fallen. Und ich falle auch. In Ohnmacht. Ich bin verwirrt. Aber ich bin sicher.














