"Und alle so Yeah!"
Festivals – eine Subkultur der Jugendlichen
Schlamm. Dreck. Abfall. Schmutzige Ravioli-Büchsen, leere Bierflaschen und zerfetze Plastiktüten. Ein Zeltplatz-Szenario, das normalerweise nicht geduldet wird. Und dennoch ist es für diese Campinggesellschaft das Übliche. Bei Festivals entdeckt jeder Besucher seinen Schweinehund und schert sich nicht um die Hygiene. Das einzige, was in diesen Tagen zählt ist die Musik, die Gesellschaft und die Schlafstätte, um sich für den nächsten Tag wieder fit zu schlafen.
Summerjam '10
Das Kulturgut „Festivals“ war unter den Jugendlichen noch nie so angesagt wie im Moment. Es ist nicht nur ein Treffpunkt, um seine Lieblingsband spielen zu sehen, sondern eben auch, um seine Freunde zu treffen - neue Leute kennen zu lernen und gemeinsam mit einem Bierchen anzustoßen. „Rock am Ring“, „Hurricane“, „Melt“ „Area 4“, „Wacken“, „Juicy Beats“, „Apple Tree“, „Splash“, „Summerjam“ sind nur die bekanntesten einer ganzen Reihe verschiedenster Musikveranstaltungen. Festivals sind zu einer Massenware und einem wichtigen volkswirtschaftlichen Faktor geworden, für die Jugend und Jugendbewegung zu einem wichtigen Sozialisationsfaktor - spätestens seit Woodstock.
Woodstock fand vom 15. bis 17. August 1969 in Bethel, US- Staat New York statt. Es war ein gigantisches Rock- und Pop Festival zur Zeit der Hippiebewegung mit Ikonen wie Joe Cocker, Carlos Santana, Jefferson Airplane und Jimi Hendrix. Um den damaligen Zeitgeist wieder zu geben, müsste man ein Augenzeuge sein. Es ist schier unmöglich, Woodstock und die damit verbundene Atmosphäre einzufangen. Doch der Anfang des Open- Air Mythos wurde damit geschaffen und hält bis heute an.
Ulrike (60) erinnert sich noch genau an die Hippiebewegung und den Lebensstil der 70er Jahre. „Die Konventionen wurden aufgebrochen. Das Leben wurde freier, leichter und unabhängiger. Es war eine Zeit des Neuanfangs und ein Befreiungsschlag der festgefahrenen Konventionen.“ Die Welle schwappte auch bis nach Deutschland über und ergriff die Jungend. Frieden, Liebe und Drogen waren die drei Schlagwörter der jungen Generationen. Ulrike lebt heute noch nach dem Motto und erzählt, wie prägend diese Zeit für sie und ihr Umfeld war. Dadurch wird sie jedes Mal wieder dazu verleitet, die gegenwärtigen Rock-Festivals zu besuchen und den damaligen Zeitgeist zu spüren. „Diese ganz bestimmte Atmosphäre, die auf solchen Festivals herrscht bekommt man nirgendwo anders geboten.“
Auf dem Rasen liegen kaputte Türen – alles steht unter Wasser. Die WC-Räume sind nicht mehr wieder zu erkennen. Die Klopapierrollen sind völlig aufgeweicht, benutze Ob´s liegen in der Fütze und verschmierte Klodeckel sind mit Kot, Kotze und Zigaretten- Kippen dekoriert. Der Herpes vor Ekel ist nicht mehr zu vermeiden und dennoch ist es für die Jugend kein Problem, sich jedes Mal aufs Neue diese Festival-Zustände an zu tun. Der Dreck und die Abfälle machen den Besuchern überhaupt nichts aus. Es wäre eher verwunderlich, wenn es mal anders - hygienisch wäre.
Menschen der verschiedensten Altersklassen sind auf Festivals anzutreffen. Viele aus der Zeit Woodstocks finden es auch heute noch reizvoll und gehen sogar zusammen mit ihren Kindern auf Open Air Konzerte. Hauptsächlich aber sind es die Jugendlichen im Alter zwischen 14 bis 24 Jahren, die zu den Festivals strömen. Das Gefühl, zum ersten Mal auf so einem Event dabei zu sein ist unbeschreiblich. Jeder kennt jeden – hilft jedem beim Zelt aufbauen - leiht dem wildfremden Mensch aus dem Zelt nebenan eine Decke und teilt sich den Campingherd mit der Ravioli-Büchse. Da sei es den Jugendlichen nicht zu verdenken, dass sie sich dort geborgen, sicher und willkommen fühlen. Jedes Mal werden die Eltern aufs Neue unter Druck gesetzt, im nächsten Jahr dort unbedingt wieder hin zu müssen! Bedeutet so ein Highlight doch eine Flucht aus dem stressigen Schulalltag und den häuslichen Verpflichtungen. Es ist unbeschreiblich, wie viel Toleranz und Akzeptanz zwischen den Jugendlichen herrscht, wenn man in Kontrast dazu die Prügelvideos auf den Handys der Jugendlichen auf dem Schulhof konfeszieren muss.
Lisa (21) studiert Kunstgeschichte und Medien- Wissenschaften an der Bochumer Ruhr- Universität und ist ein „eingefleischter“ Festival-Besucher. Schon seit mehreren Jahren fährt sie quer durchs Land, sogar bis nach Holland und Belgien, um „ihre“ Bands hautnah mitzuerleben. Auch sie berichtet, dass es nicht allein um die Musik geht. „Natürlich ist es das, was uns zusammen kommen lässt und uns vereint, doch letztendlich spielt bei einem Festival das „Drum Herum“ eine große Rolle. Selbst die fehlende Hygiene, der Ekel vor jedem Toilettengang und das Frieren nachts im Zelt bei Sturm und Unwetter - alle noch so negativen Tatsachen sind bei einem Festival einfach Pflicht.“ Und das geht nicht nur Lisa so. Egal wo man hinschaut, es sind nur glückliche, ausgeglichene und zufriedene Jugendliche zu sehen: Gute Stimmung und Harmonie sind das einzige, was man auf dem Bühnengelände und dem Campingplatz vernehmen kann.
Die friedliche Flower-Power Bewegung der Hippie- Ära scheint immer noch prägend für den Festival und Open-Air Mythos zu sein. Tanzen, Party, Stimmung, Lachen und Musik sind die Elemente die im Vordergrund stehen. An Meinungsverschiedenheiten oder ausschreitenden Diskussionen ist in der Regel nicht zu denken. Dieses Phänomen erkennt und erklärt Lisa so: „Wir sind hier, um miteinander die Musik zu genießen und zu chilln, da gibt es nichts „Schlechtes“ oder „Negatives“, was einem die Laune verderben könnte. Wir sind einfach hier... und alle so yeah!“ Überall, wo man hinhört und den Gesprächen der Menschen folgt, fallen in jedem zweiten Satz die Wörter: „Und alle so yeah!“. Lisa erklärt, dass es sich hierbei um einen allgemein verbreiteten und trendigen Ausdruck unter den Festival-Besuchern handelt, der fest im Vokabular der jungen Leute verankert ist. Dieser „Slogan“ hilft den jungen Menschen, auszudrücken, wie sie sich fühlen. Er umschreibt das Hochgefühl der Jugendlichen und die Ausgeglichenheit - den Moment.
Henry ist grade erst 16 Jahre alt geworden und besucht schon seit zwei Jahren regelmäßig das „Summerjam“ Festival. Er schildert, wenn man einige Zeit bei einem Festival mit dabei war, will man nur noch vor lauter Freude und Glückshormone „Yeah!“ schreien. Der Zusammenhalt, den man hier erfährt und die Liebe, die sich die Menschen untereinander schenken, machen süchtig. „Jeder, der einmal auf Festivals war, kann und möchte auch nicht mehr darauf verzichten, sie zu besuchen. Jetzt schon bilden sich Gruppen für das nächste Jahr und man spart sein Geld, um sich wieder eine Karte kaufen zu können“, erzählt Henry. Seine Eltern wissen noch nicht so richtig, ob sie glücklich oder traurig darüber sein sollen, dass er nun jedes Jahr auf ein Festival gehen möchte. Es ist toll, dass man Freunde findet und Zusammenhalt lernt, doch alles richtet sich kurze Zeit vorher nur noch nach dem Festival aus und der Alkohol fließt dort nicht gerade rückwärts.
Dichtes Gedränge. Schreiende Menschenmengen. Dröhnende Musik. Die Massen tanzen in den ersten zwei Ranges vor der Bühne bis sie nicht mehr können. Jeder singt mit, fällt mal hin und springt auf die Menschen zu. Diese Ausgelassenheit wird in Schweiß verwandelt und die Besucher bringen sich gegenseitig in Stimmung. Es ist nicht möglich, dort nicht euphorisch mit zu machen. Egal, ob die Musik gefällt oder nicht - nirgendwo erlebt man das Feeling eines Festivals so, wie in den zwei ersten Ranges vor der Bühne.
Der Zuwachs an Festivals und auch deren Besucher ist in den letzten Jahren enorm angestiegen. Kein Wunder, aber was ist dabei für die Veranstalter drin? Es gibt kaum noch kleine Unternehmen, die Open-Air´s veranstalten, sondern nur noch Organisationen mit großen Namen, die sich die coolsten und besten Bands leisten können. Dadurch werden die Ticket Preise immer mehr in die Höhe getrieben - Bessere Acts entspricht höhere Kosten, die gedeckt werden müssen.
„Davon bekommen die Konsumenten nichts mit, außer vielleicht die erhöhten Eintrittspreise.“ David (42) ist Veranstalter von Musik-Konzerten und Open-Air Festivals in der INDIE- Szene. Er erzählt, dass es ziemlich viele große Veranstalter gibt, die den Kleinen keine Chance lassen und keine Rücksicht auf die Jugend nehmen. „Immer mehr nutzen die Festival- Gemeinschaft und die Veranstaltungen aus, um ihre eigenen Zwecken in den Vordergrund zu stellen.“ Beispiele dafür sind: rassistische Äußerungen gegen Ausländer, Homosexuelle und Behinderte. „Das ist eine absolute Ausnahme, und dennoch kommt es leider immer wieder vor. Wir als kleinere Veranstalter versuchen das Kulturgut von Woodstock beizubehalten und den Frieden leben zu lassen.“
Die ganze Festival-Szene ist unglaublich polarisierend und das höchstwahrscheinlich hauptsächlich wegen ihrer großen Toleranz und Akzeptanz. Niemand ist etwas Besonderes oder schlechter als sein Gegenüber - dennoch gibt es ein unsichtbares Band zwischen den Musik-Fanatikern, die alle eine Meinung vertreten und sich jedes Jahr auf den Festivals wieder treffen. Ein Tanz, ein Lied, eine Musik, die jedes Jahr aufs Neue ertönt und den Menschen für drei bis vier Tage aus dem Alltag reißt...











