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Von der Kleiderkammer zum Sozialunternehmen
#EinfachMachen dachten sie sich. Es war die Zeit in der die Sonne schien und die Deutschen klatschten, als Flüchtlinge aus den Zügen stiegen. Es war die Zeit, in der überall im Norden Zelte zum Lebensraum wurden. Und die Städte und Gemeinden nicht mehr wussten, wie sie das schaffen sollen. Anfang August 2015 ziehen Asylbewerber in die Messehallen in Hamburg-St. Pauli und nebenan entsteht in wenigen Tagen eine Kleiderkammer. Die größte Deutschlands. Aus dem chaotischen Gewusel freiwilliger Helfer in der riesigen Ausstellungshalle wird schnell strukturiertes Gewusel. Mittlerweile ist aus der Kleiderkammer der Verein Hanseatic Help entstanden. Gut 150 feste Freiwillige halten das Projekt am Laufen. Aus dem organisierten Chaos ist ein hanseatisches Sozialunternehmen gewachsen.
Am Wochenende um den 5. August 2015 ziehen die ersten Asylsuchenden in die Notunterkunft in den Hamburger Messehallen. Das Viertel St. Pauli begrüßt die neuen Nachbarn mit Willkommensfesten.
Die Anfänge der Kleiderkammer sind einfach: Wörter werden auf den Boden geschrieben und dahinter alle Spenden zu einem Berg aufgetürmt.
Innerhalb von Stunden und Tagen formiert sich die Hilfe in dem linken Viertel und wächst. Bürger mit ganz unterschiedlichem sozialen Hintergrund helfen gemeinsam.
Ein Kreppband mit dem Namen und los geht die Arbeit. Hunderte Helfer kommen damals jeden Tag zum Spenden und Sortieren in die Hallen. Manche ein Mal für zwei Stunden, andere täglich rund um die Uhr. Bevor sie gehen, kleben sie ihr Namensschildchen neben die Eingangstür.
Schnell stellen einige Freiwillige fest: Es fehlt Struktur. Sie eröffnen ein kleines Büro in der Halle.
Und aus den Klamottenhaufen wird langsam ein Chaos mit System.
Schon bald sieht die Messehalle B7 aus wie ein Logistikzentrum. Sie wird zum Geburtsort der Hamburger Kleiderkammer.
Helfer programmieren ein eigenes Sortierprogramm. Mittlerweile wissen die Ehrenamtlichen genau, wie viele Duschgels, Kapuzenpullover und Babymützen wo lagern und wohin geliefert wurden.
In der Halle mit der Spendenannahme befindet sich auch die Ausgabe der Spenden an die Schutzsuchenden. Jeder bekommt ein Outfit und Hygieneartikel.
Mehrmals muss die Kleiderkammer im vergangenen Jahr umziehen. Hunderte Paletten müssen dann umgelagert werden. Sabine Steffens wollte eigentlich nur Kleidung sortieren und fährt schließlich den Lkw.
Besenrein hinterlassen die Freiwilligen die Halle A3 nach ihrem Auszug.
Auch für das leibliche Wohl der helfenden Hände wird gesorgt. Freiwillige kochen für Freiwillige.
Im Dezember muss alles raus aus der Messe. Doch nichts soll verkauft oder weggeschmissen werden. Helfer beladen die ersten Lkw Richtung Nordirak.
Es ist der Startschuss für Hilfslieferungen an Bedürftige in zahlreichen Ländern – von Haiti bis Sizilien.
Endlich eine feste Bleibe: Am Hamburger Hafen findet der Verein im März 2016 nach vielen Umzügen seine neue Heimat. Die Miete übernimmt die Stadt.
Hier werden Spenden angenommen und sortiert. Gelagert wird weiterhin in Bramfeld und Wedel.
Seit dem 3. April wird hier von Dienstag bis Donnerstag zehn Stunden täglich gesammelt, sortiert und ausgebessert.
Mittlerweile verfügt die Halle über ein selbst entwickeltes Logistiksystem. Nach dem Sortieren, Zählen und Einpacken werden die Kartons in der Logistikabteilung gewogen und bekommen eine Nummer und einen Stelllplatz.
Von hier aus werden die Spenden in derzeit mehr als 150 Einrichtungen geliefert – wie hier in die Erstaufnahme in der Schnackenburgallee.
Mit kreativen Sprüchen sucht der Verein immer wieder neue Helfer: „Aufgabenprofil: Du kannst Duschgelsorten allein am Geruch erkennen. Die Drogerie-Artikel-Buzzwords beherrscht Du im Schlaf. Du kannst ohne Probleme ein Kinderduschgel von einem Anti-Schuppen-Color-Haarshampoo unterscheiden. Dich…genau Dich suchen wir! Gehalt: Ein Lächeln und ein Danke sind für Dich mehr, als alles andere.“
Seit vergangenem Jahr hat sich der Bedarf verändert, sagt Janina Alff aus dem Vorstand. Nach der Ersthilfe, wollen die Flüchtlinge Sport machen, zur Schule gehen, arbeiten. Im Sommer 2016 ruft das Team deshalb zu Schulranzen-Spenden für die Kinder auf.
Im Juni sammeln Freiwillige von Hanseatic Help Zelte und Isomatten auf dem Hurricane Festival. Musiker Bosse ist Pate für ihr Projekt „Ein Zelt kann ein Zuhause sein“.
Für das Projekt „Meine 4 Wände“ haben die Freiwilligen gemeinsam mit der Heilsarmee Geld gesammelt. In den 16 Wohncontainern finden zwölf wohnungslose Männer und vier Transgender ein neues Zuhause.
Im Juli helfen geflüchtete Jugendliche, die Mauer auf dem Weg Richtung Spendenannahmestelle zu verschönern. Hanseatic Help will sich weiterentwickeln und beschränkt sich nicht mehr auf Kleidersammeln.
Die Flüchtlinge kommen nach St. Pauli
„Wann es anfing, ist nicht ganz klar“, sagt Janina Alff. Die 33-Jährige ist Vorstandsmitglied des Vereins Hanseatic Help und betrat, wie viele ihrer Vereinskollegen, am 14. August 2015 das erste Mal die Messehalle B7. Deswegen soll dieser Tag nun ihr Feiertag sein. Ihr erster Geburtstag. Auch wenn erste Asylsuchende schon am Wochenende davor – also vor genau einem Jahr – eingezogen waren.
Damals kommen jeden Tag Tausende Flüchtende in Hamburg an. Nirgends ist Platz. Und so wird eine Messehalle zur provisorischen Unterkunft für 1.200 Menschen. Der Stadtteil drumherum, St. Pauli, ist schon immer links, alternativ, solidarisch. Die Anwohner springen der überlasteten Stadt zur Seite. „Das Viertel hat den Bedarf erkannt und gesagt: Uns geht’s gut, wir haben Kapazität zu helfen. Diese selbstverständliche Hilfe hat mich selber berührt“, sagt Alff heute.
Tausende Hamburger kommen in den Monaten danach mit Fahrradanhängern, Bollerwagen und Autos voller Klamotten, Schuhen und Spielzeug zur Halle. Es scheint, als miste ganz Hamburg seine Kleiderschränke und Keller aus. Hunderte Menschen sortieren jeden Tag die Spenden, andere backen den Helfern Kuchen. Und von Anfang an sieht ein Teil der Freiwilligen, dass hier mehr Entstehen kann. Dass das Chaos System braucht und dann viel größer werden könnte.
Aus dem schwarzen Edding auf dem Pappkarton ist heute ein zweisprachiges Etikett mit QR-Code, Gewicht, Lagerplatz, und Kartonnummer geworden. Ein Student programmierte tagelang ein eigenes Sortiersystem mit mehr als 1.000 Kategorien: Kapuzenpullover, Gürtel, S oder XL? „Ohne das IT-System wären wir aufgeschmissen. Wir wissen jetzt genau, was wir wann an wen geschickt haben und wie viele Babysocken wir in der Halle lagern“, sagt Alff. Etwa 150 Einrichtungen werden von ihnen derzeit regelmäßig beliefert. Was fehlt, versuchen die immer noch freiwilligen Helfer bei Firmen einzuwerben oder einzukaufen. Dafür sind sie neben freier Zeit auch auf Geldspenden angewiesen.
Umziehen, umbenennen, ankommen
Es lässt sich leicht erzählen, aber der Weg zum jetzigen Annahme- und Sortierzentrum in der Großen Elbstraße war steinig. Im Oktober 2015 steht der erste Umzug an. Wegen der Hanseboot-Ausstellung muss alles raus aus Halle B7 – und rein in die Halle nebenan. Sabine Steffens fährt damals den Lkw und beschrieb, wie viele der Helfer dem Kleiderkammer-Spirit verfielen: „Ursprünglich bin ich ja Ende August zu den Messehallen gekommen, um Kleidung zu falten.“ Aber dann suchte jemand eine Person mit Lkw-Führerschein und Steffens hob die Hand.
Gleichzeitig gründet der harte Kern der Kleiderkammer im Oktober den Verein Hanseatic Help. Fünf Vorstände und 40 sogenannte Hüte – zuständig etwa für die Herrenkleidung, die Logistik oder den Empfang – übernehmen die Verantwortung. Im Dezember dann ist Schluss in den Messehallen. Die Kleidersammler ziehen nach Hamburg-Bramfeld: „Das war ein erneuter Umzug, den man kommunizieren musste. Das hat viele Leute nicht erreicht“, sagt Alff.
Von St. Pauli in die Welt
Doch der Auszug aus der Messehalle wird gleichzeitig zum Startpunkt für neue Projekte. „Wir mussten uns verkleinern, aber wollten die Sachen nicht verkaufen oder verwerten, denn sie wurden uns ja für Bedürftige anvertraut.“ Die helfenden Hanseaten liefern also nicht mehr nur im Norden aus, sondern auch ins Ausland. Schon im Dezember erreichen die ersten Hilfslieferungen Flüchtlingscamps in Erbil im Nordirak. Mittlerweile tragen Menschen in Griechenland, auf Haiti, in der Ukraine und im französischen Calais gespendete Klamotten aus der Hansestadt. Immer wieder sucht Hanseatic Help sich für seine Ideen Kooperationspartner – von morethanshelters bis zum Projekt Seehilfe. Anfang April 2016 eröffnet der Verein in der Großen Elbstraße den lang ersehnten festen Standort. Die Stadt zahlt die Miete.
Prominente Unterstützung erhalten die Logistikexperten auch vom Musiker Bosse, der Pate für ihr Projekt „Ein Zelt kann ein Zuhause sein“ ist. Allein auf dem Hurricane-Festival sammeln die Helfer diesen Sommer mehr als 300 Zelte und Isomatten für Bedürftige. Mit der Drogeriekette Budnikowsky bittet Hanseatic Help um Schulranzen, mit dem Verein Sportspaß um Sportkleidung und beim FC St. Pauli um Fußballschuhe. „Spendenlogistik ist unser Tagesgeschäft, aber darüber hinaus gucken wir, was möglich ist und merken, dass der Bedarf sich gedreht hat“, erklärt Alff. Sie, die an alle liefern, wollen Vernetzer sein. Für ihr neuestes Projekt „Meine 4 Wände“ haben sie innerhalb von gut zwei Wochen so viele Spenden gesammelt, dass sie 16 Obdachlosen einen Wohncontainer einrichten können. Denn warum jemand Hilfe braucht, ist ihnen egal. Mensch ist Mensch.
Von Tausenden Helfern zum Stammteam
Auch unter den Helfern waren von Anfang Wohnungslose und Geflüchtete. Wurde die Kleiderkammer zu Beginn von Freiwilligen fast überrannt, kamen zum Jahresende 2015, wegen der Umzüge und Weihnachten, immer weniger Sortierer. Die Vorfälle in der Silvesternacht habe die Unterstützung nicht geschmälert, sagt Vereinsmitglied Rainer Sieling. „Unsere Supporter, die sich mit der Hilfe für Bedürftige stark identifizieren, hatten und haben zu diesem Thema ein reflektiertes, unaufgeregteres Verhältnis.“ Im Frühjahr habe sich dann das Stammteam herauskristallisiert. Nun seien die Hände zwar weniger, aber ihr Einsatz hoch und das System effizienter. Trotzdem suchen sie immer neue Engagierte: „Wir freuen uns über jede Helferin und jeden Helfer.“
– über 5 Millionen gesammelte Artikel
– über 3,5 Millionen ausgelieferte Artikel
– über 100.000 ausgegebene Winterjacken
– über 25.000 direkt versorgte Menschen
– über 500 Zelte an Obdachlose verteilt
– über 350 belieferte Organisationen
– 50 wöchentlich belieferte Einrichtungen
– belieferte Länder: Syrien, Ukraine, Polen, Litauen, Nordirak, Israel, Griechenland, Haiti, Kenia und demnächst Sizilien
Quelle: Hanseatic Help e.V.
Der Erfolg ist die Struktur
Ein Jahr mit Höhen und Tiefen und 80-Stunden-Wochen liegt hinter Alff und ihren Kollegen. Beschwerden über die vielen Umzüge, Kritik an der Stadt, Jammern über übereifrige Helfer? Nichts davon hört man aus dem Verein. Das Mantra: Alle sind willkommen, neue Ideen sowieso erwünscht. Aber nicht lang schnacken, einfach machen. Wer ein Mal in der Messehalle sortiert hat, seinen Namen auf das Kreppband schrieb und innerhalb von 30 Minuten zum Kinderklamotten-Experten aufstieg, weiß: Es muss ein unvorstellbarer Kraftakt hinter dem Team liegen. Innerhalb kürzester Zeit aus einem losen Haufen Helfer eine funktionierende und akzeptierte Struktur zu schaffen, ist andernorts in Hamburgs Helferszene ein Traum geblieben. Das ist das einzigartige an Hanseatic Help. Alff sagt, sie staune immer noch, wie so viele so verschiedene Menschen die gleichen Werte vertreten und damit so ein Projekt entstehen lassen können.
„Wir sind noch am Anfang“
In wenigen Wochen sollen die ersten sechs bezahlten Helfer eingestellt werden: drei Hamburger und drei geflüchtete Bundesfreiwilligendienstler. Für Alff ganz persönlich war das vergangene Jahr eine Reise zu sich selbst. „Ein so intensives Ehrenamt macht man für sich, nicht für andere. Ich habe auch durch den Kontakt zu Geflüchteten, die mittlerweile Freunde sind, viel über mich gelernt und menschlich dazugewonnen.“ Auf ein Resümee für Hanseatic Help will sie sich allerdings nicht einlassen: „Manchmal fühlt es sich an wie zehn Jahre. Aber dann denke ich, es ist nur ein Monat vergangen. Wir sind noch am Anfang und gucken nach vorne.“
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