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Ein Computercode? Nein, lediglich Muster auf einem Fels. (Bild bna.)
Beherrschen uns Algorithmen wirklich?
Viele Leute, die unentwegt das Wort «Algorithmus» im Munde führen, wissen nicht wirklich, wovon sie reden. Algorithmen als solchen Macht zuzusprechen, ist ein neo-primitiver Technoanimismus und nicht ungefährlich.
Platon entwarf für den idealen Staat eine Regierungsform, in der die weisesten Bürger, die Philosophen, den Ton angeben: eine Epistokratie. Im sozialen Klima nach der französischen Revolution aspirierte eine andere Berufsgruppe auf dieses Amt: die Ingenieure. Philosophen wie August Compte oder Henri de Saint-Simon suchten das alte aristokratische System der Nepotismen und Standesprivilegien durch eine neue Elite vom Tisch zu wischen: die Polytechniker. Die Idee der Technokratie war geboren. Und sie übt ihren Einfluss bis heute aus. Gerade heute, da Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook oder Apple eine noch kaum ausgelotete Macht über uns ausüben. Im Kern dieser Macht stecken Algorithmen. Deshalb wurde auch schon von einer Algokratie gesprochen.
100 ungeordnete Socken
Aber worin besteht eigentlich diese Macht? Algorithmen sind Problemlösungsverfahren, die man auf kleine, geistlose Schritte herunterbrechen kann. Wir alle gehen in unserem Alltag dann und wann algorithmisch vor, das heisst: wir lösen ein Problem Schritt für Schritt nach einer bestimmten Regel.
Algorithmen sind die Schürfmaschinen des digitalen Goldrausches.
Angenommen, ich will 100 ungeordnete Socken im Wäschetrockner zu Paaren ordnen, und ich wähle folgendes Verfahren: Zufällig eine Socke herausfischen, dann eine zweite. Passen sie zusammen, lege ich sie weg; passen sie nicht zusammen, werfe ich die zweite in die Trommel zurück und fische auf gut Glück eine andere heraus, und so weiter.
Das Verfahren ist ein sogenannter Sortier-Algorithmus. Er ist ziemlich dumm und umständlich, im schlimmsten Fall muss ich die gezogene Socke mit 99 andern vergleichen, bis ich das erste Paar gefunden habe. Dann führe ich mit den restlichen 98 Socken die gleiche Prozedur durch: gezogene Socke mit 97 andern Socken vergleichen. Und so weiter. Insgesamt müsste ich schlimmstenfalls über 2500 Mal Socken vergleichen, bis ich alle geordnet habe. Ich kann die Prozedur verbessern, indem ich die Sockenmenge halbiere, und mit den Hälften dasselbe Verfahren durchspiele. Immerhin hätte ich dann «nur» etwa 1300 Mal die Socken zu vergleichen.
Das banale Beispiel hebt bereits eine der kardinalen Aufgaben der Algorithmik hervor: Effizienz, Abkürzung von Verfahren. Algorithmen sind wundervolle Werkzeuge, sie bilden ein kaum erforschtes faszinierendes Universum des automatischen Geistes; und sie erweisen sich auf den immensen Datenfeldern der Cloud als unentbehrlich. Je komplexer ein Verfahren, desto wichtiger wird es, einen effizienten Algorithmen zu finden. Algorithmen sind die Schürfmaschinen des digitalen Goldrausches. Aber eben: es handelt sich um Werkzeuge – um nicht mehr und nicht weniger.
Die ökonomische und soziale Macht der Algorithmen – gemessen am Stellenwert der Technologie-Giganten, die sie einsetzen – ist unbestritten. Wir sollten allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass sich diese Macht auch beträchtlich der symbolischen Macht der Computer-Metapher verdankt. Ich hege den Verdacht, dass viele Leute, die heute unentwegt das Wort «Algorithmus» im Munde führen, im Grunde nicht oder nur diffus wissen, wovon sie sprechen. Und gerade aufgrund seiner hippen Schwammigkeit hat sich das Wort zu seiner metaphorischen Vormachtstellung aufschwingen können.
Code-Schichten und Palimpseste
Algorithmen werden zusehends undurchsichtiger. Sie zerfliessen zu einem «Code-Brei». Wahrscheinlich verstehen die Algorithmen-Designer ihre Artefakte selber nicht mehr vollständig. Sie schreiben einfach weitere Code-Schichten auf bereits existierenden Code, so wie mittelalterliche Mönche auf bereits beschriebene Pergamente neue Texte schrieben: Palimpseste.
Ich sehe hier eine allgemeine Tendenz, sozusagen eine Kassation alter aufklärerischer Ideale auf fortgeschrittener wissenschaftlich-technischer Entwicklungshöhe. Ihre Undurchsichtigkeit verleiht Algorithmen mittlerweile eine fast mystische Aura. Wir kippen ihnen gegenüber in eine Devotionshaltung – eine Ironie sondergleichen: Während die Aufklärung die Potenz des rationalen Geistes – verkörpert durch Naturwissenschaften und Technik – gegen die Mächte des Glaubens und Aberglaubens richtete, pervertiert diese Potenz nun zur Idolatrie der Technik.
Die Computeringenieure sehen sich als Tempeldiener eines techno-theologischen Kultus. Erst kürzlich hat Anthony Levandowski, Ingenieur bei Google und Mitentwickler fahrerloser Autos, eine religiöse Vereinigung namens «Way of the Future» gegründet, die sich der Verehrung einer «Gottheit basierend auf Künstlicher Intelligenz» verschreibt. Die Leute in Silicon Valley scheinen die Warnung John McCarthys, eines der Pioniere der Künstlichen Intelligenz, vergessen zu haben: «Wir müssen vorsichtig sein, Maschinen Eigenschaften zuzuschreiben, die sie nicht haben. Der Mensch macht sich leicht zum Narren, wenn es etwas gibt, woran er glauben will.»
Der alte Hang zum Reduktionismus
Wie alle Metaphern ist auch die Metapher des Algorithmus eine Karikatur. Algorithmen sind allgegenwärtig, aber sie sind nicht alles. Betrachten wir zum Beispiel Google Maps. Selbstverständlich handelt es sich hier um eine Software für Kartendienstleistung, aber Google Maps ist ein physisch-virtuelles Konglomerat. Daran beteiligt sind geografische Informationssysteme, Satelliten und Transponder, Sensoren auf Autos und Hausdächern, Smartphones, Routingsysteme für Datennetzwerke, nicht zuletzt eine kleine Armee von menschlichen Operatoren an Bildschirmen, die weltweit ständig die Karten up to date halten.
Die künstliche Intelligenz der Algorithmen «greift» uns nicht «an». Vielmehr macht sich in ihr menschliche Intelligenz breiter und breiter.
Algorithmen als Karikaturen zu bezeichnen, entzaubert sie. Selbstverständlich bleiben sie mächtige Instrumente, deren Macht grösstenteils darin besteht, andere Maschinen auf abstrakter Ebene zu simulieren. Das ist die fundamentale Einsicht von Alan Turing. Aber diese Fähigkeit kann uns zu sektierischer Einäugigkeit und metaphorischer Universalisierung verleiten: Alles ist «im Prinzip» ein Computer.
Wir kennen diesen Reduktionismus schon von der alten Maschine her: Der Mensch ist «nichts als» eine Maschine. Er bestärkt eine Art von Techno-Fatalismus: Der Vormarsch der Algorithmen ist unaufhaltsam. Wir beginnen alle sozialen und kulturellen Veränderungen dem Einfluss der Technologie zuzuschreiben und vergessen dabei, dass es «die» Technologie nicht gibt. Es gibt Menschen – Ingenieure, Unternehmer, Investoren, Evangelisten der Künstlichen Intelligenz - , welche die Technologie zu ganz bestimmten Zwecken einsetzen – und missbrauchen. Und vielen von ihnen liegt durchaus daran, dass die Nutzer ihrer Produkte in der Herdenwärme einer lammfrommen Technikgläubigkeit verharren.
Ein Riesenzauber kehrt zurück
Beherrschen uns die Algorithmen? Zweifellos wachsen sie in eine immer zentralere Rolle hinein, auf fast allen sozialen Gebieten, in Medien, Politik, Wirtschaft, Beruf, Schulen, Gefängnissen, Spitälern. Und eine Grundskepsis erscheint angezeigt in einer Welt, die zunehmend von opaken Informationsströmen und Algorithmen beherrscht wird.
Die amerikanische Mathematikerin Cathy O'Neil gibt in ihrem Buch «Angriff der Algorithmen» (2017) Einblicke in ein verstörendes Zeitphänomen: Ein immaterielles Wettrüsten der Algorithmen findet statt, das für den Normalbürger unsichtbar bleibt, ihn aber aufgrund von schlampiger Statistik, voreingenommenen Modellen und einem fast gemeingefährlichen Vertrauen in computergenerierte Entscheidungen als Kollateralopfer zurücklässt.
Aber die künstliche Intelligenz der Algorithmen «greift» uns nicht «an». Vielmehr macht sich in ihr ein Teil der menschlichen Intelligenz – nämlich der automatisierbare – breiter und breiter. Einseitige Denkdiät. Max Weber sprach von der Entzauberung der Welt durch wissenschaftliche und technische Rationalität. Das Gegenteil ist heute der Fall. Ein Riesenzauber kehrt zurück, in der Gestalt von Gadgets, die wir verehren statt zu verstehen.
Was uns wirklich zu beherrschen droht, ist ein neo-primitiver Technoanimismus, der unsere Entscheidungsfähigkeit zersetzt und uns aus dem kollektiven Unbewussten eines debil machenden Technikgebrauchs heraus steuert. Je entfesselter dieser Gebrauch, desto gefesselter sind wir an ihn. – Zeit, aufzuwachen.
Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig.
Eduard Kaeser, 23.11.2017
Beherrschen uns Algorithmen wirklich? | NZZ
Joe Kaeser: Der Manager mit dem Digitalisierungs-Drive
Hey Tumblr-Fans! Heute schnappen wir uns gleich noch eine Biografie, und zwar die von Joe Kaeser – nicht nur ein typischer deutscher Manager, sondern eine Figur, die inmitten von Technologie und Kontroversen steht. Geboren am 23. Juni 1957 als Josef Käser in der niederbayerischen Gemeinde Arnbruck, hat er sich von seinen bescheidenen Anfängen zu einem der prägendsten Gesichter in der Welt der deutschen Wirtschaft hochgearbeitet.
Bildung und Karrierestart
Nachdem Joe Kaeser seine schulische Laufbahn an einer Realschule in Kötzting abschloss und sein Fachabitur in Cham machte, verschlug es ihn zur Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Regensburg. Sein beruflicher Weg begann 1980 bei Siemens, wo er schnell die Karriereleiter hinaufkletterte und schließlich 2006 zum Finanzvorstand avancierte. Diese Rolle übernahm er in einer besonders turbulenten Zeit, denn sein Vorgänger musste im Zuge eines Bestechungsskandals das Unternehmen verlassen. Kaeser selbst wurde nie rechtlich belangt, obwohl ihm eine gewisse Kenntnis der Vorgänge nachgesagt wurde.
CEO von Siemens
2013 wurde er zum CEO von Siemens ernannt und leitete das Unternehmen durch eine Ära der Transformation, die besonders durch die Förderung der Digitalisierung und Industrie 4.0 geprägt war. 2021 verließ er die Position des CEO, um als Vorsitzender des Aufsichtsrates von Siemens Energy und anderen bedeutenden Positionen weiterhin Einfluss zu nehmen.
Kontroversen und Positionen
Joe Kaeser ist dafür bekannt, dass er keine Scheu hat, seine Meinung zu politischen und gesellschaftlichen Themen zu äußern. Seine Reise nach Moskau kurz nach der Annexion der Krim durch Russland und seine späte Absage an eine Investorenkonferenz in Riad nach dem Verschwinden des Journalisten Jamal Khashoggi zeigen, dass er oft zwischen Geschäftsinteressen und ethischen Überlegungen balanciert.
Einfluss und Aktivismus
Nicht alles an Joe Kaeser ist Business. Er hat klare Ansichten zu Themen wie Einwanderung und soziale Gerechtigkeit geäußert. Seine Unterstützung für die Seenotrettung im Mittelmeer und seine Diskussionen mit Aktivisten zeigen sein Engagement für soziale Themen. Und nicht zu vergessen, sein Vorschlag an Luisa Neubauer, ein Aufsichtsratsmandat bei Siemens Energy anzunehmen, was sie jedoch ablehnte.
Fazit
Joe Kaeser ist weit mehr als nur ein beliebiger Top-Manager. Mit einem Fuß in der harten Welt der globalen Wirtschaft und dem anderen im komplexen Feld der sozialen Gerechtigkeit, repräsentiert er einen Typus von Führungskraft, der bereit ist, für seine Überzeugungen einzustehen – auch wenn das bedeutet, dass er manchmal ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Bleibt dran, um mehr solcher faszinierenden Geschichten aus der Welt der Wirtschaft und Technologie zu entdecken!
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