“I can’t separate form from content”: 11 Questions to Gazan Artist Nidaa Badwan
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Linda: Warum bist du trotz politischer Restriktionen noch Künstlerin?
Nidaa: Kunst zu machen ist für mich eine Methode, eine ganz bestimmte Sprache zu sprechen. Nur in dieser Sprache kann ich mich ausdrücken.
L: Was bedeutet es für dich, “Künstlerin” zu sein? Ist es eine politische Haltung? Ist es dein Beruf? Oder deine Identität?
N: Kunst zu machen bedeutet für mich nicht, Ansichten oder Meinungen von irgendwoher zu übernehmen - egal ob von Familie, Freunden oder Politik. Kunst ist meine Leidenschaft. Mein Innerstes, meine Seele werden über die Kunst nach außen getragen.
L: Wie wurdest du Künstlerin?
N: Kunst zu machen war von Kleinauf mein Hobby. Ich hatte Talent, musste aber immer hart arbeiten, um mich laufend weiterzuentwickeln.
L: Wo und was hast du studiert?
N: Ich habe in Gaza Bildende Kunst mit Schwerpunkt Dekorative Künste studiert. Dabei hätte ich am liebsten in Griechenland Bildhauerei studiert.
L: Wie war die Qualität deines Studiums?
N: Ich habe das Gefühl, dass es mich nicht sonderlich weitergebracht hat. Aber selbst wenn es so gewesen wäre, muss sich jeder Künstler und jede Künstlerin doch trotzdem immer aus sich selbst heraus entwickeln, um seine eigene Sprache zu finden - um einen “Fingerabdruck” zu hinterlassen.
L: Wer sind deine Vorbilder? Wen imitierst du? Wer inspiriert dich?
N: Ich habe keine bestimmten Vorbilder. Vielmehr wird die Form meine Arbeiten von allem beeinflusst, was ich mit meinen Sinnen wahrnehme: Sonnenstrahlen, die in mein Zimmer fallen, Licht im Allgemeinen, meine Materialien, meine Kamera und meine Malfarben, die lange Zeit, die ich in meinem Zimmer saß und wartete, jedes Element in meinen Bildern ausgestaltend; meine Bücher und meine Musik, die ich während des Kriegs las und hörte, und vieles mehr. All das beeinflusste in der Vergangenheit meine Arbeiten.
L: Wie reagiert dein Umfeld in Gaza auf deine Fotografien? Bekommen sie sie zu sehen?
N: Nein, ich hatte noch nie eine Ausstellung in Gaza. Das Institut Français fördert zwar meine Ausstellungen, seine Galerie in Gaza wurde aber letztes Jahr zerstört.
L: Hast du einen Zugang zum Kunstmarkt? Wo kannst du ausstellen? Wer verkauft deine Bilder?
N: Ich arbeite im Moment an einem Projekt, das “Das kleine Zimmer” heißt. Ich möchte ein kleines Studio eröffnen, um die Möglichkeit zu haben, Bilder auszustellen und zu verkaufen. Zurzeit bekomme ich auch sehr viele Mails mit Kauf-Anfragen, da meine Bilder gerade in Hebron ausgestellt sind. Danach gehen sie nach Betlehem, und wenn alles klappt noch in andere Städte. “Das kleine Zimmer” versuche ich über Fundraising zu finanzieren: http://www.gofundme.com/u4ffb3w.
L: Form oder Inhalt: Was ist wichtiger in deinen Werken?
N: Ich kann das nicht trennen. Der Inhalt, das Wesen einer Sache dominiert immer ihr Aussehen. Ästhetik ist immer ein Teil eines bestimmten Glaubens oder einer Zugehörigkeit zu etwas.
L: Warum arbeitest du für “100 days” ausschließlich mit digitalen Fotografien? Hättest du stattdessen auch malen können?
N: Durch alle meine Bilder, die ich schaffe, egal ob ich bildhauere, male oder zeichne, trete ich auf eine Bühne. Bilder zu machen befriedigt mein Grundbedürfnis als Künstlerin. Das Malen braucht aber viele Materialien, was sehr unpraktisch ist. Trotzdem schaffe ich es immer irgendwie, mir meine Materialien zu beschaffen und mache mich auch immer gleich an die Arbeit, sobald ich alles habe. Im Moment arbeite ich an Bildern, in denen ich die Skizzen meines Bruders, der Autist ist, weiter entwickele.
L: Bist du Teil einer Kunstgeschichte? Bist du ein Genie?
N: Ich wünsche mir, dass meine Arbeiten etwas zur Entwicklung der Kunst beitragen. Aber eigentlich versuche ich nur, alles, was ich vor mir sehe und was ich wahrnehme, zu reformulieren - und das gelingt mir immer mit einem künstlerischen Ansatz.
Nidaa Badwans aktuelle Ausstellung “One Hundred Days of Solitude” ist noch bis zum 30. Juni 2015 in Hebron, Westbank, zu sehen.
Aus dem Arabischen übersetzt von Saad Natsheh und Linda Huke
Linda: Why are you still an artist, despite all the political restrictions that you are facing?
Nidaa: To me, to make art is like speaking a language. Some things I can only say in this language.
L: What does it mean to you to be an “artist”? Is it a political attitude? Is it what you do to make a living? Or is it your identity?
N: To me, making art doesn't have anything to do with reproducing any opinions or views – equally of family members or friends or politicians. Art is my passion. My art expresses my soul.
L: How did you become an artist?
N: Producing artworks was always a hobby of mine, even as a child. I was talented, but I had to make a lot of effort to develop my skills.
L: Where did you study and what?
N: I studied Fine Arts and Decorative Arts in Gaza. But I would have liked to study sculpting in Greece.
L: How was the quality of your university education?
N: I feel that it didn't help much on me. But even if it had, I think that each and every artist has to find their own way to develop an own, personal language – to leave a fingerprint.
L: Who are your idols? Who do you imitate? Who's inspiring you?
N: I don't have any idols in particular. The form of my art is rather influenced by everything that I perceive with my senses: sun rays that enter my room, light in general, my working materials such as my camera and the colours I use; the long time I spent waiting in my room, working intensively on every detail in my pictures, the books I read and the music I listened to during war time and much more. All these things influenced my works.
L: How do people in Gaza react to your photographs? Do they ever see them?
N: No, I have never had any exhibition in Gaza. The Institut Français is supporting my exhibitions in the Westbank, but their gallery in Gaza was destroyed last year.
L: Do you have access to an art market? Where can you show your images? Who sells your works?
N: Currently I'm working on a project called „Little Room“. I want to open a small studio where I can show and sell my images. These days I also receive a lot of e-mails from people who want to buy some of my works, because they're currently on show in Hebron. After that the pictures go to Betlehem, and if i'm lucky they will also be shown in other cities. The „Little Room“ project I try to fundraise online: „http://www.gofundme.com/u4ffb3w“.
L: Form or content: what do you consider more important for your works?
N: I can't separate that. The content, the character of something always dominates its outward appearance. Aesthetics are always a part of a certain belief in or an affiliation to something.
L: Why does „100 days of solitude“ only consist of digital photographs? Would it have been possible for you to paint instead?
N: With every image I create, I kind of enter a stage, no matter if I sculpt, paint or draw. Making pictures satisfies my basic needs as an artist. Of course, painting requires a lot of materials, and this can be very inconvenient. But I always somehow get what I need and I always start working immediately when I could acquire the things I wanted. At the moment I work on some images that are based on the sketches of my brother who suffers from autism.
L: Are you part of an art history? Are you a genius?
N: I wish to contribute to the development of art in general with my images. But actually, all what I'm trying is to reformulate everything that I perceive, everything that I can see in front of me. This I can manage best by making art.
“One Hundred Days Of Solitude” will be on display in Khalil Sakakini Cultural Center until the 30 June 2015.
Translated from Arabic by Saad Natsheh and Linda Huke









