Der Streik ist tot - lang lebe der Streik!
In den vergangenen 4 Wochen haben insbesondere Eltern deutschlandweit gelitten. Unter dem so genannten „KiTa-Streik“, der aber kein KiTa-Streik war und ist. Wieso, das kann man hier nachlesen.
“Gelitten” aber deshalb, weil viele Einrichtungen der Sozial- und Erziehungsdienste aufgrund des Streiks der Bediensteten geschlossen blieben, sodass viele Eltern nicht wussten wohin mit ihren Kindern. Ja, es gab Notgruppen. Viele Kinder fühlten sich dort jedoch nicht wohl und Eltern nahmen sich angesparte Überstunden frei oder mussten auf ihre Urlaubstage zurückgreifen. Ein unaushaltbarer Zustand für viele, die sich ihrem Ärger gerne auch vor jeder Fernsehkamera Luft machten. Auch für Jugendliche sah es düster aus. Jugendzentren blieben geschlossen, Bildungsfahrten, wie z.B. zum Bundestag nach Berlin, mussten ersatzlos abgesagt werden und die Jugendzentren blieben auf den Kosten sitzen. Suchtberatungen blieben geschlossen, Beratungsstellen für psychisch Kranke, Jugendämter, Pflegekinderdienste, Adoptionsvermittlungen, Allgemeine Soziale Dienste, Schwangerschaftskonfliktberatungen – alles zu.
Und das war wichtig und richtig so
Denn ratet mal was: Genau so sähe es aus, wenn es keine Erzieher/innen, Sozialarbeiter/innen, Pädagogen/innen, Heilpädagogen/innen, Heimleitungen in Tagesstätten oder Werkstätten für Behinderte, Heilerziehungspfleger/innen, Kinder- und Jugendtherapeuten/innen gäbe, weil niemand ihn wegen der schlechten Bezahlung mehr machen will.
Dann erst merkt die Bevölkerung wie wichtig diese Menschen sind, die sich tagtäglich um ihre Kinder, Jugendlichen, Kranken und Hilfebedürftigen kümmern!
Wie bei einem Streik üblich, traf auch uns aus dem Sozial- und Erziehungsdienst die Wut der Betroffenen. „Euch sollte man alle entlassen!“ wurde einer Kollegin an den Kopf geworfen. Wie an einem Stammtisch wetterten Betroffene uns an, ohne dabei zu überlegen, wer eigentlich Adressat ihres Unmuts sein sollte, nämlich die Arbeitgeberverbände.
Andere Betroffene hatten da mehr Grips. Sie schafften es, sich in Nachbarschaftsgruppen um die Betreuung der Kinder zu kümmern oder machten ihrem Ärger dort Luft, wo er 100% richtig platziert war: In den Führungsetagen der Arbeitgeber.
Sie nahmen ihre Kinder mit und machten Rathäuser zu KiTas, bis es (und da liegt die feine Ironie) den Bürgermeistern und Landräten zu bunt und zu laut wurde und diese sich an die jeweiligen Verbände Kommunaler Arbeitgeber wanden, den Streik doch bitte schnellstmöglich mit passenden Angeboten zu beenden.
Andere Elternverbände unterstützen die Streikenden und nahmen an den Demos teil, da sie verstanden hatten, dass die Kinderbetreuung, die sie selbst nicht leisten können, mehr ist als Geschichten vorlesen und Papptiere zu basteln. Sie hatten verstanden wie anstrengend es ist sich den ganzen Tag kümmern zu müssen. Die Kolleginnen und Kollegen in den Erziehungseinrichtungen machen das jeden Tag. Und das nicht mit einem, sondern mit bis zu über 10 Kindern pro Erzieher/in.
Für diese legten die Arbeitgeberverbände ein unverschämt lächerliches Angebotvor, dass den Namen kaum verdient. Sie boten an, die Erzieherinnen eine Entgeltstufe höher zu gruppieren (von bislang S6 zu S7) aber nur, wenn diese auch „schwierige fachliche Tätigkeiten“ wie Inklusionsarbeit oder Sprachförderung auszuüben hätten. Die „normale“ Arbeit wäre somit nicht mehr wert.
In Zahlen hieße das, dass die Erzieherinnen und Erzieher in KiTas ganze 40 Euro mehr bekämen und das brutto. Vierzig Euro! Brutto!
Das heißt, dass dies auch noch versteuert werden muss. Zum Teil sind daran auch noch die Forderungen geknüpft, dass sie sich dann noch zu Weiterbildungen in Höhe von 120 Stunden einverstanden erklären müssten. Und nun ratet mal wer die bezahlen soll? Der Arbeitgeber? NEIN! Die wären mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit selbst zu bezahlen. Von 40 Euro, die noch versteuert werden müssen, kann ich nicht mal ordentlich meinen Tank halb voll machen! Und davon sollen dann Weiterbildungen bezahlt werden? DAS IST LÄCHERLICH UND DAS IST UNVERSCHÄMT!
Ähnlich verhält es sich bei den anderen „Angeboten“ für Kinderpfleger/innen und Leitungen von Erziehungseinrichtungen sowie deren Vertretungen.
Und was ist mit den anderen Berufsgruppen?!
Der Verband Kommunaler Arbeitgeber (VKA) hat:
KEIN Angebot für Sozialarbeiter/innen
KEIN Angebot für Sozialpädagogen/innen
KEIN Angebot für Heilerziehungspfleger/innen
KEIN Angebot für Kinder- und Jugendtherapeuten/innrn
KEIN Angebot für Heilpädagogen/innen
KEIN Angebot für Leiter/innen in Einrichtungen für Erwachsene
Nach 4 Wochen (!) Arbeitsniederlegung und Lohnverzicht der Streikenden, haben sich die Damen und Herren des VKA auf dieses mickrige Angebot für Erzieherinnen und Erzieher, sowie KiTa-Leitungen herabgelassen, dass nicht mehr wert ist als der Pfandbon einer Woche.
Darüber hinaus haben sie KEIN Angebot für die anderen Berufsgruppen vorgelegt. Und als Sahnehäubchen verlangen die Arbeitgeber, man solle ihnen doch bitte entgegenkommen. Wie bitte? Wobei denn? Bei weniger als nichts?
Ist die Arbeit mit Menschen SO WENIG wert? Wie traurig ist das denn bitte? Damit stellen sich die Arbeitgeberverbände selbst ein Armutszeugnis aus. Menschen die mit Abhängigen arbeiten, die psychisch kranken Menschen helfen, die Jugendliche auf Freizeiten begleiten, die Krisen in Familien meistern, die für das Kindeswohl mitverantwortlich sind, die Behinderte betreuen machen genau die Arbeit die sonst niemand macht, weil sie unbequem ist.
Unser Klientel sind jene, von denen sich so mancher beschämt in der Fußgängerzone abwendet. Wir sorgen dafür, dass Jugendliche Beschäftigung haben und sich nicht kriminellen Gruppen anschließen oder Drogen konsumieren. Wir kümmern uns darum, dass es Anlaufstellen für Abhängige gibt, wo sie saubere Spritzen und eine warme Mahlzeit bekommen können, anstatt die feinen Damen und Herren Bürger in der Stadt anzubetteln.
Aber da wir seit heute wieder im Dienst sind, ist ja alles okay, oder? Die Antwort lautet: nein.
Der Streik ist nicht beendet. Er ist nur derzeit ausgesetzt.
Grund dafür war die Anrufung einer Schlichtung. Sowohl von Arbeitgeberseite als auch von Seite der Gewerkschaften. Während dieser Zeit gilt eine Friedenspflicht, was bedeutet, dass in dieser Zeit nicht gestreikt werden darf. Das ist bewusst von Arbeitgeberseite so gelenkt und gewollt, da der Druck der Streikenden und deren Unterstützern zum Ende letzter Woche zu groß geworden war. Eine Schlichtung war von Verdi von Anfang an kein Ziel, da es den Streik nur hinauszögert da das Ergebnis nicht bindend ist. Im Sinne derer, die nun auch aus dem Streik finanzielle Einbußen in existenzieller Höhe zu bewältigen hatten (denn wer streikt bekommt keinen Lohn und die Streikunterstützung kann nur das Nötigste abfedern) und auch um den Willen zu einer Einigung zu gelangen zu unterstreichen, wurde zeitgleich von Verdi ebenfalls die Schlichtung angerufen.
– Bis zum 11.06.2015 müssen die benannten Schlichter zu einer Schlichtungskommission zusammen kommen
– Bis zum 18.06.2015 muss diese Kommission eine Einigungsempfehlung ausarbeiten und den beiden Parteien vorlegen
– Spätestens 3 Werktage später, also bis zum 23.06.2015, sind dann die Verhandlungen über diese Einigungsempfehlung aufzunehmen
Der Vorschlag der Schlichtungskommission ist aber für keine Seite bindend, sodass es bei Scheitern dieser Verhandlungen zu einer Fortführung des Streiks kommen kann.
Wie bereits erklärt, war das Angebot der Arbeitgeberseite nicht mehr als ein schlechter Witz. Sollten sich die Arbeitgeberverbände nicht weiter bewegen wollen, wird es mit Sicherheit zu einer Fortsetzung des Streiks kommen.
Deswegen möchte ich an dieser Stelle an alle von dem Streik Betroffenen aufrufen, sich bereits im Vorfeld zu bemühen, sich um Betreuungen / Begleitungen etc. zu kümmern.
Noch besser und wirkungsvoller wäre es sich in Gruppen zusammen schließen und sich natürlich auch ordentlich zu beschweren und zwar da wo die Beschwerde hingehört: An die Arbeitgeber.
Das können Bürgermeister, Landräte, Oberbürgermeister oder die Arbeitgeberverbände des jeweiligen Bundeslandes sein. Schreibt einen Brief, malt ein Plakat, schreibt einen Protestsong, macht ein Youtube-Video, egal was ihr macht – sagt, dass ihr (genau wie wir!) die Nase voll habt von der Notwendigkeit zu streiken!
Fordert für die Menschen, die Eure Kinder/Jugendlichen/Kranken/Hilfebedürftigen/ betreuen und begleiten endlich das ein, was sie auch verdienen. Eine Aufwertung ihrer Arbeit. Denn diese Arbeit richtig gut und richtig wichtig!
Und für alle die Fragen woher das Geld kommen soll, dass angeblich nicht da ist, eine kleine Anekdote am Rande: Vor 3 Wochen haben sich die Abgeordneten des Düsseldorfer Landtages selbst die Diäten um 200 Euro auf knapp 11.000 Euro (ELFTAUSEND!) monatlich erhöht. Als Landesbeamte müssen sie diese weitaus niedriger versteuern als jeder normale Arbeitnehmer. Umgerechnet ist das das Netto Gehalt von 5 Erzieher/innen zusammen!!!
Also bitte, liebes Land und liebe Arbeitgeberverbände, versucht nicht uns für dumm zu verkaufen. Das Geld ist da. Also verteilt es endlich gerechter an die Kommunen, sodass die Menschen im Sozial- und Erziehungsdienst für ihre richtig gute Arbeit auch angemessen bezahlt werden!
tl;dr: Der Streik ist nur pausiert. Eine Schlichtung soll Vermitteln. Das Ergebnis ist nicht bindend. Der VKA will nur Erzieher um 40 Euro brutto pro Monat aufwerten. Der Rest kriegt nix. Das ist kein Angebot, das ist freche Kackscheiße. Es ist von neuen Streiks nach dem 23.06.2015 auszugehen.