Sämtliche kulturellen Begleiterscheinungen des modernen Kapitalismus, die Marx auflistet, sind Steckenpferde der heutigen Linken. Gegen Patriarchat, spießige Moral, Ausgrenzung und Ausländerfeindlichkeit, für offene Grenzen und Kosmopolitismus, die Parolen kommen einem bekannt vor. Das heißt natürlich nicht, dass sie deswegen falsch seien. Nur ist man geneigt, ihren Fürsprechern zuzurufen: Wenn das alles ist, was ihr wollt, dann lasst es sein mit der Kapitalismuskritik.
Guillaume Paoli: “Die lange Nacht der Metamorphose”, S.44
Kus kosmopolitismu a polyglotství patří k výbavě moderního člověka. Znát druhé národy, abychom líp poznali jakost a osobitost národa vlastního. Velebit svůj národ jen proto, že ty druhé jsou nám cizí a neznámé, to je láska, řekl bych, slepá. Rozumí se: nebudeme se opičit po druhých národech. Kulturní universalismus nevylučuje intimní lásku k svému národu — ani snahu udržet jeho kulturní svébytnost.
Karel Čapek: Hovory s T. G. Masarykem: Myšlení a život
Es steht nicht in unserer Macht, Konflikte ganz aus der Welt zu schaffen und der conditio humana zu entkommen, es steht aber sehr wohl in unserer Macht, die Verfahrensweisen, Diskurse und Institutionen zu schaffen, die er möglich machen würden, diesen Konflikten eine agonistische Form zu geben. Daher kommen wir, wenn wir das demokratische Projekt verteidigen und radikalisieren wollen, nicht darum herum, das Politische in seiner antagonistischen Dimension anzuerkennen und den Traum von einer versöhnten Welt, die Macht, Souveränität und Hegemoniem überwunden hätte, aufzugeben.
Chantal Mouffe, Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2015, S. 170.
Die Provinz und die Stadt – pseudodialektische Versuchungen I
Es müsste immanent zu kritisieren sein, warum wir in der Provinz bleiben. Die Provinz ist dabei kein Ort, der allein geographisch beschrieben werden kann. Auch wenn wir in der Stadt leben, können wir uns nie sicher sein, ob wir nicht doch in der Provinz geblieben sind, mag dies auch "nur" ein geistiges Problem sein.
Jede Stadt trägt die Provinz in sich: Orte, an denen es sich schlecht denken oder arbeiten lässt. Die Provinz wird so zu einer Metapher für das Rückschrittliche, das Regressive oder das Überlebte. In der Provinz waren wir meist wie Jugendliche, die an einer Haltestelle oder vor einem Postamt saßen, aber nicht wirklich wussten, wie wir gut leben sollten. Man fragt sich in der Provinz nach dem Sinn des Lebens, danach, wo guter "Tabak" zu kaufen sein wird, wo mal etwas passieren wird, was einen so erschüttert, dass man endlich hier wegkommt. Die Provinz scheint ein Ort des Stillstandes und der Katastrophe, ein Ort des Leidens und der Kränkung. Der Provinzielle ist keineswegs derjenige, der man gerne sein will oder der man ist. Der, der aus der Provinz kommt, ist meist der Andere – oder unsere Rede ist so selbstironisch geworden, dass der Andere gar nicht genau weiß, ob wir dies so ernst meinen. Traditionell ist es so, dass der Kritiker der Provinz in der Stadt lebt. Er zog in die Stadt, um der Provinz zu entkommen, oder er lebte in der Stadt, weil er die Provinz schon seit je her verachtete, sie ihm für immer fremd blieb.
Die Provinz ist meistens nicht als solches Selbstkritik. In manchen Momenten mag es uns so erscheinen, als überlebte sich die Provinz selbst: Als hätte sich der Ort unserer Kindheit so verändert, dass wir ihn nicht mehr als diese alte Provinz ansprechen könnten. Wir könnten dann davon sprechen, dass sich die Provinz verstädtert: Wir erleben, dass Jugendliche keinen Dialekt mehr sprechen, sondern fließend Englisch, wir begreifen, dass es eine örtliche Bourgeoisie gibt, die gut speist und ihre Lebensvollzüge irgendwie mehr schlecht als recht mediterraner gestaltet hat. Sie nutzt einen örtlichen Golfplatz für ihre Riten der Abgrenzung, Neue sind ins Dorf gekommen, weil die Alten gestorben sind. Das Dorf schrumpft. Wir wollen gar nicht über das Internet sprechen, oder über das Kabelfernsehen, die Einführung des privaten Fernsehens als Sterben der provinziellen Schankwirtschaften oder der Verfall öffentlicher Dorffeste durch Techno oder elektronischen Schlager. In der Provinz wird darüber heftig gestritten. Manchmal siegen Jungmännerbanden, manchmal bleibt alles beim Alten, manchmal gibt es einen guten Italiener im Nachbarort. In manchen Ecken der Provinz steigen die Mieten oder wird der örtliche Unternehmer von der Insolvenz bedroht. Die Provinz ist von einer historischen Entwicklung ereilt worden, die sie immer wieder auf's Neue schockiert. Diese Schockierung durch das Neue, das Denken des Neuen als Katastrophe ist auch in der Stadt verbreitet. Es artikuliert sich als Hass auf die Provinz, als Verachtung gegenüber dem Dialektalen oder als Unwissen über die Veränderung der Provinz (Es artikuliert sich in Parolen wie "Schwaben raus", die die Kritik an der Veränderung der Stadt, etwa die Gentrifizierung, merkwürdig "provinzialisieren"). Wenn man genau lauschte, dann wüsste man über die Wellnesshotels im Westerwald, die professionellen Wanderpfade im Habichts- oder Reinhardtswald, die Lagerstätten für Fossilien in Holzmaden oder in Schützenfesten der Rhön. Wer das Dorf verachtet, muss die Stadt ungebührlich loben oder verdrängen. Das Schweigen der Provinz ist auch in Kreuzberg, auf der Schanze oder im Südviertel zu vernehmen, gewiss sogar in der Südvorstadt.
Wird dies mit einer solchen Intensität und Überzeugtheit behauptet, dass die Provinz das Schlechte sei, so kann man sich sicher sein, dass man in der Provinz ist. Die Provinz ist dadurch von der Stadt unterschieden, dass es dort noch so etwas wie Tradition zu geben scheint (und sie tauchen auch im Krämerladen wieder auf, der in die Peripherie der Stadt flüchten muss, als ein Eigentümerwechsel ein Café dort vorsah). Der notwendige Schein der Provinz ist es, dass sie vor der Stadt da gewesen sein soll, dass sie ein Erstes markiert, ein Urbild der Stadt. Die Provinz ist älter als die Stadt, aber nur insofern als dass sie erst wirklich zu Provinz wurde, als es die Stadt schon gab. Als man in der Stadt so über die Provinziellen sprach, so dass sich die Provinzler schämten, als man sie beim Namen nannte. In der Stadt ist man sich dem gewiss, dass die Provinz kein Ort zum Leben ist. Wird dies zu einer städtischen Gewissheit, so ist eine Zentralisierung des Landes vollzogen, die eine neue Langeweile in ihren Mauern stiftet: Wer in der Provinz nicht bleiben oder rasten kann, der ist in der Stadt noch nicht wirklich angekommen. Der wohnt so in der Stadt, als lebte er auf dem Lande. Als ob er in der Provinz geblieben wäre, als ob er die Provinz in die Stadt gebracht hätte: Als wären die Schwaben über Berlin hergefallen, als lebten zu viele Älpler oder Älbler in Stuttgart, als hätten es die Hinterwäldler bis nach Marburg geschafft.
Dieses Provinzielle der Stadt muss selbst in der Stadt kritisiert werden, weil es die alltäglichen Lebensvollzüge zäh und stickig macht. Es ist ein Bleiben in der Provinz, weil die Stadt nicht zu sich selbst kommt, sondern nur durch Umwege, durch einen Aufschub, Fahrtstrecken als solche darstellt, die stets wieder anöden oder einen erschrecken. Dieses Provinzielle ist keineswegs mit der wirklichen Provinz identisch. In der Stadt muss man nicht in der Provinz bleiben – man wird sie aber nie so los, als könnte man von der Stadt aus die Provinz verachten.