Wenn Tote zu Begleitern werden – oder der Krieg ist der Vater einer ganzen Generation
Ohne den Tod des einen wäre ich nicht da - der andere Tote gab mir seinen Namen
Zwei Tote begleiten mich mein ganzes Leben. 1943 starb ein Soldat in einer mörderischen Panzerschlacht in der Ukraine und ermöglichte damit meine Existenz. Der Verlobte meiner Mutter. Seine Leiche wurde nie gefunden, und meine Mutter harrte in ständiger Ungewissheit acht Jahre aus, ehe sie – bereits Anfang 30 – eine neue Beziehung einging. Weitere Jahre vergingen, ehe ich gezeugt wurde. Hatte meine Mutter Angst, ihr Verlobter würde eines Tages nach Jahren russischer Kriegsgefangenschaft vor der Tür stehen? Solche Schicksale waren in der Nachkriegszeit der 50ziger Jahre keine Seltenheit und dürften als Damoklesschwert über so mancher Ehe geschwebt haben. Hinzu kam, dass meine Mutter zu jenen Frauen in Ostdeutschland gehörte, die im Mai 1945 mit Soldaten der roten Armee Schreckliches erlebten… Dass dieses Kriegstrauma zur Zeit meiner Geburt - also acht Jahren später - noch nicht verheilt war, halte ich für sehr wahrscheinlich. Ebenso fakt ist, dass meine Mutter mir später als Kind kein von Lebensfreude geprägtes Frauenbild vermitteln konnte.
Fazit: Wäre ihr Liebster lebend aus dem Krieg heimgekehrt, wäre ich nie geboren. Ich habe noch genau die Szene vor Augen, als meine Mutter ein kleines vergilbtes Foto hervorkramte, dass einen deutschen Feldwebel auf einen verlassenen oder erbeuteten russischen Panzer zeigte. Ohne Umschweife erklärte sie mir, dass sie ihn sehr liebte und gerne geheiratet hätte, worüber ich keinesfalls traurig war. „Dann hätte ich ja einen anderen Vater“ habe ich naiv in Unkenntnis der gängigen Vererbungslehre geantwortet. Später las ich in Zeitdokumenten den zynischen Satz „Sie starben, damit Deutschland lebe!“ Dass er sich später im zerschlagenen Nachkriegsdeutschland auf vollkommen andere Weise bewahrheiten sollte, war sicher nicht im Sinne ihrer verbrecherischen Urheber. Wie viele Menschen meiner Generation, also die zwischen 1944 und 1956 Geborenen, den Krieg als „Geburtshelfer“ hatten, lässt sich nur schätzen. Es dürften viele Millionen sein. Nicht alle haben einen gefallenen Phantomvater aufzuweisen, aber viele Kinder hätten ohne den Krieg ganz andere Väter oder Mütter, weil durch den Krieg große teile der Bevölkerung durcheinandergewirbelt wurden. Allein Millionen von Vertriebenen und Ostflüchtlingen haben auf diese Weise ganz andere Partner kennengelernt, als wenn sie in ihrer Heimat geblieben wären.
Der zweite Tote, der mich mein Leben lang, wie ein Schatten begleitet ist mein Namensvetter, besser gesagt Namensgeber KLAUS. Sein Todestag jährt sich an diesem April-Wochenende. Klaus lieferte sich als Panzergrenadier-Unteroffizier zusammen mit einem zusammengewürfelten Haufen versprengter Soldaten in den letzten Kriegswochen ein vollkommen sinnloses Scharmützel gegen eine Übermacht Amerikaner in den Wäldern des Harzes rund um den Brocken. Er wurde noch schwer verwundet zu einem Verbandsplatz geschleppt, wo er verstarb. Der Ort heißt zu allem Überdruss – Nomen est Omen – auch noch „Elend“ und lag bis 1990 im sogenannten DDR-Sperrgebiet.
Als ich 1991 zum ersten Mal den kleinen Soldatenfriedhof nahe der Brockenbahn betrat, kämpfte ich mit den Tränen. Da steht auf einem kleinen Holzkreuz exakt mein Name, ein Junger Mann, der im August 1945 gerade mal 22 Jahre alt geworden wäre. Ich ahnte in diesem Moment den gesamten Schmerz seines Todeskampfes. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass auch ein Teil von mir hier begraben liegt. Ein liebenswerter lebensfroher junger Mann, der als Kind von seinem Bruder, meinem Vater, auf übelste Art schikaniert und drangsaliert worden war. Wenn man so wie ich der Erstgeborene einer neuen Generation ist, dann verstärkt sich noch der Eindruck einer „innerfamiliären Wiedergeburt“. Ich bin somit der Nachfolger von Klaus.
Als ich 1974 den Kriegsdienst verweigerte und zur „Gewissenprüfung“ antreten musste, hatte ich das Gefühl jener gefallenen Soldat Klaus würde mich begleiten. Nachdem ich dem Gremium in Bad Schwalbach meine Gründe darlegte und dabei auf das Schicksal meines zweiten Egos verwies, verstummten die Herren und hatten keine weitern Fragen mehr. Ich konnte nach nicht einmal zehn Minuten gehen. Der Pfarrer, der mich als „Beistand“ begleitete sagte mir beim Hinausgehen, er habe noch nie eine so kurze Verhandlung erlebt.
Ein naiver linker Pazifist bin ich dennoch nicht geworden, sondern einer, der schon früh erkannte, dass hinter dem Eisernen Vorhang des kalten Krieges nicht in erster Linie die Russen stecken, sondern noch andere Mächte, für die Deutschland bereits im 19.Jahrhundert eine Manövriermasse war. Auch entwickelte ich mich nicht zu einem Feigling. Während des Studiums nahm ich einen Nachtwächterjob in einer großen Eisfabrik an. Mein Vorgänger – gleichfalls Theologiestudent – bekam in der menschenleeren Fabrik während der nächtlichen Rundgänge regelmäßig Angst und Panikattacken. Wen sollte ich fürchten? Ich hatte doch Klaus an meiner Seite. Meine Waffe war keine Knarre, sondern die Zivilcourage. Die mir zum Schutz angebotene Gaspistole blieb im Schrank. Was hätte sie mir am Ende genützt? Am Ende hätte mich ein Einbrecher mit einer echten Waffe über den Haufen geschossen. Meine Waffe war eine präzise Ortskenntnis und die Dunkelheit. Während den Rundgängen durch die Fabrik und Lagerhallen lies ich die Taschenlampe aus und setzte sie nur ein, wenn ich die Stechuhr betätigte. Sicherlich waren diese Mutproben für mein späteres Einsetzen für andere – Stichwort Menschenrechte - trotz massiver Bedrohungen eine gute Ausgangsbasis.
Klaus verlor im April 1945 den Wettlauf ums Überleben. Heute haben wir einen anderen Krieg, der dieses Land bereits in großen Teilen drastisch verändert hat. Er wird ohne Kriegserklärung aber von langer Hand geplant, asymmetrisch geführt. Der Feind hat keine Uniformen. Er schlägt mal hier mal dort zu. Es trifft kritische Lehrer, alte hilflose Menschen, aber auch Frauen und Kinder. Das Allerschlimmste: Er bedient sich einer fünften Kolonne, die ihn schützt und unterstützt. Ich bin heute exakt doppelt so alt wie Klaus, als er in Elend starb. 2017 habe ich ihm ein Gedicht gewidmet, dass zum Zyklus „Kriegskind“ gehört:
Einer, der mal meinen Namen trug
Starb vor der Zeit
Und wurde rasch verscharrt
An seinem Grab
Hab meine Trauer ich verbraucht
Vor langer Zeit
Mein eigener Leib dort mit vergraben ward
In diesem Grab erblickte ich das Licht der Welt
Und wie es scheint
Hab ich es seither nicht verlassen
Wie werde ich sterben? Friedlich im Bett oder unter Kriegsgeschrei zusammengeschlagen, abgestochen, an Schläuchen hängend, künstlich ernährt nach langem Todeskampf? So wie jener Rentner in Offenburg. Am Ende sterben Menschen heute oder morgen viel qualvoller als mein Vorgänger, dessen Tod in einem primitiv eingerichteten Lazarett am Fuße des Brockens noch einigermaßen überschaubar war.


















