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Kurzgeschichte: Leichenschmaus
„Sein Name ist Frankie.“
Doug hielt den haarigen Klumpen höher, sodass die weißen Drähte, statt welcher jede normale Katze flauschiges Fell besaß, in meine Nase stießen. Unweigerlich wich ich einen Schritt zurück. Frankie war ein ausgesprochen hässlicher Kater. Eigentlich erinnerte er mehr an einen Bullterrier unter Elektroschock, sowie sein zu groß geratener Unterkiefer unter seiner Nase hervorragte, wie eine defekte Schublade, vollgestopft mit Warzenschweinhauern. Ein Tropfen Sabber lief zäh über sein Kinn und blieb dort hängen.
Dougs erwartungsvolles Mondgesicht tauchte in meinem Sichtfeld auf. Also schön. Mach ihm die Freude. Schließlich hast du ihm in den höchsten Tönen vorgeschwärmt, wie gerne du Katzen hast. Ich zog meine Mundwinkel hoch. Hoffentlich genug, um es ihn als Entzücken interpretieren zu lassen.
„Na, der ist ja ganz ...“, begann ich, „besonders … Wo hast du den denn her?“ Doug strahlte. „Ist mir zugelaufen. Auf einem antiken Friedhof auf Island.“ Erzählte er sofort, wahrscheinlich hatte er die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet. „Keiner schien ihn haben zu wollen.“
„Ach ...“
„Und es war Liebe auf den ersten Blick.“
„Was sonst ...“ Flüchtig fragte ich mich, wie Frankies Eltern wohl ausgesehen hatten. Ob er in irgendeinem Labor aus verschiedenen Tierteilen zusammengebastelt worden war? Dann rief ich mich selbst zur Raison. Immerhin konnte das arme Tier nichts für sein Aussehen.
„Hier.“ Er drückte mir Frankie in die Arme. Das Tier hing wie ein kratziger Sack da, hinterließ lediglich einen Sabberfleck auf meinem Ärmel. Doug musterte uns zufrieden.
„Er mag dich!“ Stellte er fest.
„Wenn du das sagst ...“ Anscheinend hatte ich ein Lebenszeichen verpasst.
„Das sieht doch ein Blinder!“, behauptete Doug. „Du bist eben ein guter Kerl, Dave. Das spürt er genau!“ Schon fast rührend, was Doug alles in Lebewesen reininterpretieren konnte.
„Frankie also ...“, murmelte ich und zwei wässrig blaue Augen hefteten sich auf mich.
„Kurz für Frankenstein“, sagte Doug so ernst, dass mein Lachen auf halben Weg im Hals wieder kehrt machte. Der Name passte so gut, dass es fast schon etwas unheimlich war.
„Wie lange wirst du denn diesmal auf Island bleiben?“, fragte ich so beiläufig wie möglich.
„Oh, nicht lange“, versicherte Doug. „Nur ein paar Wochen.“ Wochen … Gut, jetzt war es eh zu spät. Versprochen ist schließlich versprochen.
„Hey!“, rief ich Doug nach, der schon an der Tür stand. „Ist das normal?“, fragte ich und hielt Frankie hoch, welcher sich immernoch nicht regte. Aber Doug winkte ab. „Er braucht nur seine Zeit um aufzutauen. Jetzt muss ich aber meinen Flieger erwischen. Ciao-Ciao!“
Weg war er.
Ich begann mich unbehaglich zu fühlen, so ganz allein mit diesem seltsamen Kater auf meinem Arm. Würde er sich im nächsten Moment in meine Brust (oder andere, unter Umständen empfindlichere Körperteile) krallen oder sich doch schnurrend an mich schmusen? Dann meinte ich mich an eine wichtige Regel für Katzenhalter zu erinnern, wahrscheinlich in irgendeinem Käseblatt aufgeschnappt: Lass eine Katze niemals spüren, dass du sie nicht magst. Oder Angst hast. Oder sonst irgendein Gefühl. Sie werden es mit absoluter Sicherheit gegen dich verwenden. Klang logisch genug für mich.
Doug hatte eine unangenehme Stille hinterlassen und ich fürchtete langsam, wenn nicht ich, würde sie keiner brechen.
„So, Frankie“, sagte ich also gefasst, „wie's aussieht sind's nur noch du und ich.“
Keine Reaktion; und ich kam mir ziemlich bescheuert vor. Da stand ich nun. Hilflos in meiner eigenen Wohnung. Doch da kam mir eine Idee. Ich trug Frankie in die Küche, wo ich ihn auf dem Boden absetzte.
„Ich wette, du hast nach der ganzen Aufregung ganz schön hunger.“ Ich öffnete die Kühlschranktür, extra langsam, damit sie besonders qualvoll quietschte und sah verstohlen zu Frankie. Der Sabberfaden zog sich von seinem Kinn gen Boden. Ich war mir sicher gewesen, dass das magische Geräusch der Kühlschranktür sogar tote Katzen zum Leben erwecken würde. Nicht so Frankie.
„Ein Skeptiker, was?“, fuhr ich fort. „Traust dem Braten erst, wenn er vor dir steht.“
Bei Dougs alles vernichtenden Essgewohnheiten sollte mich das eigentlich auch nicht wundern.
„Was hätten wir denn gerne? Nein, sag's nicht!“ Frankie gehorchte. Ich langte in den Kühlschrank, um eine Sekunde später ein halbes Hähnchen vom Vortag zu präsentieren.
„Alles für dich. Weil du's bist. Und das will was heißen, wenn ich meine Schenkel mit jemandem teile.“ Glucksend stellte ich den Teller vor Frankie ab. Aber ich hätte genauso gut ein Plüschtier füttern können. Katze und Hähnchen lagen wie ein bizarres Stillleben auf dem Boden meiner Küche und hätte Frankie kein Fell gehabt, wäre es schwer gewesen, sie auseinander zu halten. Aber gut. Katzen und ihre Eigenheiten.
„Bist wohl was anderes gewohnt, was?“, hörte ich mich noch erstaunlich motiviert sagen und legte ein Lachsfilet zu dem Vogel, was aber nur eine Bereicherung für das Stillleben war. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, nachdem nichts, was meine Vorräte hergaben den Gemütszustand meines Gastes auch nur im Ansatz veränderte.
„Okay, hast keinen Hunger“, murmelte ich resigniert. „Musst dich wahrscheinlich erst an die neue Umgebung gewöhnen. Verstehe.“ Also ließ ich ihn, wie er war, inmitten meiner Vorräte zurück. Wahrscheinlich wäre einkaufen jetzt eine gute Idee.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die Wohnung katzensicher war, also alles zerbrechliche weggeschlossen und alles, was nach draußen führte, abgeschlossen, machte ich mich auf den Weg zu dem naheliegendsten Supermarkt während ich mir einredete, Frankie die nötige Privatsphäre zu geben, die er brauchte. Etwas zu wahllos griff ich nach Katzenfutterdosen und einige Konservenmenüs. Im Warenkorb durcheinandergewürfelt war das Design der Produkte kaum unterscheidbar. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich die nächsten Wochen nicht die Muse finden würde, großartig zu kochen.
Als ich wieder zu Hause ankam, war Frankie nicht mehr in der Küche. Die Lebensmittel lagen verwaist und unangetastet auf dem Boden. Mit einem kleinen Stich im Herzen übergab ich sie ihrer letzten Ruhestätte - dem Hausmüll - und ersetzte den leeren Platz auf den Regalen durch die neuen Konserven (in weiser Vorausicht genau aufgeteilt in 'Katze' und 'Mensch').
Frankie war nicht zu finden. Noch nach Stunden war ich mir sicher, irgendeinen Platz übersehen zu haben und suchte jede Ecke und Ritze erneut ab. Wie kreativ konnte ein scheintoter Kater schon sein? Verzweifelt hielt ich zwischen ausgeräumter Wäsche und Altpapierbergen inne. Vor meinem inneren Auge erschien Dougs rundes Gesicht, so ekelhaft erwartungsvoll, dass ich es nicht ertrug und ihn wie eine Seifenblase platzen ließ. Dann atmete ich durch. Keine Panik. Kater verschwinden andauernd und kommen wieder, wenn sie Lust dazu haben. Noch war alles möglich. Zeit für etwas Entspannung. Ein kühles Bierchen und der gute alte Fernseher würden mich da nicht im Stich lassen. Das nächste, was ich wahrnahm, war der Radiowecker, der in der Küche ansprang, mit Absicht etwas lauter, damit ich ihn auch im Wohnzimmer hören konnte. Nicht das erste Mal, verbrachte ich die Nacht im Sessel.
Noch zwischen Schlummer und Wachwerden rieselten die lokalen Nachrichten auf mich ein: Neue Bilchart im Amazonas entdeckt, Unstimmigkeiten in der Politik – also nicht wirklich etwas neues - Fahrradfahrer bei Autounfall um's Leben gekommen, auf mysteriöse Weise fehlte der Leiche des verheirateten 35-jährigen Mannes später bei der Obduktion der Ringfinger der rechten Hand, Wetter heiter bis wolkig... Langsam wurde ich wach, zeitgleich mein Kaffeeverlangen. Also zog ich mich auf die Füße und da saß er. Frankie war so plötzlich erschienen wie er verschwunden war. Vor Schreck fiel ich wieder in den Sessel zurück, dankbar, dass wenigstens dieser nicht so einfach verschwinden konnte.
„Hey, Frankie ...“, murmelte ich und die kleinen blauen Schweinsäuglein glänzten glücklich. Seine Schnauze öffnete sich und etwas längliches, fleischfarbenes fiel vor meine Füße.
„Was hast du denn da mitgebracht? Eine Maus?“ Ich erinnerte mich nicht, derartig geformte Leckerchen oder Spielzeuge gekauft zu haben, also nahm ich es auf, um es genauer zu betrachten. Es sah aus, wie eines der halbgaren Frühstückswürstchen von 'Harald's Imbiss' und war übersäht mit Frankies Hauerabdrücken. Etwas silbernes daran glänzte feucht von Katzensabber. Ein Ring. Ich ließ es augenblicklich wieder fallen. Der tote Ehemann! Frankie hatte mir seinen Finger mitgebracht. Offensichtlich seine verquere Version des Mausgeschenks normaler Katzen, denn sein Blick scannte mich annerkennungsheischend. Das war jenseits von allem, was man an einem Morgen erwarten könnte, vor allem für meinen Magen: Ich schluckte den bitteren Kloss wieder runter, den er in seiner Verstörung hochschickte. Nein, mit solch einer Katze möchte es sich keiner verscherzen … Also was nun?
Nun … liegt nicht jeden Tag ein Finger in der Wohnung herum. Bei den wenigsten, möchte ich meinen. Ich könnte ihn zurück zur Polizei bringen. Mit der Geschichte, meine Katze hätte ihn mir gebracht und mit meinen Fingerabdrücken auf dem ganzen Ding war ich ganz bestimmt der Held des Tages. Eine weitere Option kam mir in den Sinn. Es war markaber. Und grausam. Und ekelhaft. Und ich schickte eine inbrünstige Entschuldigung nach oben, in der Hoffnung, sie würde den Geist des fingerlosen Mannes erreichen, sodass er mich nicht in meinen Träumen heimsuchen musste. Dann kniff ich die Augen zusammen tätschelte Frankies Kopf und schob ihm den Finger in die Backentasche.
„Guter Junge … Bitteschön ...“ Frankie schnurrte gutural und schmatzte laut, als er das Beweismittel hinunterschlang. Samt Ring. Irgendwie befremdlich, ihn so lebendig zu sehen. Aber das hielt auch nicht besonders lange an. Den Rest des Tages verbrachte er auf meinem Sessel, wie ein Toter schlafend. Er regte sich nicht einmal, als die Fütterung bevor stand.
„Ein einziger Finger kann doch nicht so satt machen ...!“, grummelte ich, während ich den Napf mit unangerührten Katzenfutter gen Mülleimer trug. Meine Stimmung für Spielchen hatte inzwischen ihren Tiefpunkt erreicht. Soweit kommt es noch, dass ich ihm das Essen hinterher trage!
Am Abend hatte ich dann genug. Ich bestand auf meinen Sessel! Und so baute ich mich, mit Bier und Fernbedienung, vor dem Möbelstück der Begierde auf, bereit, Frankie hinunter zu werfen, wenn es sein musste. Die Sitzfläche war leer. Ich beschloss, mich nicht mehr zu stressen (oder das Bier beschloss es für mich). Ich zwang mich, das Polster und das Heimspiel zu genießen und nicht an Finger und Schmuck zu denken, bis ich eingeschlafen war. Wenig später erwachte ich aus einem gräßlichen Traum, in dem es um Finger und Schmuck ging. Es war bereits stockdunkel. Ich knipste das Licht an und ein kurzer Rundumblick, sagte mir, dass Frankie immernoch unterwegs war. Spätestens jetzt musste ich es mir eingestehen: Ich machte mir Sorgen. Nicht um Frankie (sein Aussehen schützte ihn vor jedem Katzendieb und Tierhändler), aber darum, was er wohl diesmal mitbringen würde, wenn er nach Hause kam. Ich erstickte das Kopfkino lieber im Keim. Doch das hatte schon ausgereicht, dass ich im nächsten Moment meine Jacke in der Hand hatte und durch die mit spärlichen Lichter gespickte Geisterstadt rannte. Ich wusste nicht, warum ich mir Hoffnungen machte, Frankie gerade jetzt zu finden, nachdem ich es nicht einmal in meiner eigenen Wohnung geschafft hatte, und machte eine gedankliche Notiz, am Morgen eines von diesen Peilsender-Halsbändern zu bestellen.
Ein Schatten huschte vor meinen Füßen umher und zwei fluoreszierende Augen starrten zu mir hoch. Immerhin härtete ein Zusammenleben mit Frankie vor den Schrecken ab, den gewöhnliche Katzen mit sich bringen konnten. „Ksch!“ Sie fauchte, in der festen Überzeugung, angsteinflößend zu sein.
„Jaja ...“, winkte ich ab und fuhr mit meiner Suche fort. Ein großer, weißer Kater mit Warzenschweingebiss konnte doch eigentlich selbst in der Nacht nicht so einfach zu übersehen sein. Fieberhaft hielt ich nach allen möglichen Anzeichen ausschau, auch, wenn ich mir nicht sicher war, welche das sein sollten. Aber ich redete mir ein, sie zu erkennen, wenn ich sie sehen würde. Irgendwann ertappte ich mich schließlich dabei, stehen geblieben zu sein, vor mir ein düsteres Schaufenster. Etwas hier war bekannt, doch im ersten Moment konnte ich es noch nicht richtig erfassen. Nachdenklich betrachtete ich die Stufen zum Eingang des Ladens. Sie wirkten auf den ersten Blick nicht sonderlich ungewöhnlich. Treppen, wie es sie dutzende von Häusern alleine in dieser Stadt hatten. Dann glänzte etwas im Laternenlicht und ich erkannte das leicht schaumige Pfützchen, eines, wie Frankie es zu hinterlassen pflegte. Nüchtern betrachtet hätte eine leicht schaumige Pfütze alles sein können, doch ich klammerte mich an jeden Strohhalm. Ich hob den Blick und erwartet unerwartet war Frankie auf der obersten Stufe erschienen. Seelenruhig hockte er da und produzierte das nächste Sabberpfützchen.
„Hallo Frankie“, sagte ich, erleichterter klingend, als ich beabsichtigt hatte.
„Er gehört zu Ihnen?“ Hinter Frankie war, genauso leise und unerwartet, ein Mann erschienen. Seine Kleidung war nahtlos schwarz und wie als wenn man von einem hellen Raum in einen dunklen kommt, hob sich seine hagere Gestalt erst allmählich gegen die nächtliche Dunkelheit ab.
„Gewissermaßen“, sagte ich.
„Frankie also“, sagte der Mann und kraulte hinter den struppigen Katerohren.
„Kurz für Frankenstein“, murmelte ich abwesend und er lachte.
„Wie originell!“
„Jah …“, sagte ich. „Ausgesprochen witzig … passt zu ihm.“
„Er stand plötzlich vor der Tür“, fuhr der Mann fort, „erbärmlich miauend, ich dachte schon, er stirbt den Hungertod, aber fressen wollte dann nichts, nichteinmal von der guten Sonntagsgans.“ Er strich Frankie über den Kopf und selbiger antwortete schnurrend.
„Stattdessen war er ganz wild darauf, in den Ruheraum zu kommen.“ Das Wort 'Ruheraum' sagte er mit einer seltsam feierlichen Betonung.
„Aber die Schlafenden dort wachen gottseidank nicht so schnell wieder auf“, fuhr der Mann lächelnd fort, während Frankie um seine Beine strich.
„Wieder?“, fragte ich mit Blick zu Frankie, verwirrt, ihn so 'normal' zu sehen. „Ich fürchte, ich verstehe nicht ...“
Der Mann langte hinter sich und schaltete die Außenbeleuchtung des Hauses an. Ich schnappte nach Luft. In dem Schaufenster stand ein Sarg. Nun, es war eine Anfertigung aus feinstem Mahagoni, mit unschuldig weißen Blütenkränzen geschmückt, aber dennoch war es 'Meyers Bestattungen', was Frankie so magisch angezogen hatte.
„Haben sie schonmal etwas von Ghulkatzen gehört?“, fragte der Leichenbestatter, Herr Meyer, wie ich annahm.
„G-ghulkatzen?“
„Eine isländische Legende“, erklärte er munter. „Ihr kleiner Freund hier hat mich daran erinnert. Meist sind es weiße oder schwarze Katzen und von einem … Erscheinungsbild wie ihr Frankie hier. Nichts für ungut.“ Ich starrte zu selbigen, welcher nun freundlich um die Beine des Leichenbestatters streifte, während dieser weitererzählte: „Sie ernähren sich von Leichen, deswegen findet man sie meist auf Friedhöfen. Ist alles in Ordnung mit ihnen?“
Ich musste ziemlich blass geworden sein. Gerade hatte ich aufgehört, an Zufälle zu glauben. Ich griff in Frankies Genick, nicht zu fest, aber fest genug, dass es ihn feucht schnaufen ließ, und pflückte ihn von Herrn Meyers Hosenbein.
„Nun, eine gute Nacht und schlafen sie gut!“, verabschiedete ich mich, während ich auf dem Absatz kehrt machte.
„Wie ein Toter.“ Das schallende Lachen über seinen eigenen flachen Scherz verfolgte mich noch während ich die Straße entlang hetzte, als wäre mir der Teufel persönlich auf den Fersen. Frankie hatte ich fest an mich gepresst. Sein unzufriedenes Grunzen ignorierte ich.
„... nur eine Legende!“ Erreichte mich Herr Meyers Nachruf.
„Dumichauch“, murmelte ich nur zurück.
Zu Hause schmiss ich die Tür in Schloss und Riegel. Frankie saß wieder auf dem Boden des Flurs in seine vertraute Ausdruckslosigkeit verfallen, als wäre Doug erst ein paar Minuten aus der Tür raus. Ich atmete erst einmal durch. Noch einmal. Okay. Es war Nacht. Da hatten Geschichten eine andere Wirkung, Dinge erschienen gruseliger. Und nach einer gesunden Mütze voll Schlaf sah sowieso alles anders aus. Blödsinn! Diese Katze durfte diese Wohnung nicht wieder verlassen! Ich verriegelte, verschloss und verbarrikardierte sämtliche Fenster, Türen und sonstige Möglichkeiten nach draußen. Sicher ist sicher. Dann hockte ich mich vor Frankie in den Flur, mit Sicherheitsabstand, als wäre er einer seiner Verwandten auf Großkatzenniveau. Ich würde ihn bewachen. Wenn es sein musste, bis Doug wieder kam. Bis zur letzten Minute. Ich kippte einem Grabstein gleich um und war schon im Tiefschlaf ehe mein Kopf auf dem Parkett aufschlug. I got the eye of a tiger ... leierte es aus dem Radiowecker. Meine Augenlider lösten sich langsam voneinander. Die Sicht auf einen glänzenden Parkettboden wurde frei. Eigentlich hatte ich ja schon damit gerechnet, dass Frankie bei der nächsten Gelegenheit verschwunden sein würde. Ich hievte den Fleischsack voller verspannter Muskeln, welcher mein Körper war, von dem wahrscheinlich härtesten Parkett der Welt in etwas, das in prähistorischen Zeiten vielleicht mal als 'aufrechter Gang' gegolten hatte. Mit einem verzweifelten Urschrei machte ich mir Luft und schlurfte gerädert in die Küche. Kaffee. Die beste Medizin. Danach würde es mir wieder viel besser gehen.
Ein Schnaufen störte das routinierte Rattern der Kaffeemaschine. Ich horchte auf. Da war es wieder. Irgendwo hier in der Wohnung.
„Frankie?“, fragte ich vorsichtig. Ein jämmerliches Raunen antwortete. Ich angelte nach einer Einkaufstüte, bevor ich vorsichtig den Geräuschen folgte. Ich würde das kleine Mistvieh fesseln und knebeln, sodass es keinen Zentimeter mehr weg konnte.
„Wo bist du … süßer?“ Es kostete Überwindung, ihn so zu nennen, aber ich erinnerte mich selbst, dass ich ihn ja nicht weiter wegtreiben wollte. Verzweifeltes Kratzen. Aus dem Badezimmer. Ich musste mich ein paarmal umschauen, bevor ich ihn sah: sein pummeliges Hinterteil hing aus dem winzgen Oberlicht unter der Decke. Er musste stecken geblieben sein bei dem Versuch, sich da durch zu quetschen. Seine kurzen Hinterbeinchen strampelten und hinterließen lange Kratzer auf den Fließen. Dennoch brachte mich der Anblick so sehr zum Lachen, dass ich alles vergass.
„Na komm“, sagte ich schließlich, als mein Mitleid siegte und wischte ein paar Tränen weg. „Ich helf d ...“ Meine Hand griff ins Leere. Ein dumpfes 'Plumps', als er auf der anderen Seite aufkam. Dann Stille. Wobei das nicht ganz stimmte: die Kirchenglocken zwei Straßen weiter erfüllten die Luft mit ihrem monotonen Ding-Dong. Dabei war heute doch gar nicht Sonntag. Ich hörte Frankie durch den frisch gemähten Rasen gallopieren und zählte eins und eins zusammen: Beerdigung. Wieder rannte ich wie ein Bekloppter. Wieder wegen Frankie.
Aber wenigstens wusste ich diesesmal, wo ich lang musste und schaffte es, ihm bis zu den Toren des Friedhofs auf den Fersen zu bleiben. Wenn man alle Logik beiseite ließ, dann war es eigentlich ganz logisch! Als Ghulkatze mussten Kirchenglocken, die zur Beisetzung läuteten, denselben Effekt haben wie das Geräusch einer sich öffnenden Kühlschranktür: Die Verheißung eines köstlichen Gaumenschmauses. Erstaunlich, was für eine Geschwindigkeit dieser Kater entwickeln konnte, wenn es ums Fressen ging (obwohl ich nicht glaube, dass das einzig eine Eigenheit der Ghulkatzen ist...). Gerade bog sein zotteliges Pürzel hoch erhoben durch den engen Spalt der eisernen Kapellentür. Dem Erstickungstod nah stürzte ich im Slalom zwischen den antiken Grabsteinen hindurch, welche wie Frankies Gebiss in alle Himmelsrichtungen empor ragten. Ich sprang in die Kapelle und prallte wie von einer unsichtbaren Wand ab. Es war gerade Schweigeminute und alle Häupter demütig gesenkt. Niemand bemerkte, wie Frankie zu dem noch offenen Sarg huschte und mit einem gezielten Sprung darin verschwand. Er fühlte sich hier eindeutig ganz wie zu Hause.
Die läutenden Glocken klangen plötzlich wie Sirenen in meinen Ohren. Meine Fußsohlen wurden heiß, als wäre der Boden mit glühender Kohle ausgelegt. Es musste schnell gehen. Vielleicht konnte ich mit Frankie hier wieder draußen sein, bevor irgendjemand etwas bemerkte. Im bunten Licht der Mosaikfenster sprintete ich quer durch die Kirche, wie ein Pantomime-Künstler, der mal ganz dringend das Stille Örtchen aufsuchen musste. Vor dem offenen Sarg prallte ich erneut ab. Es war nicht der Anblick des Toten, denn davon sah ich nicht viel: Frankie hatte sich auf dessen Kopf eingerollt und begann gerade an einem steifen Ohr zu kauen.
„Frankie!“, zischte ich. „Lass das! Schluss! Aus!“ Er stellte sich taub. Zögernd streckte ich eine Hand in den Sarg und stuppste ihn unsanft an. Er drehte mir sein Hinterteil zu. Ich atmete tief ein und schob beide Hände unter Frankies Bauch, um ihn herauszuziehen. Er krallte sich im Samtpolster fest und gab ein Protestbrummen von sich.
„Shush, verdammt!“, machte ich mit einem panischen Blick über die Schulter. Noch war die Trauergemeinde regungslos in sich versunken. Also zerrte ich an Frankie, jetzt mit aller Kraft. Er wand sich wie eine fette, haarige Made. Ich hörte den Samtstoff langsam aufreißen, aber ich musste ihn um jeden Preis da raus haben. Ich zerrte. Frankie knurrte. Ich zerrte weiter. Bis mich etwas in meinem Augenwinkel erstarren ließ. Ich spürte meine Ohren heiß werden, als ich meinen Kopf drehte. Da stand Herr Meyer in festlichem Talar. Seine Gesichtshaut schien vor lauter Fassungslosigkeit von den Wangenknochen zu rutschen.
„Raus hier ...!“, sagte er so heiser, dass die Worte mehr zu erahnen waren, was etwas bedrohliches an sich hatte.
Die Trauergemeinde regte sich plötzlich.
„Wer ist das?“, raunte es durch die Reihen.
„Leichenschänder!“, rief dann jemand und allgemeine Unruhe machte sich breit. Nach und nach standen Leute auf, einige davon höher und breiter als ich (wozu ich keinesfalls ausschließlich die Männer zählte). Noch zögerten sie, Erinnerungsfetzen an Etikette und Ehrfurcht glommen wohl auf. Ich nutzte den Moment und riss Frankie mit einem Ruck aus dem Sarg. Rote Stofffetzen hingen von seinen Krallen und seine Augen quollen über bei meinem festen Griff. Keiner schien das als etwas Positives aufzufassen. Im Gegenteil: Es schien den Hass auf mich zu legalisieren. Wo war die Liebe Gottes, wenn man sie mal brauchte? Schließlich bewegte sich die ganze Trauergemeinde auf mich zu. Sehr traurig sahen sie nicht mehr aus. Fröhlich allerdings auch nicht. Ich entschied mich für die Flucht nach vorn und klemmte Frankie unter meinen Arm. Er jammerte und kratzte mich, machte sich schwer und glatt, aber ich war auf alle Katzentricks gefasst. Meine Achsel hielt ihn wie eine Bärenfalle.
„Böse Katze!“, schimpfte ich Frankie aus, während ich mit ihm über den Friedhof hetzte. „Ganz böse Katze!“ Ich hörte sie näher kommen. Ein aufgebrachter Mob in schwarz. Fehlte nur noch, dass sie Äxte und Fackeln schwangen. Ich stellte mir vor, wie Herr Meyer ihnen vorran eilte und sie mit biblischen Parolen anstachelte. Aber meine weichen Knie schienen mich einfach nicht schneller tragen zu wollen. Ich hatte weniger als zehn Minuten gebraucht, als ich hinter Frankie her zum Friedhof gelaufen war. Jetzt fühlte sich die Straße wie ein riesiges Laufband an und mein Haus war eine Attrappe, die ich nie erreichen würde, egal, wieviel Geschwindigkeit ich zulegte. Die längsten zehn Minuten, die ich je erlebt hatte. Doch zu guter Letzt fand ich mich auf der sicheren Seite meiner Haustür wieder (meine Blase hätte auch keine Sekunde länger stand gehalten). Einen Augenblick stand ich noch nach Atem ringend gegen die Tür gelehnt, Frankie an mich gepresst, und lauschte. Irgendwann, wahrscheinlich, als ihnen klar wurde, dass sie meine Spur verloren hatten, verflüchtigte sich das empörte Gemurmel des Pulks und mit ihm meine Anspannung. Ich fiel wie ein Kartenhaus in mich zusammen. Das konnte ich wirklich nicht jedesmal mitmachen, wenn Frankie hunger hatte. Wenn es doch nur eine Alternative geben würde, die sich mit seinem nekrophilen Geschmack deckte. Dann traf mich die Erleuchtung wie ein Blitz. Aber natürlich! Es gab eine Alternative! Eine ziemlich gute sogar!
Als Doug zwei Wochen später wieder auftauchte, hatten Frankie und ich es uns gerade auf dem Sessel gemütlich gemacht.
„Na, wie hat sich Frankie benommen?“, fragte er, wobei er es nicht ganz schaffte, seine Besorgnis zu verbergen. Ich warf einen Blick zu dem Kater und lächelte.
„Ganz vorbildlich“, versicherte ich. „Wir haben uns prima verstanden, was, Frankie?“ Er antwortete schrill miauend. Näher kam er an Niedlichkeit nicht ran. Für Doug reichte es offensichtlich.
„Ja-ja. Wenn man ihn ersteinmal kennen lernt, ist er ein ganz lieber“, sagte er liebevoll lächelnd und nahm Frankie auf, aber dieser strampelte und mauzte in meine Richtung.
„Richtig“, erinnerte ich mich. „Futterzeit.“ Ich huschte in die Küche und kam mit einer fetttriefenden Tüte zurück. Doug warf einen schiefen Blick auf das Logo.
„'Harald's Imbiss'?“, fragte er skeptisch. Ich fischte ein Frühstückswürstchen aus der Tüte und schob es in Frankies Schnauze. „Die schmecken wie lauwarme Leichenfinger.“ Doug sprach eindeutig aus eigener Erfahrung.
„Hat die ganze Zeit nichts anderes gefressen und glaub mir:“, sagte ich, „du willst ihm auch nichts anderes geben.“
„Okay...“, machte Doug. Erst jetzt bemerkte ich die kleine Plastikbox, die er bei sich trug. Etwas warnte mich davor, zu fragen, aber ich tat es trotzdem. Mit stolzem Grinsen ließ er mich einen Blick hineinwerfen. Auf dem Boden der Box war eine kleine Pfütze, in welcher sich ein länglichesWesen kringelte, nicht größer als ein Regenwurm, doch ich konnte Stecknadelkopfgroße Schüppchen auf seinem blassgrünen Körper erkennen. Als es mich bemerkte, öffnete es ein winziges Maul voller spitzer Zähnchen.
„Ist ein Baby. Wird noch ein … Stück wachsen“, sagte Doug. „Keiner wollte es haben und es war Liebe auf den ersten Blick!“ Eine Mischung aus Deja-Vu und schrecklicher Vorahnung klopfte mit stärker werdenden Herzschlägen gegen meinen Brustkorb.
„Da das mit Frankie und dir so gut geklappt hat ...“, fuhr Doug fort. „Könnte ich mir vorstellen … und das frag ich nicht jeden … wirklich, da kannst du dir etwas drauf einbilden … naja, wenn ich wieder in der Weltgeschichte unterwegs bin, brauch ich jemanden, der auf den kleinen Wurm aufpasst.“ Seine Augen wurden fast genauso kreisrund wie sein Gesicht, als er seine ganze Erwartung in sie pumpte, die er aufbringen konnte. Er tat es schon wieder! Sag nein, sag nein, sag nein!, schrie es in meinem Kopf.
„Okay“, hörte ich mich laut sagen und spürte, wie sich meine Mundwinkel nach oben zogen. Doug strahlte.
„Ein echter Freund! Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Dave!“ Dann drückte er mir die Transportbox in die Hände. „Sein Name ist Nessie“, sagte er auf dem Weg nach draußen.
Und weg war er ...
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My Vanisher is kind of based on that Chloe Knows All Sabrina akuma? Sorta? Yeah. Giving you credit
The whole jocks idea? Cap again. People sent them asks about Kagami being friends with Alix and Kim and yep that was it
Juleka getting the snake? Cap drew art of that and I was like "oop, I like that"
There's probably more but I don't remember but yeah I owe Cap my whole life their stuff is so great hng
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