Apfelbaumträume
Die Oktobersonne stand schon tief. Ihre Strahlen schimmerten kraftlos durch die Gardine. Der alte Mann trank den letzten Schluck aus seinem Kaffeetopf und steckte sich etwas umständlich die Pfeife an. Genüßlich schmauchte er zwei, drei Züge, dann rief er den Hund, der zu seinen Füßen lag.
Dieser blinzelte müde, stand dann aber auf und lief langsam hinter dem Herrchen her. Dabei trat er mit der linken Hinterpfote besonders vorsichtig auf. Vor einiger Zeit hatte er sich daran verletzt und humpelte nun.
Es war schon ein eigenartiges Paar, das durch die Verandatür in den Garten ging.
Vom Garten aus konnte der alte Mann zur Straße sehen, wo unaufhörlich der Verkehr brauste. An manchen Wochenenden floß er gemächlicher, aber meist brausten die Wagen am etwas baufälligen Häuschen des Alten vorbei. „Wie auf eine Schnur gezogen“, dachte er und kratzte sich das stoppelige Kinn.
„Komm, Hugo“, rief er „wir müssen noch die Äpfel auflesen.“ Hugo schnupperte an der Frühbeetkiste, die am Ende des Jahres vor Unkraut strotzte. Dann stupste er mit der Nase den umgestülpten Aluminium-Eimer an, der mitten auf dem schmalen Weg stand und knurrte etwas. Der alte Mann bückte sich unterdessen schwerfällig, um die Äpfel vom Rasen in einen Weidenkorb zu sammeln.
„Maden drin“, murmelte er und warf einen auf den Komposthaufen. Während er Apfel um Apfel auflas, erinnerte er sich an den besten Apfelkuchen der Welt.
„Was konnte Hildchen gut backen“, dachte er laut. Der Hund gähnte, leckte sich seine Pfote und legte sich neben den Korb. Sein Fell war grau und stumpf, nur die Augen schauten noch munter.
„Bist alt geworden, Hugo.“ Der Alte tätschelte das Tier. „Hildchen ist nun schon zwei Jahre unter der Erde“, sagte er nach einigem Nachdenken mehr zu sich und schnaufte etwas. Mit zittrigen Händen zog er sein blaukariertes Taschentuch aus der Cordhose und schneuzte sich lautstark.
„Aus dem Hexenhaus guckt ein alter Mann heraus“, tönte es laut vom Fußweg vor dem Garten. Eine Horde Kinder rannte johlend vorbei und einer warf keck einen Stock über den niedrigen Zaun.
Der Hund bleckte die Zähne und bellte heiser.
„Ich wird Euch was, verflixte Rasselbande“, rief der alte Mann.
Aber die Kinder waren schon fortgelaufen.
Er setzte sich langsam auf den niedrigen Hackklotz, der unter dem Apfelbaum stand und lehnte sich an den knorrigen Stamm. Der Rücken schmerzte und vor seinen Augen tanzten bunte Kreise.
Hildchen hätte jetzt bestimmt aus dem Küchenfenster gerufen, wann er denn endlich die Äpfel bringe, . . . wenn sie noch da wäre.
Und in seiner Erinnerung trug sie die Zwillinge auf den Armen, deren lautes Lachen durch den Garten schallte.
Am abgestorbenen Ast des Apfelbaums hing noch der Rest von der Schaukel. Die hatte er angebaut, als Martin und Erwin 3 Jahre alt waren. Nun zauste der Oktoberwind an den ausgefransten Seilenden.
Martin wohnte in S. und hatte eine gutgehende Zahnarztpraxis. Und was mochte wohl Erwin, der Hallodri, machen? Ihn hatte der alte Mann seit dem Tod der Mutter nicht mehr gesehen. Nur manchmal kam eine bunte Ansichtskarte von irgendwoher mit den immer gleichen Worten:
„Herzliche Grüße aus . . .. Dein Erwin.“
Wenn Martins Kinder vorbeikämen, könnte ich ihnen Äpfel mitgeben, dachte er. Doch dann fiel ihm wieder ein, wie Martins Frau bei ihrem Besuch im vergangenen Jahr auf die etwas klein geratenen Äpfel im Korb geschaut und gemeint hatte, daß sie doch eben im Supermarkt Äpfel vom Bodensee gekauft hätten.
„Lächerlich, Äpfel vom Bodensee“, dachte der Alte. „Die will doch bloß ihre rotlackierten Fingernägel schonen.“
Mit spitzen Fingern hatte sie den Abwasch in der Küche erledigt und gesagt: „Was meinst Du, Vati, solltest Du Dir nicht eine Haushaltshilfe nehmen?“
„In Hildchens Haushalt kommt mir keine andere Frau“, meinte er nur und dann war er froh, als alle fortfuhren.
Die beiden Enkelkinder hatten sowieso nur vor dem Fernseher gesessen und gemault, weil es nur 5 Programme gäbe und keinen Kabel-Anschluss.
Er fragte sich, was sie wohl lernten, denn so ein Abitur ist ja kein Pappenstiel in der heutigen Zeit.
Hildchens Apfelkuchen hatten sie immer gern gegessen und auch noch welchen mitgenommen. Aber nun waren die Äpfel im Laufe der Jahre immer kleiner geworden.
Der Apfelbaum war alt, so wie das Haus, wie der Hund und wie er selbst.
Trotzig stand er auf und verrichtete den Rest der Arbeit. Ein Beet grub er noch um, harkte das Laub zusammen, räumte den umgestürzten Eimer in den Schuppen und deckte sorgsam das Frühbeet mit alten Fensterflügeln ab. Es wurde rasch dunkel an diesem Tag.
Als am nächsten Morgen der Postbote klingelte, war er verwundert, denn das vertraute Schlurfen wollte nicht kommen. Nur ein jämmerliches Winseln hörte er aus der Veranda. Er rief die Polizei und die fanden den alten Mann, in seinem Fernsehsessel sitzend.
Er sei wohl ganz still eingeschlafen, meinte die Ärztin. „Wie bringen wir es nur seinen Angehörigen bei?“ sagte sie dann noch mit einem Blick auf den Weidenkorb voller Äpfel. Obenauf lag ein Zettel mit altdeutscher, zittriger Schrift: „Für die Kinder“.
„Sie müssen sich sehr geliebt haben“, dachte sie.











