Werke mit Vergangenheit: Brigitte Reuter im Interview
Was verbirgt sich auf der Rückseite eines Gemäldes? Und warum kann ein unscheinbares Etikett über Recht und Unrecht entscheiden? Provenienzforscherin Brigitte Reuter geht diesen Fragen täglich nach – akribisch, geduldig und oft konfrontiert mit menschlichen Abgründen. Im Interview spricht sie über die Bedeutung der Herkunftsforschung, über NS-Raubkunst und ungeklärte Fälle, die sie bis heute beschäftigen.
Liebe Brigitte, was motiviert dich an der Provenienzforschung am meisten?
Mich motiviert besonders die Neugierde auf die historische Wahrheit. Denn ich beschäftige mich mit einer Zeit, die nicht nur die Grundlage unserer demokratischen Staatsform bildet, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander bis heute stark beeinflusst. Man denke nur an das immer noch herrschende Schweigen zur Verstrickung der eigenen Familie in den Nationalsozialismus.
Was ist Provenienzforschung eigentlich genau?
Der Begriff Provenienz leitet sich vom lateinischen Verb „provenire“ ab, auf Deutsch „herkommen“. Daher wird diese Fachrichtung auch als Herkunftsforschung bezeichnet. Es geht entsprechend darum, die Objektbiografie von Kunst- und Kulturgütern möglichst lückenlos nachzuweisen und zu dokumentieren.
Seit wann hat Provienzforschung an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen?
Seit der Unterzeichnung der Washington Principles im Herbst 1998. Damals verpflichteten sich 44 Staaten, darunter auch Deutschland, NS-Raubgut in ihren öffentlichen Institutionen zu identifizieren und anschließend die rechtmäßigen Erb*innen ausfindig zu machen, um mit ihnen gerechte und faire Lösungen zu vereinbaren.
Und wie läuft die Recherche ab?
Die Erforschung der Herkunft der Kunstwerke beginnt in der Regel mit der Auswertung der sogenannten Zugangsunterlagen im Museumsarchiv. Dabei bieten die Inventarbücher durch den Namen des/der Vorbesitzer*in einen ersten Anhaltspunkt zur Recherche. Danach erfolgt die Identifikation der dort verzeichneten Person oder Kunsthandlung.
Kannst du Identifikation der verzeichneten Person oder Kunsthandlung genauer erklären?
Es bedeutet eigentlich die Erforschung der Biografie der Person oder der Kunsthandlung, die in den Zugangsunterlagen häufig nur mit einem Nachnamen oder einer kurzen Firmenbezeichnung vermerkt wurde. Diese Suche nach den historischen Zusammenhängen, Familiengeschichten und persönlichen Schicksalen gleicht einer akribischen Spurensuche, auch in externen Archiven und Bibliotheken.
Gibt es neben dem Aktenstudium noch andere wichtige Methoden zur Erforschung der Objektgeschichte?
Im Rahmen der sogenannten Objektautopsie steht das Kunstwerk selbst im Fokus. Bei dieser Methode werden zunächst alle bekannten Objektdaten, wie etwa in Bezug auf Künstler*in oder Werkstatt, Motiv, Technik und Maße überprüft. Nur so kann es gelingen den Weg des Kunstwerks durch die Geschichte nachzuvollziehen und es in den historischen Unterlagen, die ja meistens ohne Fotos sind, wieder zu finden. Zudem werden die sogenannten Provenienzmerkmale auf dem Kunstwerk selbst dokumentiert und analysiert. Insbesondere auf den Rückseiten der Gemälde oder Papierarbeiten finden sich immer wieder Bezeichnungen, Etiketten und Sammlerstempel, die wichtige Hinweise auf frühere Besitzer*innen geben können.
Welche Hürden können dir während einer Projektphase begegnen?
Auch wenn wir unsere Projekte noch so genau planen, kann es immer wieder passieren, dass die Kunstwerke oder die Archivbestände kürzere oder längere Zeit nicht zugänglich sind. Dies kann beispielhaft durch eine unvorhergesehene Baumaßnahme, plötzlichen Personalausfall oder etwa umfassende Schließungsanordnungen während einer Pandemie passieren.
Warum lässt sich die Herkunft mancher Kunstwerke nicht eindeutig klären?
Gerade bei den Erwerbungen im Kunsthandel bleiben leider oft Lücken. Bei den Papierarbeiten im Kupferstichkabinett umso mehr. Hier ist die Identität des Werkes häufig nicht eindeutig definierbar. Nicht nur weil etwa die Signatur fehlt und die Zuschreibung an einen Künstler oder eine Schule oft wechselt, sondern auch aufgrund der wenig hilfreichen Arbeitstitel wie „Stehende Aktfigur“ oder „Landschaft“, die ein Nachverfolgen des Werks in verschiedenen Auktionskatalogen erschwert. Daher bleiben insbesondere in den graphischen Sammlungen immer eine große Zahl an Werken übrig, bei denen man nicht weiterkommt, und vermutlich auch nie weiterkommen wird.
Wie wird mit Werken verfahren, deren Herkunft unklar bleibt?
Bei allen überprüften Papierarbeiten können in der Regel wesentliche Anhaltspunkte zur Objektgeschichte ermittelt werden. Im Rahmen sogenannter Provenienzketten werden sie nach Projektabschluss im Online Katalog der Kunsthalle veröffentlicht. Dies geschieht natürlich auch mit der Hoffnung, dass sich diese Wissenslücke durch einen Archivfund im internationalen Netzwerk der Forschenden doch noch schließen lässt.
Was passiert mit Kunstwerken, bei denen ein Verdacht auf NS-Raubgut besteht?
Kunstwerke für die ein Verdachtshinweis ermittelt werden konnte, etwa ein jüdischer Vorbesitzer, von dem nicht bekannt ist, wann genau er das Kunstwerk an wen veräußert hat, wird das Werk zusätzlich als Fundmeldung in die Datenbank Lost Art eingestellt. Dort kann es dann von Erben der NS-verfolgungsbedingt Geschädigten aufgefunden und je nach Beweislage zurückgefordert werden. Eindeutig belastete Kunstwerke werden zeitnah an die Erben der vormaligen Besitzer*innen restituiert.
Wie lange arbeitest du im Durchschnitt an einem Provenienzforschungsprojekt?
Ich selbst habe bisher für die Kunsthalle Bremen drei langfristige Projekte zu je drei Jahren durchgeführt sowie ein kurzfristiges zur Klärung der Restitutionsanfrage der Erben nach George Grosz. Wie lange man an einem einzelnen Werk forscht hängt ab von der Bedeutung des Werkes, der Komplexität der Geschichte und den noch vorhandenen Forschungsquellen ab.
Gab es ein Projekt, das dich besonders berührt oder beschäftigt hat?
Die Geschichten der Verfolgten des NS-Regimes stehen in jedem Projekt im Fokus der Forschung. Egal wie strukturell ähnlich sich diese durch die damaligen Gesetze verursachten Verfolgungsgeschichten auch sind, gibt es immer wieder einen Moment, in dem das individuelle Schicksal mich trotz wissenschaftlicher Distanz emotional trifft. Ein besonders schlimmes Beispiel war die Entdeckung bei meiner Suche nach der Herkunft des Gemäldes von Camille Pissarro in der Kunsthalle, dass die beiden kleinen Töchter des Ehepaares van den Bergh ohne Wissen ihrer Eltern deportiert wurden und dann in Ausschwitz ermordet wurden.
Wie gehst du damit um, wenn du auf belastende historische Zusammenhänge stößt?
Mir machen vor allem die Menschen Mut, die den Holocaust überlebt haben und anschließend ihr Leben damit verbracht haben, vor den Gefahren des Rechtsextremismus zu warnen und dabei nicht von Rachegedanken, sondern Menschlichkeit getragen werden, wie etwa die großartige Margot Friedländer, die am 9. Mai 2025 im Alter von 103 Jahren verstorben ist.
Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften sind für diesen Beruf besonders wichtig?
Obwohl die Provenienzforschung zumeist im Rahmen von Ausstellungen, Publikationen oder auch strittigen Restitutionsfällen an die Öffentlichkeit tritt, zeigt sich ihr Alltag doch viel mehr als beharrliche Archiv- und Bibliotheksrecherche. Bei aller Freude an dieser wichtigen und vielfältigen Tätigkeit ist zudem auch eine gewisse Frustrationstoleranz unverzichtbar. Denn eigentlich dokumentiert die Provenienzforschung in den meisten Fällen das Nichtvorhandensein von Ergebnissen – bei 80% der Objekte bleibt das Schicksal in der NS-Zeit ungeklärt. Da bleibt es uns nur, die Ergebnisse der systematischen Überprüfung zu veröffentlichen und auf zukünftige Quellenfunde zu hoffen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Lea Henke.
Den verschlungenen Wegen, auf denen einige der Highlights französischer Zeichenkunst in die Kunsthalle Bremen kamen, gilt es in der Ausstellung „Corot bis Watteau? Französischen Zeichnungen auf der Spur“ (bis 27. Juli 2025) zu folgen. Im Zentrum der Ausstellung stehen die Objektbiographien von 38 ausgewählten Zeichnungen und zwei Skizzenbüchern französischer Künstler*innen. Diese wurden im Zuge eines langjährigen Provenienzforschungsprojekts untersucht. Kritisch beleuchtet werden dabei insbesondere diejenigen Zeichnungen, die durch verfolgungsbedingten Entzug – beispielweise aus jüdischem Besitz – während und kurz nach der NS-Zeit in die Kunsthalle gelangten.
Abbildungen:
Marie-Ernestine Serret, Naschende Kinder, um 1840, Schwarze Kreide, weiß gehöht, auf gelblichem Papier, 44,7 x 36 cm, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen | Installationsansicht Jean-Baptiste Greuze, Bildnis des Florentius Josephus van Ertborn, um 1804, Öl auf weiß grundiertem Holz" links, Rückseite des Werkes rechts, Foto: Kunsthalle Bremen | Installationsansicht Camille Pissarro, Im Gras liegendes Mädchen, 1882, Öl auf Leinwand, 65 x 78 cm









