Nachtrag zum Drama
Letzte Woche nun war der Vortrag von Thomas Maul zur ‘Kritik des islamischen Antisemitismus und dessen Bagatellisierung’. Für mich war es erhellend, daher Folgendes skizzenhaft zur Dokumentation - angefangen damit, wie aus dem Referenten ein ‘Sexist’ und ‘Rassist’ wird:
“Du benutzt Begriffe der Kolonialzeit, die rassistische Konotation haben: Moderne, Zivilisation usw. Außerdem sagst du, die Bevölkerung bestimmter Gebiet sei arm und irrational, das ist herablassend.” “Dann kannst du halt nicht denken. Du kannst nicht denken ohne solche Allgemeinbegriffe. Du sagst, es sei unmittelbar rassistisch, weil das Allgemeine ja das Partikulare subsumiert, aber das ist die Begriffslogik.” (schon während Maul antwortet): “ICH KANN NICHT DENKEN?!!” + einige Schimpfwörter geschrieen (aus dem Publikum) “Aah, na klar, weil sie eine Frau ist!!” + “Du meintest vorhin was zum Antifaschismus, was soll das denn dann sein für dich?” “Unter aktuellen Bedingungen heißt das vor allem Anti-Islamismus.” “WAS?! BITTE WAS?! OOOH MEIN GOTT; OH MEIN GOTT.” usw. Ich drehe mich um und frage, was ihr Problem ist, sie sagt nichts. Ihr Begleiter daraufhin, während beide schon empört zusammenpacken: “Das ist eine Verharmlosung von Millionen Opfern des Faschismus.” = Die Eine identifiziert ihre Aussage mit ihrem Frausein und wertet Angriffe auf jene als Angriff auf dieses, wenn es von einem Mann kommt - nennt aber den Angriff sexistisch. Die anderen erzürnen, wenn Islamismus als Faschismus betitelt wird, während sie gegen die AfD Antifaschismus fordern.
Der Rest der Fragen ging meistens auf seine Person, seine Haltung usw., nicht auf das Thema des Vortrags ein: von ‘Wie stehst du zu...’, ‘Was sagst du zu..’ über ‘Warum sind heute keine Muslime da, was glauben Sie?’ bis zu ‘Wenn Sie einen SEK-Einsatz frei hätten, was würden Sie tun..’ (!?). - Nicht das leiseste Interesse am Gegenstand, keines am Erkenntnis. Man geht zu einer Veranstaltung nur um zu hoffen, dem Referenten etwas zu entlocken, was ihn als den enttarnt, als den man ihn eh schon identifiziert hat.
Erwähnenswert ist noch der Auftritt von drei Israelis, was für eine neue Taktik stehen dürfte, die sich mit der ‘Jewish Antifa’ bereits in Berlin gezeigt hat. Dort stellen jüdische Israelis Antizionisten Persilscheine qua Identität aus. Genau dieses Standort-Denken wurde auch hier präsentiert. Nr 1: “Hi. I don’t want to talk about the lecture. I want to tell you something. As an Israeli, i know, that Islam is not the problem...”, Nr. 2 erzählt, dass sie böse religiöse Menschen kenne, aber auch gute, weswegen man nicht pauschalisieren dürfte - man müsse einfach überall ‘evil’ bekämpfen. Nr. 3 fragt aggressiv, ob Maul denn täglich News zu Israel checkt, was also als Bedingung angesehen wird, etwas zur Israel zu sagen. - Verfolgen konnte den Vortrag keiner von den dreien, weil sie nach Eigenaussage nicht gut Deutsch können...
Folgerichtig bekam man insgesamt drei Flyer in die Hand gedrückt: Maul als Rechter, Maul als Sexist und schließlich einen über ‘israelischen Faschismus’.
Fazit: Ich war oft zu faul, um den Weg in den Leipziger Süden anzutreten, aber ich bin froh es diesmal gemacht zu haben. Es war das erste Mal, dass ich live bei sowas dabei war. Zuvor hatte ich es immer ein Stück weit für Übertreibung gehalten, was die Bahamas so über Reaktion und Argumentation des Publikums schrieb, aber konnte nun die Anschuldigungen, die rhetorischen Tricks, die ganze Dummheit selbst beobachten. Immerhin gab es ‘nur’ einmal eine Störung während des Vortrags. Ansonsten war dieser selbst angenehm unaufgeregt. In der Gesprächsrunde wurde der Ton dann teils schärfer, polemischer, aber das war eben auch den Diskutanten geschuldet. Teils war es wirklich so, dass man Maul auf etwas festnageln wollte, von dem er sich Minuten zuvor bereits distanziert hat usw. - Einer twitterte auch im Minutentakt von der Veranstaltung und wurde für seinen Spitzelgehorsam direkt mit Dutzenden neuen Followern belohnt. Allgemein ging es auch im Netz heiß her, gegen Maul wurden allerlei Drohungen ausgesprochen, die freilich auch gewissenhaft rationalisiert wurden. (*)
Zur Aufregung selbst sagte Maul ganz lapidar, dass er AfD und Konsorten nicht unterstütze, schon gar nicht dazu aufzurufe, sie zu wählen oder sonstiges: “Es sind eben Rechte, warum sollte man das tun?” - Aber, stellt er weiter fest: Rechte, die Antisemitismus bekämpfen passen nicht ins linke Koordinatensystem. Aber es gibt sie nunmal, und das müsse man schlicht erstmal feststellen. Hinzufügen könnte man, dass dies zur Bedingung der Möglichkeit der Bekämpfung des Antisemitismus auch die Definition der gesellschaftlich relevanten (!) Gruppen gehört, die gegen ihn vorgehen. Und solange sich nichts fundamental gesellschaftlich verändert, sind das eben keine Kommunisten, die nur das Beste wollen, sondern Gruppen mit ganz eigenen Interessen - heute eben Rechte, die v.a. viel Schlechtes wollen.
Einer der Verleumnder aus dem Publikum meinte noch - und das gilt es zu beachten, will man verstehen, was dieser gesellschaftliche Wandel mit den Antideutschen (oder ‘Linksantideutschen’) tut - er meinte also, dass alle Rechten qua ihres Gesellschaftsbilds Antisemiten seien. Er bestätigte damit Maul und lässt eines klar werden: Rechte bekämpfen heißt Antisemitismus bekämpfen. - Israels Regierung ist schon lange rechts und wird es auch noch lange bleiben. Die Likud-Partei ist weiterhin in Umfragen an der Spitze. Und selbst die linken Kräften in Israel sind sich mit Netanyahu recht einig, was Sicherheitspolitik, Grenzschutz, Stärke des Militärs usw. angeht. - Da Israel rechts ist, heißt dies nach obigem Verständnis: Kampf gegen Israel ist Kampf gegen Antisemitismus. - Mit dem Widerspruch, diese notwendige Konsequenz nicht einzusehen und auszusprechen, wird man eine Weile Leben können. Aber wie bei der Nachkriegslinken wird damit wohl irgendwann Schluss sein. - Die (linken) Antideutschen, sie müssen ihr 1967 erst noch erleben.
(*) Dass es auch damit nicht genug war, bewies der nächste Referent in der Vortragsreihe, Sebastian Voigt, Mitbegründer des BAK Shalom. Er sagte, ihn langweile es über Antisemitismus zu sprechen, ihn langweile es, bei sowas mitzumachen, weil eh nur die gleichen Leute da sind, aber er stellt gerne sein Lieblingsthema vor - nachdem er sich über die Vorkommnisse geäußert hat. Denn in einem der Artikel über das Drama im ND ist sein Name gefallen. Das kann er sich freilich nicht gefallen lassen, denn dort wird er mit der Bahamas in Verbindung gebracht - und “sowas kann in meinen Kreisen rufschädigend sein.” - Irgendwann merkt man, was er mit seinen Kreisen meint: der Kreis der Universitäts-Intellektuellen. Der gleiche, der also die Bahamas-Kritik an ihm, dass er auf seine Karriere schielt, als lächerlich bezeichnet, verwendet schließlich exakt 36 Minuten damit, sich von jemanden zu distanzieren, den er nach Eigenaussage nicht kennt und über eine Debatte zu reden, die er nicht verfolgt hat (Zitat: “Ach, das ist alles so fern von mir.”). 36 Minuten lang schlägt er allen im Publikum ins Gesicht, die etwas über den ‘jüdischen Mai 68′ wissen wollten und nicht mal ahnen, was ‘Bahamas’ bedeutet; genauso wie den Veranstaltern, die den Vortrag organsierten. Und das nur, damit dieser Gockel, nachdem er verlautbart, dass ihn alles schrecklich langweile und er eigentlich “nur auf der Veranda sitzen und Wein trinken” möchte, sich von diesen Bahamas-Leuten distanziert weiß, um anschließend genüsslich und meist am Hauptthema vorbei mit lauter Anekdoten zu erzählen, wie es bürgerliche Intellektuelle eben gern in der Talkshow über sich und ihr Lieblingsthema tun. - Einer der sinnlosesten und erkenntnisärmsten Vorträge, bei dem ich je war.










