Notiz zum Leipziger Drama
Thomas Maul sollte einen Vortrag über muslimischen Antisemitismus an der Uni Leipzig halten, doch ein Facebook-Post wusste dies zu verhindern. Eine Menge Empörung und ein paar Absagen anderer Referenten der ‘70 Jahre Israel’-Reihe später sorgt der Stura für die Aufkündigung des Raumantrags. Das Conne Island springt ein und die Veranstaltung findet trotzdem statt.
Es bestätigt sich einmal mehr: “Der linke 'Common sense’ ist die moraline Variante der herrschenden Meinung”, wie Bruhn schrieb. Dem ‘Common sense’ ist der Jude nur dann ein guter Jude, wenn er sich von Israel abgrenzt, dem linken, israelsolidarischen ‘Common sense’ (zu dem das Island somit nicht gehört) ist man nur dann ein guter Antisemitismuskritiker, wenn man sich von rechts abgrenzt. Wer dies nicht tut, ist autormatisch auf der rechten Seite, gegen die man entsprechend unterschiedslos vorgeht. Dabei ist nach David Schneider & Mario Möller der Einsatz “der bevorzugten Kampfmittel der Skandalisierung, der Denunziation und des politischen Stalkings” keine Seltenheit, wie auch das Beispiel Maul wieder zeigt. Sie schreiben weiter:
“Zu behaupten, mit der AfD drohe der neue Faschismus, ist genauso geschichtsvergessener wie realitätsverleugnender Unfug. [...] Das faschistische Potential blitzt unterdessen in der spontanen Mobilmachung von Leuten auf, die weltanschaulich gar nicht so fest gebunden sein müssen, aber von bestimmten Stichworten, Kampagnen und Krisen temporär angeheizt werden, woraufhin sie für eine Weile auf Feindbildjagd gehen, dabei alle Hemmungen ablegen und nach zielloser Triebabfuhr wieder in den depressiven Normalzustand zurückfallen. [...] Aber um die reale AfD geht es ihnen ohnehin viel weniger als darum, mit der AfD ein willkommenes Nazi-Schreckgespenst zu haben, auf das man alles projizieren kann, was man selber verdrängen muss, um als besserer Deutscher mit sich selbst und der postnazistischen Demokratie im Reinen zu bleiben. Ganz so, als seien Abschiebungen, Grenzsicherungen oder moralisch verrohtes Denken Erfindungen der AfD. Wenn das andere Deutschland die Moralkarte gegen rechts spielt, [...] [w]enn es gegen die Feinde der Demokratie geht, sind die Reihen fest geschlossen.”
Mir passt auch nicht alles, was von der Bahamas neuerdings so kommt, aber die Hysterie, irgendwelche Details, einen Satzteil aufzubauschen und dann Sprech- und Leseverbote gegen ‘rechte’ Autoren und Zeitschrift zu erteilen, sind so unangebracht wie sie Bedürfnisse befriedigen, die Realität doch nicht bin in die letzte Konsequenz durchringen zu müssen, weil dies eventuell die eigene (politische) Identität schädigen könnte. Das zeigt sich auch an der Reaktion auf Maul. Da verwendet der Stura über eine halbe Stunde während ihrer Sitzung und verfasst ein Statement, in dem jeder Satzbaustein des einen (!) Facebook-Posts (!) penibel analysiert wird. Dieses Vorgehen wie auch die Argumentation würden so niemals in anderen Kontexten dargebracht werden.
Als Bsp. das Argument ‘die haben ja auch einen Antisemiten wie Gideon, auch Israelfeinde in der Partei’: Tja, dann müsste man auch die Bezugnahme auf sämtliche Parteien vergelten. Wenn Referenten Klaus Lederer oder Volker Beck auf Facebook zustimmend teilen, wird sie sicher keiner mit den Argument ausladen, bei Linken und Grünen sind diese und jene Gestalten dabei (ob ‘Deutsche zuerst’-Wagenknecht und ‘Gaza Flottille’-Höger oder Rassenforscher Boris Palmer und Christian Ströbele, der einst Einreiseverbot in Israel erhielt). Aber da sieht man eben die Projektionsmechanismen: Alles Schlechte wird auf die AfD gemünzt, die - weit davon entfernt irgendwie unterstützenswert zu sein - eben “zuweilen” mal das Vernünftigste im Bundestag sagen kann. Dass dies zuweilen auch z.B. Mitglieder der Linkspartei tun mögen, würden Leute wie Maul nicht auf Facebook posten. Das ist auch klar.
Andererseits kann man Maul so auch mit etwas guten Willen als Feldforscher betrachten, der seine Thesen, ob des Zustands der Linken schlicht testen will. Und siehe da: Sie springen drauf an. Denn die eigene Lebenswelt, die Szene, die Uni - sie müssen absolut rein bleiben von allem ‘Rechten’. Wie die Welt außerhalt dieser Sphären aussieht, ist höchstens zweitrangig, erst einmal geht es ums Reinheitsgebot (vgl. auch die beliebte Demo-Parole ‘Nazis raus’ oder den Stura neulich erst: ‘Campus bleibt nazifrei’). Es ist wie bei den Stalinisten: Hauptsache den eigenen Laden sauber halten, Safe spaces ermöglichen; und ansonsten geht es um die Abwehr des Gegners, um Raumgewinne im Gefüge ‘links-rechts’, um Siege im ‘Kulturkampf’ - damals hieß der Dualismus eben ‘sozialistisch-bürgerlich’ und das Konzept ‘Kulturrevolution’. Die Israelsolidarität diente so letztlich objektiv dem Zweck, abtrünnige Antideutsche wieder in die linke Front einzugemeinden und nicht wenige haben dieses Angebot freilich nur allzu gerne angenommen. Sowas passiert nicht durch Hintermänner, sondern durch die Logik des Politischen. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Taktik und Bedürfnisbefriedigung statt Erkenntnis und Wahrheit.
Geht es einem um Letzteres, kann man genauso dem Marxologen bei der Konsumkritik lauschen, wie dem klugen Konservativem bei der Kritik an Linken, ohne große Abgrenzungsrituale zu begehen. Wo diese aus dem Negativen der Kritik ins Positive übergehen, zu Vorschlägen über Lösungen etc., das ist der Punkt, wo man sich geistig von ihnen abwenden bzw. noch besser: selbst im Sinne einer Ideologiekritik tätig werden kann. - Verlangen es nun die gesellschaftlichen Umstände, kann man abseits davon durchaus ins Politische gedrängt werden, da dies mit der Erkenntnis des Gefahrenpotentials bestimmter Gruppen zusammenhängt. Dann muss man leider nehmen, was da ist. Wenn man also provinzielle Nazi-Strukturen nicht in den Griff bekommt, warum sollte man in diesem Punkt nicht mit aufrechten Demokraten und Unternehmern, Grünen und Antiimps an einer Seite stehen, ohne diesen sonst irgendwelche Konzessionen zu machen. Während sich aber ‘gegen rechts’ alle einig sind, sieht es bei ‘gegen jeden Antisemitismus’ doch ganz anders aus. Da findet der Unsinn einer linken Antisemitismuskritik am rechten Feind seine Grenzen, da wird nicht zusammengearbeitet. Wieder wie die Stalinisten: Mit dem Klassenfeind wird nicht kooperiert, auch wenn es gegen Nazis geht. Dieses Gesetz wurde erst im Angesicht der KZ’s gebrochen. Wie viele tote Juden es diesmal braucht, bis die Taktik geändert wird, ist schwer vorherzusagen. Wenn diese aber nicht schnell genug fliehen können, wie sie es aus den Brennpunkten bereits massenhaft tun (siehe Frankreich und Schweden), und einmal auch hierzulande ein muslimisch-geprägter Mob vor einer Synagoge stehen sollte, kann man sich sicher sein, dass Linke beschäftigt sind zu checken, ob in den Abwehrreihen dagegen nicht jemand ist, der irgendwann einmal was Falsches in die sozialen Netzwerke gepostet hat. - Und wer weiß, vielleicht hat der Rabbi ja auch mal was ‘Rechtes’ gesagt...
Als die Zionisten 1933 nur im NS-Wirtschaftsministerium ihre Verbündeten sahen, nutzen sie dies und retteten Tausenden Juden das Leben; als Israel nur in Stalin seinen Verbündeten sah, nutze es dies und verhinderte 1948 die Katastrophe; als Israel in Geldnot geriet und nur in Deutschland einen Verbündeten sah, nahm es sein ‘Wiedergutmachungs’-Paket an, was einer Krise entgegenarbeitete - und wenn viele Juden (und auch Israel) heute nur in Rechten Verbündete sehen, weil sie aus welchen Gründen auch immer muslimischen Antisemitismus bekämpfen (oder außenpolitisch nicht den deutschen Kurs fahren), dann werden sie das nutzen. Was die Zionisten für einen Widerstand (auch von Juden) gegen sich hatten, was ein Ben-Gurion (auch von Israelis) - das haben heute die ‘rechten’ Juden, das hat heute Netanyahu gegen sich. Sie haben keine Wahl, es geht um Existenzfragen. Alle anderen haben eine, soweit sie etwas von Antisemitismus verstehen. Das verstanden die Juden nicht, die sich 1933 angewiedert von den Zionisten abwandten, das verstanden auch die Linken nicht, die sich 1967 während des Sechstagekriegs angewiedert von Israel abwandten usw. - Und das verstehen auch heute nicht die, die eine Veranstaltung mit dem Namen ‘Kritik des islamischen Antisemitismus’ verhindern wollen, weil ihnen der Referent nicht ganz passt. Schon bei Fragen der Erkenntnis des Antisemitismus in seiner aktuellen Gestalt ist man also nicht willens, über Unstimmigkeiten in einzelnen Punkten hinwegzusehen. Man wartete ja auch nicht, bis Ersatz gefunden wurde, womit klar ist: Der Standort des Referenten ist entscheidender als der Inhalt des Vortrags. Lieber gar keine Kritik, als dass ein ‘Kontroverser’ was Richtiges sagt. - Das ist ein Menetekel für Folgendes.
Unausgesprochener Ausgangspunkt des Ganzen ist die Frage, was wichtiger ist: Kampf gegen Antisemitismus oder Kampf gegen rechts. Die Antwort hängt davon ab, ob man etwas begriffen hat von kapitalistischer Vergesellschaftung. - Der Stura und die meisten Linken haben sie natürlich längst gegeben.









