Das Rückläufige Wörterbuch
Wenn ich als Kind Gedichte schreiben wollte, nutzte ich unser “Rückläufiges Wörterbuch vom VEB Bibliographisches Institut Leipzig”, um Reime zu finden. Warum sollte man diese Aufgabe dem eigenen Wort-Gedächtnis, also dem Zufall überlassen? Die Wörter wurden in diesem faszinierenden Wörterbuch, das lediglich die Wörter enthielt und keine Erklärungen, vom Ende her sortiert aufgelistet. Was für eine komplexe EDV-Aufgabe die Herstellung dieses Wörterbuchs gewesen war, davon berichtete das Vorwort von 1964:
“Das Wortmaterial wurde von einer gründlich überarbeiteten Vorlage (Elöd Halász: Deutsch-Ungarisches Wörterbuch) abgeschrieben, wofür eine Schreibmaschine mit Lochbandstanzer verwendet wurde (SE L4 und SE L5, Mercedes, Zella-Mehlis, bzw. Streifenschreiber mit Empfangslocher, RFT Karl-Marx-Stadt). Der dabei gewonnene Lochstreifen wurde, um eine Sortierung vom Wortende her zu ermöglichen, rückwärts in ein Bandabfühlgerät eingelesen (Lecteur de bande, Bull, Paris). Die vom Band abgefühlten Impulse liefen über Programmsteuerung in einen Motorlocher, der sie auf Lochkarten übertrug (Pelerod MC, Bull, Paris). Zur einfacheren Handhabung der Korrekturen wurden diese Karten im Lochschriftübersetzer noch beschriftet (Traductrice, Bull, Paris). In einer alphanumerischen Tabelliermaschine (Tabulatrice, Bull, Paris) wurden sie danach, noch alphabetisch vorwärtslaufend, als Korrekturliste niedergeschrieben. Zu diesem Zeitpunkt erfolgten nochmals Ergänzungen und Eliminationen. Danach wurden diese Lochkarten, auf denen die Wörter verzeichnet waren, in Sortiermaschinen vom Wortende her, also rückläufig, alphabetisch sortiert (Sortiermaschine 431, BWS, Sömmerda). Anschließend wurden über die Zählwerke einer Tabelliermaschine bestimmte statistische Untersuchungen vorgenommen (Tabelliermaschine 401, BWS, Sömmerda). Danach konnte das rückläufige Wörterverzeichnis in der alphanumerischen Tabelliermaschine ausgedruckt werden.”
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Methode wirklich schneller zum Resultat geführt hat, als es einfach von ein paar Praktikanten machen zu lassen. Aber vielleicht ist die Vorstellung, durch Technik Zeit zu gewinnen, auch gar nicht richtig? Seltsam, zu welchen Leistungen einen Faulheit anspornen kann. Wieviel Zeit habe ich investiert, um mit einem Tischtennisball den Umschaltknopf vom Fernseher zu treffen, weil ich zu faul war, aufzustehen und das mit der Hand zu machen (wir hatten keine Fernbedienung). Stattdessen kroch ich stundenlang über den Teppich, um den Ball immer wieder vorzusuchen und es noch einmal zu probieren.
Ich erinnere mich, wie unser Mathelehrer uns in der 10. Klasse, also ungefähr 1986, einen Lochstreifen zeigte, mit einem von ihm im Studium programmierten Programm, das Logarithmen ausrechnete. Das fanden wir ja nun total rückständig, wir benutzten schließlich Audio-Kassetten zum Speichern. Vielleicht wird sein Programm aber länger überleben als meine vom C64 gepiepste Yellow-Submarine-Version.
Auf “Mensch” gibt es übrigens tatsächlich keinen Reim. Und die Wörter auf “nf” sind Hanf, Genf, Senf, fünf (Der Schweizer Fluß Sernf fehlt, denn der stand wohl nicht im Deutsch-Ungarischen Wörterbuch).