Eine Sache bei Tatort Berlin, die mir besonders gefällt, ist das Gefühl von Zu Besuch Sein. Da denke ich vor allem an die Ära mit Rubin.
Nach dem Ende von der Tetralogie (Das Muli, Ätzend, Wir-Ihr-Sie, Dunkelfeld) ist der größte Subplot der Wandel von dem Verhältnis zwischen Karow und Rubin. Von Apathie zu einer Art Vertrautheit, die sich jedoch immer noch vor emotionaler Ehrlichkeit scheut. Der Wandel findet hauptsächlich nicht vor laufender Kamera statt, stattdessen kann der Zuschauende anhand der veränderten Umgangsweise Schlüsse über den Stand ihrer Beziehung ziehen. So kann man auch vermuten, welche Momente in den Filmen eine Vertiefung ihrer Beziehung ins Rollen gebracht hat (z.B. the rare glimpse of emotional vulnerability von Karow in Das Leben nach dem Tod, was vermutlich langsam zu der Kollegen Plus Situation in Die Dritte Haut geführt hat). Was bei der Aufrufung dieses Gefühls auch hilft ist, dass manche (meistens private) Umstände einfach nicht im Dialog erklärt werden und man fast Detektivarbeit anstellen muss, um sich z.B. die außerordentlich schlechte Laune von Karow in Tiere der Großstadt erklären zu können. Die Filme wandern einen schmalen Grad zwischen dem Ausschluss des Zuschauenden und der Beteiligung, um ein Interesse an dem Bestehen der Charaktere zu wecken. Hauptsächlich werden Beziehungen nur im Zusammenhang mit dem Fall zur Schau gestellt (z.B. der Sex zwischen Rubin und Karow in Die Dritte Haut, der in Arbeit und Besprechungen verwickelt wird). Dabei wird dem Zuschauenden kaum Einstiegsmöglichkeit in die Veränderung gegeben. Man muss es hinnehmen, dass es nicht erklärt wird, denn man ist ja nur Besucher in ihrer Welt.
Das hat jetzt nur noch bedingt was mit der ursprünglichen Kernthese des Posts zu tun, aber: Darin liegt vielleicht auch der Grund, weshalb Berlin bei der durchschnittlichen Zuschauerschaft nur bedingt ankommt. Die Folgen fordern Mitdenken, um die Hintergrundhandlungen im Kommissariat zu verstehen. Wahrscheinlich mehr Mitdenken, als bei anderen beliebten Teams (denken wir da an Münster, wo einem der Subtext ja fast ins Gesicht gehämmert wird, oder auch Dieses Mal wird es Anders aus Köln, wo Ballaufs Emotionen mittels inneren Monolog aus dem Subtext explizit in den Text geholt werden). Wie wir das ja schon jährlich bei den Rezensionen von Saarbrücken lesen, akklimatisiert sich die Kern-Zuschauerschaft des Tatorts (Boomer) nur schwer an den Wandel des Formats. Und trotz dessen, dass Berlin für das grobe Verständnis des Falls nicht ganz so sehr eine Chronologie fordert wie Saarbrücken oder Dortmund, gehört er definitiv auch in die Generation Tatort, die die Möglichkeit eines rewatchs in der Mediathek aufnimmt und sogar einkalkuliert. Man sollte jede dieser Folgen mindestens zweimal gesehen haben. Nur leider ist das nicht die übliche Rezeptionsweise vom Tatort, der ja mehr als Massenunterhaltung am Sonntagabend verstanden wird. Schade eigentlich.

















