8. Mai 2020
Der Dichterinnenberuf war auch schon mal einfacher
Eigentlich hätte ich im Juni beim Poesiefestival in Berlin live etwas vortragen sollen, jetzt wird es eben ein Videobeitrag. Zwölf Minuten soll er dauern und von generierter politischer Lyrik handeln.
Ich habe schon vor einigen Wochen ein paar Tage damit zugebracht, in den Plenarprotokollen des Bundestags nach lyrikfähigen Zeilen zu suchen und diese Zeilen zu Gedichten zusammenzusetzen. Dabei habe ich herausgefunden, dass im Bundestag viel überraschend schlichtes Zeug geredet wird. Wenn ich das mit 16 gewusst hätte, hätte ich vielleicht darüber nachgedacht, Politikerin zu werden.
Gestern habe ich in langwieriger Arbeit die so entstandenen Gedichte Screenshot für Screenshot in Google Slides gefüllt. Ursprünglich wollte ich die Videos der Redenden neu zusammenschneiden, aber das ging aus verschiedenen Gründen nicht, die ich im Vortrag erkläre (hier, ca. ab Minute 23:10) (Update 2022: den Vortrag gibt es leider nicht mehr im Netz). Vielleicht auch besser so, das wäre ja noch viel mühsamer gewesen, und es ist auch ohne die Videos schon so viel Arbeit.
Heute ist der letztmögliche Tag, um den Vortrag aufzuzeichnen und an die Veranstalterinnen zu schicken. Ich habe nach Beratung durch das Techniktagebuch 31 Euro für die einfachste Version von Manycam ausgegeben, ein Aufzeichnungstool, das mich durch eine ausführliche und leicht verständliche Anleitung für genau das, was ich vorhabe, sofort überzeugt hat. Man kann das Vortragsvideo damit ohne weitere Umstände links unten auf jeder Slide einblenden. Ich habe meine 80 Slides so umgebaut, dass links unten Platz ist.
Eigentlich wollte ich im Stehen vortragen, seit ich beim Betrachten meines ersten selbstaufgezeichneten Vortragsvideos gesehen habe, dass ich auf meinem Hocker herumzapple, als hätte ich Flöhe im Schlafanzug. Leider finde ich im ganzen Haus nichts, womit ich den Laptop auf die dafür nötige Kamera-Augenhöhe bringen könnte. Also wird es doch wieder der Hocker, ich muss mir eben merken, dass ich nicht zappeln darf. Hinter mir steht die bewährte Diaabend-Leinwand, vor mir auf der Heizung ein Schemel und auf dem Schemel das Macbook.
Ich habe zwei Stunden Zeit für die Aufnahme eingeplant, denn in diesen zwei Stunden bin ich allein zu Hause und niemand wird mittendrin vor meiner Tür staubsaugen. Als Erstes stellt sich heraus, dass mein Macbook Air von 2015 auf höchster Stufe lüften muss, wenn Manycam läuft. Auf der Aufnahme wird man das womöglich hören, also hole ich ein Kühlpack aus der Gefriertruhe und stelle den Rechner darauf. Das ist zwar schon einmal schrecklich schiefgegangen, aber vielleicht betraf das Kondenswasserproblem ja nur die alten Festplatten mit den beweglichen Teilen. Ich hoffe es jedenfalls.
Außerdem ist mein Slides-Weiterklicker so laut, dass man ihn auf der Audioaufnahme hören wird. Ich muss also die Hand auf die Tastatur legen, um die Slides direkt am Rechner weiterzuschalten. Dort muss ich sie auch liegenlassen, damit mein Bild nicht bei jeder Slide wackelt. Das ist unbequem, hat aber den Vorteil, dass ich nicht unbewusst herumzappeln kann und immer genau den gleichen Abstand zur Kamera halte.
Ich beginne mit Testaufnahmen.
Eine Stunde später habe ich eine ganze Serie von Aufnahmen, auf denen mein Gedichtvortrag mittendrin mit Flüchen endet, die nicht zum Gedicht gehören.
Zu jeder Gedichtzeile gehört eine Vortragsslide. Alle paar Zeilen klemmt die Slide und damit auch mein Vortrag. Das liegt wohl daran, dass Manycam den Prozessor meines Macbooks zu 120% auslastet. Für das Weiterschalten von Slides bleibt da nichts mehr übrig.
Ich drehe die Einstellungen von Manycam von denen, die sich die Veranstaltungstechnik gewünscht hat (1080p, 60 fps) auf ganz andere und viel schäbigere Werte herunter. Aber die Slides klemmen immer noch.
Ich schildere meine Probleme im Techniktagebuch-Redaktionschat, und bei der Gelegenheit gleich auch noch ein paar andere:
Ich schließe meine Beschreibung mit “SCHEISSDRECKSVERDAMMTE POESIE ICH WERD MAURER” und widme mich dann wieder meinen Technikproblemen, denn von den zwei Stunden ist nur noch eine halbe übrig.
Vor ein paar Tagen habe ich herausgefunden, dass man auch Zoom-Meetings nur mit sich allein machen kann, glaube aber, dass das nicht die Lösung sein kann, weil mein Video dann ja nicht unten links auf der dafür vorgesehenen Stelle der Slide sein wird, sondern rechts neben der Slide. So war es jedenfalls bei meinem bisher einzigen kurzen Experiment.
Jetzt finde ich heraus, dass man sich in Zoom auf der Slide einfach irgendwohin schieben und auf eine passende Größe bringen kann. Damit funktioniert alles einwandfrei, und dank der automatischen Verschönerungsoption von Zoom sehe ich dabei sogar weniger alt und wütend aus, als ich bin. Einziger Nachteil: Weil man das Videobild von Hand platziert, kann man keine unterschiedlichen Takes aus zwei verschiedenen Aufnahmen zusammenschneiden, weil dann das Video an unterschiedlichen Stellen sitzt. Ich halte den Vortrag zweimal und bin nach zwei Stunden und 15 Minuten fertig.
Nachmittags schneide ich mit iMovie (das ich vor einigen Wochen dank eines YouTube-Tutorials auf absurden Umwegen installieren konnte, obwohl mein Betriebssystem eigentlich zu alt ist) den Anfang, den Schluss und zwei missratene Stellen in der Mitte aus dem Video, warte eine Stunde auf undurchschaubare Exportvorgänge, lade das Ergebnis in die Dropbox und hoffe, dass es halbwegs passt.
Manycam gebe ich gleich gegen Erstattung der 31 Euro zurück, denn ich finde, dass an meinem Macbook alles vollkommen ist, vor allem die 11-Zoll-Größe und die Tastatur. Wenn Software mit diesen perfekten Hardwarevoraussetzungen nicht klarkommt, dann ist das nicht die Schuld meines Geräts.
Erst in diesen Tagen wird mir klar, was ich in den letzten zehn Jahren für ein bequemes Dasein auf Vortragsbühnen geführt habe. Es gab fast immer Techniker vor Ort, ich musste mich um fast nichts kümmern und nur ganz selten laut fluchen. Aber egal, noch ein paar Vorträge, dann weiß ich auch, wie das mit der Zuhausetechnik geht. Oder ich werde halt doch Maurer.
(Kathrin Passig)










