6. Juni 2019
And this… is how I met your mother
“Ich bin in Beijing, für einen Monat, gerade erst angekommen. Und ich tindere. Eigentlich eher aus Neugierde/Zeitvertreib, aber tatsächlich habe ich recht schnell ein Match. Mit Y., die auf ihrem Profil schreibt, sie würde Deutsch lernen, da fällt sogar mir ein Gesprächseinstieg ein. Sie antwortet, es geht zwei Tage ein wenig hin und her, dann schreibt sie von einem Technoclub, in den sie am gleichen Abend, es ist ein Donnerstag, gehen will – ich könne ja mit (ich schwöre, es hat noch nie so einfach bei mir und Tinder funktioniert, es ist absolut atypisch; vielleicht bin ich an einem fremden Ort mutiger).
Obwohl ich eine Datingsituation in einem Club gar nicht so toll finde (zu laut, ich bin sehr picky mit Musik usw.), sage ich natürlich zu, denn 1.) ich habe nicht viel Zeit, 2.) ich bin seit fünf Tagen in Beijing und kann schon mit Einheimischen in einen (angeblich Underground-)Techno-Club gehen, wie toll ist das denn? und 3.) Trau dich mal was, Micha.
Y. will vorher zu einer SciFi-Lesegruppe in einem Buchladen und so ab 21.30 hin. Ich bin um 19.30 zum Essen verabredet, mit N. und B., einem Kollegen von ihr. Passt also gut. Dachte ich.
Doch dann müssen wir in dem Restaurant – Hai Di Lao, Chinas größte Hotpot-Restaurantkette – erst mal ewig warten und haben erst um kurz vor neun einen Tisch. Es klang aber so, als würde Y. mit Freunden in den Club gehen, also okay, ich kann ja nachkommen. Gegen 21.15 Uhr meldet sie sich noch mal bei Tinder. Ich antworte, dass es später wird und schick ihr auch meine WeChat-ID – denn WeChat ist der Messenger, den in China alle nutzen, und funktioniert auch ohne VPN immer zuverlässig (Tinder allerdings eigentlich auch).
22.20 Uhr
Das Essen ist sehr gut und im Anschluss schreibe ich Y. auf Tinder, ich würde jetzt mal losgehen und ob sie schon im Club sei. Ich laufe ein wenig mit den anderen vom Essen Richtung Norden, zu dem Buchladen, wo Y. vorher war, dann verabschiede mich und checke Tinder auf neue Nachrichten. Und bin auf einmal nicht mehr eingeloggt. Das ist noch nie passiert.
Ich kann mich aber auch nicht neu einloggen, denn mein Konto ist an meine deutsche Handynummer gebunden, an die geht die sechsstellige Bestätigungs-Nummer per SMS, ich aber habe jetzt meine chinesische Prepaid-Sim-Karte drin. Die deutsche liegt in der Airbnb-Wohnung. Außerdem habe ich nur noch 17 Prozent Akku.
Ich schaue zur Sicherheit in dem Buchladen, der auch eine Dachterrassenbar hat, aber da ist Y. nicht oder ich sehe sie nicht. Also kann ich nur hoffen, dass sie nix weiter geschrieben hat und dass sie mich bei WeChat als Kontakt anfragen wird. Bzw. einfach in den Club gehen und hoffen, dass ich sie dort treffe und auch erkenne – was auf Grundlage von einigen Tinderfotos, die ich jetzt nicht mehr ansehen kann, nicht wirklich einfach wird. Anyway, ich laufe einfach mal weiter die Sanlitun Road, die in diesem Abschnitt eine Kneipenstraße für Touristen und Expats ist, hoch und google die Adresse des Clubs, um sie einem Taxifahrer zeigen zu können. Aber es lädt nicht.
22.55 Uhr
Nach mehreren Versuchen ist klar: Meine mobilen Daten funktionieren nicht mehr. Oder es gibt ein Problem mit der bisher ziemlich zuverlässigen VPN-App Shadowscale. Oder beides. Ich rufe N. an, ob sie mir die Adresse in WeChat schicken kann. Meine Hoffnung: Messengerprogramme gehen auch bei schwachen mobilen Daten manchmal noch. N. liefert. Auf Nachfrage auch noch die Adresse auf chinesisch – denn Taxifahrer können laut Reiseführern meistens nur chinesisch lesen. Sie hat dafür ein Foto vom Handy von B. gemacht, auf dem die Karten-App offen ist. Mein Restakku: 10 Prozent.
23.20 Uhr
Inzwischen bin ich die Sanlitun so weit hochgelaufen, dass aus dem Ausgeh- ein Diplomatenviertel geworden ist. Um mich herum sind vor allem Soldaten, die vor Botschaften rumstehen oder gerade Wachablösung mit Salutieren machen, nur im Garten der belgischen Botschaft ist eine Party mit lauter Musik. Und keine Taxis.
Ich weiß aus dem Kopf noch, wo der Club ungefähr ist und versuche, den abfotografierten Kartenausschnitt mit meiner maps.me-App abzugleichen. maps.me ist praktisch, weil man dort auf vorher heruntergeladene Offlinekarten zugreifen kann. Allerdings auch akkuintensiv, nach einigen Minuten habe ich nur noch 4 Prozent Akku und die Adresse nicht genau lokalisieren können. Ich laufe weiter nach Norden, bis über einen kleinen Fluss muss ich in jedem Fall.
Am Ende bin ich so 2 bis 3 Kilometer gelaufen und hinter dem Fluss werden die Häuser wieder höher. Außerdem ist ein Hotel ausgeschildert – das 5-Sterne-Hotel Bulgari. In der Hoffnung, dass es dort a) englischsprechendes Personal, b) Wifi, c) eine Auflademöglichkeit für mein iPhone gibt und d) Stift/Papier zum Notieren der Adresse gibt, gehe ich hinein. Es gibt alles, nur das mit dem Wifi ist an die Zimmernummer gebunden und ich will der Rezeptionistin nicht auch noch direkt sagen, dass ich gar kein Gast in ihrem Hotel bin. Aber ich finde die Adresse mit etwas mehr Ruhe auch so auf maps.me – der Club ist nur noch gut einen Kilometer entfernt – und lade den Akku wieder auf 20 Prozent auf.
23.40 Uhr
Dann laufe ich los. Immer noch gibt es wenig Taxis und wenn, stehen sie am Straßenrand, das Licht auf dem Dach ist nicht an. Ich frage einen Fahrer, ob er mich fahren kann, doch er schickt mich weg. Taxis ranwinken, erfahre ich später, ist in Beijing inzwischen fast unmöglich, es läuft alles nur noch über Apps.
Ich laufe also noch den letzten Kilometer und finde die Adresse. Aber da ist kein Club. Nur ein großer Wohnblock und dahinter ein Hotel, wo niemand Englisch spricht. Ich suche noch ein wenig herum und suche nach anderen Menschen, dann traue ich mich, ein junges Paar anzusprechen, das zumindest so aussieht, als könnte es aus einem Club kommen. Tut es nicht, sie steigt in ein Taxi, er kann kein Englisch, aber irgendwie kann ich ihm zu verstehen geben, was ich will – auch, weil im mobilen Browser immerhin noch die Partyankündigung von TheBeijinger.com lädt, mit Clublogo und der vermeintlichen Adresse. Gemeinsam irren wir um das Wohnhaus herum.
0.15 Uhr
Wir geben auf. Ich gehe noch in eine Seitenstraße, wo Lichter leuchten, aber die sind nur von einem Restaurant. Dann treffe ich den Mann wieder. Er hat neue Ideen und sich inzwischen eine App runtergeladen, die Gesprochenes direkt übersetzt. Er zeigt mir das Foto. Ob ich hierhin wolle? Nein, sage ich, das sieht aus wie ein Restaurant. Er bedient parallel einen Messenger, das Sprachprogramm, eine Karten-App und den Browser. Und irgendwie findet er mit Hilfe von Freunden heraus, dass der Club rund 400 Meter weiter in einer anderen Straße ist. Wir gehen hin und finden auch das Restaurant von den Fotos – es ist direkt neben der Tür, die offenbar in den Club führt, bewacht von freundlichen Türstehern.
Mein Helfer tauscht noch schnell WeChat-Kontaktdaten mit mir per QR-Code-Foto und dann gehe ich hinein. Es kostet 100 Yuan und mir wird beim Einlass auch brav die Handykamera abgeklebt, als wäre es das Berghain oder Sisyphos – aber lustigerweise nur die hintere, nicht die für Selfies. Dann bin ich drin.
1 Uhr
Der Club selbst ist niedlich. Ein Keller, ein Dancefloor, sehr minimalistisch eingerichtet, viele Chinesen, natürlich auch überdurchschnittlich viele Expats. Außerdem ist es fast komplett dunkel. Ich habe absolut keine Chance, Y. hier zu finden. Inzwischen bin ich aber auch einfach froh, überhaupt im Club angekommen zu sein.
Da mir die Musik eh nur so mittel gefällt, kaufe ich mir ein Bier und stelle mich gegenüber der Bar an einen Ort, wo es ein wenig heller ist – in der Hoffnung, dass Y., wenn sie überhaupt noch da ist oder jemals da war, mich vielleicht erkennt und anspricht.
1.45 Uhr
Es wird mir dann doch zu doof. Ich kaufe mir einen Wodka-Shot und noch ein Bier und versuche es dann doch mal mit Tanzen. Und kurz bevor ich gehen will, es ist schon nach halb drei, fragt mich eine Frau, ob ich Micha wäre. Y. hat mich also doch gefunden. Viereinhalb Stunden später!
Sie ist auch schon eher am Aufbrechen und wir gehen draußen ein wenig spazieren. Ihr Handy war auch leer zwischendurch, sie hatte mir also gar nichts mehr geschrieben. Sie war um 22 Uhr am Club, es war noch leer, dann war sie mit ihren Freunden nochmal zwei Stunden woanders. Am Ende ruft Y. mir ein Auto mit der chinesischen Uber-Variante.”
“Und so hast du die Mutter deiner Kinder kennengelernt?”
“Ach so, nein. Es war ja Tinder. Alle weitere Kommunikation lief von ihrer Seite maximal unverbindlich ab und wir haben uns nur noch einmal nachmittags gesehen, bevor es schließlich einfach versandete.”
(Michael Brake)












