Fleisch, Gletscher, eine lange Busfahrt, Sonne und noch mehr Fleisch!
Per Bus ging es über die Grenze nach El Calafate, Argentinien. Am Grenzübergang tranken wir den bis dahin schlechtesten Kaffee für umgerechnet teure 6 Franken - aber das goldige Morgenlicht in der weiten Steppenlandschaft machte diesen Affront nur Sekunden später locker wieder wett.
Für El Calafate und dessen Umgebung hatten wir uns noch nicht allzu viel vorgenommen. Der Ausflug zum Perito Moreno Gletscher war gesetzt, mein immer noch schmerzendes Knie machte längere Wanderungen zu den weiteren Gletschern der Umgebung allerdings fraglich. Nach dem Bezug unseres Hostels entschieden wir uns bei strahlend blauem Himmel spontan ein Bad im Lago Nahuel Huapi zu nehmen. Am Perito Moreno war einige Tage zuvor die Gletscher-Landbrücke eingebrochen und die vielen Tonnen Eis hatten, wie stets bei diesem alle 3-5 Jahre wiederkehrenden Ereignis, eine Art See-/Flusstsunami ausgelöst, welche die anliegenden Dörfer auch noch Hunderte von Kilometern entfernt teilweise überschwemmte. So war auch die Lagune vor Bariloche, in welcher sonst Flamingos zu sehen sind und bei welcher wir baden wollten, überschwemmt und die Flamingos ausgeflogen. Wir fanden trotzdem ein Plätzchen wo wir uns (kurz) ins Wasser wagten. Es war kalt, aber eigentlich nicht so kalt wie wir befürchteten. Insbesondere war es nicht so kalt wie die angekündigten -5° von dem Typen in unserem Hostel. Es scheint als gälten hier andere physikalische Gesetze...Ansonsten machten wir an diesem Tag nicht mehr viel, assen das bisher schlechtestes Gelato meines Lebens, buchten die Busfahrt zum Perito Moreno für den nächsten Tag und trafen uns mit unseren neuen belgischen Freunden zu einem letzten gemeinsamen Nachtessen. Standesgemäss für Argentinien wechselten wir dabei vom bisherigen Fisch- und Campingessen zu Fleisch, stiessen mit Rotwein auf die tollen Erlebnisse der vergangenen Tag an, luden uns gegenseitig in die Schweiz respektive Belgien ein und verabschiedeten uns letztendlich herzlich voneinander.
Langsam verstehe ich auch was der grösste Unterschied von dieser zu meinen früheren Reisen ist. Genau solche Tage an denen man gar nicht viel unternimmt und sich auch nicht schlecht dabei fühlt. Ich habe schlicht kein fixes Programm und obwohl ich natürlich Orte und Aktivitäten habe, die ich unbedingt sehen und erleben will, ist es auch ok, wenn ich einiges davon auslasse, oder stattdessen anderes unternehme. Vor allem sollte man die Umgebung nicht nur durch den Sucher seiner Kamera sehen, sondern auch einmal den Moment geniessen.
Der nächste Tag war dann geprägt durch den Ausflug zum Perito Moreno Gletscher, eine der grössten der vielen Gletscher des Gebietes. Da er einfach per Bus und ohne lange Wanderung zu erreichen ist, ist er einer der touristischeren Attraktionen, aber da die Hauptsaison schon vorbei war, hielten sich die Menschenmassen in Grenzen. Sowieso kann ich auch den anderen Touristen Gutes abgewinnen, denn es ist immer wieder ein Spass, die verschiedenen Eigenheiten der Leute zu beobachten und sich über sie lustig zu machen, besonders wenn man zu zweit lachen kann. Hier ist das natürlich viel einfacher als zu Hause, da die Leute einem nicht verstehen, nur bei den Deutschen, den Österreichern und den Eidgenossen muss man etwas vorsichtig sein...Wir sahen unglückliche alte Ehepaare, gehetzte junge, meist europäische "Wir-reisen-zusammen-um-die-Welt-und-posten-möglichst-viele-Fotos-auf-Instagram"-Pärchen, die immer vorhandenen Chinesengruppen und sogar einige schlicht zufriedene Personen welche den Ausblick genossen...
Für einmal spielte das Wetter nur bedingt mit, der Himmel war bedeckt. Doch ausser, dass dadurch die Fotos etwas weniger toll wurden, war das egal. Wir haben Stunden damit verbracht, der riesigen Kalbungszunge des Gletscher zuzusehen. Regelmässig, so alle 10 - 15 Minuten, brechen von ebendieser grosse Eismassen ab und stürzen knirschend und tosend in den See. Um dem evtl. falschen Eindruck der Fotos entgegenzuwirken sei hier gesagt, dass die Höhe der Zunge zwischen 50 und 70 Meter misst (!). Die Brocken die von weitem nicht ganz so gross aussehen, sind also trotzdem so gross wie Busse. Auch die vielen Blautöne der Gletscherspalten sind schön anzusehen und das beständige Knirschen und Knacken machen den Ort auch hörbar interessant. Alles in allem unvergesslich.
Tags darauf strahlte wieder die Sonne und wir machten uns daran, die nächsten Tage im Garten des Hostels etwas zu konkretisieren. Da mein Knie immer noch keine grossen Sprünge zuliess, planten wir die weiteren Gletscher der Gegend auszulassen und stattdessen direkt nach San Carlos de Bariloche weiterzureisen. Die Flugpreise waren derart hoch, dass wir uns für eine 26-stündige Busfahrt entschieden. Nun kann man natürlich sagen "Was für ein Albtraum", aber wir machten das Beste daraus und darum hier meine Tipps für eine gelangene Busfahrt: (1) Genug Essen und Trinken mitnehmen und dabei v.a. an frische Früchte und Gemüse denken. Unterwegs gibt es immer wieder Stopps an denen man zusätzlich auch Deftiges kaufen kann, wenn einem wirklich der Sinn danach ist. Wir entschieden uns neben den obligaten kleineren Snacks unter anderem für Gurken, Tomaten, vielen Grapefruits (sind hier unglaublich saftig und schön bitter) und Äpfel, neben Philadelphiakäse und ungesalzenen Kräckern. (2) Schlaf ist wichtig, in unserem Fall half ein tolles Hörbuch beim Einschlafen und wir fühlten und nicht komplett gerädert am nächsten Tag. (3) Bücher und Netflix: Man kann bei Netflix (mit Abo) auch Filme etc. herunterladen und später offline schauen, das ist genial falls einem mal langweilig wird während dem stundenlangen Sitzen. (4) Wer mag der kann wie wir auch noch Alkohol zu obengenanntem hinzufügen - et voilà schon hat man eine lustige Busfahrt.
In Bariloche sonnten wir uns einerseits unter dem meist strahlend blauen Himmel, machten Ausflüge auf ein nahegelegenes Cerro (mit einer Seilbahn aus Österreich) und genossen den dortigen Weitblick über die Seenlandschaft.
Andererseits assen wir viel, wirklich viel: Wir gingen mehrmals ins gleiche Restaurant und genossen richtig gutes Fleisch vom Grill ohne Schnickschnack mit viel Rotwein. Man soll die Feste schliesslich feiern, wie sie fallen und das Gute an solchen Gelagen ist ja, dass man danach wieder richtig viel Lust auf Salat und gesundes Essen kriegt. Darum auch meine Hoffnung, dass sich das nur geringfügig auf meinen Hüften niederschlägt - wir werden sehen...