Jede Welt ist mehrdeutig.
Judith Herman: "Wir hätten uns alles gesagt", S.95

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Jede Welt ist mehrdeutig.
Judith Herman: "Wir hätten uns alles gesagt", S.95
Immer einen Deut mehr
Immer einen Deut mehr
Es lebe die Mehrdeutigkeit, denn die Eindeutigkeit ist mir eindeutig zu homogen, und genau genommen ist mir auch die Zweideutigkeit zu engstirnig.
Dr. Dr. Immanuel Fruhmann
alias I.G. Fruhmann
Y 8:8; Y 7:14
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Anbetung - Was verstehen wir darunter?
Mehrdeutig
Stellt euch mal eine weiße Decke vor. Wenn ich behaupte, eine Decke kann dazu dienen, die Wärme darunter zu bewahren, dann wird mir jeder zustimmen. Frage ich allerdings, wie sich denn so eine Decke anfühlt, dann werden einige antworten, dass sie weich und flauschig ist. Die anderen werden hingegen protestieren und behaupten, dass man an die Decke oft gar nicht so einfach ohne Hilfsmittel herankommt um zu spüren, wie sie sich anfühlt. Aber jeder, der schon einmal auf einer Leiter gestanden hat, der weiß, dass Decken in der Regel so hart sind wie Böden.
Natürlich haben beide Parteien Recht. Die unterschiedlichen Vorstellungen rühren nur daher, dass das Wort „Decke“ zwei verschiedene Bedeutungen haben kann. Ich habe angefangen über eine weiße Decke zu reden und sofort hatte jeder ein Bild von einer Decke im Kopf. Langschläfer tendieren dazu, sich eine flauschige Decke auf ihrem Bett vorzustellen, während Bauleute wahrscheinlich eher die Decke des Raumes vor Augen haben, in dem sie sich gerade befinden.
Oder denken wir an das Wort „Tau“. Wie viele Bedeutungen kann dieses Wort haben? Zum einen kann damit ein dickes Seil gemeint sein. Zum anderen kann es auch der feuchte Niederschlag sein, den man am Morgen auf einer Wiese beobachten kann. Außerdem wird damit auch noch ein Buchstabe des griechischen Alphabets bezeichnet. Zum Glück sind die verschiedenen Bedeutungen des Wortes so unterschiedlich, dass man aus dem Kontext der Unterhaltung sehr schnell herausfinden kann, welches Tau denn jetzt gemeint ist. Spreche ich mit einem Griechischstudenten über seine Prüfungen, dann ist wohl der Buchstabe gemeint. Sagt jemand, er hätte wegen dem Tau heute Morgen ganz nasse Füße gehabt, dann ist damit wohl kaum das Seil gemeint. Es sei denn, es war ein Seemann, der unglücklicherweise über ein Tau gestolpert und dabei über Bord gegangen ist.
Nicht ganz so einfach ist die Unterscheidung bei Wörtern wie z.B. „Liebe“. Aus Predigten wissen wir, dass es drei verschiedene Arten der Liebe gibt. Im Griechischen haben diese drei Arten der Liebe ganz eigene Namen. So gibt es die erotische Liebe, die freundschaftliche Liebe und die selbstlose Liebe. In einem Gespräch über die Liebe ist es allerdings nicht ganz so einfach herauszuhören, welche der drei Arten der Liebe denn nun gemeint ist. Dieses Problem ist real und kann sehr schnell Missverständnisse hervorrufen. Wir sehen immer wieder, wie uns z.B. unsere Kultur die erotische Liebe als die einzig wahre Liebe verkaufen will und es ihr auf Kosten der selbstlosen Liebe viel zu oft gelingt. Ursache ist unter anderem, dass die Bedeutungen sehr ähnlich sind und nicht so grundlegend verschieden wie ein Seil und Feuchtigkeit auf einer Wiese.
Noch komplizierter als das Wort „Liebe“ mit seinen drei Bedeutungen ist das Wort „Anbetung“, das heutzutage in aller Munde ist und dem wir uns hier widmen wollen. In unserem heutigen Sprachgebrauch hat „Anbetung“ fünf verschiedene Bedeutungen, die relativ eng beieinander liegen, aber doch recht verschiedene Dinge meinen. Ich möchte die These aufstellen, dass dies die Grundlage für zahlreiche Missverständnisse und unnötige Diskussionen der letzten Jahrzehnte in der westlichen Christenheit war und immer noch ist. Anhand dieses Wortstudiums, in dem wir uns alle fünf Bedeutungen des Wortes „Anbetung“ einzeln vor Augen führen werden, hoffe ich ein bisschen mehr Klarheit zu schaffen, zum besseren gegenseitigen Verständnis beizutragen und eine Anregung zu weiteren Gesprächen über das Thema Anbetung anzustoßen.
Hierbei geht es mir nicht darum zu zeigen, ob eine Verwendung des Wortes richtig oder falsch ist. Das wäre ein gesondertes Bibelstudium wert. Aber das soll jetzt nicht das Ziel sein. Ich möchte hierin einfach, wie Luther es gesagt hat, „dem Volk aufs Maul schauen“ um herauszufinden, was heutzutage unter Anbetung verstanden wird. Ich möchte unser Gehör schärfen für das, was wir selbst und was andere wirklich meinen, wenn das Wort „Anbetung“ benutzt wird. Wenn wir das durchschauen, dann wird es uns eine Hilfe sein, in unseren Diskussionen über die Anbetung „schnell zum hören, langsam zum reden und langsam zum Zorn“ zu sein.
Als Gedankenstütze möchte ich euch fünf fiktive Personen vorstellen. Jürgen, Esther, Michael, Karin und Jens sind Mitglieder unserer Gemeinde und haben alle ein unterschiedliches Verständnis von Anbetung. Um herauszufinden, was sie unter dem Begriff „Anbetung“ verstehen, unterhalten wir uns nacheinander mit jedem von ihnen und versuchen genau hinzuhören, was sie zu sagen haben.
I. Anbetung – Das höchste Ziel des Menschen
Wir haken also nach und lassen uns erklären, auf welcher biblischen Grundlage denn eine solche Aussage beruht. Jürgen verweist uns zuallererst auf Markus 12,28ff.:
Da trat einer der Schriftgelehrten herzu, der ihrem Wortwechsel zugehört hatte, und weil er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das erste Gebot unter allen? Jesus aber antwortete ihm: Das erste Gebot unter allen ist: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist Herr allein; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft!“
Jesus selbst teilt uns unsere höchste Aufgabe mit. Da steht Gott im Zentrum. Es geht darum ihn über alles und mit allem was wir haben und sind zu lieben. Das meint Jürgen, wenn er das Wort „Anbetung“ gebraucht. Für eine sehr treffende Wortwahl weist er auch auf das hin, was im kürzeren Westminster Katechismus gleich an erster Stelle nachzulesen ist: „Was ist das höchste Ziel des Menschen? Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.“ Es ist eine starke Definition. Das ist es, was es für Jürgen bedeutet, Gott anzubeten. Als nächstes blättert er zu Epheser 1,12ff. In diesem Abschnitt fasst Gott die Bedeutung Jesu in seinem Heilsplan zusammen und lässt seine Worte in folgenden Höhepunkten gipfeln: „[…] damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. […] Dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.“ Das ist das Endziel. Gottes großes Ziel mit uns Menschen. Wenn wir also ein Leben zum Lob seiner Herrlichkeit führen, dann ist das Anbetung. Und da fällt alles rein, was wir als Christen tun. Alles was nach Gottes Willen getan ist, das ist ein Akt der Anbetung. In diesem Sinne können auch so banale Sachen wie Essen und Schlafen teil der Anbetung Gottes werden. In 1.Korinther 10,31 werden wir aufgerufen: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.“
So wie Jürgen Anbetung versteht, schließt es alle Aufträge Gottes an uns Menschen mit ein. Es ist Anbetung, wenn wir verlorenen Menschen die gute Nachricht der rettenden Liebe Jesu weitererzählen. Es ist Anbetung, wenn wir das Wort Gottes lesen und in die Tat umsetzen. Es ist Anbetung, wenn wir das Leben mit anderen Christen als Geschwister im Glauben teilen. Es ist Anbetung, wenn wir unsere Gaben für die Gemeinde und zum Nutzen anderer einsetzen. Es ist auch Anbetung, wenn wir Momente schaffen, in denen wir Gott unsere Bewunderung und Liebe zum Ausdruck bringen. Anbetung ist das alles. Anbetung bedeutet das zu tun, was Gott sich von uns wünscht.
Vielleicht fällt euch an den genannten Bibelstellen auf, dass das Wort „Anbetung“ in diesem Zusammenhang kein einziges Mal gefallen ist. Es hieß „Gott lieben“, „Gott verherrlichen“, „Lob seiner Herrlichkeit“ und „Gottes Ehre“, aber das Wort „Anbetung“ ist noch nicht aufgetaucht. Wir fragen also Jürgen, ob es eine Bibelstelle gibt, die das Wort „Anbetung“ in diesem Zusammenhang gebraucht. Auch hierfür hat Jürgen eine Stelle parat. In Römer 12,1 steht: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.” Für Gottesdienst steht hier im griechischen ein Wort, dass den Tempeldienst der Priester im Alten Testament beschreibt und durchaus auch als Anbetung übersetzt werden kann. Somit könnte der Vers am Ende auch lauten: „Das sei eure vernünftige Anbetung“.
Anbetung schließt also für Jürgen alles mit ein, was dem Willen Gottes entspricht.
II. Anbetung – Momente der Gottesverehrung
Wenn Esther von Anbetung spricht, dann meint sie nur ganz bestimmte Momente, in denen sie sich Zeit nimmt, um Gott ihre Verehrung zum Ausdruck zu bringen.
Beispiele dafür findet Esther ganz viele in der Bibel. Hier sind ein paar davon: „Da neigte sich der Mann und betete den HERRN an“ (1.Mose 24,26). „Als sie hörten, dass der HERR sich der Israeliten angenommen und ihr Elend angesehen hatte, neigten sie sich und beteten an“ (2.Mose 4,31). „Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an“ (2.Mose 34,8). „Da stand David von der Erde auf und wusch sich und salbte sich und zog andere Kleider an und ging in das Haus des HERRN und betete an“ (2.Samuel 12,20). „Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an“ (Offenbarung 7,11).
Esther erklärt, dass Gott im Alten Testament den Israeliten zunächst die Stiftshütte und dann den Tempel als Ort gegeben hatte, an dem diese Momente der Anbetung passieren sollten. Im Himmel ist es auch an einen Ort gebunden. Dort wird nämlich vor dem Thron Gottes angebetet. Heutzutage ist es aber egal, wo wir uns befinden. Als Jesus sich mit der Samariterin am Brunnen über die Anbetungsorte unterhielt, erklärte er ihr in Johannes 4,21ff.: „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. […] Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Es ist also nicht mehr von Bedeutung, wo wir innehalten und Gott anbeten. Es ist nur wichtig, dass wir es tun und wie wir es tun.
In diesem Sinne ist für Esther nicht alles was ein Christ im Sinne Gottes tut gleich Anbetung. Daneben gilt es, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, Gottes Wort zu studieren und in die Tat umzusetzen, Gemeinschaft mit anderen Gläubigen zu pflegen und dort mit anzupacken, wo die eigenen Gaben gebraucht werden. Und genauso wie diese Dinge für das Leben und Wachsen eines Christen wichtig sind, so wichtig ist es auch immer wieder innezuhalten und sich Zeit zu nehmen um Gott anzubeten.
III. Anbetung – Die Musik der Gemeinde
Auf die Frage, wie man denn solche Lieder von anderen Liedern unterscheiden könne, erklärt Michael: „Zwei Dinge sind wichtig. Das Lied muss mit geistlichem Inhalt gefüllt sein und es muss mit einer ganzen Gruppe singbar sein – auch wenn da ganz viele dabei sind, die keine Sängerausbildung abgeschlossen haben.“ Damit grenzt sich die Anbetungsmusik z.B. von der säkularen Musik ab, weil die keinen christlichen Inhalt hat. Aber Anbetungsmusik ist auch etwas anderes als christliche Künstlermusik. Solche Musik ist oft schwerer singbar und stark an die Stimme und den Vortrag des Künstlers geknüpft. Aber auch klassische geistliche Werke sind keine Anbetungsmusik, weil sie einfach zu schwer sind, als dass man sie am Sonntagmorgen in der Gemeinde zusammen singen könnte.
Für Michael spielt es keine Rolle, wie alt diese Gemeindelieder sind. „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist für ihn genauso ein Anbetungslied wie auch „Großer Gott wir loben dich“, „Ich singe dir ein Liebeslied“ oder „Morgenstern“.
IV. Anbetung – Ein Musikstil
Karin stimmt damit wiederum nicht ganz überein. Sie meint, man müsse das differenzierter betrachten. „Anbetungsmusik ist nicht das gleiche wie Gemeindemusik.“
Weil Karin sich ziemlich gut mit Musik auskennt und schon viel über die Musik der Gemeinde in den letzten Jahrhunderten gelesen hat, kann sie ihre Definition von Anbetung sehr gut begründen. Zu verschiedenen Zeiten hat die Musik in der Gemeinde unterschiedlich geklungen und man hat sie auch anders genannt. Zur Zeit Bachs hat man z.B. Choräle im Gottesdienst gesungen. Zu anderen Zeiten nannte man die Lieder Kirchenlieder, Glaubenslieder, Heilslieder usw. Das sind alles verschiedene Musikstile. Die klingen also tatsächlich unterschiedlich. In den 70er Jahren ist durch die Jesus-Bewegung auch in den Gemeinden ein neuer Musikstil entstanden. Diese Jesus-Musik hat in Amerika kurze Lieder hervorgebracht, einfache Chorusse. Dazu gehören Lieder wie z.B. „Ich lieb dich, Herr“, „Dir gebührt die Ehre“ oder „Jesus, höchster Name“. Diese Art von Gemeindemusik hat man dann erstmals als Lobpreis- & Anbetungsmusik bezeichnet.
Aber das ist noch immer nicht das, was man heute unter Anbetungsmusik versteht. Damals war die Professionalisierung der Musik im säkularen Bereich schon sehr weit fortgeschritten und auch die christlichen Künstler benutzten mittlerweile immer fortschrittlichere Mittel, um ihre Lieder zu produzieren, zu arrangieren und weltweit zu verbreiten. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch die Musik, die in den Gemeinden gesungen wurde, professionell aufgenommen, bearbeitet und in der ganzen Welt verbreiten werden würde. Und das passierte dann wenige Jahre später. Mit Musikern wie Michael W. Smith und Darlene Zschech von Hillsong, fing man an Gemeindemusik professionell zu produzieren und überall zu verkaufen. Dadurch hat sich der Klang der Gemeindemusik noch mal sehr stark verändert, weil das auch die Musik in den Gemeinden überall beeinflusst hat. Heute gibt es ganz viele Anbetungsproduktionen. Wenn man wissen will, wie Anbetungsmusik klingt (man kann dazu übrigens auch Lobpreismusik oder Worship sagen), dann muss man sich einfach nur die Musik von Hillsong, Chris Tomlin, Matt Redman oder der Outbreakband (um auch einen deutschen Vertreter zu erwähnen) anhören.
Karin versteht also unter Anbetungsmusik nur den momentanen modernen Musikstil, der in den Gemeinden Verwendung findet.
V. Anbetung – Ein Liedinhalt
Das versteht Jens aber anders. „Anbetung und Lobpreis ist doch nicht das Gleiche.“ Für Jens sind diese beiden Begriffe Gegensätze.