Adventskalendergeschichten
22. Dezember
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.:: Jenseits der kalten Welt ::.
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„Die beiden Angorakaninchen kuscheln sich zu mir und ich schnuppere durch ihr Fell. Sie haben sich erschreckt und nicht selten geraten sie dann in Panik. In ihrem Inneren quält sie die Erinnerung an ihre qualvollen Jahre, in denen man ihnen bei vollem Bewusstsein das Fell ausgerissen hat. Ich tröste sie behutsam. Heute geht es uns allen besser. Wir sind eine ganz besondere Familie mit unterschiedlichsten Wesen und vergleichbaren Geschichten.
Ich bin ein Alpakahengst und habe meine eigenen Dämonen, die mich manchmal wach halten. Ich wurde früher ebenfalls für meine Wolle ausgebeutet und gequält. Noch heute werden meine Narben sichtbar, wenn ich geschoren werde. Zu meinem Glück geht man inzwischen behutsam mit mir um und lässt sich viel Zeit mit mir, wenn mich die Erinnerungen in Panik versetzen. Ich darf mir dann eine Pause gönnen und werde später weiter geschoren.
Zu unserer kleinen, bunten Familie gehören noch zwei andere Alpakas, vier Kaschmirziegen und diverse Schafe. Darunter Feinwollschafe der Rasse Merino. Wir alle haben in den Schlund der Hölle geblickt und sind gezeichnet. Wir sind jetzt eine Herde und achten aufeinander. Wenn die Dunkelheit uns einholt, finden wir Trost in unserer Gemeinschaft. Wir verstehen einander und wir spenden uns die Herzlichkeit, die uns in unserer Jugend verwehrt wurde.
Manchmal schleicht sich die Angst heimtückisch von hinten an und überfällt uns. Schon oft hat mein ganzer Körper haltlos zu zittern begonnen, aber ich war nie mehr allein. Die meiste Zeit fühle ich mich inzwischen ziemlich geborgen. Auch die Menschen, die uns hier beherbergen, sind sehr behutsam mit uns. Sie wissen um unsere seelischen Wunden.
Heute könnte man sagen, dass ich in unserer Gruppe der Mutigste bin. Ich selbst fühle mich immer noch wie ein ängstliches Kind, aber eine gewisse Tapferkeit würde ich mir zuschreiben. Sie haben mir fürchterliche Dinge angetan und mir in ihrer grenzenlosen Grausamkeit ein Bein gebrochen, ohne sich danach darum zu kümmern. Diese alte Verletzung schränkt mich noch heute ein und lässt mich wie ein alter Opa wirken.
Ich bin inzwischen weder jung noch alt. Meine Seele hat viel gesehen und wenn ich nicht gerettet worden wäre, wäre ich längst nicht mehr am Leben. Hätte ich immer so leben dürfen, wie jetzt, würde ich vermutlich vor Kraft strotzen und wäre noch ein echter Wildfang. Ich glaube das wäre ich nämlich gewesen, wenn mir die Monster nicht die Hölle auf Erden bereitet hätten, als ich noch ein Baby war.
Die Merinoschafe kommen zu mir hinüber gelaufen und kuscheln sich zu uns. Wir bilden eine wärmende Barrikade gegen die finsteren Gedanken der Kaninchen. Sie beruhigen sich langsam. Wir sind ihre Beschützer. Am Anfang durften wir sie nicht berühren. Zu frisch waren die Erinnerungen daran, wie ihnen das Fell aus der empfindlichen Haut gerissen worden war. Wir alle haben gemeinsam, dass wir Fluchttiere sind und der Horror, nicht davon laufen zu können, brennt sich tief in uns ein.
Es ist so üblich, dass Merinoschafe aufgrund ihrer Hautfalten für das üppige Wollwachstum am Hintern Fleisch herausgeschnitten bekommen, damit sich dort keine Fliegen einnisten und die Tiere von den Maden aufgefressen werden. Wenn die Hautfalte weggeschnitten wird, werden die Schafe allerdings weder betäubt, noch anschließend ausreichend mit Medikamenten behandelt. Keine Schmerzmittel und kein Schutz vor Infektionen.
Ich sehe den Schafen in die Augen, als sich alle Blicke auf mich richten. Sie machen das oft. Ich reibe meinen Kopf an den ihren und sage ihnen damit, dass alles in Ordnung ist. Meistens verspreche ich das, ohne zu wissen, ob es wirklich so ist. Ich will einfach daran glauben, dass uns nie wieder ein Mensch wehtun wird. Selbst wenn ich es nicht sicher weiß, will ich ihnen aber doch das Versprechen geben, damit sie die Zeit die wir hier in Sicherheit sind, glücklich verbringen können.
Eines der Kinder unserer Retter verirrt sich manchmal zu uns in den Stall. Wir wissen, dass es Kummer hat, aber wir können nicht ergründen, um was genau es geht. Das spielt für uns aber auch keine Rolle. Wir sind inzwischen gut darin, Trost zu spenden. Wir werden von Menschen gequält, damit sie sich mit unserer Wolle wärmen können, aber wir können viel besser wärmen, wenn wir uns einfach nur zu den Menschen gesellen und uns an sie kuscheln. Das Menschenkind bekommt das immer wieder zu spüren und vielleicht erzählt es der ganzen Welt davon, damit wir in Zukunft alle auf diese Weise Wärme spenden dürfen und dabei Wärme erhalten."













