6. März 2019 (und Jahrzehnte davor)
Einst fast unentbehrlich. Heute mangelt es schon am bedruckten Papier
Beim Aufräumen der “kann man bestimmt mal auf Reisen brauchen”-Schublade fällt mir ein Präzisionsinstrument vergangener Jahrzehnte in die Hand. Aus den Zeiten, als Landkarten noch aus bedrucktem Papier bestanden und der ursprünglichen Definition entsprachen: Die Karte ist das ebene, verkleinerte und mit Anmerkungen versehene Abbild der Erdoberfläche.
Für solche Karten war ein so genanntes Kurvimeter sehr hilfreich. Kann man doch damit die Kurven einer Landstraße auf der Karte nachfahren und so ermitteln, wie lang die Strecke tatsächlich ist – mit einem Lineal würde man ja nur die Luftlinie messen. (Daher auch der Name Kurvimeter, auf der erhaltenen Originalverpackung steht das seriöser klingende Landkartenmesser.)
Der gut erhaltene Landkartenmesser in meinem Besitz funktioniert wie alle diese mechanischen Kurvimeter: Ein kleines Rädchen fährt die Strecke auf dem Papier ab, und aus den Umdrehungen und dem Maßstab der Karte errechnet das Gerät die tatsächliche Entfernung. Mehr oder weniger genau.
Meine Ausführung lässt sich auf den Maßstab 1:25.000 (Messtischblatt) sowie auf die kleineren topografischen Karten 1:50.000 und 1:100.000 einstellen. Für die Rechenschwachen wie mich wird zudem angezeigt, welcher Entfernung bei welchem Maßstab ein Teilstrich auf der Skala entspricht, beim Maßstab 1:25.000 entspricht ein Teilstrich 500 Metern. Das ist also eher etwas für Wanderkarten und weniger etwas für den Autoatlas Nordkap-Sizilien.
Wer allerdings weitere Maßstäbe braucht, zum Beispiel auch für die genannte Strecken von Norwegen nach Italien auf der Autokarte im Maßstab 1:750.000, der wird auf der Rückseite des Geräts fündig. Da gibt es, nicht ganz so komfortabel, Skalen zum Ablesen der Entfernung ab 1:150.000 und eben kleineren Maßstäben.
Das Gerät funktioniert nach wie vor einwandfrei, Lagerung macht ihm nix, und Batterien, die leer werden oder gar auslaufen könnten, gibt es natürlich auch nicht.
Der Mangel, der den Gebrauch des Kurvimeters verhindert, ist ein ganz anderer: Es sind ja kaum noch (aktuelle) gedruckte Karten im Haus. Fast alles in jedem gewünschten Maßstab liefern Online-Karten wie Open Street Map. Oder offline gespeicherte Karten (im Smartphone für Gebiete mit unzureichender Mobilfunkversorgung gerade in Deutschland oft nötig). Und mit diesen elektronischen Karten, genauer: mit diesem Anwender-Ende der geografischen Informationssysteme lassen sich natürlich auch die Wegstrecken messen. Egal wie kurvig die Bergstraße ist.
Nach ein bisschen Suchen habe ich wenigstens eine, wenn auch schon zehn Jahre alte, topographische Karte im Maßstab 1:50.000 finden können. Um das wiederentdeckte Gerät angemessen zu illustrieren.
(Thomas Wiegold)


















